Die eigentlichen Corona-Opfer kommen in den Medien viel zu kurz

Ein Covid-19-Patient wird aus Lüttich nach Köln transferiert. Foto: imago images / Belga

Es ist der 16. November. Gerade trudelt der tägliche Hamburg-Newsletter der „Zeit“ in mein Postfach. „Elbvertiefung“ heißt er, und er steuert Vertiefendes zur Corona-Krise bei. „In der vergangenen Woche gab es eine traurige Meldung in dieser an traurigen Meldungen reichen Zeit“, lese ich. Was ist passiert? Noch mehr Tote? Intensivstationen am Limit? Neuer Rekord bei der Suizidrate?

Nichts dergleichen: „Die Männer, die als Nikoläuse oder Weihnachtsmänner verkleidet durch Kaufhäuser und über Märkte ziehen, um Kindern und Kindgebliebenen eine Freude zu machen, werden in diesem Jahr kaum einen Job haben“, lese ich weiter. Okay. Das ist wirklich hart. Keine Nikoläuse in diesem Jahr. Uns bleibt aber auch nichts erspart.

Mir fallen die ARD-„Tagesthemen“ vom 14. November ein. Es ist der zehnte Monat der Corona-Krise in Deutschland, mitten in der zweiten Welle. Mehr als 3000 Intensivbetten sind mit Corona-Kranken belegt, im Durchschnitt sterben davon 160 Menschen täglich – Tendenz stark steigend. Moderator Ingo Zamperoni fragt mit sorgenvollem Blick: „Womit müssen wir nun rechnen?“

Ich denke nach: Nein, ins Krankenhaus will ich nicht. Ich möchte auch niemanden anstecken, mache mir Sorgen um die Eltern und Freunde mit gefährlichen Vorerkrankungen. Die psychisch Kranken fallen mir ein: Wie viele werden jetzt noch schwermütiger oder abhängiger? Oder die Kinder, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind: Wie sollen sie das überstehen?

Wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen. Aber um all das geht es im folgenden ARD-Beitrag nicht. Ein Reporter fragt Passanten in einer Einkaufsstraße. „Wir befürchten leider das Schlimmste“, antwortet eine Frau. Sie meint die Verschärfung des Lockdowns.

Gastwirte, Gastwirte, Gastwirte

Am 16. November gebe ich den „Tagesthemen“ eine zweite Chance. Dieses Mal erzählt ein Gastronom von seinen Erfahrungen mit Außer-Haus-Verkäufen; eine Stimmtrainerin beklagt, sie dürfe nur noch Einzelunterricht geben, und es wird über eine Schule berichtet. Immerhin der Kommentar von Bettina Schön überzeugt. Nicht etwa, weil sie von der „scheiß Pandemie“ spricht. Sie widerspricht auch der vorangegangenen Berichterstattung:

„Die größte Anstrengung ist die Pandemie für die, die schlimm krank werden könnten, krank sind oder als genesen gelten – und es doch nicht sind.“

Doch danach fragen die Kolleg*innen aus Zeitung, Radio und TV fast nie. Sie interessieren sich für negativ Getestete. Da kommen Karnevalisten zu Wort, deren Karneval abgesagt wurde, Freizeitsportler, die sich nur alleine im Freien bewegen dürfen oder Menschen, die Angst haben, Weihnachten falle aus. Außerdem erfahren wir, wie es Schüler*innen mit oder ohne Maske ergeht, lernen mehr über das harte Schicksal der Obdachlosen in Berlin, die Corona-Schnelltests machen müssen. Wir dürfen Anteil nehmen an den Abgründen, in die Konzertveranstalter und freie Künstler*innen derzeit blicken. Und immer wieder: Gastwirte, Gastwirte, Gastwirte.

Lockdown-Krise statt Corona-Krise

Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele dieser Schicksale sind hart. Sie sind auch berichtenswert. Aber der Gedanke drängt sich auf, hier wird gesamtgesellschaftlich etwas verdrängt. Ist die wahre Krise nicht eine andere, sehr viel bedrohlichere? All den betroffenen Menschen, denen die deutschen Medien derzeit so gerne zuhören, ist eines gemein: Sie haben keine Coronainfektion. Sie sind gesund. Sie leben in der Lockdown-Krise. Von der Corona-Krise erfahren wir fast nichts.

Könnte es also sein, dass die Medien ein Problem mit der Corona-Berichterstattung haben? Könnte es sein, dass sie sich vor ihrem eigentlichen Berichtsgegenstand drücken? Sind wir alle zu bequem und tragen lieber das hirnbefreite Geschwätz von Querdenkern an die Öffentlichkeit als die O-Töne einer Corona-Patientin, die sich in der Rehaklinik vom zweimonatigen Koma erholt? Ist es uns wirklich wichtiger, zu erfahren, was verhinderte Restaurant-Gäste, Sportler, Nikoläuse denken, als der Mann, der auch noch sechs Monate nach einer eher milde verlaufenen Infektion mit SARS-CoV-2 unter Herzschwäche, Kurzatmigkeit und chronischer Müdigkeit leidet?

Ist es wichtiger, wie sich eine Bahnreisende nach dreistündiger Zugfahrt mit Maske fühlt als ein ermatteter Pfleger auf der Corona-Intensivstation nach seiner Nachtschicht oder die Medizinerin, die plötzlich selbst am Virus erkrankt, nachdem sie einen Notfall retten musste und zu wenig auf Vorsichtsmaßnahmen geachtet hatte?

Diese wahren Geschichten aus der echten Corona-Krise laufen an uns vorbei. Natürlich ist es mühsam, an sie heranzukommen. Aber das sollte kein Hinderungsgrund für guten Journalismus sein. Im Gegenteil.

Wird das je wieder?

Dass es auch anders geht, haben Christina Kunkel und Felix Hütten im „Buch Zwei“ der „Süddeutschen Zeitung“ bewiesen. Am 14. November erzählen sie ausführlich und bewegend die Geschichten zweier Frauen, beide schwer von Covid-19 getroffen, beide erst nach Monaten auf dem Weg der Besserung, beide nicht sicher, ob sie jemals wieder so fit und belastbar sein werden wie vor der Krankheit.

Diesen Frauen dürfte es ziemlich egal sein, ob dieses Jahr der Nikolaus kommt. Sie haben andere Probleme, berichten Kunkel und Hütten:

Damals dachte Amelie Kessler noch: „Das wird wieder.“ Jetzt, im Juli, drei Monate später, ist sie sich da nicht mehr so sicher.

Man schätzt, dass es „etwa zehn bis 15 Prozent aller positiv auf das Coronavirus getesteten Patienten“ ähnlich ergeht, lese ich im weiteren Verlauf des Artikels, „bei derzeit 51 Millionen bestätigten Fällen weltweit wären das je nach Rechnung mindestens fünf Millionen Menschen.“ Von den 1,33 Millionen bis heute mit einer Corona-Infektion Gestorbenen ganz zu schweigen.

Auch das Projekt „50Survivors“, vom Journallist*innenteam tactile.news bei riffreporter.de veröffentlicht, gibt Überlebenden eine Stimme. Wer dort liest, was zum Beispiel Matthias aus Stolpe erzählt, wird an keiner Demonstration gegen so genannte Corona-Auflagen mehr teilnehmen:

„Nein, ich gebe niemandem die Schuld an meiner Erkrankung. Derjenige, der mich mutmaßlich angesteckt hat, wusste zu dem Zeitpunkt nichts von seiner Infektion. Und jetzt ist er tot.“

Der Einzelne passt nicht immer in die Statistik

Eine lobenswerte Ausnahme sind auch die Interviews der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit Cihan Çelik, dem Oberarzt auf der Isolierstation für Covid-19-Kranke des Klinikums Darmstadt. Am 1. November erzählt er von seiner eigenen, fast tödlich verlaufenen Erkrankung:

„Ich bin 34 Jahre alt, bei jüngeren Menschen ohne Vorerkrankungen verläuft diese Krankheit mit großer Wahrscheinlichkeit eher milde. Aber ich habe es immer wieder gesagt: Es gibt dafür keine Garantie, der Einzelne passt nicht immer in die Statistik. Das musste ich jetzt auch erfahren.“

In früheren Folgen der Serie klärt Çelik nüchtern und anschaulich auf, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die Tag für Tag und Nacht für Nacht gegen die heimtückische, neue Infektionskrankheit kämpfen – und für die Gesundheit ihrer Patient*innen.

Auch dem Bundespräsidenten ist inzwischen aufgefallen, dass etwas falsch läuft. Am 10. November bittet Frank-Walter Steinmeier medienwirksam fünf Corona-Opfer zum Gespräch. „Mir scheint, dass wir bei aller Öffentlichkeit, die wir haben, zu der Pandemiekrise uns bislang zu selten Menschen wie Ihnen zugewandt haben, denjenigen, die diese Erkrankung durchgemacht haben“, gibt er zu Protokoll. Recht hat er.

Doch nicht nur die Geschichten und Erkenntnisse der Betroffenen kommen in den deutschen Medien zu kurz. Auch die Corona-Wissenschaft an sich. Themen wie die Erforschung der Krankheit oder die Prognosen zum Verlauf der Pandemie wurden längst in die Spezialsendungen und auf die Wissens-Seiten zurückgedrängt. Wissenschaftsjournalist*innen oder Epidemiolog*innen sitzen nur in Ausnahmefällen in Talkshows.

Dabei zeigen auch hier ein paar Beispiele, wie viel eine gute Aufklärung bringen würde. Wenn die Physikerin Viola Priesemann bei Anne Will einem Millionenpublikum erklärt, „jede Neuinfektion, die wir verhindern, ist ein Mensch weniger, der das Virus in die Heime tragen kann“, dann stimmt das viele Menschen nachdenklich.

Hervorzuheben sind auch die angenehm trockenen, informativen Interviews von Deutschlandfunk-Moderator Ralf Krauter für die Sendung „Forschung Aktuell“, nicht nur mit Priesemann, die schon Ende Oktober sagte: „Je früher wir handeln, desto kürzer ist der Lockdown“, sondern zum Beispiel auch am 16. November mit dem Saarbrücker Modellrechner Thorsten Lehr. Er hat seinen „Covid-19 Simulator“ befragt, ob die derzeitigen Maßnahmen des so genannten Lockdown light ausreichen werden. Vermutlich nicht, lautet die Antwort:

„Wir müssen eigentlich, damit wir das Infektionsgeschehen wieder in den Griff bekommen, relativ schnell auf die Bremse drücken.“

Zugegeben: Jetzt bin auch ich beim Lockdown angekommen. Doch mir geht es um die Einschätzung der Wissenschaft – und diese hat uns den Lockdown nun mal empfohlen. Sie kann auch begründen, warum er sinnvoll ist, warum er in der Corona-Krise hilft. Mit Nikoläusen hat das nichts zu tun.

Ein journalistischer Kunstfehler

Warum aber hören wir so wenig auf die Wissenschaft? Es scheint, als wolle niemand wahrhaben, dass sich diese Gesellschaft mit gutem Grund Kontaktbeschränkungen auferlegt hat. In einer fast schon narzisstisch anmutenden Selbstbespiegelung kreisen all ihre Gedanken nur um die eigenen Entbehrungen. Das Leid der wirklich Leidenden wird ausgeblendet. Und die Medien machen fröhlich mit.

Es wäre ein Kunstfehler, würden Mediziner*innen einem Krebspatienten nahelegen, er solle lieber keines der Medikamente gegen seine bösartige Krankheit nehmen, da ihm davon Haarausfall drohe, obwohl die Mittel den Patienten wahrscheinlich vor dem Tod bewahren würden. Kann es also sein, dass wir Journalist*innen in Deutschland gerade einen Kunstfehler begehen?

Kann es sein, dass wir – warum auch immer – viel zu wenig über die eigentliche und viel zu viel über die uneigentliche Krise berichten? Kann es sein, dass wir dadurch womöglich dazu beitragen, dass mehr Menschen sterben oder leiden, als nötig gewesen wäre?

26 Kommentare

  1. Danke für den Artikel!
    Ich ertappe mich selbst auch dabei, diese Schicksale teilweise auszublenden. Eine Auffrischung über die Gefährlichkeit von COVID-19 ist da in der Diskussion sehr hilfreich.

  2. „Wenn die Physikerin Viola Priesemann bei Anne Will einem Millionenpublikum erklärt, ‚jede Neuinfektion, die wir verhindern, ist ein Mensch weniger, der das Virus in die Heime tragen kann'“,
    dann antwortet ein anderer Physiker, dass eine solche Aussage nie falsch ist. Eine ganz andere Frage ist aber, welche sinnvolle Strategie daraus für Corona folgt und warum dieselbe bisher nie für alle gängigen Atemwegserkrankungen?
    „Es scheint, als wolle niemand wahrhaben, dass sich diese Gesellschaft mit gutem Grund Kontaktbeschränkungen auferlegt hat“
    Im Gegenteil, auch bei Übermedien werden regelmäßig Umfragen zitiert, die sich sicher sind, dass eine übergroße Mehrheit das für wahr hält.
    Wissenschaftsjournalismus schließlich ist solche Plauderei sicherlich nicht:
    „Diesen Frauen dürfte es ziemlich egal sein, ob dieses Jahr der Nikolaus kommt“

  3. Absolut d’accord mit #1.
    Vielleicht merkt dann auch die „nicht schlimmer als Grippe“ und „wo sind die Leichenberge“ Fraktion mal wieder was.

  4. Vielen Dank und volle Zustimmung für diesen Artikel!

    Eigentlich will ich überhaupt keine Einzelschicksale präsentiert bekommen, weder von Covid-Opfern und Krankenpflegern noch von Gastronomen und Karnevalisten. Mit diesem Reportagestil kann ich selten etwas anfangen. Aber wenn man sowas schon macht, wenn sowas überhaupt einen Informationsgewinn bringen soll, dann sollte das Einzelschicksal prototypisch für ein größeres Problem stehen. Und da stimmt bei der Corona-Pandemie tatsächlich etwas mit der journalistischen Schwerpunktsetzung nicht. Das ist ungefähr so, als wenn bei einem schweren Verkehrsunfall mit drei Toten die Berichterstattung zu 10% um den eigentlichen Unfall und zu 90% um den daraus folgenden Verkehrsstau kreisen würde. Klar ist von letzterem eine viel größere Zahl von Menschen betroffen, aber das sollte trotzdem nicht das eigentliche Thema sein.

  5. Noch ein Gedanke: Es hängt wohl auch mit der (Un-)Sichtbarkeit zusammen. Das Leid von Covid-Kranken spielt sich in der Isolation ab, zu Hause, im Altenheim, im Krankenhaus, auf der Intensivstation. Und grade die am schlimmsten Betroffenen haben – vorübergehend oder dauerhaft – wortwörtlich keine Luft zum Reden. Die Folgen des Shutdowns hingegen sind für alle offen sichtbar, und die davon am schwersten Betroffenen haben auch zwangsweise recht viel Zeit zum Reden.
    Umso mehr wäre es journalistische Aufgabe, gerade über das zu berichten, was nicht für jede*n offen sichtbar ist.

    @Mycroft: Na klar beides. Es ist ja auch journalistische Aufgabe, alle relevanten Seiten eines Problems darzustellen. Aber doch möglichst in halbwegs angemessener Gewichtung.

  6. „Je früher wir handeln, desto kürzer ist der Lockdown“
    Noch so eine Binse ohne praktischen Wert.
    Sofort nach der Verhängung des „Mini“-Lockdowns wegen der „zweiten Welle“ begannen Politiker, das Volk auf lange Gesichter statt eines kurzen Lockdowns vorzubereiten. Inzwischen ist eine „dritte Welle“ schon im Angebot. Ob sie wohl der Nikolaus bringt oder das Christkind?

  7. Ausgeglichen auch über diejenigen zu berichten, die die Krankheit gut überstanden haben, wäre in etwa so, als würde man nicht nur über die Opfer von Flugzeugabstürzen berichten, sondern immer auch über diejenigen, die geflogen sind, ohne das etwas passiert ist.

  8. Stimmt absolut. Störend sind auch die nicht realistisch eingeordneten und bereitwilligen Übernahmen der Narrative dieser sekundär Betroffenen, unter denen es quasi immer genügend gibt, die in der jeweils eigenen Branche oder der eigenen Gruppe die „am härtesten von Corona getroffene“ sieht, und die haben auch garantiert irgendwelche Interessenvertreter parat die ihnen beipflichten (Gewerkschaften etc.). Und sicher nicht fehlen wird auch jemand, der die Massnahmen ablehnt weil sein eigener Bereich nachgewiesenermassen (von wem?) ja überhaupt kein Hot Spot im Infektionsgeschehen sei, grad so als hätte das irgendeine Relevanz. Dabei ist die Wahrheit doch so einfach: Kontakte vermeiden. So viel wie möglich, so oft wie möglich, egal wo und wie. Im Frühjahr gab es grosses Wehklagen über die Epidemie und ihre Auswirkungen, aus irgendeinem Grund gibt es aber heute, bei einer viel schwerer verlaufenden „Welle“ und viel geringeren Coronamassnahmen, primär Wehklagen über die böse Politik und was sie der armen Veranstaltungsbranche und den armen Weihnachtsmännern und dergleichen zumutet. Da wird man der Coronamüdigkeit der Leute doch schnell müde. Wer unter Covid leidet, dem wird es herzlich wurscht sein, dass temporär irgendwelche Amateursportler nicht amateursporteln können und man sich dieses Jahr ausnahmsweise mal nicht auf dem Weihnachtsmarkt die Glühweinkante geben kann.

    Apropos, Wortwahl: man denke mal gut ein halbes Jahr zurück, da war das Wort „Lockdown“ noch ein populistisch-propagandistischer Kampfbegriff der Leugner und der Rechten, während Medien und Politiker Worte benutzten wie „Coronamassnahmen“ und „Gegenmassnahmen“ und „Beschränkungen“, und hier und da auch mal völlig korrekterweise darauf hingewiesen wurde, dass wir entgegen der Covidiotenpropaganda garkeinen „Lockdown“ lies „Ausgangssperre“ haben (und auch bis heute nie hatten). Aber wer wenn nicht die Rechten wüsste, dass man eine Lüge nur oft genug wiederholen muss bis sie für wahr gehalten wird. Hat anscheinend funktioniert, heute wird von jedermann mit „Lockdown“ um sich geworfen so als sei das die Wahrheit. Ist ja auch viel bequemer als sich eines zutreffenderen aber sperrigeren Vokabulars zu bedienen.

  9. @ Nona #10
    „da war das Wort ‚Lockdown‘ noch ein populistisch-propagandistischer Kampfbegriff der Leugner und der Rechten, während Medien und Politiker Worte benutzten wie ‚Coronamassnahmen‘ und ‚Gegenmassnahmen‘ und ‚Beschränkungen'“
    Bevor Sie an Ihre eigene Geschichtsklitterung und Wortwahl-Mystik glauben, googlen Sie doch lieber Mal nach dem Begriff im Zeitraum März-Mai 2020: der Lockdown war von Anfang an der Begriff derjenigen, die ihn für nötig hielten, nicht von irgendwelchen ‚Leugnern‘, die es damals praktisch und begrifflich noch nicht gab.
    Und schon in dem Artikel von März stand dasselbe Versprechen, das auch den zweiten, den „Mini“ oder „Wellenbrecher“-Lockdown begleitet: „Am schnellsten ist es vorbei, wenn wir uns an die Regeln halten“
    Bis April hat niemand gejammert, dass sich niemand an die Regeln hält, die Zahlen gingen schnell zurück, nur „vorbei“ sollte es nicht sein. „Vorbei“ hieß dann plötzlich „Lockerungsorgie“

  10. @10: Sie haben absolut recht, „lockdown“ wird in DE erst seit diesem Herbst großflächig verwendet: https://trends.google.de/trends/explore?q=lockdown&geo=DE
    „Ausgangssperre“ hingegen war nur im März / April populär, es besteht also Hoffnung.
    Stimme absolut zu, dass das Kampfbegriffe „sekundär Betroffener“ sind und frage mich, wie so etwas unzutreffendes wie „lockdown“ seinen Weg in den normalen Sprachduktus finden konnte.

  11. Danke für diesen Artikel
    und danke, dass in den Kommentarspalten
    @2,@7,@11 und wahrscheinlich noch folgende
    nur als das übliche Rauschen unkommentiert ertragen wird.

  12. @MYCROFT
    Bei etwa 1% Mortalität wären bei 58 Millionen Infizierten ( Herdenimmunität ohne Impfstoff ) ~ 580.000 Tote und eine unbekannte Zahl mit Spätfolgen.
    Hinzu kommen, wenn die Intensivstationen volllaufen, weitere Opfer, denen durch das überlastete Gesundheitswesen nicht mehr geholfen werden kann ( Unfälle, Herzinfarkte, Schlaganfälle etc. ).

    Aber ja, es überleben viel mehr. Ebenso wie bei den meisten kriegerischen Handlungen zum Beispiel auch. Oder bei mass-shootings.

  13. Ok, was haben Sie dagegen, Menschen zu interviewen, die Covid-19 hatten?
    Besser als Nikoläuse, die dieses Jahr arbeitslos sind, wäre das bestimmt.

  14. @MYCROFT:
    “ was haben Sie dagegen, Menschen zu interviewen, die Covid-19 hatten“
    Nice spin! Nix natürlich.
    Gab ja auch schon so einige Promis, die berichteten und viele werden folgen.
    Und irgendwie saßen die, die „ohne Folgeschäden“ da rauskamen, auch nicht in dem Flugzeug, das abstürzte, sondern sind halt auch geflogen, um bei dem Bild zu bleiben. Es ist wichtig, dass man weiss, das Fliegen idR harmlos ist, so wie es keinen Sinn machen würde, wenn alle in panischer Angst vor Ansteckung nicht mehr vor die Tür gingen.
    Wir brauchen aber tatsächlich mehr Stimmen aus den Pflegeheimen oder von den Intensivstationen.
    Von Gestern auf Heute sind weitere 324 Intensivbetten belegt worden. Den Tag davor waren es 301 / 24h mehr ( Quelle DIVI ).
    Die Patienten liegen einige Wochen dort, die Betten werden also auch nicht frei. Es geht also quasi darum, ob wir verhindern wollen, dass noch ein weiteres Flugzeug zusätzlich abstürzt.

  15. „Aber der Gedanke drängt sich auf, hier wird gesamtgesellschaftlich etwas verdrängt. Ist die wahre Krise nicht eine andere, sehr viel bedrohlichere?“

    Gesamtgesellschaftlich wird auch verdrängt, dass wir das Risiko für weitere solche Pandemien senken sollten. Ein bedeutender Risikofaktor ist dabei die Massentierhaltung. Ich habe aber noch keinen breiten Diskurs in den Medien und der Gesellschaft vernommen, ob und wie wir dieses Problem endlich mal angehen sollten. Wichtiger ist es zumindest Teilen der CDU gerade, dass man in der kommenden Grillsaison keinesfalls auf billige Leiharbeiter in den Schlachthäusern verzichten möchte, über deren Arbeitsbedingungen bei Tönnies und Co. vor wenigen Monaten noch Krokodilstränen vergossen wurden. Die WHO schätzt zudem, dass 2050 jährlich über 10 Mio. Menschen weltweit an Krankheiten sterben werden, die heute noch mit Antibiotika behandelbar sind, weil wir gerade die Reserveantibiotika unter anderem im großen Stil in der Massentierhaltung verschwenden. Bei dem Thema sehe ich zur Zeit die größte Verdrängungsleistung unserer Gesellschaft, und die nächste Pandemie lässt grüßen.

  16. „Nix natürlich.“
    Ach, das ist wieder so eine Zustimmung, die wie eine Ablehnung lingt?

    „Und irgendwie saßen die, die „ohne Folgeschäden“ da rauskamen, auch nicht in dem Flugzeug, das abstürzte, sondern sind halt auch geflogen, um bei dem Bild zu bleiben.“ Dann taugt das Bild nicht. Wenn Covid-19 der Flugzeugabsturz ist, dann gibt es Opfer. Manche kommen ohne bleibende Schäden davon, manche mit, und manche überleben nicht. (Bei Covid-19 deutlich weniger als bei Flugzeugabstürzen, insofern ist das Bild sowieso schon Mist.)
    Die, die einfach in einem Flugzeug geflogen sind, ohne abzustürzen, wären die, die sich irgendwo mit Leuten getroffen haben, ohne sich anzustecken.
    „Es ist wichtig, dass man weiss, das Fliegen idR harmlos ist, so wie es keinen Sinn machen würde, wenn alle in panischer Angst vor Ansteckung nicht mehr vor die Tür gingen.“ Naja, man kann auf Flüge verzichten, aber gar nicht mehr vor die Tür zu gehen ist für die meisten kaum praktikabel.
    „Es geht also quasi darum, ob wir verhindern wollen, dass noch ein weiteres Flugzeug zusätzlich abstürzt.“ Kennen Sie Leute, die für mehr Ansteckungen sind? Außer den Herdenimmunitätspropagisten?

  17. @MYCROFT
    „Ach, das ist wieder so eine Zustimmung, die wie eine Ablehnung lingt?“
    Ich glaube, Sie sind mir viel sympathischer, als Sie denken. Ihr Misstrauen ist auf jeden Fall unangebracht.

    „Kennen Sie Leute, die für mehr Ansteckungen sind? Außer den Herdenimmunitätspropagisten?“

    Da wird es dann schwierig. Ich muss etwas ausholen.
    Es drängt sich erschreckend omnipräsent eine Haltung in den Vordergrund, die Carolin Emcke in einem Kommentar in der Süddeutschen heute „die Pro- und Contraisierung der Wirklichkeit“ nennt.
    Sie macht das an der Person Trump fest, es ist aber überall zu beobachten.
    „was sich als unparteilich verkleidet, was sich als real und repräsentativ behauptet, zerstört jeden vernünftigen Wahrheitsanspruch, “ schreibt sie da zum Beispiel.
    Und da ist dann noch Maja Göbel die im „Talk aus Berlin“ den J. Thadeusz mal „auf den Pott“ setzt. Sie beklagt sich darüber, dass Erkenntnisse der Wissenschaft behandelt werden wie Optionen, oder gleich persönliche Affronts gegen diejenigen, die sie gerade mal unbequem finden.
    Die Wissenschaftler werden dann entweder „nur“ ad hominem bedrängt und verunglimpft, oder gleich beschuldigt und verdächtigt.

    Stimmen, wie die von C Drosten oder Mai Thi Nguyen-Kim werden deshalb von vielen als wohltuend empfunden, weil sie einen Kommunikationsstil pflegen, der im positiven Sinne „wissenschaftlich“ zu nennen wäre. Sie kennen die „The Fine Art of Baloney Detection“ nach Carl Sagan anscheinend.

    Also, vielleicht wollen fast alle weniger Ansteckungen, aber nicht alle handeln im Lichte der Wissenschaft entsprechend, auch wenn sie es in ihrer Position tun sollten. Wenn dann noch Kai Diekmanns mit ihren seltsamen PR Firmen hinzukommen, dann wird es sehr misteriös ( vorsichtig gesagt ).

    Also, ein klares: Keine Ahnung von mir.

  18. Ich habe schon viele Berichte gehört und gesehen und gelesen, über Infizierte, Gestorbene, Langzeitfolgen, bestimmt schon 10 berichte über die Klinik in Heiligendamm und die dortige Reha für schwere verläufe und Langzeitfolgen-Geschädigte.
    Ohne, dass irgendjemand das empirisch ausgewertet hätte: ich hab nicht das Gefühl, dass da irgendwas verdrängt wird. Just saying…
    Hängt vielleicht davon ab, was man guckt/liest/hört…

  19. Danke an Franka, unterliegt wahrscheinlich dem persönlichen Wahrnehmungsfilter, da nehme ich mich nicht aus. Bei mir war die Wahrnehmung zumindest bis vor einigen Wochen genau umgekehrt (ich habe es so satt, aber es muss ja sein: Ja, ich habe Mitgefühl, nein – ich bin kein Corona-Leugner, nein- ich bin nicht gegen alle Maßnahmen, nein – ich glaube nicht an Verschwörungen, ja – ich habe einen alten pflegebedürftigen gefährdeten Vater usw, habe ich etwas vergessen?). Derzeit gibt es aus meiner Wahrnehmung heraus den Versuch einer ausgewogeneren Berichterstattung. Berichte über Intensivpatienten und Spätfolgen gibt es aber aktuell auch weiterhin, einfach mal genauer hinschauen. Und dass derzeit die Lage so kritisch ist, rechtfertigt im Nachhinein natürlich unter dem Aspekt journalistischer Qualitätskriterien jeden Ausrutscher. Die Behauptung des Gegenteils durch den Autor ist da die beste Verteidigung so manch schlechten Beitrags. Ich hätte gerne eine Studie zu diesem Thema, denn, wie Eingangs bemerkt, ich bin offen für den eigenen Irrtum.

  20. Ach, Herr Müller:
    „..googlen Sie doch lieber Mal nach dem Begriff im Zeitraum März-Mai 2020: der Lockdown war von Anfang an der Begriff derjenigen, die ihn für nötig hielten, nicht von irgendwelchen ‚Leugnern‘, die es damals praktisch und begrifflich noch nicht gab.“
    Die Leugner gab es schon Mitte März. Stichwort „Grippe“. Stichwort „Seuchenerfinder“. Stichwort „Plandemie“.
    Lesen/schauen Sie mal, was schaurige Gestalten wie Ruppert, Bhakdi, Binder, Kron und Wodarg damals so abgesondert haben auf Blog und Youtube.

  21. Wenn wir schon bei der Medienkritik rund um Corona sind: In der Nachrichtenredaktion des Bayerischen Rundfunk scheint jemand die Dienstanweisung gegeben zu haben, die Leerdenker-Floskel „an oder mit Covid-19 gestorben“ zu verwenden. In Wirklichkeit gibt die wie eine Wasserstandmeldung verkündete Zahl an, wieviele Erkrankte (nicht: positiv Getestete) gestorben sind, denn nur das ist den Ämtern bekannt. Die positiv Getesteten, die mit dem Auto an den Baum fahren, werden natürlich NICHT mitgezählt – und auch nicht die Verstorbenen, die infiziert waren, ohne es zu wissen.
    Würden die Kolleginnen immer so arbeiten, müssten sie sagen, dass im Jahr soundsoviele Autofahrer wegen oder mit viel Alkohol im Blut an den Baum gefahren seien.

  22. Vielen Dank für den Artikel.
    Dass nicht mehr über die Opfer berichtet wird, ist ein großes Manko und würde vielen Menschen in ihrer Einschätzung zur Ernsthaftigkeit im Umgang mit Covid-19 helfen.
    Die Floskel „mit oder an Covid19 gestorben“ ist ein Zugeständnis an die Corona-Gegner und -Zweifler und damit völlig inakzeptabel.

  23. @ Froitzheim #24
    „Die positiv Getesteten, die mit dem Auto an den Baum fahren, werden natürlich NICHT mitgezählt“
    Doch werden sie tatsächlich:
    „Als Todesopfer im Zusammenhang mit dem Coronavirus gelten alle, die zum Zeitpunkt des Todes die Diagnose Covid-19 hatten“
    Das gaben sogar die „Faktenchecker“ von Correctiv zu. Sie sollten hier einen anderen Spin verinnerlichen:
    „Die beschriebene Situation ist aber sehr selten, so dass die Zahl der Todesfälle nicht verzerrt wird“
    Die Situation ist so selten, dass die österreichische Regierung eigens die Frist, die zwischen positiver Prognose und Todesdatum liegen darf, von 2 auf 4 Wochen verlängert hat. Mit dieser kleinen Verzerrung konnte die Botschaft von der Tödlichkeit des Virus auch über die Sommerpause hinweg bis zum Beginn der Grippesaison am Leben gehalten werden.

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