Auch nur ein Journalist

Der „Spiegel“-Reporter Marc Hujer ist mit Christian Lindner Porsche gefahren und hat mit Markus Söder Tennis gespielt. Sein neues Buch „Auch nur ein Mensch“ zeigt ein paar grundsätzliche Probleme des journalistischen Porträts.


Eine der schlimmsten Phrasen des Journalismus lautet: „hinter die Fassade schauen“. Oder schlimmer: „den Menschen hinter dem Politiker zeigen“. Der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre hat mal gesagt, dieser Anspruch sei Kitsch und gehöre im ersten Absatz zerstört. Das Gegenteil sei sinnvoller: auf die Fassade schauen. Beobachten, was Politiker:innen wollen, das man über sie denkt. 

Buchcover Marc Hujer: "Auch nur ein Mensch"

Wie schwierig das sein kann, zeigt sich bei Marc Hujer, der gerade ein Buch mit Politiker:innen-Porträts veröffentlicht hat. Hujer arbeitet seit 2005 für den „Spiegel“ und hat seitdem verschiedene Politiker:innen getroffen, um über sie und ihre Hobbys zu schreiben. Er fuhr Porsche mit Christian Lindner und Fahrrad mit Sahra Wagenknecht und ging mit Kevin Kühnert in den Fanblock von Arminia Bielefeld. Er wanderte, backte, tanzte, jagte, golfte und fuhr Vespa. Das Buch „Auch nur ein Mensch“ sammelt die Porträts. Marc Hujer stellt sich im Vorwort seines Buches die Frage: Wie geben sich Politiker:innen bei ihren Hobbys, „unbeobachtet von der Öffentlichkeit“? Die ehrliche Antwort darauf wäre: Das weiß Marc Hujer nicht. Denn er, der „Spiegel“-Reporter, rückt ja an, um sie für die Öffentlichkeit zu beobachten.

Obwohl er vorgibt, nach Authentizität zu suchen und der Klappentext weniger inszenierte Politiker:innen verspricht, macht er in seinen Porträts häufig genau das, was Stuckrad-Barre fordert: Er schaut auf die Fassade. Seine Texte sind dann besonders gut, wenn er nicht über das Hobby schreibt, sondern die Inszenierung eines Hobbys.

Mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder trifft er sich, um Tennis zu spielen. Aber Söder hat nicht mal Lust, einen ganzen Satz zu spielen. Er schlägt seine Aufschläge so, dass keine unvorteilhaften Bilder entstehen können. Er verwendet Psychotricks, die aus einem Ratgeber für „Erfolgreiche Führungskräfte“ stammen könnten. So kommt er extra früh zum Termin, um Hujer das Gefühl zu geben, zu spät zu sein, und ihn in die Defensive zu bringen. Im Teaser der Originalreportage steht online: „Wer [im Tennis] gegen [Söder] antritt, lernt ihn kennen.“ Besser wäre: Wer im Tennis gegen Söder antritt, lernt, wie er Journalist:innen manipuliert.

Die provozierte Inszenierung

Das Buchformat erlaubt Hujer, die Show ausführlicher zu beschreiben, als er es bei den Originaltexten im „Spiegel“ konnte. Auch beim Jagen mit Philipp Amthor wird schnell klar, dass Amthor nicht wirklich vorhat, ein Tier zu schießen. Hier geht es um die Inszenierung eines Konservativen, der den Deutschen Wald vor Wildem schützen möchte.

Noch extremer wird es mit der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Auf zwei Vespas fahren sie durch die Weinberge von Bad Kreuznach, Klöckners Heimatstadt. Hinterher fährt ein Auto mit Sicherheitsleuten und Pressesprecher. Klöckner steuert gezielt Bäckereien und Weinberge an, um zu den Orten passende Geschichten zu erzählen, die sie als bodenständige, aber moderne Rheinland-Pfälzerin zeigen sollen. Das Porträt wird zum Monolog.

Das zeigt ein allgemeines Problem des Porträts: Wenn Journalist:innen losziehen, um Menschen zu porträtieren, dann nennen sie das gerne „Begleiten“. Das klingt, als würden sie unsichtbar nebenher gleiten und sich anschauen, was die Person sowieso tun oder sagen würde. Klöckners Inszenierung aber findet nur statt, weil Hujer sie gefragt hat, ob er sie begleiten dürfe. Journalist:innen wissen das und können es reflektieren, so wie Hujer es tut. Aber Redaktionen geben meist den Auftrag, eine Person zu erklären und keine Meta-Reportage zu schreiben.

Hujer kann das gut. Er lässt die Leute angenehm natürlich reden, mit wenigen Wörtern gelingt es ihm, den Charakter einer Person anzudeuten. Aber wozu braucht er die Hobby-Homestory, wenn sie am Ende nur die Überinszenierung provoziert?

Hujer schreibt, dass beim Hobby eher etwas Überraschendes passieren könne als bei einem Gespräch im Büro, und das stimmt. Journalist:innen wollen Szenen, die können sie deuten.

Denn als wirklich etwas Überraschendes passiert (Julia Klöckner kommt mit der Vespa von der Straße ab, kippt um, steht aber schnell wieder auf), kann Hujer interpretieren: „Sie hat eine Schürfwunde am Knöchel: aber so leicht lässt [sie] sich nicht unterkriegen; sie ist tapfer, im Alltag offenbar ebenso wie in der Politik.“

Und das führt zum zweiten Problem des Porträts: dem Thesenzwang.

Die Zügel in der Hand

Im Vorwort schreibt Hujer, dass eine Spitzenpolitikerin es abgelehnt habe, mit ihm reiten zu gehen (vermutlich Andrea Nahles, Gründerin des „Parlamentskreis Pferd“ im Bundestag). Sie wollte nicht über sich lesen, dass sie „hoch zu Ross“ sitze.

Ihre Angst ist berechtigt. Keine Textart gibt Journalist:innen so viel Macht, über einen anderen Menschen zu urteilen. Reporter:innen stehen dabei unter Druck: Ich, der geniale Beobachter, muss erkennen, wofür welches Verhalten steht, und es in einer These komprimieren. Darunter leidet auch Marc Hujers sonst unterhaltsames Buch. Ständig muss im Hobby das Politische erkannt werden:

Als er mit Lars Klingbeil im Crossfit-Studio Gewichte stemmt, schreibt er: „Klingbeil beherrscht die Kunst, vieles zu sagen, ohne dabei jemanden zu verletzen. Vielleicht passt Crossfit auch deshalb ganz gut zu ihm, weil es ein Sport ist, bei dem man niemanden besiegen muss, wenn überhaupt, sich selbst.“

Im Teaser von Katrin Göring-Eckardts Porträts steht: „[Sie] zeigt beim Tanzen, wie man führt, ohne dass es jemand merkt.“

Wie hätte der Vorspann für ein Nahles-Porträt lauten können? Vielleicht: In ihrer Partei ist sie umstritten – aber beim Reiten hält sie die Zügel fest in der Hand.

Klar, Wortspiele in Überschriften und Teasern sind im Print- wie Onlinejournalismus so normal wie der Zwang deutscher Großstädte, lustige Sprüche auf ihre Mülleimer zu kleben.

Aber in diesem Fall wird das Hobby zur Projektionsfläche von Parteistreitereien oder persönlichem Ehrgeiz.

Selbst Kevin Kühnerts Bierpräferenz muss gedeutet werden als Sympathie für das Nischendasein, die Nahbarkeit. Man könnte auch schreiben, dass Kevin Kühnert lieber Schultheiss trinkt, weil Jever etwas bitterer schmeckt, oder Lindner gerne Porsche fährt, weil er gerne Porsche fährt. Aber das passt eben nicht in das Format des thesengetriebenen Porträts. Lieber überinterpretieren, als gar nicht interpretieren.

Aber meine Wahlentscheidung hängt aber nicht davon ab, wie viele Kilogramm Lars Klingbeil auf der Hantelbank drückt (100) oder welche Soße Sahra Wagenknecht gerne zu ihren Spagetti isst (Pesto). Das bestätigt vor allem eine Person mit hohen Zustimmungswerten, die in Marc Hujers Galerie der Spitzenpolitiker:innen fehlt. Die Person, von der wir nicht viel wissen, außer dass sie einmal im Jahr in Südtirol Wandern geht, dass sie Kartoffelsuppe kocht und bei „Ullrich“ in Berlin-Mitte einkauft. Ich erwarte von Angela Merkel, dass sie in der Öffentlichkeit so tut, als wisse sie, wie man ein Land mit 80 Millionen Menschen lenkt. Wie ihre Kartoffelsuppe schmeckt, und was mehligkochende Kartoffeln über ihren Politikstil aussagen, muss ich dafür nicht wissen.

Warum sich Politiker:innen und Journalist:innen ähneln

Jetzt möchte ich Marc Hujer noch einmal loben. Ich habe ihn mal in einem Text für Übermedien dafür kritisiert, dass er in seinen Porträts oft krampfhaft das Wort „Ich“ vermeidet.

Das hatte bei ihm zu lustigen Formulierung geführt, etwa bei der Fahrradtour mit Sahra Wagenknecht:

„Man hält lange durch. Aber für den letzten Aufstieg […] reicht es […] nicht mehr. „Ich bringe Sie noch zum Fahrradverleih“, sagt Wagenknecht. Aber man will […] lieber allein hinfahren, um sich einen kurzen Moment auf die Straße zu legen und sich dann ins Taxi zu setzen.“

Obwohl Hujer hier aktiv auftritt, legt „man“ sich auf die Straße.

Seit Anfang des Jahres hat der „Spiegel“ eine neue Richtlinie: Journalist:innen, die im Text sprechen oder handeln, sollen das „Ich“ benutzen, auch wenn kein „Ich-Konflikt“ folgt. So wie es in der „New York Times“ oder im „Guardian“ völlig normal ist. Auch Hujer hat umgerüstet. In seinem Buch hat er alle Texte überarbeitet. Im Wagenknecht-Porträt kann er schreiben:

 „[…] Ich will mich jetzt einfach nur kurz auf den Boden legen, allein, und bitte sie vorzufahren […].“

Der Text liest sich nicht nur besser, er ist auch ehrlicher. Hujer gibt zu, dass selbst „Spiegel“-Reporter:innen nach 100 Kilometern Recherche erschöpft sind und keine Lust mehr haben, Fragen zu stellen. Journalist:innen und Politiker:innen ähneln sich darin: Sie sind ehrgeizig, geben ungerne die Kontrolle ab und müssen sich aufgrund ihres Berufes inszenieren: Reporter:innen im Einsatz für die Vierte Gewalt dürfen keine Schwächen zeigen.

Hujer aber schreibt:

„Ich bin dankbar für den Moment allein, atme durch, […] setze mich in ein Taxi, und als es wenige Minuten später vor dem Haus [von Wagenknecht] steht, muss mich der Taxifahrer aufwecken, weil ich auf dem Rücksitz vor Erschöpfung eingeschlafen bin.“

Der Reporter Marc Hujer ist eben auch nur ein Mensch.


Marc Hujer: Auch nur ein Mensch
Politiker und ihre Leidenschaften – und was sie uns über sie verraten
DVA, 24 Euro

10 Kommentare

  1. „…aufgrund ihres Berufes inszenieren: Reporter:innen im Einsatz…“

    Fällt dem Absolventen der Henri-Nannen-Journalistenschule noch auf, das sein Text vor lauter Genderei kaum noch lesbar ist?

    Oder ist Lesbarkeit auf jeden Fall geringer zu gewichten als Ideologie?

    Hujer macht es richtig: Porträtiert Politiker der beiden mehrheitlich vertretenen Geschlechter und schreibt trotzdem nur Politiker. Wie durch ein Wunder hab ich verstanden, das er damit Frauen eben nicht ausschließt, und auch alle anderen nicht ausschließen würde.

  2. @ Peer Nod, #2
    Wie durch ein Wunder habe ich das Binnen-I gar nicht bewusst wahrgenommen. Nennt sich rationales Lesen, man kann damit Sachtexte schneller durchlesen.
    Sollten Sie auch mal probieren. Dann sparen Sie nicht nur Zeit beim Lesen, sondern auch, weil Sie keine „Gender-Wahn-Kommentare“ verfassen müssen.

  3. „Wie durch ein Wunder habe ich das Binnen-I gar nicht bewusst wahrgenommen.“
    Könnte das Wunder durch das Fehlen eines BInnen-is erklärlich sein?

  4. Total. Das (mein) Gehirn kann vor lauter Doppelpunkt-Ideologie-Wut gar nicht mehr klar denken, wie soll man (ich) da noch die Inhalte des Textes erfassen!
    Das ist wie mit zu kurzen Röcken bei jungen Frauen: Wie soll man (ich) sich (mich) da noch konzentrieren können?
    Ich bin dafür, wir schaffen Frauen ab, dann muss man auch nicht mehr (ideologisch) gendern. Es könnte so eimfach sein!

    @4: Low hanging fruits.

    @ Text:
    Mich erinnert die Thematik an Kindererziehung: „Das macht man nicht“ ist eigentlich immer ein „Ich will nicht, dass du das machst“.

  5. Abgesehen von der peinlichen Anbiederei an die Hörigen der Gender-Fraktion (die in der Minderheit sind und dies auch immer bleiben werden) eine gute Kritik.
    Die These „Keine Textart gibt Journalist:innen so viel Macht, über einen anderen Menschen zu urteilen.“ möchte ich aber bezweifeln, da steht doch meines Erachtens noch der gute alte Kommentar an erster Stelle.

  6. Beim Lesen des Artikel habe ich mich gefragt, wie es wäre Herrn Seeler beim Schreiben seines Artikels zu „begleiten“ und der Frage nachzugehen, ob er „Journalist:innen“ schreibt, weil er

    a) überzeugt ist, das jedes „:“ die Welt ein Stückchen besser macht
    b) weiss, dass er als Mann nur eine Chance im Jornalist:innen Millieu hat, wenn er sich gut anstrengt
    c) denkt das „Jounalistende“ kein richtiges Wort ist

    Den Artikel finde ich im Übrigen gut. Und dass Virtue-Signaling (Kartofelsuppe=Bodenständig) eben keine Erfindung des Sozial-Medien-Zeitalters ist, sondern ständige Praxis jeder Öffentlichkeitsarbeit ist, muss man einem Millenial vielleicht noch erklären. Und die Funktion des Journalisten dabei ist eben die, des Steigbügelhalters.

  7. Ich habe die Schreibweise mit binnen-Doppelpunkt zuerst bei netzpolitik.org gelesen und die Schreibweise hat mich sofort begeistert. Hier im Text sind mir aber wirklich ein paar „normale“ Doppelpunkte zu viel,

    Journalist:innen und Politiker:innen ähneln sich darin: Sie sind ehrgeizig, geben ungerne die Kontrolle ab und müssen sich aufgrund ihres Berufes inszenieren: Reporter:innen im Einsatz für die Vierte Gewalt dürfen keine Schwächen zeigen.

    ist auch mir zu holprig. Und das ist ja nicht der einzige Doppelpunkt, auf 19 Gender-Doppelpunkte kommen 23 normale Doppelpunkte. Vielleicht wäre für den doppelpunktlastigen Schreibstil des Autors doch das Binnen-I zu empfehlen?

    Doch genug laienhafte Stilkritik. Mir wird nicht so ganz klar, ob das Buch denn tut was es soll. Anfangs klingt es so, als ob Hujer den Anspruch hat, hinter die Fassade zu schauen, was er nach Stuckrad-Barre aber sowieso nicht tun sollte und laut Seeler gar nicht kann. Schafft Hujer es nicht, die Fassade als Fassade zu erkennen? Liefert er unfreiwillig nur PR oder ist gerade das der Reiz des Buches?

    (Ich habe bisher zugegebenermaßen selbst nicht so sehr darauf geachtet, in meinen Kommentaren mit Doppelpunkt oder anders zu gendern, aber wenn ich hier die Fraktion der Schneeflocken-Kommentatoren (und bestimmt nicht Kommentatorinnen) heulen lese, dann werde ich da in Zukunft mehr drauf achten.)

  8. Wenn die Erbsen knapp werden zählt Mann einfach Doppelpunkte und Sternchen.
    Deutsche Rentner und ihre bizarren Hobbies.

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