Schüsse aus nächster Nähe: Der distanzlose Blaulicht-Podcast von „Bild“ und „B.Z.“

Man muss mit der Polizei hart ins Gericht gehen. Hart, aber fair. Wem der Staat eine Waffe gibt und das Recht, Menschen einzusperren, der muss andere Maßstäbe an sich legen lassen. Dass 99 Polizeibeamte gute Arbeit machen, ist kein Argument, wenn der Hundertste es nicht tut, denn diese Uniform steht für den gesamten Staat. Man kann das anders sehen, mit guten Argumenten, aber so ungefähr sehe ich das.

Gleichzeitig muss sich kaum eine Berufsgruppe mehr Besserwisserei und dauerkritische Aufmerksamkeit gefallen lassen als Polizisten. Fußballtrainer und Virologen vielleicht noch. Dass das irgendwann nur noch nervt, verstehe ich ehrlich gesagt auch.

Nun sind Virologen und Fußballtrainer bisher eher selten durch rechtsextreme Chatgruppen oder unangemessene Gewalt aufgefallen, aber es ist ja unstrittig, dass die Situation derzeit aufgeheizt ist und die Polizei in der öffentlichen Wahrnehmung oft schlecht dasteht. Vielleicht auch nicht ganz zu unrecht, zu viel wurde in den vergangenen Jahre nicht transparent genug angegangen. Aber egal, wie man dazu steht: Mehr zuzuhören, mehr miteinander zu reden, kann nicht schaden. Und es braucht mehr Leute, die vermitteln.

„Sicherheit für die Ohren“ ist ein Podcast, von dem man eine solche Vermittlungsleistung erwarten könnte. Es gibt ihn bereits seit Sommer 2017 und in mittlerweile mehr als 120 Folgen. Die beiden Menschen hinter dem Mikrofon heißen Peter Rossberg und Axel Lier. Ersterer ist einer von 17 „Chef-Reportern“ bei „Bild“, der zweite Mitglied der Chefredaktion der „B.Z.“.

Das hier ist Boulevard, Blaulicht-Journalismus, Polizeireporter. Eine aussterbende Spezies, vielleicht auch einfach nicht mehr zeitgemäß. Man hat da von morgens bis abends das Elend der Welt auf dem Schreibtisch, das hat schon immer nur ganz bestimmte Journalisten angezogen. Und weil die, um ihren Beruf machen zu können, auf beste Verbindungen in die Reviere und Polizeipressestellen angewiesen sind, haben sie auch immer eine bestimmte Form von Kritik angezogen: die der mangelnden Distanz.

Seit es Polizeireporter gibt, leugnen sie, dass das ein Problem sei. Ist es aber. Nicht für sie selbst, für sie ist das fein. Sondern gesamtgesellschaftlich. Institutionen mit viel Macht brauchen zwingend kritische Aufmerksamkeit. Zu viel Nähe frisst sie auf.

Polizei-Kritiker auf dem Sofa

Andererseits: Wer nie echte Gespräche führt, wer nie ergebnisoffen in eine Debatte mit echten Menschen (in diesem Fall: in Uniform) geht, wer sein Bild von der Polizei darauf aufbaut, auf dem Sofa Videoschnipsel in sozialen Netzwerken zu beurteilen, macht’s auch nicht besser. Der Polizei-Kritiker auf dem Sofa hat aber nicht das Gewaltmonopol des Staates inne. Er übt ein Grundrecht aus. Ja, die Meinungsfreiheit schützt auch einseitige, dumpfe, plumpe, auch unfaire Meinungsäußerungen.

Wer Unfaires über Polizeibeamte twittert, mag zur Verhärtung von Fronten beitragen. Das ist nicht gut. Aber: Wer als Journalist die kritische Distanz zur Exekutive verliert – einfach weil man schon so viele Jahre so viele von denen kennt, weil man darauf angewiesen ist, dass die einem etwas zustecken, und ja, weil man es vielleicht auch ganz geil findet, wenn es mal richtig zur Sache geht und man mittendrin ist – der gefährdet viel mehr: Der gefährdet im Grundsatz das Prinzip der professionellen kritischen Kontrolle des Staates.

Darum ist es eine falsche und unzulässige Gleichsetzung, zu sagen: Die Kritiker seien doch auch unfair. Oder, wie es im „Sifo-Podcast“ geschieht: Man habe im Blatt doch auch ganz oft über Polizisten berichtet, die ihren Job nicht ordentlich machen. Was für ein Argument soll das sein? Drei Mal Kritik rechtfertigt dreimal mangelnde Distanz? So funktioniert es nicht. Das ist eine Form von false balance, die hier einfach unangebracht ist.

Polizeibeamte als „Kollegen“

Das sagt sich alles leicht, ist aber in der Praxis schwerer durchzuhalten, als man denkt, ich weiß das. Unterm Strich geht es trotzdem nicht anders. Und leider ist „Sicherheit für die Ohren“ ein fortdauernder Beweis dafür. Peter Rossberg und Axel Lier sind mit Sicherheit (haha!) keine unkritischen Polizei-Bejubler, aber sie sind oft halt einfach zu nah dran – und das hört man.

Im „Sifo“-Podcast werden die Polizeibeamten „die Kollegen“ genannt. Da wird kokettiert, dass man – rein zufällig – früh morgens an einer bestimmten Adresse gestanden habe, als dort eine Razzia stattfand. Dass man Informationen aus Behördendatenbanken bekommt. Da ist es ein Running Gag, dass einer der beiden mal wieder „embedded“ mit Beamten unterwegs war. Das alles immer nur als Scherz und Koketterie zu empfinden, ist ein Problem.

Man muss beiden zugute halten, dass sie das selbst adressieren, ab und an zumindest, und dass sie sich immer mal wieder Interviewgäste einladen, die Gewicht auf die andere Seite der Waagschale bringen sollen. Gerade diese Folgen empfand ich oft als die wertvollen, weil hier eben, das kann Boulevard manchmal einfach besser, nicht herumgedruckst wird. Ja, Unschuldsvermutung, ja, Rechtsstaat, ja, beide Seiten – aber manchmal kann man die Dinge auch ganz einfach und direkt sagen, und manchmal tut das auch ganz gut.

Nur muss das wohldosiert und ausgeglichen passieren. Nach meinem Geschmack ist es das hier oft nicht. Man muss sich nur das Interview mit dem Sprecher der Gewerkschaft der Polizei Berlin anhören (Folge vom 15. November 2019) und danach das Interview mit Linken-Politiker Hakan Taş (Folge vom 10. Juli 2017) – wer danach wirklich meint, diese Gespräche seien mit der gleichen Distanz geführt, will das vielleicht einfach so sehen.

Es gibt mit dieser Schlagseite noch ein zweites Problem. Narrative pflanzen sich fort. Wer hundertmal hört, alles werde immer schlimmer, glaubt es irgendwann. Ich will nicht in die Diskussion einsteigen, wie gut oder schlecht es der Polizei nun geht, ich will nur sagen: Die einen sagen so, die anderen so. Die anderen sind in diesem Podcast eher selten präsent. Und wenn, dann oft mit hörbarer Abneigung.

Clans, Drogen, Schießereien

Damit das nun nicht klingt, als ob es in diesem Podcast nur um die Polizei ginge: Das tut es nicht. Es geht um Innere Sicherheit und Kriminalität. Fußball und Ultras. Rocker und Rapper. Sogenannte Clan-Kriminalität, Drogen, Schießereien, das ganze Programm.

Ich, das wird ja nun keinen überraschen, lese „Bild“ und „B.Z.“ äußerst selten. Trotzdem höre ich diesen Podcast immer mal wieder. In meiner sozialen Blase sind solche Stimmen und Perspektiven einfach unterrepräsentiert. Und ich lerne ich in diesem Podcast auch Neues. Nur habe ich bei fast allen Folgen den Eindruck, die beiden hätten mehr zu sagen, könnten auch mehr erklären.

An manchen Themen sind die beiden Reporter seit Jahren dran, was man aber oft nicht so richtig hört, weil beide sich aus Gründen, die dem Hörer nicht klar werden, oft gegenseitig hetzen. Ein Podcast muss nicht immer ausschweifend sein, keine Frage, aber: Manchmal kann er es sich leisten. Mehr Tiefe, die jeweils anderen ausreden lassen, mehr einerseits-andererseits, mehr Gäste, die keine raubeinigen Kerle mit Hauptberuf Innenpolitik sind, das alles täte dieser Produktion gut. So wird es oft nur ein Nacherzählen dessen, was man gestern erlebt oder vorgestern aufgeschrieben hat.

Ich bekomme zu oft das Gefühl vermittelt, die Aufzeichnung sei total hektisch irgendwo dazwischen gequetscht worden, der eine kam anscheinend gerade erst rein, der andere ist schon wieder auf dem Sprung. So fühlt sich der Podcast manchmal wie ein Nebenbei-Produkt an, mitunter auch klanglich.

Aber warum eigentlich? Hier wartet ein eigenes Publikum in einer eigenen Form mit eigenen Inhalten. Das könnte doch eigentlich eine Chance sein – die Chance, Leute wie mich zu erreichen, die man sonst eher nicht erreicht.

Nur wird hier wenig dafür getan. Die Gespräche sind unstrukturiert, die Abkürzungen aus dem Behördensprech zahlreich. Die beiden Journalisten fallen sich fortwährend ins Wort. Es wird viel gelacht, wo für den Außenstehenden nichts witzig ist. Es wird auf Vorgespräche Bezug genommen, bei denen die Zuhörer nicht dabei waren. Wo Themen anfangen und enden, was wichtig ist und was nicht, was früher war – alles oft sehr unklar.

„Ja, nee, wat soll ick’n da jetz sagn?“

In den Hörer-Bewertungen zu dem Podcast las ich hier und da das Wort „aggressiv“. Ich kann nicht leugnen, dass sich das für mich oft auch so anfühlte. Hier wird manchmal irritierend aufbrausend hochgefahren. Ständig ruft einer von den beiden „Hömma auf jetzt hier!“, und man weiß gar nicht, warum. Wenn der eine redet, platzt der andere mit einer Frage dazwischen – nicht selten mit einer, die ziemlich abseitig ist. Darauf sagt der erste dann lange nichts, gefolgt von so etwas wie: „Ja, nee, wat soll ick’n da jetz sagn?“ – dann wieder sekundenlang Stille.

Dann reden plötzlich beide gleichzeitig, und immer lauter, und der eine sagt „Na, komm!“ und der andere ruft „Ey, jetz ma wirklich“, und man weiß als Zuschauer überhaupt nicht, was denn jetzt hier eigentlich das Problem ist. Mag sein, dass es dafür gute Gründe gibt, dass die beiden das zum tausendsten Mal diskutieren oder sich gerade komisch angucken, nur: als Zuhörer kann ich nichts davon verorten.

Vieles hiervon ist ein Geschmacksurteil. Viele mögen vielleicht auch genau darauf stehen, genau das gut oder authentisch finden. In Berlin und Brandenburg arbeiten mehr als 30.000 Menschen bei der Polizei, auch das ist ein Publikum. Vielleicht machen die beiden das ja wirklich nur für sich selbst, wollen sich ein bisschen verbal raufen, und meine Ansprüche sind viel zu hoch.

Aber: Dieses Produkt kommt immer noch aus einer Redaktion. Hier reden Journalisten. Der gesamte Podcast wäre unmöglich, wenn die beiden Journalisten ihn nicht mit all den Dingen füllen könnten, die sie eben aufgrund ihres Privilegs als Journalisten erfahren. Das sind keine Kumpels, denen man beim Plauschen zuhört, es ist Journalismus. Und der ist nur einem verpflichtet: seinem Publikum.


Podcast: „Sicherheit für die Ohren“
Erscheinungsrhythmus: Wie’s grad so passt.
Episodenlänge: Zwischen 20 und 60 Minuten.

Offizieller Claim: Der Podcast aus Berlin
Inoffizieller Claim: „Na, komm!“ – „Ey, jetz ma wirklich“ – „Ja, nee, wat soll ick’n da jetz sagn?“

Geeignet für: Leute, die über die Polizei nachdenken und solche, die ab und an mal was gegen die eigene Wahrnehmungsblase tun wollen.
Nicht geeignet für: Leute, die mit Runterkochen oder Hochjazzen wirklich so gar nicht umgehen können (oder wollen).

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