„Kinski war nix dagegen“

Foto: WDR

Am Dienstag ist der Entertainer und Journalist Herbert Feuerstein im Alter von 83 Jahren gestorben. Godehard Wolpers hat in den 90er Jahren, in den ersten Jahren von Feuersteins später Fernsehkarriere, eng mit ihm zusammen gearbeitet. Als Sündenbock „Wolpers!“, der im Zweifel für alle Pannen verantwortlich war, wurde er dem Publikum von „Schmidteinander“ bekannt.

Wie hast du Herbert Feuerstein kennen gelernt?

Ich war 1989 studentische Hilfskraft im WDR, beim damals neuen Unterhaltungschef Hugo Göke, der mich direkt an Herrn Feuerstein weitergeleitet hat, um ihm aus dem Archiv irgendwelche Zeitungsschnipsel oder Filmausschnitte für eine neue Sendung zu besorgen. So war ich drin und hatte dankenswerterweise von Anfang an ganz viel mit Herbert Feuerstein zu tun.

Das war „Schmidteinander“?

Das war der Pilot zu „Schmidteinander“. Feuerstein hat damals auch schon sehr autark „Mad“ von vorne bis hinten geschrieben. Und er hat auch von zuhause aus – damals in Brühl – die Sendung vorbereitet. Die Abläufe hat er auch Jahre später noch auf einem Atari geschrieben, für den er immer einen Techniker quer durch Deutschland hat fliegen lassen müssen, der diesen Atari wieder einigermaßen ans Laufen bringen konnte. Der alte Atari-Rechner stand, glaube ich, auch 1998 noch auf dem Schreibtisch. Er weigerte sich umzusteigen.

Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Für den Piloten hatte ich mal angefangen, mit befreundeten Kollegen für eine kleine Firma, die „08/15 Entertainment“ hieß, Vorschläge einzureichen, was man alles machen könnte. Von den 100 Vorschlägen fand Feuerstein 99 „katastrophal“, aber einen ganz reizvoll. So bekamen wir die Möglichkeit, auch für die anderen Sendungen Ideen beizusteuern. Die Liste der Vorschläge wurde immer kleiner und die Zusammenarbeit mit Feuerstein immer enger. Dankenswerterweise hatte sich Harald Schmidt spätestens ab der zweiten Staffel mehr und mehr aus der Planung der eigentlichen Sendung zurückgezogen, weil er für sich das erfolgreiche Motto ausrief: „Zu Gast in meiner eigenen Sendung.“ Das gab ihm die Möglichkeit, live in der Sendung über die Ideen von Herbert Feuerstein herzuziehen, und Sachen, die nicht funktionierten, entsprechend zu kritisieren. Die Kombination hat gut funktioniert: Ein Herbert Feuerstein, der von vorn bis hinten alles planen, proben, absprechen möchte. Und ein Harald Schmidt, der seine geniale Qualität auf die Bühne bringt, indem er von null auf gleich loslegt.

„Schmidteinander“, Folge 16 vom 16. Februar 1992 Foto: imago images / United Archives

„Schmidteinander“ galt irgendwann als „Kult“, aber hattet ihr von Anfang an schon das Gefühl, dass das etwas Besonderes ist, an dem ihr da arbeitet?

Ja, ganz bestimmt. Herbert erzählte die Geschichte so: Er lebte zu der Zeit in New York, hat dort das Late-Night-Fernsehen mitbekommen. Dann ist er dem Kabarettisten Harald Schmidt hinterhergereist und hat ihm quasi die VHS-Kassette von einer Letterman-Show ins Gerät geschoben und ihn gefragt, ob er nicht Lust hat, sowas hier zu machen. Der WDR ist auf das Angebot eingegangen, und dann wurde da „Schmidteinander“ draus.

„Schmidteinander“ war die „Harald Schmidt Show“, bevor es die „Harald Schmidt Show“ gab?

Vielleicht hat Harald Schmidt da einen anderen Blick drauf, aber so hat es Herbert Feuerstein es immer erzählt.

„Schmidteinander“, Folge 20 vom 12. Oktober 1992 Foto: imago images / United Archives

Was hat Feuerstein da angetrieben?

Er hat im selbst produzierten Nachruf für den WDR offenbart, dass es ihm ums Geldverdienen ging. „Mad“ war Anfang der Neunziger nicht mehr der große Hit. Er brauchte eine neue Spielwiese. So hat er seinen ganzen Wahnsinn vom gedruckten Papier ins Fernsehen gehoben. Das ist ihm mit dieser Sendung ganz bestimmt geglückt. Von der immer gleichen Zuschauerfrage nach dem N über Oma Sharif, bis zur offiziellen Sprichwortforschung – da war viel „Mad“ dabei. Und der Spaß am Chaos, am Live-Moment, auch am Scheitern.

Feuerstein liebte auch das Scheitern. Das hat er in diesem Programm zugelassen, und Harald Schmidt hat es veredelt. Es gab keine Sendung danach – und ich mache diese Shows nunmehr seit 30 Jahren – in der man während der Sendung laut lachend in der Regie vor dem Fernseher saß und sich weggeschmissen hat, weil jegliche Programmpunkte anders abliefen, als man sie eigentlich geplant hatte. Sonst sitzt man oft während der Aufzeichnung vor dem Fernseher und denkt: Ok, das war gut, da kann man noch einen Lacher drauflegen, das kürzt man ein bisschen, aber dass man sich laut lachend von Minute 1 bis 60 den Bauch hält, ist danach nicht mehr so oft vorgekommen – kann aber auch mit dem Alter zusammenhängen.

Und du bist zum Running-Gag geworden.

Weil ich als Redaktionskraft die Aufgabe hatte, mit meinem Hausausweis verschiedenste Utensilien zu besorgen, passierte es, dass bei einer Probe irgendein Filmplakat fehlte. Und Schmidt fragte: Wer ist Schuld? Feuerstein sagte: Wolpers. Schmidt: Der gehört verprügelt. Feuerstein: Das ist eine gute Idee. Dann wurde ich – dankenswerterweise nur einmal – von den beiden verprügelt, und dieses Einspielteil wurde dann fünf Jahre lang immer dann abgefahren, wenn irgendwas schiefgelaufen ist. Und es ist viel schief gelaufen. Übrigens: In der heutigen TV-Welt undenkbar. Buhrow müsste bestimmt schon wieder zurücktreten. Erinnere mich noch, dass der damalige Unterhaltungschef Axel Beyer in den Proben der Abschlusssendung monierte, dass man mich mit einem Maschinengewehr erschießen wollte. Das wäre zu grausam. Dann wurde ich unter anderem von Nazis mit Baseballschlägern zusammengeschlagen. Das war ok.

Später hast du mit ihm „Feuersteins Reisen“ gemacht und hast, wie er es klagte, regelmäßig versucht, ihn umzubringen.

Wir haben jeweils zwei Wochen gedreht. Das war eine sehr intensive Zeit. Vier Tage Traumjob, vier Tage Arbeit, vier Tage die Hölle. Er immer Firstclass hingeflogen, wir Economy. Pro Flug einmal von der Stewardess ausgerufen, nach vorn zu kommen zu einer fünfminütigen Audienz. Die Reportagen wurden aufwendig recherchiert und mit Hubschraubern und allem drum und dran umgesetzt. Obendrein versuchte Feuerstein, in kleinen Aufsagern die Welt zu erklären. Da wurde dann schon mal im Live-Test auf Hawaii auf 4000 Meter Höhe Wasser gekocht, um zu dokumentieren, dass das dann luftdruckbedingt bei 80 Grad passiert. Leider hat er sich dann doch die Finger verbrannt, weil „kochendes Wasser bleibt auch bei 80 Grad kochendes Wasser“ – wieder was gelernt.

Die spannendsten und für die Produktion ergiebigsten Geschichten waren die, die er abgrundtief gehasst hat und bei denen er tatsächlich das Gefühl gehabt hat, dass ich ihn umbringen wollte. Da war er so wütend, dass er mir alle drei Tage als Regisseur „Setverbot“ erteilt hatte. Kinski war nix dagegen.

Ein Herbert Feuerstein hat nicht wirklich Lust, im Neoprenanzug Wildwasserrafting in Schottland zu machen. Das Ergebnis ist aber sehr reizvoll, wenn ein fluchender, ängstlicher, genervter Feuerstein früher oder später ins Wasser fällt (er hat’s überlebt) oder er auf der mexikanischen Pyramide beim Anflug des Helikopters die Brille verliert (er hat sie wiedergefunden).

Widmung von Feuerstein für Wolpers

Das heißt, das war auch wahrhaftig?

Wir hatten beide, mit unseren „Schmidteinander“-Erfahrungen, kein Interesse daran, eine aufgesagte Standard-Anmoderation vor einem Restaurant zu machen. Wir haben 20, 30 Geschichten zusammengesammelt und dann vier Wochen im Schnitt die Bausteine möglichst kurzweilig zusammengesetzt. Dann haben Chaos, Wahnsinn, Journalismus und Reisereportage schön ineinandergegriffen.

Wir hatten aber das Problem, dass wir als Sonderprogramm zu Weihnachten ausgestrahlt wurden. Im WDR hat man sich immer gestritten, ob das die Auslandsredaktion bezahlt oder die Unterhaltung. Die Korrespondenten, die all die Jahre immer in der „Tagesschau“ stehen, lechzten natürlich nach solchen Sendeplätzen, mal 45 Minuten aus ihrem Land auch was Schönes berichten zu können. Dass die Abteilung das nicht wirklich sexy findet, wenn so ein Komiker vorbeikommt und mit verhältnismäßig viel Geld und Hubschrauber durchs Land reisen darf, ist klar. So war es jedes Jahr wieder ein Kampf, neue Folgen zu kriegen. Eines Jahres passierte es dann, dass parallel zu einer Ausstrahlung sich in einer Christmette eine Oma mit Handgranate in die Luft sprengte, was das „Heute Journal“ so erfolgreich werden ließ, dass unsere Quote schlecht ausfiel … Dann schlief das dann irgendwann ein.

Danach habt ihr noch gemeinsame Fernseh-Events gemacht, bis 12 Stunden lange nächtliche Live-Sendungen.

Für uns eine tolle Erfahrung war „Feuersteins Nacht“ vom Severinskirchplatz in Köln, auch wieder viel Live-Chaos, viel Durcheinander, aber, wie ich finde, ganz tolles Fernsehen. Feuerstein hat mit den Anwohnern in den gegenüberliegenden Fenstern gesprochen. Da gab es die Oma, die seit 20 Jahren alleinstehend ist und nur noch mit ihrem Wellensittich spricht; die Studentin, die morgen Prrüfung hat; den Hausaufgabenservice mit Matheprofessoren im Pfarrheim (Schüler konnten Aufgaben faxen); in der Kneipe gegenüber saß das WDR-Sinfonieorchester und hat zu jeder vollen Stunde einen Tusch gespielt, und aus einer Telefonzelle rief Stefan Raab bei Feuerstein im Penthouse an. Und die schönsten Sachen, mit Anke Engelke auf dem Nachbarbalkon, passierten nachts um drei, wenn keiner mehr zugeguckt hat, aber zum Fernsehmachen war das das Schönste, was man haben kann. Wir haben damals gesagt, das müsste der WDR eigentlich als Live-„Lindenstraße“ jeden Sonntagabend machen: Eine wöchentliche Show vor Ort, in der du in die Fenster der Leute reinguckst und mit ihnen durch das Jahr gehst, wäre eine sehr reizvolle öffentlich-rechtliche Sendung.

2000 gab es noch die Millenniums-Nacht, da durften wir aus dem Büro des damaligen WDR-Intendanten Fritz Pleitgen senden. Feuerstein hat quer durch die Welt geschaltet und mit den Korrespondenten Silvester gefeiert. Irgendwann sangen betrunken Pleitgen, Wolfgang Clement und Helmut Thoma die von Feuerstein komponierter WDR-Hymne – großes Fernsehen. Er hat noch morgens um vier einen roten BH in Pleitgens Schränken da irgendwo versteckt, damit er für die nächsten Gehaltsverhandlungen noch einen Trumpf im Ärmel hat. Kann sein, dass der da immer noch liegt.

Ich habe Feuerstein damals interviewt, und er hat gesagt: „Ich möchte Sachen machen, die nicht langweilig sind, neu sind, Anstöße geben. Ich versuche, den kleinen Vorteil, den man als Älterer hat, zu nutzen, und bohre, dass man den Versuch nicht aufgibt, im Fernsehen ein paar neue Nischen zu öffnen. Das ist so selten geworden!“

Alles richtig. Er hatte dem WDR auch angeboten, statt dem Testbild mit Tieren im Zoogehege die Nächte zu verbringen. Der Grimmepreis wäre sicher gewesen. Leider hat der Sender nicht zugegriffen.

Foto: WDR

Interessant, dass Feuerstein schon vor 20 Jahren klagte, dass sich das Fernsehen zu wenig traut, Dinge auszuprobieren. Das ist vermutlich nicht besser geworden seitdem, oder?

Ganz bestimmt nicht. Gerade wenn du Werbung verkaufen musst oder Quote die Währung ist. Dann musst du einigermaßen verlässliches Fernsehen machen, und im Idealfall kannst du dem Werbepartner ein internationales Format schicken und alle Beteiligten wissen, wie die zweite Folge aussieht. Das war nicht Feuersteins Welt.

Harald Schmidt (links) und Herbert Feuerstein Foto: WDR

Er war auch nicht gerade der Typ mehrheitsfähiger Star.

Mehrheitsfähig war natürlich die Rolle des Prügelknaben, der von Schmidt gehänselt wird.

Als Sidekick.

Am Abend der ersten „Schmidteinander“-Sendung im Ersten lief auch „Wetten, dass..?“. Gottschalk schaltete zu Schmidt, im Anschluss schaltete Schmidt zu Gottschalk. Die Ausgabe erreichte dann sechs Millionen Zuschauer um 23.00 Uhr. Das war, was die Reichweite angeht, sicher der größte Erfolg. Aber danach lechzte Feuerstein nicht, sondern eher danach, seinen Humor, seine Programmfarbe umzusetzen, mit all dem Wahnsinn und auch der hohen Kultur: Da wurde sehr viel Mozarteum auf sehr absurde Weise runtergebrochen, so dass es auch für den Otto-Normalzuschauer verständlich war.

Kurz danach ging eine große Welle Comedy durchs Land, mit „RTL Samstag Nacht“, der „Wochenshow“, den Stand-Up-Comedians. Zu der Zeit war die Unterhaltung geprägt von tollen Künstlern wie Loriot, Kerkeling, perfekten Shows von Carrell oder Sketchprogrammen wie Sketchup. Und dann kam diese subversive Form von Live-Unterhaltung: 60 Minuten ein bisschen Late Night, jeglicher Blödsinn, die „Hupfdolls“ tanzen, Dieter Thomas Heck wird sitzen gelassen, eine amerikanische Jazz-Band tritt auf, Rudolf Scharping ist zu Gast, während 10.000 Fliegen durchs Studio fliegen, denen man vorher die Freiheit geschenkt hat. Das hatte es bis dato nicht gegeben.

Feuerstein moderiert ein Konzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin Foto: imago images / Kai Bienert

Er war auch schon nicht mehr der jüngste, als er das Fernsehen eroberte.

Ein Feuerstein hat auch 1992 schon sein Mittagsschläfchen gebraucht, und wehe, jemand hat ihn dabei gestört! Selbst bei den Reisesendungen musste man organisieren, dass er sich zwischen eins und drei hinlegt, was kompliziert ist, wenn um 18 Uhr am Äquator die Sonne untergeht. Dann war ihm das auch irgendwann zuviel. Er hatte danach noch großen Spaß, mit dem Sinfonieorchester aufzutreten und auf Lesereise zu gehen.

Ich hab ihm wahnsinnig viel zu verdanken. Ich habe keinen älteren Menschen kennengelernt, der einem jungen Menschen mit so wenig Erfahrung so viel Zuvertrauen geschenkt und so viel zugelassen hat!

6 Kommentare

  1. Was für ein schöner Text. Feuerstein war jemand, von dem man immer annahm, dass er schon irgendwo existierte, bis er plötzlich nicht mehr existierte. Und dann vermisst man ihn.

  2. Erinnert sich noch jemand an den Mann im Jeans-Overall, der immer mit einem Gadrobenständer durchs Bild lief und kurz in die Kamera schaute?
    Als Helge Schneider Gast war, musste dieser Mann mühsam ein Klavier schieben. Helge rief immer: „Hau ruck, hau ruck!“ Und dann: „Ich helfe gerne, wenn ich kann.“

  3. was für ein schönes Interview – und wie sehr mir Herbert Feuerstein schon jetzt fehlt, und wie dringend das Fernsehen Sendungen bräuchte, bei denen sich die Regie vor Lachen wegschmeißt!

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