Warum mich „Emily in Paris“ aufregt

Es muss in einer relativ frühen Folge von „Sex and the City“ gewesen sein, dass Carrie Bradshaw auf einer Party auf einem Boot an der Kloschlange verzweifelte, den Versuch abbrach und auf die fragenden Blicke ihrer Freundinnen behauptete, Dominick Dunne würde für sie anstehen und ihr den Platz in der Schlange freihalten.

Das war ein ziemlich guter Witz, weil Dominick Dunne nicht nur damals schon ein alter Mann war, sondern vor allem der berühmteste Kolumnist von „Vanity Fair“, und damals hieß das, er war ein Star. Stars stehen nicht für andere Leute in der Kloschlange. Und damit der Witz funktioniert, muss der Autor der Folge davon ausgegangen sein, es wäre allen Zuschauern klar, wer Dominick Dunne ist.

Ich finde das faszinierend, weil es heute schwer vorstellbar scheint, dass so ein Witz noch funktionieren könnte: Welcher Kolumnist ist denn heute überhaupt noch so bekannt, dass man überhaupt davon ausgehen kann, Fernsehzuschauer würden seinen Namen als Synonym für „Star“ verstehen?1)Es gibt eine Zeile in dem Lied „Wenn du tanzt“ der Band „Von wegen Lisbeth“, in der Jan Fleischhauer in einer Reihe mit Voldemort aufgeführt wird als Beispiel für „nicht nette Menschen“, aber das ist etwas sehr anderes. Ich glaube sofort, dass Jan Fleischhauer für eine fremde Frau in einer Kloschlange warten würde. Ernsthaft. Ich glaube, er wäre sogar froh, wenn man ihn darum bäte. Deshalb funktioniert der Witz da doppelt nicht.

Die Prämisse von „Sex and the City“ war natürlich auch, dass Menschen glauben, dass die Autorin einer wöchentlichen Kolumne davon eine Wohnung in Manhattan und Schränke voller Manolo Blahniks bezahlen kann, aber es geht hier nicht darum, ob die Serie realistisch war, sondern ob die Zuschauer Dominick Dunne für einen Star hielten, oder noch genauer, ob der „Sex and the City“-Produzent Darren Starr2)Das mit dem Namen Starr ist jetzt Zufall. glaubte, dass die Zuschauer ihn für einen Star halten würden. Und jetzt kommen wir zum Thema: Heute würde Starr das nicht mehr glauben.

Emily in Paris
Emily in Paris. Foto: Netflix

Wir wissen das, weil auf Netflix eine neue Serie von Starr angelaufen ist. Sie heißt „Emily in Paris“ und fühlt sich an, als würde man zu viel Süßes essen. Ich empfehle sie nicht. Sie handelt wieder von einer jungen Frau aus der Medienbranche in einer Stadt, nur ist diesmal die Stadt nicht New York sondern Paris, und Medienbranche bedeutet hier nicht Zeitungs-Kolumne sondern Instagram-Feed.3)Selbstverständlich gibt es den Feed @emilyinparis tatsächlich und er hat mehr als 550.000 Follower. Starr weiß eine Menge nicht, aber er weiß, wo heute Stars gemacht werden.

Für den Journalismus sieht das erstmal nicht gut aus, wenn er offensichtlich von der Liste der erstens hippen und zweitens einflussreichen Berufe rutscht, und das auch noch zugunsten einer Tätigkeit, die nicht einmal Darren Starr als Beruf verkaufen kann: Emily verdient das Geld für ihre aufregende Garderobe in einer PR-Agentur.4)Ich habe irgendwo gelesen, ihre Klamotten würden nur Sinn machen, wenn sie die Tochter von Phil Collins wäre, was sehr witzig ist, weil die Schauspielerin, die Emily spielt, Lily Collins ist, die Tochter von usw. Influencerin ist sie nur nebenbei, und das entweder im Auftrag der Agentur, für die sie arbeitet, oder sie wird in Produkten bezahlt. Wenn wir beide Serien kurz ernst nehmen wollen als bezeichnend für die Zeit, in der sie spielen, dann ergaben sich aus Carrie Bradshaws Leben Erkenntnisse über die Liebe; bei Emily in Paris sind es schlaue Marketing-Ideen. Was natürlich nicht verwerflich ist, aber wir werden da noch alle dran leiden. Ich hole ganz kurz aus.

Manche glauben Plattformen, die meisten glauben Menschen

Wir erleben seit Jahren den Verfall des Einflusses von Medienmarken. Das ist vor allem für die Medienmarken unangenehm und eine Herausforderung, allerdings hat es noch weiter reichende Folgen, denn Menschen bekommen Informationen, den ganzen Tag, ständig. Sie filtern sie nach allen möglichen Kriterien, nehmen sie unterschiedlich wichtig oder dringlich und verhalten sich dazu; das heißt, sie nehmen sie an oder lehnen sie ab.

Eine der wichtigsten Filterungen dürfte aber sein, ob sie eine Information glauben oder nicht. Und mein Eindruck in den letzten Jahren ist, dass sich die Glaubwürdigkeit, die Medienmarken lange hatten, aufspaltet. Manche glauben Plattformen („Hab ich auf YouTube gesehen“), aber die meisten glauben Menschen.

Das ist nicht neu. Das Programm von CNN besteht seit Jahren aus Namen, von Christiane Amanpour über Anderson Cooper bis zu dem fantastischen Namen Wolf Blitzer, und wer etwas von Samira El Ouassil liest, der wird im Zweifel möglicherweise leider verdrängen, ob das hier war oder beim „Spiegel“, denn es wird in beiden Fällen klug und und richtig gewesen sein. Deshalb fände ich nichts naheliegender und vernünftiger5)Und ganz persönlich auch spannender. als eine Fernsehserie zu drehen, die auf Samira El Ouassil beruht. Aber bizarrerweise wird es wahrscheinlich eher eine über Dagi Bee geben. Und ich glaube, das hat Folgen.

Ich muss jetzt sehr aufpassen, dass das keinen falschen Zungenschlag kriegt, denn ich habe natürlich überhaupt nichts gegen PR oder Marketing. Ich halte beides für wichtig, und ich halte beides für Handwerk. Ich glaube aber auch, dass wir aufpassen müssen, wen wir zu Helden machen.

Der Begriff wird ein bisschen inflationär gebraucht, deshalb als Klarstellung: Held ist hier die Hauptperson einer Geschichte. Die Heldin von „Emily in Paris“ ist Emily, die Heldin von „Sex and the City“ ist Carrie Bradshaw. Keine ist per Definition besser als die andere, eine Journalistin ist nicht besser als eine Marketingfrau. Beide können Heldentaten begehen. Aber nur bei der einen fallen Heldentaten potenziell in ihre Berufsbeschreibung. Und bei jemandem wie Christiane Amanpour sind sie regelmäßig Alltag.

Ehrliches Schreiben vs. Selfie machen

Der Erfolg des Accounts @emilyinparis wird in der Serie mit rapide steigenden Followerzahlen demonstriert, während die Inhalte komplett egal sind. Es sind vor allem Selfies, die die Heldin dabei zeigen, wie sie etwas macht, das Amerikaner für französisch halten. Pain au Chocolat essen zum Beispiel, oder Baskenmütze tragen. Das ist alles unfassbar harmlos, und man muss sich darüber nicht aufregen. Ich mache es aber trotzdem, weil es mich wahnsinnig nervt, nicht zuletzt, weil ich Töchter habe, die sich solche bescheuerten Figuren als Vorbild nehmen könnten.

Ich habe beide Serien ehrlich gesagt nicht ganz freiwillig und mit halbem Arsch gesehen, aber „Sex and the City“ endete regelmäßig mit dem Voice Over einer Kolumne, die eine hart erarbeitete Wahrheit enthielt, und wer je versucht hat, etwas Wahres zu schreiben, der weiß, dass die Tätigkeit des ehrlichen Schreibens darin besteht, am Schreibtisch Gefühle noch einmal nachzuerleben. Es ist eine furchtbare Plackerei.

Wer denkt, er könnte das gleichsetzen mit einem Selfie, der sollte zur Strafe in einer Darren-Starr-Serie eine Männerrolle spielen müssen. Denn man mag es kaum glauben, aber die kommen noch schlechter weg.6)Jedenfalls wenn die Theorie falsch ist, dass die vier Frauen in „Sex and the City“ in Wahrheit sehr, sehr gut getarnte schwule Männerrollen sind.

Fußnoten   [ + ]

1. Es gibt eine Zeile in dem Lied „Wenn du tanzt“ der Band „Von wegen Lisbeth“, in der Jan Fleischhauer in einer Reihe mit Voldemort aufgeführt wird als Beispiel für „nicht nette Menschen“, aber das ist etwas sehr anderes. Ich glaube sofort, dass Jan Fleischhauer für eine fremde Frau in einer Kloschlange warten würde. Ernsthaft. Ich glaube, er wäre sogar froh, wenn man ihn darum bäte. Deshalb funktioniert der Witz da doppelt nicht.
2. Das mit dem Namen Starr ist jetzt Zufall.
3. Selbstverständlich gibt es den Feed @emilyinparis tatsächlich und er hat mehr als 550.000 Follower.
4. Ich habe irgendwo gelesen, ihre Klamotten würden nur Sinn machen, wenn sie die Tochter von Phil Collins wäre, was sehr witzig ist, weil die Schauspielerin, die Emily spielt, Lily Collins ist, die Tochter von usw.
5. Und ganz persönlich auch spannender.
6. Jedenfalls wenn die Theorie falsch ist, dass die vier Frauen in „Sex and the City“ in Wahrheit sehr, sehr gut getarnte schwule Männerrollen sind.

4 Kommentare

  1. Hachja.
    Bei Satc sind die besten Pointen vergeigt worden. Meine liebste Stelle (aber ich mag viel verpasst haben): Die vier begegnen einen extrem gutaussehenden jungen Mann auf der Straße. Bevor sie pfeifen können oder so, rennt dem Mann ein nicht minder gutaussehender Mann entgegen.
    Die beiden umarmen sich, küssen sich und sind allen Anschein nach extremst verliebt ineinander.

    Der Spruch, der fehlte: „Wenn die besten Männer alle vergeben oder schwul sind, sind die allerbesten Männer natürlich vergeben UND schwul.“

    Jedenfalls wurde da viel Comedy-Potential verschenkt.

  2. Ich mag Lily Collins nicht. Ich weiß nicht warum aber Lily Collins verfolgt mich mit ihren Lily Collins-Sachen, macht Lily Collins-Dinge und sieht aus wie Lily Collins in einem Lily Collins-Kostüm. Lily Collins. Lily Collins. Lily Collins.
    Zweitens, der Zungenschlag ist natürlich doch drin im Text. Denn zwischen den Zeilen steht ja, dass der Autor den cleveren Insider-Joke bei SATC gesehen und verstanden hat. Er aber so inside ist, dass man ihn hier erklären muss. Der Autor geht also davon aus, dass andere den Joke zwar sehen, aber nicht in seiner Gänze verstehen.
    So, jetzt parisiert Lily Collins in einer neuen Serie und der Autor sieht keine Insider-Jokes, alles ist vorhersehbar und so, wie Amerikaner sich halt Paris vorstellen. Aber … sind sie deswegen wirklich nicht da? Oder sind es Insider, die am Autor vorbeifliegen. So wie der Kloschlangenwitz an mir vorbeigeflogen wäre …
    Was mich dazu bringt, Witze mit Fußnoten zu versehen.
    Vor allem aber: Na, Carrie’s Kolumnen sind für mich schon von heldenverehrbaren Journalismus zu weit weg. Klar, das ist bestimmt sexy als Stadtmensch Wahrheiten aufzuschreiben. Auch, wenn es manchmal nur Alltagsbeobachtungen sind, die man auf eine schon bekannte Wahrheit draufschreibt. Aber diese Art von Meinungscontent finde ich schon zu oberflächlich. Nicht schlecht oder falsch oder nicht lesenswert – im Gegenteil – aber Carrie Bradshaw verdanken wir meiner Ansicht nach Gabor Steingart, Martenstein und Co.

  3. Und in der Serie über Samira El Ouassil könnte sie sich praktischerweise ja auch gleich selbst spielen…

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