Wie bigott ist die Kritik der SZ an der „Bild“- Berichterstattung?

Was ist schlimmer als eine Zeitung, die Chat-Nachrichten eines elfjährigen Kindes veröffentlicht, dessen fünf Geschwister gerade getötet wurden? Eine Zeitung, die sich darüber lautstark empört – und dasselbe gemacht hat.

So kann man die Argumentation von „Bild“-Chefredakteur und -Geschäftsführer Julian Reichelt verstehen. In einem Interview mit dem österreichischen Medienfachblatt „Horizont“ entschuldigt er sich erneut nicht dafür, dass „Bild“ die WhatsApp-Nachrichten des Kindes aus Solingen veröffentlicht hat. Er sagt nur, er „verstehe durchaus, dass man die Meinung vertritt, dass man so etwas nicht hätte bringen sollen“.

Stattdessen nimmt er die „Süddeutsche Zeitung“ ins Visier:

„Ich verstehe aber unter gar keinen Umständen, wenn wir von Medien kritisiert werden, die diese Inhalte identisch so veröffentlicht, heimlich gelöscht, das verschleiert und uns dann in einem Kommentar dafür kritisiert haben, weil wir es zitiert haben, wie insbesondere die ‚Süddeutsche Zeitung‘. Das finde ich einfach nur bigott.“

Mathias Döpfner, Vorstandschef von Axel Springer, hatte in der vergangenen Woche als Präsident des Zeitungsverlegerverbandes bereits ähnliche Vorwürfe erhoben, ohne Namen zu nennen:

„Wir haben Fehler gemacht: ‚Bild‘ hat WhatsApp-Nachrichten eines Kindes, das überlebt hat, in einem Artikel eins zu eins veröffentlicht. Wir haben den Schutz von Minderjährigen in diesem Fall missachtet. Andere Medien haben zu Recht diese Grenzüberschreitung kritisiert. Manche, obwohl sie selbst auch aus den privaten Nachrichten des Jungen zitiert hatten.“

Wie bigott ist also die „Süddeutsche Zeitung“?

Wie „Bild“ die Chat-Nachrichten präsentierte Screenshot und Unkenntlichmachungen: BILDblog

Am Freitag, 4. September, hatten „Bild“ und RTL die Zitate aus dem Chat veröffentlicht. Am Samstag berichtete BILDblog darüber. Am Sonntag schrieb SZ-Redakteur Detlef Esslinger einen wütenden Kommentar: „‚Bild‘ und RTL können tiefer nicht sinken“, formulierte er, nannte die Veröffentlichung „eine Art von Missbrauch“ und griff nicht nur Reichelt an, sondern auch die obersten Chefinnen der Konzerne, Friede Springer und Liz Mohn:

„Ihren Reichtum verdanken beide Frauen auch Geschäftsmodellen, wie sie jetzt in Solingen ausgelebt wurden. Dieses Geld stinkt. Die Frage lautet: Wann wird’s ihnen mal peinlich?“

In einem weiteren Artikel kritisierte SZ-Autor Willi Winkler die Berichterstattung von RTL und „Bild“.

Tatsächlich stand zu diesem Zeitpunkt ein Bericht des SZ-Korrespondenten für Nordrhein-Westfalen auf sz.de, der in einem Absatz aus WhatsApp-Nachrichten des Elfjährigen zitiert:

Die 'Rheinische Post' berichtet, der Elfjährige habe sich in seiner Verzweiflung um exakt 13.49 über Whatsapp bei einer Freundin gemeldet: '(…)' Dann fügte der Junge noch hinzu: '(…)' Die Freundin fragte nach, was geschehen sei (…) Zwanzig Minuten später, um 14.08, teilt der Junge (…).
Screenshot: SZ.de. Unkenntlichmachung: Übermedien

Die Passage löste offenbar viel Empörung aus – auch intern. Am folgenden Montagvormittag löschte die SZ den Absatz aus dem Artikel.

Die Zeitung erklärt auf Nachfrage von Übermedien, dass es sich um ein Versehen handelte, dass sie überhaupt erschienen war: Man habe sich vorher in der Redaktion entschieden, nicht aus diesen Chat-Nachrichten zu zitieren. Der entsprechende Absatz im Artikel des Korrespondenten, der im Redaktionssystem eigentlich in einem Notizmodus gestanden habe, sei irrtümlich trotzdem veröffentlicht worden. Das habe Esslinger, als er seinen flammenden Kommentar gegen „Bild“ und RTL veröffentlichte, nicht gewusst.

Aber hat die SZ diesen Absatz mit den Chat-Nachrichten wirklich „heimlich gelöscht“ und „das verschleiert“, wie „Bild“-Chef Reichelt behauptet? Als sie den Absatz aus dem Online-Artikel entfernte, fügte sie folgende „Anmerkung der Redaktion“ hinzu:

„In einer früheren Version wurden einzelne Sätze aus einem anderen Chat mit Verweis auf Medien zitiert. Diese Passage haben wir entfernt.“

Um was für einen Chat es sich handelte, blieb damit unklar. Ein „Bild“-Sprecher weist auch darauf hin, dass sich unter dem Kommentaren von Esslinger und Winkler keinerlei Hinweise finden auf die eigene SZ-Berichterstattung. „Das hat mit journalistischer Transparenz nichts zu tun“, schrieb uns der Sprecher, „und ist mit den Begriffen Verschleierung und bigott sicherlich hinreichend determiniert.“

Nach einer Anfrage von Übermedien räumte die SZ ein, dass der Umgang mit dem eigenen Fehler nicht ideal gewesen sei und korrigierte ihn. Die Anmerkung der Redaktion unter dem Solingen-Text lautet nun:

„In einer früheren Version des Textes standen aufgrund eines redaktionellen Fehlers Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat. Darin berichtete er vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage haben wir entfernt.“

Auch unter den Kommentaren von Esslinger und Winkler mit der Kritik an „Bild“ und RTL finden sich nun Hinweise:

„Aufgrund eines redaktionellen Fehlers hatte zunächst auch die SZ in einer Online-Version Zitate aus einem Whatsapp-Chat des Elfjährigen mit einer Freundin und aus dem Klassen-Chat wiedergegeben. Darin berichtete der Junge vom Tod seiner Geschwister. Diese Passage wurde entfernt.“

Ist die „Süddeutsche Zeitung“ also „einfach nur bigott“, wie der „Bild“-Chefredakteur meint? Oder nur sehr schlecht darin, ihre Fehler transparent zu korrigieren?

Übrigens: Der „Bild“-Sprecher hatte in seiner Antwort auf die Anfrage von Übermedien noch angemerkt, dass der Umgang der SZ mit der Solingen-Berichterstattung „eigentlich auch mal einen Hinweis an den Presserat wert“ wäre. Die „Bild“-Zeitung kommt ihrer Pflicht, Rügen des Presserates zu veröffentlichen, im gedruckten Blatt seit kapp zwei Jahren nicht mehr nach.

9 Kommentare

  1. Als langjähriger Leser (u.a. SZ und Bild, Niggemeier und Tichy) wünsche ich mir mehr innere Vielfalt. Bei Tichy werden Gegenmeinungen kaum sichtbar. Entweder lesen Linke das Erzeugnis nicht oder linke Leserkommentare werden blockiert. Die SZ hat die Möglichkeiten von Leserkommentaren stark eingeschränkt. Dafür spricht auch einiges, weil die immer gleichen Pro- und Kontra-Stimmen sehr vorhersehbar sind. Ähnlich geht es hier bei manchen Artikeln auf „Übermedien“ zu. Da wäre doch eine automatische Schließung nach z.B. 48 Stunden erwägenswert. Außerdem habe ich den Verdacht, dass „rechte“ Meinungen gefiltert sind, denn meistens kommen nur solche „nicht-linken“ Meinungen zum Vorschein, die besonders abstrus sind. Kann natürlich sein, dass es keine intelligenten „Rechten“ gibt oder aber sie bei Niggemeier nicht schreiben oder nicht freigeschaltet werden.

  2. @Florian Blechschmied
    Hier kann gar nichts gefiltert werden, weil die Kommentare i.d.R. sofort nach dem Klick sichtbar sind. (Selten gibt es spezielle technische Probleme und vereinzelte Kommentare tauchen verspätet auf.) Nur ganz selten wurde etwas im Nachinein gelöscht. Dies ist dann für alle sichtbar und nachzuvollziehen.

  3. Nichtabonnenten werden m.E. manuell freigeschaltet. Zumindest sind nachträgliche Freischaltungen nicht selten. Deshalb ist es auch nicht ratsam, auf Kommentarnummern zu verweisen, es sei denn, sie bestehen mindestens einen Tag.

    Vielleicht äußert sich die Redaktion dazu?

  4. Ich war lange kein Übonnent und wurde auch immer direkt freigeschaltet. Ich vermute, dass meine E-Mailadresse auf einer Allowlist stand. Mehr als 1 Link im Kommentar wird generell moderiert (vermute wgn. Spam). Wortfilter kommen hier m. W. nicht zum Einsatz.

    @1: „Außerdem habe ich den Verdacht, dass „rechte“ Meinungen gefiltert sind, denn meistens kommen nur solche „nicht-linken“ Meinungen zum Vorschein, die besonders abstrus sind.“
    Lol. Was genau sind denn „nicht-linke“ Kommentare?
    Und die Verdrehung finde ich tatsächlich amüsant: Wenn nur abstruse („nicht-linke“) Kommentare kommen ist das ein Indiz dafür, dass sachliche („nicht-linke“) Kommentare nicht freigeschaltet werden. Nicht etwa dafür, dass die Kommentare abstrus sind.

  5. „Die ‚Bild‘-Zeitung kommt ihrer Pflicht, Rügen des Presserates zu veröffentlichen, im gedruckten Blatt seit kapp zwei Jahren nicht mehr nach“
    Das ist ja mal eine ganz neue Eskalation einer lange existierenden Option :
    „Diese Rügen sollen die Gerügten dann abdrucken – so steht es im Pressekodex, und dazu haben sich, nach heftigen Auseinandersetzungen in den achtziger Jahren, die Verlage verpflichtet. Doch tun sie es nicht, hat der Presserat kein Mittel, sie zu zwingen – außer natürlich, sie zu rügen“

  6. bigott nicht, aber extrem unglücklich.

    Die SZ hat die Zitate nicht als Aufhänger im Text gehabt, sondern wohl „nebenbei“ reingeschrieben. Ansonsten würde ein Artikel nicht mehr funktionieren, wenn man die Passage ersatzlos löscht.

    Aber es ist doch auch ein gutes Zeichen an alle, die die Meinungsfreiheit abgeschafft sehen, dass es auch in einer Redaktion unterschiedliche Meinungen dazu gibt, was man schreiben kann und was nicht geht.

  7. Redaktioneller Fehler bei der SZ? Der Autor hat den Chat also nicht bewusst zitiert? Wurde er von der BILD gehackt, oder wie kam es über seine Finger?

  8. „Redaktioneller Fehler bei der SZ?“

    Was sonst?
    Habs doch nur auf meinem privaten Account – geht in diesem Fall nicht.
    Habs nicht so gemeint – geht auch nicht.
    Bleibt nur noch die Ausrede „redaktioneller Fehler“.
    Früher wurden solche Praktiken bei der BILD festgestellt und kritisiert. Heute werden die Unterschiede immer kleiner. Das liegt nicht daran, dass die BILD besser würde.

    „Die ‚Bild‘-Zeitung kommt ihrer Pflicht, Rügen des Presserates zu veröffentlichen, im gedruckten Blatt seit kapp zwei Jahren nicht mehr nach“

    Wenn der Presserat sich selbst zur Hanswurstveranstaltung macht, kann man damit auch so umgehen.

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