Überlassen wir den schrillen Ton den Aktivisten

Wie sollen Journalisten über den Klimawandel und seine Folgen berichten? Nüchtern und trocken, warnen, drohen? Über diese Frage wird seit langem diskutiert. Nun lebt die Debatte wieder auf, angeregt durch einen Offenen Brief von Sara Schurmann und durch die „taz“, die sich nach eigenen Angaben als erstes deutsches Medienhaus eine „klimagerechte Sprache“ gibt.

Die Diskussion ist notwendig. Der dritte Sommer in Folge mit wenig Regen und hohen Temperaturen, mit sterbenden Wäldern und versiegenden Flüssen hat jedem klar gemacht, dass etwas Grundlegendes passiert. Das ist keine Wetterkapriole.

Die Gefahr ist nicht abstrakt, sondern real

Der Klimawandel, über den man seit Jahrzehnten Forscherinnen und Forscher sprechen hört, der lange mit Bildern von Eisbären auf schmelzenden Schollen oder Hochwasser an fernen Küsten illustriert wurde, ist da. Bei uns. Die Treibhausgasemissionen steigen weiter, der Rückgang durch die Covid-19-Pandemie war nur vorübergehend. Von einer abstrakten Gefahr kann keine Rede mehr sein, sie ist real.

Es ist ein guter Zeitpunkt für Journalistinnen und Journalisten, sich zu fragen, welche Rolle sie spielen, wie ihre Beiträge wahrgenommen werden, ob und was sie bewirken möchten. Sara Schurmann und alle, die den Offenen Brief unterzeichnet haben, haben einen wichtigen Anstoß für diese Debatte gegeben.

Etliche der von ihr notierten Punkte teile ich, andere nicht. Sie sollen hier in einer Antwort auf den Offenen Brief näher erläutert werden.

Kein Aktivismus?

Schurmann schreibt beispielsweise:

„Viele Journalist:innen betonen zu Recht den Unterschied von Aktivismus und Journalismus. Aber die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels als vierte Gewalt zu kontrollieren, ist kein Aktivismus. Es ist wissenschaftlich, menschlich und journalistisch geboten.“

Das 1,5 Grad-Ziel ist an dieser Stelle etwas unglücklich. In ihrem Text legt die Autorin dar, dass sich die Weltgemeinschaft im Abkommen von Paris auf „deutlich unter zwei Grad Celsius“ geeinigt hat; die 1,5 Grad sind lediglich ein Wunsch im Protokoll. Insofern müssen auch Journalisten, wenn sie nicht gerade kommentieren, sich am Deutlich-unter-zwei-Grad-Ziel orientieren. Selbstverständlich sollen sie genau verfolgen, ob es erreicht wird. So wie sie auch die Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals) der Vereinten Nationen oder zum Erhalt der Biodiversität im Blick behalten sollen, schließlich sind sie alle essenziell für eine lebenswerte Zukunft.

Aber sollen Journalistinnen und Journalisten auch für das Klimaziel kämpfen, wie es Schurmann mehr oder weniger deutlich in ihrem Beitrag fordert?

Vereinfachung kann Forschern schaden

Dazu könnte die branchenübliche Vereinfachung dienen, wie die Autorin nahelegt:

„Aber wenn alles so dramatisch ist, warum sagt das dann nicht einfach irgendjemand? Nun, die Klimaforscher:innen sagen es seit Jahren. Die ganze Zeit. Nur leider müssen sie, um sich wissenschaftlich abzusichern, immer in Wahrscheinlichkeiten und Spielräumen sprechen.“

Warum „leider“? Bloß gut! Denn das ist die Realität. Klimamodelle haben ihre Unsicherheiten, nicht zuletzt, weil niemand weiß, wie sich die Emissionen tatsächlich entwickeln. Das heißt nicht, dass sie unbrauchbar sind, aber das heißt, dass es eine gewisse Unsicherheit gibt, wie bei allen Dingen. Die muss man aushalten. Mir ist lieb, wenn Wissenschaftlerinnen oder auch Politiker sagen, wie wahrscheinlich ein bestimmtes Ereignis ist und wie groß die Chance, dass es anders kommt. Lieber so als vermeintlich allwissende Aussagen wie: „Winter, wie wir sie kennen, wird es bald nicht mehr geben.“

Das Zitat ist vom Kieler Klimaforscher Mojib Latif, erschienen im Jahr 2000 im „Spiegel“. Er sagte später der „Zeit“, dass der „Spiegel“ ihn falsch zitiert habe: Er habe sich auf die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts bezogen und auf den Fall, dass keine Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden. Das dürften nicht allzu viele wissen. Längst hat das Zitat ein Eigenleben, wird regelmäßig hervorgekramt, um die Klimaforschung zu diskreditieren.

Dies zeigt: Journalisten haben eine große Verantwortung, die Vereinfachung kann nach hinten losgehen und einem Forscher schaden.

„Erderhitzung“ statt „Erderwärmung“?

Auf der anderen Seite sollten Journalisten gegenüber Forschern und deren Aussagen ihre Skepsis behalten. So einig, wie immer wieder zu lesen ist, ist sich die Wissenschaft nämlich nicht, wenn man tiefer ins Detail geht. Zu den (Achtung: Überspitzung!) apokalyptischen Kipppunkten des Klimas beispielsweise gibt es durchaus unterschiedliche Auffassungen, wie Jochem Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie Hamburg, kürzlich im Interview mit der „FAZ“ dargelegt hat.

Auf die Frage, welcher der Kipppunkte ihn am meisten sorge, antwortet er: „Keiner.“

Eine andere Form, um im Journalismus für entschlossenen Klimaschutz zu kämpfen, ist die Sprache. Dabei geht es unter anderem um Begriffe wie Klimawandel, Klimanotstand, Erderwärmung, Erderhitzung. Die „taz“ gibt sich jetzt eine klimagerechte Sprache: „RedakteurInnen werden dabei keine Vorschriften gemacht, was sie wie zu schreiben haben. Vielmehr bekommen sie Empfehlungen an die Hand, um Texte rund ums Klima noch prägnanter, noch besser zu gestalten“, heißt es. Das lesenswerte Papier von Torsten Schäfer, Professor für Journalismus an der Hochschule Darmstadt, gibt es hier (PDF).

Brauchen wir immer neue Eskalationsstufen?

„Klimakrise“ ist vielfach schon zu lesen, auch im Offenen Brief von Sara Schurmann. Manche würden gern zudem zur „Erderhitzung“ übergehen wie der britische „Guardian“. Bemerkenswert ist, was Schäfer dazu schreibt:

„Dennoch sollte man generell etwas Vorsicht walten lassen bei dem Willen, den Begriffen eine größere Warnwirkung zu verleihen: Katastrophenbotschaften gibt es im Umwelt- und Klimajournalismus ohnehin schon oft. Er wurde dafür vielfach kritisiert. Und dieser dominante ‚Risikoframe‘ scheint bisher nicht dazu beizutragen, dass das Publikum den so verfassten Klimabeiträgen hinterherrennt.“

Man sollte hinzufügen: Derartige Begriffe schrecken zunächst auf, doch dieser Effekt verschwindet mit der Zeit, weil man sich daran gewöhnt. „Erderhitzung“ dürfte in 20 Jahren niemanden mehr schrecken, die nächste Eskalationsstufe müsste her.

Das Problem bei solchen Begriffen, einschließlich „Klimakrise“ ist, dass sie nicht nur beschreiben, sondern zugleich bewerten. Das wirkt, wenn es etwa um einen Bericht aus der Klimaforschung mit objektiven Messungen geht, bestenfalls schräg.

Die Leserinnen und Leser sind nicht blöd

Es tut außerdem so, als wüsste keiner etwas mit dem etablierten Begriff „Klimawandel“ anzufangen. Dies ist, wie eingangs beschrieben, unzutreffend: Nicht alle wollen es wahr haben, aber jeder hat mitbekommen, dass es einen Klimawandel und seine Folgen gibt.

Drittens vermittelt „Klimakrise“ den Rezipienten den Eindruck, hier müsse noch mal besonders deutlich gemacht werden, dass es sich um eine sehr bedrohliche Sache handelt. Das erscheint mir übergriffig, mitunter überheblich. Leser, Hörerinnen und Zuschauer haben ein Gespür dafür, wenn sie nicht nur informiert und unterhalten werden, sondern wenn sie behandelt werden, als seien sie ein bisschen dumm und ihnen müsste noch etwas beigebracht werden.

Wenn sich Journalismus auf diese Masche einlässt, verliert er seine Glaubwürdigkeit. Den schrillen Ton sollte er den Aktivisten überlassen. Und sie genau im Blick behalten – auch wenn sie für die „gute Sache“ kämpfen.

90 Kommentare

  1. Das kann man so sehen. Jedoch das größere Problem ist, dass Journalisten viel zu häufig von interessierter Seite gesetzte Begriffe nicht hinterfragen und verfestigen: FlüchtlingsWELLE, Entsorgungspark, humanitärer Einsatz/ Auslandseinsatz u.v.m.
    Den „Klimawandel“ kann man in diese Reihe aufnehmen. Schön weichgespült und ohne Richtung. Man kann lediglich vermuten, dass es sich um eine Erhitzung handelt. Wo ist der „schrille Ton“, wenn man dem „Wandel“ eine Richtung beifügt?

  2. Ich habe zum Thema Sprachregelungen und Wirkung auf die Leserschaft einen Kommentar unter Sara Schurmanns Artikel geschrieben, der in eine ganz ähnliche Richtung geht: Mit diesen belehrenden Methoden schreckt man das Publikum ab und treibt es in die Arme der Skeptiker. Insbesondere wenn solche journalistischen Erzeugnisse auch anderweitig von Ideologie triefen, Stichwort Wokeness, Genderdeutsch.

    Der Kommentar wurde nicht freigeschaltet.

  3. schöner nüchterner Text und lässt sich gut lesen.
    Der Text erinnert mich an meine DLF-Nachmittage mit Forschung Aktuell.

  4. Ich würde auch den Begriff „klimagerecht“ sehr ernsthaft hinterfragen. Solche „Gerechtigkeiten“ findet man in letzter Zeit immer häufiger. „gendergerecht“ etc. Aber Gerechtigkeit ist kein objektiver Wert. Sie ist bestenfalls eine gesellschaftliche Konvention, die sich auch kurzfristig ändern kann. In der Regel ist es rein subjektiv, ob etwas als gerecht oder ungerecht empfunden wird. Das kennt man aus dem Strafrecht nur zu gut. Sich auf die Fahnen zu schreiben, ab sofort „klimagerecht“ schreiben zu wollen, ist also ein Bekenntnis zur Subjektivität.

    Wäre man böswillig, könnte man dahinter sogar den Versuch sehen, all jene zu diskreditieren, die das kritisieren oder nicht mitmachen wollen. Schließlich outen sich diese damit als „ungerecht“.

  5. Mir scheint hier der Widerspruch zwischen Schurmann und Nestler zu sein, wie sehr sich Journalisten als Aktivisten sehen oder sehen sollen. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein und deswegen handhaben das unterschiedliche Redaktionen unterschiedlich.

    Die Verallgemeinerung von Lesern, die der Autor hier betreibt, kann ich so nicht bestätigen. Mir sind Journalisten lieber, die sich von der Wissenschaft haben überzeugen lassen, dass hier ein Problem aktiv angegangen werden muss, als Journalisten, die den Klimawandel einfach neutral neben anderen Bereichen der Politik platzieren.

    Das Problem ist nicht, dass Journalisten sich beim Klimawandel zum Aktivisten machen, sondern dass sie sich bei jedem lokalen, für die Menschheit insgesamt noch so unbedeutendem Thema zum Aktivisten machen und die schrillen Schlagzeilen bei allen Themen keinen Raum mehr für eine Steigerung lassen.

  6. Moin!
    Ihr Kommentar steht doch unter dem Text. Lediglich der Kommentar, in dem sie sich beschweren, dass ihr Kommentar nicht freigegeben worden sei, steht nicht da, weil … naja .. Ihr Kommentar wurde ja freigegeben.

    Freundliche Grüße
    Jürn Kruse

  7. Ich gebe Ralf Nestler 100% Recht. Es nervt total, wenn statt über die Probleme über die Problem-Bezeichnungen endlos und fruchtlos diskutiert wird. Das man mit den angeblich unguten Bezeichnungen über Framing zu falschen Einordnungen kommt, ist wissenschaftlich nicht zu belegen.

    Beispiel: Klimawandel versus Klimakrise: Die Bezeichnung Klimawandel ist nicht weichgespült, sondern die korrekte, wenn auch zurückhaltende formulierte Position, dass sich das Klima ändert. Im Kontext wird meist deutlich, welche Richtung dieser Klimawandel nimmt und dass man darauf mit Maßnahmen zu reagieren hat. So öffnet dieser Begriff die Diskussion um die Art und Angemessenheit der Maßnahmen.
    Lieber Joachim, die von Dir genannten Beispiele passen alle nicht auf das, was Ralf Nestler behandelt, weil sie praktisch alle mit einer bestimmten Agenda verknüpft sind.

  8. Ich habe auch eher den Eindruck, dass hier aus dem Hype rund um das Thema „Framing durch Begrifflichkeiten“ wie so häufig, wenn eine Idee (Framing) in die breitere Debatte gerät, von vielen viel zu weitreichende Schlüsse gezogen werden. Framing kann maximal wirksam sein, wo ein bestimmter Aspekt eines Themas – sei er noch so klein oder nur theoretisch vorhanden – zur dominanten Sichtweise gerinnen soll (zB „humanitäre Intervention“) und wo man Medien dazu bringen kann, diesen Frame zu stützen.

    Das trifft auf Fragen rund um den Klimawandel nicht im Ansatz zu. Es spielt für das Problembewusstsein in der Bevölkerung keine Rolle, ob ich von Klimakrise oder Klimawandel spreche, denn unabhängig davon, ob jemand daran glaubt, weiß jeder, was damit gemeint ist. Solange die Berichte über die Auswirkungen oder gar die erlebbaren Auswirkungen des Klimawandels nicht schlimmer werden, wird auch die Umbenennung nichts bewirken. Wenn dagegen die konkreten Berichte zunehmen, kann man – vielleicht, jedenfalls sicher eher als mit Umbenennungen – etwas bewirken.

    Man könnte zB darüber nachdenken – vielleicht bei der taz? – eine wöchentliche Themenseite Klimawandel einzurichten, auf der das Thema möglichst anschaulich immer neu illustriert wird (falls das noch nicht gemacht wird). Aber klar, das kostet Geld, und die Idee, man müsse nur in die Sprache eingreifen, um etwas zu erreichen, ist so billig wie in postmodern-linken Diskursen allgegenwärtig.

    Ich sehe da wie der Autor eher die Gefahr, damit außerhalb der eigenen Blase Gegenreaktionen bis zum Überdruss zu erzeugen: zu platt und offensichtlich agitatorisch (im Gegensatz zu journalistisch) sind viele dieser Sprachkonstruktionen.

  9. Zum Satz: Erderhitzung dürfte in 20 Jahren niemanden mehr schrecken, die nächste Eskalationsstufe müsste her.

    Angesichts der sich jetzt entfaltenden Dynamik der KlimaKRISE können wir davon ausgehen, dass die Erde selbst für die nächste Eskalationsstufe sorgt. Sprache muss die Realität abbilden wie Zahlen. Und die Zahlen (Eisschmelze, Temperaturkurven …) sprechen eindeutig für eine krisenhafte Entwicklung, an deren Ende ein weiter Teil der Erde nicht mehr für Menschen bewohnbar ist.

  10. Krise
    schwierige Lage, Situation, Zeit [die den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt]; Schwierigkeit, kritische Situation; Zeit der Gefährdung, des Gefährdetseins

    Bitte was?

  11. Ja, ich finde „Krise“ auch nicht gut als Wort. Krise ist immer etwas vorübergehendes. Der Klimawandel wird die nächsten Jahrzehnte andauern und vielleicht noch länger. „Krise“ suggeriert damit fälschlicherweise, dass man ihn mit einer relativ kurzen, konzentrierten Anstrengung bewältigen kann.

  12. Nun, vielleicht sollte man im Journalismus wieder zum sinnvollen Gebrauch des eigenen Arbeitsmaterials zurückkehren: der korrekten Verwendung der Sprache nämlich.
    Klimakrise ist mindestens so idiotisch wie Klimaleugner, denn das Klima als solches kann keine Krise haben und es leugnet auch niemand, dass es ein Klima gibt.
    Ich bin ferner alt genug, um mich daran zu erinnern, dass Forscher und Medien im Angesicht einiger harter Winter und ausgefallener Sommer über das Bevorstehen einer neuen Eiszeit fabulierten.
    Mäßigung und Sachlichkeit wären das Gebot der Stunde und nicht der Drang ins Rampenlicht einer Kampagne.

    Im übrigen hat sich das Klima schon immer gewandelt und das wird es auch noch tun, wenn die Menschheit auf diesem Planeten nicht mehr existiert.
    Die Frage wäre also, was die Menschheit tun kann, um den ohnehin stattfindenden Wandel zum eigenen Vorteil zu steuern oder sich mit den Folgen zu arrangieren.
    Keine Lösung ist es, von den Menschen hierzulande Selbstkasteiung bis zur Rückführung auf simpelste Daseinsformen zu verlangen. Selbst wenn wir Deutschen uns komplett abschaffen, änderte dies gar nichts, solange 4,x Mrd. Asiaten und 1,x Mrd. Afrikaner weiterhin exzessives Bevölkerungswachstum und Wohlstandsvermehrung versuchen in Einklang zu bringen. Dies ohne jegliche Rücksicht auf Umwelt und Klimawandelfolgen…

  13. Eine Sache muss ich mal lobend erwähnen: Der Artikel streift hier ein Thema, das aktuell eigentlich das Hauptthema einer medienkritischen Plattform sein müsste – eigentlich seltsam, dass Übermedien es sonst so sorgfältig vermeidet.

    Unsere „Qualitätsmedien“ haben ein seit längerer Zeit ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Dem etablierten Moraljournalismus entkommt man eigentlich nur auf Alternativmedien oder auf einigen wenigen Kolumnen wie z.B. die Thomas Fischers.

    Das was Ralf Nestler unter der Zwischenüberschrift Die Leserinnen und Leser sind nicht blöd schreibt, bringt diese Kluft zwischen Lesern und Redakteuren – endlich einmal – zur Sprache. Man könnte täglich ein Dutzend Artikel darüber veröffentlichen.

    Und der Artikel richtet sich gegen Übermedien selbst, denn Übermedien ist ein Teil des Problems.

    Die Gendersprache, die kein Mensch im Alltag spricht, ist – wie so oft – behelfsmäßig eingestreut.

    zweimal „Journalistinnen und Journalisten“
    einmal „Wissenschaftlerinnen oder auch Politiker“
    einmal „Leser, Hörerinnen und Zuschauer“

    dagegen:
    viermal „Journalisten“
    zweimal „Forscher“
    einmal „Rezipienten“
    einmal „Aktivisten“
    einmal „keiner“, einmal „jeder“

    Stand 4:9

    Wie kann man der Meinung sein, dass das irgendwem weiterhilft? Wenn man das nicht konsequent durchzieht, bedeutet es ja, dass man nicht wirklich davon überzeugt ist, dass man nur hier und da ein Fähnchen schwingt. Letztlich ist das unaufrichtig. Und zudem unprofessionell. Ein Journalisten sollte doch Sprache beherrschen.

  14. Ich finde es beim Medienkonsum sehr unangenehm, wenn ich das Gefühl bekomme, dass die Autoren mich im aktivistischen Eifer belehren möchten.

    Ein Beispiel dafür ist auch die „gendergerechte Sprache“ mit „Genderstern“. Ich finde derartig verfasste Texte schwer zu erfassen, weil man erst schauen muss, wohin das abgetrennte „innen“ zuzuordnen ist. Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt es ab, trotzdem nutzen viele Journalisten es, weil sie persönlich es für richtig halten, und bauen Lesenblockaden in ihre Texte ein (Ralf Nestler gendert in seinem Text ja hingegen sehr elegant).

    Ich habe ab einem bestimmten Zeitpunkt die tagesschau bei Instagram deabonniert, einfach, weil mich die Sternchen genervt haben und ich das Gefühl habe, dass mich da jemand belehren möchte, und bin zur faz gewechselt.

    Dass es das Ziel der Autoren ist, einen Teil der Leserschaft durch ihren Aktivismus, z.B. eben in Form von „klimagerechter“ Sprache oder durch exzessives Gendern, an andere Medien zu verlieren, bezweifle ich.

  15. Diese ständige Beschäftigung mit Sprachregelungen ist nicht der einzige Schwachpunkt des Klima-Haltungsjournalismus. Auch inhaltlich gehen die Maßstäbe verloren. Am besten sichtbar ist das an der medialen Bedeutung Greta Thunbergs.

    Sie ist sympathisch, weckt Empathie und Emotionen, ist kindlich, tugendhaft, verständig, gebildet, macht überwiegend wissenschaftlich korrekte Aussagen.

    Aber trotzdem ist es falsch und kontraproduktiv, ihr diese Aufmerksamkeit zu widmen. Denn damit bewirkt oder verstärkt man eine Spaltung der Gesellschaft. Wissenschaft und Personenkult schließen sich aus.

    Leider dreht unser Haltungsjournalismus immer weiter an dieser Spirale. Kritik an der medialen Überhöhung Greta Thunbergs deutet man um zu Hass auf Greta Thunberg … und macht sich damit zur Lügenpresse.

    Es gibt durchaus guten Wissenschaftsjournalismus. Aber das nützt nichts mehr, man hat das Vertrauen von zu vielen bereits verloren. Die Wissenschaft ist zu komplex, als dass die Leute es selbst überprüfen könnten, da muss es ein Grundvertrauen geben. (Und das wäre durchaus gegeben, die meisten Leute zweifeln ja nicht an der Existenz von Schwarzen Löchern und dergleichen.)

    Fridays for Future steht nicht nur für Klimawissenschaft, sondern auch für Antikapitalismus und Feminismus. (Mal abgesehen von der Problematik des oft kindlichen Alters der Mitstreiter und des Schuleschwänzens.) Gestandene Wissenschaftler machen sich mit dieser Bewegung gemein.

    Mir ist fast die Kinnlade runtergefallen, als ich in Stefan Rahmstorfs Blog (das ich eigentlich schätze) lesen musste:
    Und so ist es auch in der Realität: wie im Märchen sind es unsere Kinder, allen voran Greta Thunberg, die einen ungetrübten Blick auf die wissenschaftliche Wahrheit haben.
    (Er bezieht sich auf das Märchen vom nackten Kaiser.)

    Warum glauben Journalisten (und offenbar auch Wissenschaftler), dass man durch solch offenen Aktivismus etwas gewinnen kann? Das geht doch nur, wenn man sein Publikum für ziemlich dumm und fremdbestimmt hält. Nach dem Motto: Wenn man die Herde nur genug treibt, dann läuft sie schon in die richtige Richtung.

  16. @13 Stephan Fleischhauer

    „Dem etablierten Moraljournalismus entkommt man eigentlich nur auf Alternativmedien oder auf einigen wenigen Kolumnen wie z.B. die Thomas Fischers. “

    Oh diese kindliche Naivität, das ist ja fast süß. Als ob „Alternativmedien“ nicht auch „Moraljournalismus“ betreiben. Es gibt einfach keinen neutralen, moralisch unbewerteten Journalismus. Das geht nicht, es sei denn Maschinen verfassen die Texte wie bei Sportergebnissen. Sie haben nur ein Problem damit, dass die „Qualitätsmedien“ im Gegensatz zu gewissen „Alternativmedien“ nicht Ihre Moral vertreten. Mich wundert nur, dass Sie bei den „Qualitätsmedien“ WELT und FAZ nicht fündig werden wie Peter Maier.

    @15 „Kritik an der medialen Überhöhung Greta Thunbergs deutet man um zu Hass auf Greta Thunberg“ – Oh ja, wer erinnert sich nicht an die Reaktion auf die verzweifelte Rede Thunbergs, dass Medien ihre Inhalte überhaupt nicht würdigen, woraufhin „man“ ihr Selbsthass vorwarf? Sogar der Volksverpetzer hasst Greta Thunberg: https://www.volksverpetzer.de/schwer-verpetzt/greta-ipcc-davos/

    „Dieser Artikel hat uns bei Volksverpetzer zum Nachdenken angeregt. Wenn sogar ein Bericht, der Gretas Vorwürfe zitiert, dass die Zahlen nicht berichtet werden, diese Zahlen nicht berichtet, tun es die anderen? Wir haben uns zuerst stichprobenartig mehrere Artikel der größten deutschen Zeitungen zu Gretas Rede in Davos herausgesucht. Der Focus nicht, auch nicht in einem Artikel mit dem Titel “‘Nicht aufhören,die Zahlen zu nennen’: Greta ignoriert Frage und hält spontan Rede” (Link, Update: Inzwischen wurden die Zahlen nachgetragen). Auch die ZEIT nicht, die Frankfurter Rundschau nicht, Tagesspiegel nicht, die WELT nicht. Die WELT beendet ihren Artikel auch mit dem Satz Gretas: “Aber ich werde diese Zahlen wiederholen, bis ihr es tut.” Ohne die Zahlen zu nennen, natürlich.“

    „Fridays for Future steht nicht nur für Klimawissenschaft, sondern auch für Antikapitalismus und Feminismus. “ – ah daher weht der Wind. Ein Kapitalist und Antifeminist also.

    Kontext ist wichtig. Rahmstorf schrieb: „Am Ende vergleicht Wodarg die Lage bei Corona mit dem Andersen-Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Wie der Kaiser durch die Hofschranzen werden angeblich jetzt auch die Politiker hofiert von vielen Wissenschaftlern, die wichtig sein wollen für die Politik, weil sie Gelder brauchen. Auch dieser Vergleich ist ein Klassiker der „Klimaskeptiker“. Nur dass im Märchen ein Kind und nicht ein Pensionär die Wahrheit erkennt. Und so ist es auch in der Realität: wie im Märchen sind es unsere Kinder, allen voran Greta Thunberg, die einen ungetrübten Blick auf die wissenschaftliche Wahrheit haben.“

    Das kann man natürlich mutwillig falsch verstehen und Thunberg in den Mittelpunkt der Argumentation stellen, muss man aber nicht.

  17. Dieser Kommentarbereich schon wieder… OK, liebe Boomer, jetzt muss ich mal unfreundlich werden. Sorry im Vorraus.

    Die breitbeinige vorgetäuschte Gelassenheit und ach so nüchterne Ausgewogenheit, die die Stephans, Rainers, Peters und Andreas‘ hier mal wieder zur Schau stellen, ist absolut symptomatisch.

    Symptomatisch für die völlige Unfähigkeit tatsächliche Katastrophen irdischen Ausmaßes angesichts erdrückender Faktenlage als solche zu (anzu-) erkennen; man hat ja schließlich schon alles gesehen und „et hätt noch emmer joot jejange“ und man hat ja alles im Griff. Nein, ihr habt gar nichts im Griff, ihr verschließt nur ganz fest die Augen, wie ein kleines Kind dass die Realität nicht sehen will.

    Symptomatisch auch die selbstgefällige Wohlstandsbequemlichkeit, mit der selbst die kleinste sprachliche Irritation, geschweige denn die kleinste Veränderung im Konsumverhalten als schwerwiegendere und bekämpfenswertere Disruption eingestuft wird, als die menschengemachte Vertreibung von Abermillionen von Menschen, die regelrechte Verwüstung weiter Teile des Planeten oder die nachhaltige Zerstörung ganzer Ökosysteme mit irreversiblen und unabsehbaren Folgen über geologische Zeiträume hinweg.

    Über eure unfassbare und zu tiefst egoistische Borniertheit und Selbtsbezogenheit wird man, so glaube ich, in zukünftigen Geschichtsbüchern einiges lesen dürfen. Und ihr habt, so meine persönliche Meinung, jede Verachtung verdient, die euch da in Zukunft noch entgegenschlagen wird.

  18. @12 Andreas: „Nun, vielleicht sollte man im Journalismus wieder zum sinnvollen Gebrauch des eigenen Arbeitsmaterials zurückkehren: der korrekten Verwendung der Sprache nämlich.
    Klimakrise ist mindestens so idiotisch wie Klimaleugner, denn das Klima als solches kann keine Krise haben und es leugnet auch niemand, dass es ein Klima gibt.“
    Das ist doch eine völlig falsche Darstellung, wie Komposita im Deutschen funktionieren. In der „Flüchtlingskrise“ ging es auch nicht um die Krise der Flüchtlinge, der „Strauchdieb“ ist nicht jemand, der Sträucher stiehlt und der „Kinderdöner“, naja …

    „Die Frage wäre also, was die Menschheit tun kann, um den ohnehin stattfindenden Wandel zum eigenen Vorteil zu steuern oder sich mit den Folgen zu arrangieren.“ Auch das ist Quatsch. Die derzeit stattfindende Erwärmung des Klimas ist nahezu vollständig der Menschheit zuzuschreiben, sie suggerieren hier, es wäre ein natürlicher Vorgang, das ist nicht so.

    „Keine Lösung ist es, von den Menschen hierzulande Selbstkasteiung bis zur Rückführung auf simpelste Daseinsformen zu verlangen.“ In welchem Medium wird das denn verlangt? Welche Partei hat denn sowas im Programm? Wenn es ein breites Phänomen ist, haben Sie sicherlich kein Problem Beispiele zu nennen. Oder ist der Umstieg von Verbrenner auf BEV schon Selbstkasteiung? Oder wollen Sie hier nur einen Strohmann basteln?

    „solange 4,x Mrd. Asiaten und 1,x Mrd. Afrikaner weiterhin exzessives Bevölkerungswachstum und Wohlstandsvermehrung versuchen in Einklang zu bringen. Dies ohne jegliche Rücksicht auf Umwelt und Klimawandelfolgen…“
    Aha, es ist also der „lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp“ (Zitat Björn Höcke), der rücksichtslos die Erde verwahrlosen lässt, im Gegensatz zum edlen Deutschen, der ja nur 2% der weltweiten Emmissionen verursacht? Der ganze Absatz ist völlig aus der Luft gegriffen. In Afrika finden Sie nicht ein Land, das auch nur annähernd den Beitrag zum Klimawandel erreicht, den Deutschland hat, weder aktuell, noch historisch, weder gesamthaft noch pro Kopf. Tatsächlich finden sich in der Liste der Länder nach CO2-Emmissionen pro Kopf viele afrikanische Staaten unterhalb 0,4 to p.a., und damit haben die Einwohner dieser Länder einen geringeren CO2-Abdruck als eine deutsche Hauskatze.

    @4 Martin:“Ich würde auch den Begriff „klimagerecht“ sehr ernsthaft hinterfragen. Solche „Gerechtigkeiten“ findet man in letzter Zeit immer häufiger. „gendergerecht“ etc. Aber Gerechtigkeit ist kein objektiver Wert.“
    Mit „klimagerecht“ soll kein Zusammenhang zu Gerechtigkeit hergestellt werden, es meint vielmehr passend, adäquat (dem Thema/dem Sachverhalt gerecht werdend). Ich sehe hier keine normative Dimension.

    @15 Stephan Fleischhauer: „Warum glauben Journalisten (und offenbar auch Wissenschaftler), dass man durch solch offenen Aktivismus etwas gewinnen kann? Das geht doch nur, wenn man sein Publikum für ziemlich dumm und fremdbestimmt hält. Nach dem Motto: Wenn man die Herde nur genug treibt, dann läuft sie schon in die richtige Richtung.“

    Das nennt sich Haltung und steht selbstverständlich auch Wissenschaftlern zu, solange Sie dies nachvollziehbar darstellen. Es handelt sich ja, wie bemerkt, um einen Blog, nicht um eine wissenschaftliche Publikation. Ihrer Argumentation folgend könnte man auch Einstein vorwerfen, dass er sich gegen die A-Bombe stark gemacht hat. Meiner Meinung nach wird ein Publikum dann für dumm und fremdbestimmt gehalten, wenn man ihm unterstellt, nicht Meinung und Sachbeitrag differenzieren zu können.

  19. @ErwinZK

    Rahmstorf behauptet, dass Kinder einen ungetrübten Blick auf wissenschaftliche Wahrheit hätten.

    Wenn er dies auf Greta Thunberg beschränkt hätte, würde ich die Aussage akzeptieren. Greta Thunberg hat sich wohl recht gut in die Materie eingearbeitet. Ich selbst habe das auch gemacht, vor etwa 12 Jahren, da war Greta noch Kleinkind. Da sie aber nicht viel zum Thema publiziert, lässt es sich nicht im Detail überprüfen – sie ist eine Medienfigur, weder Wissenschaftlerin noch Journalistin.

    @Joshua Ebert
    Ich weiß sehr gut, wie ernst das Klimaproblem ist. Daraus folgt aber nicht, dass ich die Art der gegenwärtigen medialen Vermittlung richtig finden muss.

  20. @Joshua Ebert
    Mich würde interessieren, wie Sie zum obigen Artikel stehen, der den Haltungsjournalismus ja durchaus kritisieren. Leider kommentieren Sie nur die Kommentatoren.

    @Gastbeitrag
    Mein Problem mit Rahmstorf ist, dass er in dem zitieren Satz totalen Unsinn redet.

    Mich stören – nebenbei gesagt – noch ein paar andere Details, z.B. sein Gebrauch von dramatisierenden Wörtern wie Erderhitzung (was wohl an Küche oder Chemieunterricht erinnern soll) oder von Gendersprech auf Twitter sowie die mangelnde Distanz zu Leuten, die klar ideologische Positionen vertreten. Ich befürchte, er sieht nicht, dass er sich damit selbst schadet. Ein Wissenschaftler darf natürlich politische Positionen vertreten, aber er sollte dabei als nüchterner Rationalist auftreten. Das ist nur eine Empfehlung meinerseits, ich sehe das als strategisches Vorgehen. Es geht darum, dass man wissenschaftliche Erkenntnisse allen vermittelt, nicht nur der eigenen Lieblingsfilterbubble.

    Das hatte ich auch an dem Aufruf von Sara Schurmann kritisiert. Durch ihre demonstrativ zur Schau gestelltes Gegendere verkauft sie ihren „Leser:innen“ den Feminismus gleich mit. Leider wurde mein diesbezüglicher Kommentar wegen eines Missverständnisses nicht freigeschaltet.

  21. Vielleicht ist es ja auch gewollt solche Leute, die genderisierte Sprache als Hindernis zum Sachinformationsempfang sehen, präventiv zu vergraulen.
    So spammen diese nur andere Kommentarbereiche zu, nicht den eigenen.

  22. Es ist eher ein Hindernis, Leute ernstzunehmen.

    Aber dass die Spaltung der Gesellschaft gewollt ist, könnte durchaus sein.

  23. Lieber Joshua Ebert,
    er wäre schön, wenn Du Deine Pauschalkritik konkret sachbezogen statt persönlich unsachlich formulieren könntest. Mit deiner Verachtung werde ich schon klarkommen, schließlich werden wird man erst wissen, ob gegenwärtig Gelassenheit oder Panikmache richtig ist, wenn wir schon lange auf dem Friedhof liegen. Falls es dann noch Geschichtsbücher geben solle, schließlich ist alles den Bach runtergegangen (sorry, das war jetzt Polemik).

  24. @14: Das ist eine sehr putzige Begründung gegen Schreibweisen, die nicht nur das generische Maskulinum nutzen.
    „Ich finde derartig verfasste Texte schwer zu erfassen, weil man erst schauen muss, wohin das abgetrennte „innen“ zuzuordnen ist“ Übersetzung: Es nervt mich, dass ich einen Text minimal aufmerksamer lesen muss als sonst? Texte mit Sternen sind mir zu kompliziert? Meine Gewohnheiten will ich nicht ändern und finde es auch doof, dass ich bei €-Preisen immer selbst in D-Mark umrechnen muss?
    „Die Mehrheit der Bevölkerung lehnt es ab, trotzdem nutzen viele Journalisten es“ Übersetzung: Man soll mir gefälligst nach dem Mund schreiben? Die Mehrheit der Schüler*innen lehnt vermutlich auch Sechsen im Vokabeltest ab, trotzdem nutzen viele Lehrkräfte sie. Die Mehrheit der Autofahrer lehnt auch Strafzettel für Falschparken ab, trotzdem gibt es sie.

  25. Rainer Meyer: Nagut, dann nochmal inhaltlicher:

    Nein, wenn wir auf dem Friedhof liegen ist nicht „alles den Bach runtergegangen“, und Geschichtsbücher (im weitesten Sinne) wird es vermutlich noch lange geben. Denen wird dann allerdings zu entnehmen sein, dass im 20. und 21. Jahrhundert v.a. eine privilegierte Schicht von Menschen sehenden Auges eine ökologische Katastrophe angerichtet hat, an deren Folgen spätere Generationen noch lange zu knabbern haben werden und die mittelbar den Tod und die Vertreibung vieler Millionen anderer Menschen verursacht haben wird. Wir haben daran alle unseren Anteil (ich auch).

    Worauf sich mein genervter Kommentar bezog: Es Menschen, die gerne zur Aufklärung und Lösung dieses gewaltigen Problems beitragen würden, während andere auch im Jahre 2020 noch immer viel Energie darauf verwenden, zu beschwichtigen, zu beschönigen und gegen eine vermeintliche „Panikmache“ anzureden, obwohl der öffentliche Diskurs gerade erst begonnen hat, dem Problem nennenswerte Aufmerksamkeit zu schenken und wenigstens ansatzweise der Ernsthaftigkeit der Lage gerecht zu werden.

    Da wird dann Alarmismus gewittert, wenn bspw. von Erderhitzung gesprochen und darauf hingewiesen wird, dass der Begriff „Klimawandel“ nicht etwa neutral und objektiv ist. Ist er aber wirklich nicht. Jede Bezeichnung für eine Sache hat einen bestimmten Deutungsrahmen, setzt einen Schwerpunkt und lässt andere Dinge aus. Hier werden etwa folgende Informationen ausgelassen: Wohin wandelt sich das Klima; seit wann; wie schnell; wodurch, wer trägt Verantwortung… ? Das macht den Begriff nicht immer automatisch zur falschen Wahl. Als feststehende Bezeichnung für die anhaltende menschengemachte Erhitzungsphase der Erdatmosphäre ist er aber tatsächlich latent verwässernd, ablenkend, beschönigend, einfach weil sein Informationsgehalt bezüglich fast aller relevanten Fragen Null ist. Dass sich das Klima irgendwie „wandelt“ ist in der Tat banal und eine Konstante der Erdgeschichte. So what? Dass die Industrienationen (und hier wiederrum überproportional die reicheren Teile ihrer Bevölkerung) seit Jahrzehnten durch fast ungehemmte Emission von Treibhausgasen eine einmalig schnelle Erhitzung verursachen, unsere Ökosphäre schwer schädigen und die dadurch enstehenden gigantischen Probleme v.a. auf ärmere Menschen und auf kommende Generationen abwälzen (mit den genannten Folgen): Das ist eine andere Geschichte! Die Geschichte eines großen Verbrechens. Und als solches darf und sollte sie auch erzählt werden.

    Den kritischen Diskurs über politische Sprache verhindern zu wollen, ist bestenfalls naiv, schlimmstenfalls ein Machtgebaren derer die sich die Bequemlichkeit angeblich „neutraler“ Sprache leisten können, wo Sprache in Wirklichkeit zu ihrem Vorteil wirkt.

    Wenn dir jemand aus niederen Motiven mit einer Axt den Kopf spaltet und dir damit das Leben nimmt (bitte nicht als Drohung lesen, ich bin ganz friedlich), könnte man als Umschreibung des Vorgangs ganz verschiedene Begrifflichkeiten wählen, die alle auf ihre Weise richtig sind. Man könnte das Ganze z.B. „Axtmord“ nennen. Aber auch „gewaltsame Verwendung eines Werkzeugs“. Oder auch schlicht „Schädelverformung“. Ist ja sachlich richtig, oder? Und dann könnte jemand hinzufügen: „Schädelverformungen hat es schon immer gegeben“. Stimmt ja auch irgendwie. Z.B. bei Kindern in der Wachstumsphase, oder auch ganz gezielt etwa bei den Mangbetu. Oder? Angenommen solche Axtmorde wären gesellschaftlich extrem weit verbreitet und würden medial standardmäßig tatsächlich „Schädelverformungen“ genannt, und PolitikerInnen würden regelmäßig beteuern man müsse gegen Schädelverformungen irgendwann irgendwas unternehmen, während aber weiter Menschen relativ ungehindert und sogar ganz legal mit Äxten durch die Innenstädte rennen und Leute totkloppen: Wäre es da „Panikmache“ oder „endlose und fruchtlose Diskussion um Problem-Bezeichnungen“, wenn jemand auf den Tisch haut und vorschlägt, das Ganze nicht nur zu beenden, sondern auf dem Weg dahin endlich von Axtmorden zu sprechen?

    Die Vorstellung es gäbe so etwas wie völlige politische Neutralität und Objektivität, auch und gerade im Sprechen: Sie ist albern, dumm und bequem.

  26. Das International Panel of Climate Change existiert seit 1988 und muss dann wohl umbenannt werden.

    Es gibt eine Seite No, a Republican strategist didn’t invent the term ‚climate change‘, die sagt:
    The roots of the term have been around since 1956, when a scientist referred to it as „climactic change“ in a paper, said Skeptical Science, a fact-checking site run by environmental scientists

    Jahrzehntelang war diese „Wischiwaschi-Sprache“ gut genug. Bis die besonders Wohlmeinenden kamen, die schon in der Schule die verhasste Physik frühestmöglich abgewählt haben und heute nichts auf die Reihe kriegen als Streit säen.

  27. Lieber Joshua, ich kann leider nicht erkennen, was Dein Beitrag mit dem Artikel von Ralf Nestler und meinem Kommentar dazu zu tun hat. (Ich wüsste auch nicht, wo ich Dir widersprechen sollte.) Ich verstehe Nestler Stoßrichtung so, dass er deutlich machen will, dass Alarmismus zur Lösung des von Menschen durch zu starken Ressourcenverbrauchs verursachten Klimawandels eher weniger hilfreich ist. Dem habe ich zugestimmt und meine emotionale Reaktion auf die unsinnigen Wortbezeichnungs-Diskussionen ergänzend geschildert. Man wird dieses, wie viele andere Probleme auch, nicht durch richtige Wortfindung oder korrekte Wortverwendung lösen können, (was Du allerdings auch gar nicht behauptet hast).

  28. @24 Mr Re
    „Übersetzung: Es nervt mich, dass ich einen Text minimal aufmerksamer lesen muss als sonst? Texte mit Sternen sind mir zu kompliziert?“
    Genau, Menschen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche sollen sich einfach mal ein bisschen anstrengen!!! Faules Pack!!!!!

    „Die Mehrheit der Schüler lehnt vermutlich auch Sechsen im Vokabeltest ab, trotzdem nutzen viele Lehrkräfte sie.“
    Welcher Konsument journalistischer Medien will sich denn bitte in der Rolle eines Schülers wiederfinden?
    Zum Glück dürfen sich erwachsene Menschen selbst aussuchen, welche Medien sie Lesen möchte und welche nicht. Ich nehme an, dass Sie das nicht anders sehen.
    Wenn sich eine große Zahl von Leser von Inhalten abgeschreckt fühlen, in denen deutlich andere Begriffe und grammatische Formen als üblich verwendet werden (und sie dadurch das Gefühl bekommen, da schreibt einer belehrend vom hohen Ross auf sie herab), und sie sich stattdessen „Alternative Medien“ suchen, sehe ich das schon als relativ große Gefahr an. Eigentlich möchte man als Journalist doch so viele Menschen wie möglich erreichen, um sie zu überzeugen. Oder etwa nicht?

  29. @26: Meinen Sie das IPCC, also das Intergovernmental Panel on Climate Change?
    Was spräche denn dagegen, eine 32 Jahre alte Institution umzubenennen, weil ihr Name nicht (mehr) die Dringlichkeit der Realität entspricht?
    Eine Umbenennung entspräche ja auch der Realität: Wir kommen jetzt in die Phase der Unumkehrbarkeit und wo Zweifel am „menschgemacht“ ausgeräumt sind.
    Vieleicht könnte das IPCC damit ja ein Zeichen setzen.
    Ich schlage mal „Catastrophe“ statt „Change“ vor, dann muss man evtl. nicht mal die Briefbögen oder Gebäudebeschriftungen ersetzen.
    Kost ja auch alles Geld.

    Sprache formt die Realität, bzw. wie wir sie wahrnehmen. Das lernt man nicht in Füsik.

  30. @Begriffsdiskussion: wieso muss man sich denn überhaupt für die Verwendung eines Begriffes entscheiden? Ist es denn so unerträglich, wenn die eine Hälfte der Menschen von Erderhitzung, die anderen con Erderwärmung, die einen von Klimawandel und die anderen von Klimakatastrophe sprechen? Ich kann hier nicht nachvollziehen, warum man unbedingt die andere Seite „canceln“ will. Und zum IPCC: Nur weil hier das „Climate Change“ als Namensbestandteil enthalten ist, ist man doch nicht an eine bestimmte Sprachregelung gebunden. Das Reichstagsgebäude verpflichtet uns doch auch weder zu einer Sprachregelung noch zu einer inhaltlichen Positionierung.
    @Gendern: Die Problematik hier sehe ich in der Tat auch darin, dass hier mehr als nur die Sprachregelung betroffen ist, da ja üblicherweise keine Sonderzeichen innerhalb von Wörtern verwendet werden. Ich empfinde das auch sehr störend, und bei mir führt das auch nicht dazu, dass ich mir mehr Frauen als handelnde Subjekte vorstelle (geschweige denn andere LGBTQ+-Menschen). Wie sollte diese Vorstellung denn auch anders aussehen, als in Klischees, wenn ich beispielsweise gar keine queere Bäckerin kenne, die für mich als realle Vorlage dienen könnte? Man kann also auch mal ernsthaft darüber sprechen, ob die Sternchen/Rauten/Binnen-Is/-x wirklich den gewünschten Effekt haben.

  31. @ Gastbeitrag:
    Sie haben offensichtlich gerade überlegt, ob Sie eigentlich queere Bäcker*innen kennen. Man könnte sagen, damit hat die gegenderte Schreibweise ihren Zweck doch schon erfüllt, oder? An das Sternchen oder was auch immer werden wir uns genauso gewöhnen wie z.B. an „Fantasie“ und „Grafik“ mit „f“ statt „ph“.
    Zum Artikel:
    An der Diskussion hier, ob z.B. „Klimakrise“ als Begriff zu alarmistisch, oder gar zu verharmlosend ist, lässt sich ablesen, dass es die geforderte „Neutralität“ möglicherweise nicht gibt. Was natürlich nicht heißt, dass man nicht darauf achten kann, sich sprachlich zumindest bewusst nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

  32. @28: Jetzt sind also Journalist*innen, die Gender-Sternchen nutzen, Schuld daran, dass Menschen zu ‚alternativen‘ rechten Medien abwandern? Das wird ja immer besser. Wenn Gendersternchen das Fass zum Überlauf bringen, muss es schon sehr voll gewesen sein – und diese Menschen schon so knapp vorm Abdriften, dass ihnen jede Ausrede recht ist, endlich nicht mehr ‚dem Mainstream‘ glauben zu müssen.

    Und mal ehrlich, „deutlich andere Begriffe“ sind es nun auch nicht, das ist doch hanebüchen. Weigern Sie sich auch, Medien zu lesen, die die neue Rechtschreibung nutzen? Oder Schriftgröße 12 statt 11?
    Und mit LRS hat das Sternchen auch nichts zu tun, das hindert den Lesefluss nicht mehr oder weniger als z.B. Ausrufungszeichen – da sind Schriftgrößen, Serifen, Absätze etc. in diesem Bereich viel relevanter, das ist eine schwache Ausrede.

  33. „Sprache formt die Realität, bzw. wie wir sie wahrnehmen.“

    Vermutlich die größte Dummheit, die die Kultur der Wokeness zu bieten hat, die Basis der Verwirrten. Leicht zu glauben, schwer sich davon zu lösen. Wer sich auch nur ansatzweise mit Linguistik und/oder Sprachphilosophie beschäftigt hat, weiß es besser.

    Für Anfänger verständlich erklärt z.B. hier:

    https://www.youtube.com/watch?v=QglKeIIC5Ds

    Das ist die linguistische Seite.

    Fortgeschrittene beschäftigen sich zusätzlich sprachphilosophisch damit, wie Bedeutung in „tote Zeichen“ kommt, etwa mit Wittgenstein, das dauert aber ein paar Jahre. Da lernt man dann, wie und warum die Bedeutung der meisten Worte in ihrem Gebrauch liegt, d.h. immanent in sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen zu finden ist, die in diversen Relationen zueinander stehen.

    Aber bis das mal soweit ist, ist der Planet wahrscheinlich schon ein Backofen. Und die letzten Menschen werden sich gegenseitig den Garaus machen über der Frage, wieviele Sonderzeichen vor den „innen“ stehen sollen.

  34. Lassen wir einmal Anatol Stefanowitsch sprechen, denn der muss es ja wissen.

    https://zeit.de/kultur/2019-01/gender-sprache-geschlechtergerechtigkeit-hannover-leitfaden-gleichstellung/komplettansicht

    „Anders als bei den eingangs diskutierten geschlechtsneutralen Formulierungen handelt es sich bei den orthografischen Konventionen nämlich um das, was in der Sprachwissenschaft als „soziolinguistischer Marker“ bezeichnet wird – sprachliche Merkmale, die von der Sprachgemeinschaft mit bestimmten sozialen Gruppen assoziiert werden.“

    Mit anderen Worten, diese typograhischen Varianten sind auch eine Art Markenzeichen bestimmter Communities.

    Weiter: „Indem man die Bediensteten der Stadt Hannover zum Gendersternchen verpflichtet, zwingt man sie kurzfristig in eine Community of Practice, zu der sie eigentlich nicht gehören. Mittelfristig löst man damit dann die Verbindung des Markers zu dieser Gemeinschaft auf: Solange ich das Gendersternchen freiwillig – vielleicht sogar gegen gewisse Widerstände – verwende, kommuniziere ich damit auch, dass ich mich zu einer Gruppe von Menschen mit bestimmten Vorstellungen über Geschlecht rechne. Je mehr Menschen eine bestimmte Form verwenden, weil sie dazu gezwungen sind, desto schlechter lassen sich solche Rückschlüsse ziehen. Das Gendersternchen verliert so nicht nur seine Bedeutung im engeren Sinne, sondern auch seine Fähigkeit, die Weltsicht derjenigen zu vermitteln, die es verwenden.“

    Es geht also gar nicht darum, sich ein bisschen umzugewöhnen, damit Sprache besser wird. Der eigentliche Sinn der Sache ist: Sich zu einer bestimmten Gruppe zu bekennen. Und diese Gruppe muss sogar unter sich bleiben, muss sich vom gemeinen Pöbel abheben.

    So erklärt sich auch, dass die Gendersprache solche seltsamen Verrenkungen macht. Sie soll anstrengend sein, das ist ein Feature. Sie soll zum Stolpern bringen, sie soll inkonsistent, unlogisch und sprachwidrig sein. Sie soll nicht leichtfallen. Sie soll auffällig sein. Sie soll ganz klar trennen zwischen denen, die sich unterwerfen und denen, die sich sträuben.

    Man könnte es ja auch einfacher haben, man könnte z.B. den Vorschag der feministischen Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch aus den Soebzigern übernehmen, man könnte sich einfach am englischen Vorbild orientieren, z.B. das Suffux -in einfach abwerfen.

    Es erklärt auch, warum Gendersprech immer wieder upgedatet wird. Wer nicht Doppelpunkt schreibt, ist kein echtes Mitglied der Szene. Und das schöne ist, man sieht es sofort. Wer dazugehören will, muss die Updates einspielen.

    Autoritäre Regime führen gern bestimmte Grußformen ein, damit man schnell erkennt, wer nicht auf Linie ist. Kürzlich ging ein Video der amerikanischen BLM-Proteste viral, in der eine Frau am Restauranttisch dazu gedrängt wurde, symbolisch die Faust zu heben.

    Wer Gendersprache verweigert, ist nicht einfach bequem, sondern verweigert sich diesem Konformitätsdruck.

    Mal zwei Fragen an die Befürworter des Genderns:

    Was halten Sie davon, dass im obigen Artikel nur sehr nachlässig gegendert wurde? Ist das richtig so, nur bei einem Drittel der Gelegenheiten zu gendern? Reicht das?

    Wie sprechen Sie mit anderen im Alltag? Wir schreiben Sie Nachrichten an persönliche Freunde? Wie setzen Sie Gendersprache um?

    Müssen irgendwann auch Nachnamen wie Niggemeier gegendert werden? Ist das nicht sogar wichtiger als Straßennamen umzubenennen?

  35. Entscheiden Sie sich doch mal, Herr Fleischhauer – sind Linguisten wie Herr Stefanowitsch nun ernstzunehmende Wissenschaftler oder Schluffis, die Physik abgewählt haben und deshalb nichts Gescheites zustandebringen? Aber da Sie ja auch zu denken scheinen, unter einem autoritäten Regime leben zu müssen (Ihre Worte), zetern Sie gern weiter, wenn’s Ihnen hilft.

    Und Ringsofsaturn: „Wer sich nur ansatzweise mit Linguistik beschäftigt hat…“ blabla. Der sollte die Sapir-Whorf-Hypothese, Konstruktivismus und Sprechakttheorie kennen.

  36. @33 MR RE

    Ihre Vergleiche sind leider nicht nachvollziehbar. Schriftgrößen und Rechtschreibregeln haben damit überhaupt nichts zu tun.

    Ein Ausrufezeichen steht am Ende eines Satzes, nicht irgendwo mitten Wort. Durch den Stern wird aber ins Wort eine breite Lücke geschoben, ohne, dass eine Sinngrenze vorliegt. Diese Lücke ist in den meisten Schriftarten sogar breiter als ein Leerzeichen. Übrig bleibt ein alleinstehendes „innen“ mit einem schräg darüberschwebenen Stern. Um den Sinn zu erfassen ist es dann eben nötig noch mal drüber zu lesen, um zu schauen, in welchem Zusammenhang das „innen“ steht. Das stört den Lesefluss erheblich. Das Überfliegen eines Textes wird so unmöglich gemacht. Das nervt, natürlich. Und das kann natürlich auch dazu führen, dass man den Text dann nicht mehr weiter lesen möchte, weil der Autor oder die Autorin einem solche Hürden in den Weg legt.

    Würde der Stern am Ende des Wortes stehen, wäre das etwas anderes, denn da werden Wortendungen nicht sinnlos abgetrennt. Wenn so gegendert würde, hätten vermutlich deutlich weniger Menschen ein Problem mit gegenderter Sprache.

    Diese Leseschwierigkeiten liegen bei mir wirklich vor. Die Gründe habe ich oben nachvollziehbar dargestellt. Ich habe auch einen (sehr linken) Bekannten mit ausgewiesener LRS, der mit derartig gegenderten Texten extreme Probleme hat. Und ich kenne auch einige Frauen, die sich von sich aus darüber beschweren, dass es den Lesefluss beeinträchtigt.
    Aber zum Glück darf ich mich im Internet darüber belehren lassen, dass es ja alles gar nicht stimme, sondern nur eine faule Ausrede sei – wofür auch immer.

  37. Letztlich funktioniert diese Sprache einfach nicht.

    Burger*innenmeister*innenkandidat*innnen
    der*die A*Ärzt*in
    Vermisst hier jemand sein*ihren Stift?

    Noch übler wird’s mit Relativsätzen.

    jede*r ist nur mit Mühe sprechbar, da nach der „Pause“ ein einzelner (silbischer) Konsonant kommt. Das r müsste man regelrecht rollen wie bei „brrr!“.

  38. Im schleswig-holsteinischen Schulgesetz stand mal folgendes:
    Zu den Vertreterinnen und Vertretern der Eltern, Schülerinnen und Schüler gehören kraft Amtes die oder der Vorsitzende des Schulelternbeirats und, sofern vorhanden, die Schülersprecherin oder der Schülersprecher. Die übrigen Vertreterinnen und Vertreter der Eltern werden vom Schulelternbeirat für die Dauer von zwei Schuljahren gewählt. Die übrigen Vertreterinnen und Vertreter der Schülerinnen und Schüler werden von dem obersten Beschlussorgan der Schülervertretung für die Dauer eines Schuljahres gewählt; das Statut der Schülervertretung kann eine Wahl durch alle Schülerinnen und Schüler vorsehen. Die Mitgliedschaft erlischt, wenn kein Kind der Vertreterin oder des Vertreters der Eltern die Schule mehr besucht oder die Vertreterin oder der Vertreter der Schülerinnen und Schüler die Schule verlässt.

  39. Sapir-Whorf-Hypothese, Konstruktivismus und Sprechakttheorie

    Na da haben Sie ja in der Tat schön die heilige Dreifaltigkeit der feministischen „Linguistik“ formuliert. Noch ein paar öffentliche Stellen mehr, die Vollzeit Sprachregelungen erfinden und gegen eine seit drei Jahrzehnten unverändert bestehende massive Mehrheit der Sprecher durchzusetzen versuchen, dazu noch ein paar Sprachaktivisten mehr, die aus Versehen Journalisten geworden sind im qua Staatsvertrag zur gesellschaftspolitischen Neutralität verpflichteten und von allen bezahlten öffentlich-rechtlichen Rundfunk, und dann werden wir ihn haben, den geschlechtergleichgestellten Frieden. Man kann es kaum erwarten.

  40. Liebe Herren,
    es war einen Versuch wert, zumindest ansatzweise die theoretische Grundlage der Linguistik für gendergerechte Sprache aufzubringen. Darüber könnte man dann ja tatsächlich diskutieren, andere Theorien vorbringen, sich ernsthaft austauschen – aber daran haben Sie kein Interesse, stattdessen kommen Polemik und Strohmänner über staatlich finanzierte Sprachverschwörung im öffentlichen Dienst. Dann halt keine Diskussion, dann stellen Sie sich halt alleine in Ihren sinnbildlichen Vorgarten und ranten, dass alles den Bach runtergeht.

    Und btw – Ich habe auch einen (sehr linken) Bekannten mit ausgewiesener LRS, der mit derartig gegenderten Texten gar keine Probleme hat. Und ich kenne auch einige Männer, die sich gar nicht beschweren, dass es den Lesefluss beeinträchtigt. Und nun?
    Aber zum Glück darf ich mich im Internet darüber belehren lassen, dass es ja alles Sprachdiktatur sei.

  41. Liebe Herren

    Das ist übrigens frauenausgrenzend. Woher wissen Sie, dass RingOfSaturn ein „Herr“ist?

    Und Gendersprache bekommen Sie – wie die meisten Ihrer Gesinnungsgenossen – auch nicht hin. Obwohl Sie sich ja sichtlich Mühe geben, schreiben Sie auch:

    Die Mehrheit der Autofahrer

    sind Linguisten wie Herr Stefanowitsch

    ernstzunehmende Wissenschaftler

  42. @41 Mr Re

    Um die Aussage „Gendern stört den Lesefluss nicht“ zu widerlegen (was mein Ziel war) reicht es, ein einziges Gegenbeispiel zu finden. Das habe ich getan (auch wenn ich das aufgrund der Anonymität nicht beweisen kann). Ihre Pro-Beispiele haben dagegen keinerlei Aussagekraft. Das ist simpelste Logik.

    Dass die Mehrheit gegen das Gendern durch Sonderzeichen ist, ist Fakt, dazu gibt es repräsentative Umfragen.

    Wenn man mit seinen Publikationen ein möglichst großes Publikum erreichen möchte (und nicht nur seine eigene Bubble), wäre vielleicht sinnvoll, auch mal auf den einen oder anderen Genderstern oder neue überkorrekte fancy Wörter verzichten, um nicht eine Abwehrhaltung in der Leser. Innenschaft zu erzeugen. Ich denke, das ist einleuchtend.

    Mir geht es darum, dass Journalisten stärker als bisher darauf achten sollten, in ihren Publikationen nicht durch ihre gewählte Sprache belehrend auftreten und ihren Lesern stattdessen mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen, da viele potenzielle Interessierte es sonst einfach nicht lesen (was ihr gutes Recht ist) und das Thema an ihnen vorbei geht. Das wäre sehr schade, wenn es um drängende Themen wie den Klimawandel geht.

  43. @42: Wie niedlich, wer sind denn „meine Gesinnungsgenossen“? Als Sprachdiktaturmitarbeiter rede ich natürlich von Ges*innung, ist doch klar. Dass ich von Herrn Stefanowitsch als Wissenschaftler und Linguist sprach, war durchaus Absicht. Aber freut mich, dass Sie das alles noch mal so genau lesen, vielleicht lernen Sie etwas.

    @43: Ja, das ist so das Ding mit Argumenten wie „ein Freund von mir hat aber mal“, logisch mögen sie Sinn ergeben, aussagekräftig macht es sie dadurch noch lange nicht. Lange Komposita stören den Lesefluss viel mehr, sollte man direkt abschaffen und zum Prinzip wie im Spanischen übergehen, oder? Und überhaupt diese Groß- und Kleinschreibung, und der Buchstabe ß, und sowieso die Umlaute.

    Den Leser*innen mit Respekt zu begegnen ist ja der Grund, weswegen gegendert wird. Sie sehen das anders, bittesehr, können Sie ja auch, aber denken Sie doch mal kurz darüber nach, wie ironisch es ist, dass Sie sich viel mehr darüber echauffieren ein Sternchen lesen zu müssen als es, wenn mal eins fehlt, diejenigen tun, denen Sie Borniertheit, diktatorisches/elitäres Gehabe und generelle Quengelei vorwerfen.

  44. Gendermäßig korrekt wäre: sind Linguist:innen wie Herr Stefanowitsch ernstzunehmende Wissenschaftler:innen

    Das sollten Sie eigentlich wissen.

  45. Dass selbst Befürworter einer gendergerechten Schreibweise nicht immer alles konsequent gendern, könnte ja evtl. ein Hinweis darauf sein, dass die vielleicht doch nicht die Sprach-Gestapo sind, als die Sie zeichnen, sondern dass es ihnen einfach wichtig ist zum Ausdruck zu bringen, dass sie halt nicht bloß Männer meinen.
    Wer weiter das generische Maskulinum verwenden will, darf es ruhig tun. Wirklich! Und gerne auch, ohne das in vielen Kommentaren zu rationalisieren, deren Verfassen sicher länger gedauert hat, als sämtliche Gendersternchen künftig mehr Zeit zum Textverständnis kosten werden.

  46. dass es ihnen einfach wichtig ist zum Ausdruck zu bringen, dass sie halt nicht bloß Männer meinen.

    Ich würde ihnen in soweit zustimmen, dass es diesen Leuten nicht um ihre Leser (oder Hörer) geht, sondern vor allem in sich selbst.

    Dass das Gendern nicht konsequent durchgezogen wird, zeigt vor allem:
    – dass es nicht sein kann, dass man erst lange überlegen muss, wer mitgemeint ist (insbesondere rutschen auch den progressivsten Frauen immer wieder generische Maskulina durch)
    – dass es nicht so wichtig sein kann, wie behauptet, sonst würde man sich mehr Mühe geben
    – dass die Leute es im Alltag nicht anwenden, denn sonst wären sie besser im Training und würden nicht so viele Fehler machen
    – dass es nur darum geht, hin und wieder sein Fähnchen zu schwingen, und nicht darum, ein Problem zu lösen
    – dass der unausgereifte Murks nicht funktioniert
    – dass es keinesfalls nur ein bisschen Umgewöhnung ist, man muss es von der Pike auf neu lernen

    Auch eine andere Behauptung, die man immer wieder hört, ist offensichtlicher Unsinn: Dass nur Frauen (und Geschlechtslose/Unentschlossene) ein Interesse daran hätten, ob in einen Text Frauen (und xyz-Gender) mitgemeint sind. Wie kann man so etwas behaupten?!? Wenn ich – als cis-heterosexueller Mann – einen Text lese oder höre, will ich selbstverständlich auch wissen, wovon und von wem er handelt. Aber mir wird komischerweise die Kompetenz abgesprochen.

    Aber so jemand wie Stefanowitsch glaubt irgendwie, dass er wissen würde, was er wollen würde, wenn er xyz wäre (sie sein moralischer Imperativ in seinem Moral-Buch).

    Wenn es wirklich darum ginge, Umgangsformen zu verbessern, würde man sich um eine allgemeinverträgliche Lösung bemühen. Ich hatte oben schon erwähnt, dass es solche Lösungen gibt. Man würde sich dafür interessieren, dass die Mehrheit die ganze Sache ablehnt, statt sich immer nur darum zu kümmern, welches Sonderzeichen gerade der letzte Schrei ist.

  47. @OrangUtanKlaus
    Wer weiter das generische Maskulinum verwenden will, darf es ruhig tun. Wirklich!

    Natürlich, und Sie tun es selbst gerade. Schauen sie sich den ersten Satz Ihres Kommentars an. Sie meinen doch gewiss nicht nur die männlichen Befürworter, oder?

    Es ist gar nicht nötig, darauf hinzuweisen, dass Sie auch Frauen meinen, niemand würde auch nur einen Augenblick daran zweifeln.

  48. Wenn ich meine Sprache inklusiver gestalten will, ist es mir ziemlich wumpe, ob eine Mehrheit das möglicherweise ablehnt. Und ich muss mich auch nicht erst in andere Geschlechter oder sexuelle Identitäten reindenken, wenn ich z.B. meiner Tochter vermitteln möchte, dass es nicht nur Wissenschaftler, Künstler etc. sondern auch Frauen in diesen Berufen gibt.
    Den Rest halte ich für einen Nirvana-Fehlschluss. Weil die Alternative nicht perfekt ist und von allen immer konsequent durchgezogen wird, lassen wir’s halt sein oder wie?

    Und um den Bogen wieder irgendwie zum Thema des Artikels zu schlagen:
    Am Ausfransen dieses Kommentarstrangs zeigt sich eine Schwierigkeit, wenn man um einen „neutralen“ Ton bemüht ist. Der Korridor dieser Neutralität wird ja permanent gesellschaftlich verhandelt. Und während man dann diskutieren möchte, ob „Klimawandel“ oder „Klimakrise“ nun wissenschaftlich korrekter und weniger ideologisch gefärbt sein könnte, kriegt man dann an anderer Stelle eine Diskussion an die Backe gebunden, weil es irgendwem schon zu schrill und aktivistisch ist, wenn man dabei „Journalistinnen und Journalisten“ schreibt.

  49. Wenn ich meine Sprache inklusiver gestalten will, ist es mir ziemlich wumpe, ob eine Mehrheit das möglicherweise ablehnt.

    Diese Sprache wird mehrheitlich auch von denen abgelehnt, die inkludiert werden sollen.

    wenn ich z.B. meiner Tochter vermitteln möchte, dass es nicht nur Wissenschaftler, Künstler etc. sondern auch Frauen in diesen Berufen gibt.

    Da Sie selbst – offenbar versehentlich – das generische Maskulinum verwenden (wie in Ihrem vorletzten Kommentar „Befürworter“), vermitteln Sie da eher Widersprüchliches.

    Zum Thema Neutralität: Dass es die nicht gibt, weiß jeder. Aber man sollte sich um einen vermittelnden Ton bemühen. Wenn ein Nachhilfeschüler einen Sachverhalt nicht versteht oder wenig motiviert ist, bringt es nicht, wenn man möglichst drastische die Folgen seiner schlechten Leistungen an die Wand zu malen.

    Das Klimathema ist nochmal ein Sonderfall. Hier haben wir es oft mit naturwissenschaftlicher Sprache zu tun. Diese Sprache hat ihre Eigenheiten. Wegen Corona haben wir Begriffe wie Herdenimmunität und Durchseuchung zu benutzen gelernt – obwohl das sehr unschöne und für den normalen menschlichen Sprachgebrauch eigentlich ungeeignete Wörter sind.

    In der Physik ist es so, dass man grundsätzlich immer von Wärme, nie von Hitze spricht, auch wenn man die Temperaturen in der Sonne beschreibt.

    Jeder kann natürlich sprechen, wie er will. Aber wenn man mit seiner Sprache in großen Teilen Misstrauen und Verärgerung sät, warum hält man so stur daran fest? Und warum treibt man dieses Spiel sogar noch weiter? Studenten bekommen inzwischen schlechtere Bewertung, wenn sie nicht gegenderte Arbeiten abgeben.

    Ist das nicht taktisch unklug, wenn man die Leute in die Arme der AfD treibt? Wenn man das Ansehen der Universitäten untergräbt, indem man sie durchpolitisiert?

  50. „Befürworter“ war gerade in dem Satz, in dem es steht, nicht versehentlich, aber geschenkt…

    Es geht nicht um „Hitze“ sondern um „erhitzen“, um der Tatsache Ausdruck zu verleihen, dass die Geschwindigkeit der Erwärmung deutlich über das erdgeschichtlich übliche Maß hinaus geht.

    Und alles, was reaktionäre Schneeflöckchen nervt, treibt sie in die Arme der AfD, weshalb wir deren Positionen lieber vollumfänglich übernehmen sollten, damit die keiner mehr wählt? So in etwa? Hmm, klingt ein Bisschen wie die Strategie der CSU…

  51. Nein, ich streite mich ja selbst mit Leuten, die die Energiewende zu 100% Erneuerbaren für falsch halten. Dabei ist es nie notwendig (und es wäre eher kontraproduktiv), das Wort „erhitzen“ zu verwenden. Wozu auch? Dass die Erwärmung zu schnell ist für die Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme, vermittle ich nicht damit, dass ich das unpassende Wort „erhitzen“ benutze, sondern dadurch, dass ich eben auf die begrenzte Anpassungsfähigkeit der Ökosysteme hinweise. Warum sollte ich ein Wort benutzen, das suggeriert, die Erde würde sich innerhalb weniger Minuten auf 100°C aufheizen? Damit würde ich mich nur lächerlich machen.

    Dass selbst Leute aus Linkspartei und SPD zur AfD wechseln, ist ein Fakt. Und auch die Gründe dieser Leute sollte man sich anhören. Dazu muss man die eigene Filterbubble verlassen und z.B. mal Hadmut Danisch lesen, der viel Reichweite hat und oft zitiert wird. Der begründet sein Misstrauen gegenüber der Klimaforschung ständig mit seinem Misstrauen gegenüber Universitäten und ist sofort beim Genderthema. Danisch ist nur ein Beispiel von vielen.

  52. @36

    „Wer sich nur ansatzweise mit Linguistik beschäftigt hat […] Der sollte die Sapir-Whorf-Hypothese, Konstruktivismus und Sprechakttheorie kennen.“

    Ja, allerdings auch die (empirischen) Grenzen dieser Theorien…

    Selbstverständlich „formt [Sprache] die Realität, bzw. wie wir sie wahrnehmen“, allerdings bei weitem nicht in dieser, manchmal fast magisch anmutenden, Weise, wie Befürworter_innen (auch Stefanowitsch) bestimmter Sprachformen postulieren.

  53. Nur eine Nebenbemerkung: Es ist schon amüsant, dass jemand hier ein (übrigens durchaus sehenswertes) Video verlinkt, in welchem Whorfs Ansichten eingehend kritisiert werden – um sich dann sagen lassen zu müssen, dass er wohl noch nie was von der Sapir-Whorf-Hypothese gehört habe.

  54. @47: „Wer weiter das generische Maskulinum verwenden will, darf es ruhig tun. Wirklich!“
    Aber das reicht doch nicht! Wenn auch nur einer Gendersternchen verwendet ist die Sprachreinheit des Abendlands bedroht.

    Ich mag den Stefanowitsch ja auch sehr:
    https://editionf.com/anatol-stefanowitsch-eine-frage-der-moral-politsch-korrekte-gendergerechte-sprache/
    Der Absatz über den Perspektivwechsel und die Stilblüte „weißer Mann“ ist hier im Kontext sehr passend.

    Am Ende kommt auch noch was über „Erhaltung von Machtstrukturen“. Wegen „Konformitätsdruck“ und so. Ist jedenfalls sehr, äääh, interessant, wie z. B. in #35 die Persepektive einfach umgedreht wird.

  55. Ich behaupte nicht, dass überall dieser Konformitätsdruck besteht. Dass dieser Druck ausgerechnet in Universitäten besteht, sollte einigen hier zu denken geben.

    Übrigens benutzt auch Stefanowitsch ohne zu merken das generische Maskulinum. Sogar auf Vortragsfolien, bei denen er genug Zeit zum
    Korrekturlesen hätte.

    Stefanowitsch behauptet in dem Interview übrigens, dass öffentliche Akteure Gendersprache verwenden müssen. (Im von mir verlinkten Zeit-Artikel kritisiert er gerade die offizielle Verordnung von Gendersternchen, siehe oben.) Im Interview versucht er zu rationalisieren, dass man munter zwischen generischem Maskulinum und Gendersprache hin und her wechselt.

    Er wiederholt den Unsinn, dass nur Frauen sich dafür interessieren, ob Frauen mitgemeint sind. Bei Gendersprache geht es aber nicht nur um die direkte Anrede, die vergleichsweise selten ist. In der Hauptsache stehen Sätze in der dritten Person.

    Er behauptet Gendersprache würde sich ausbreiten, verschweigt aber, dass sie im Alltag quasi nichtexistent ist. Dass auch Frauen diese ablehnen.

    Stefanowitsch wechselt seine Sprache wie andere ihre Unterwäsche. Im Interview äußert er das kaum sprechbare „Jede*r, die*der selber regelmäßig Diskriminierung erlebt“, in seinem Moralbüchlein schreibt er auf den ersten Seiten, dass er seine Leser mit solchen Schreibweisen nicht „strapazieren“ will. Er schreibt wörtlich „strapazieren“.

    Das hier ist auch lustig: „Die Leute, die sagen, sie glauben das nicht, sind meist weiße Menschen“

    Die Konsequenz wäre doch: man müsste jeder Personenbezeichnung ein „schwa*eiß“ voranstellen, damit sichergestellt ist, das jedesmal auch Schwarze und andere Hautfarben mitgedacht werden.

    Ach ja, auf die Heterosexuellen kommt er auch zu sprechen. Da bräuchte man dann noch so ein Adjektiv.

    „dass durch das Gendersternchen ganz explizit Menschen mit nicht- binären Geschlechtsidentitäten mitangesprochen werden sollen, das erfolgt meist nicht.“

    Woher weiß er, ob eine Ansprache erfolgt oder nicht?

    Weiter unten meint er, dass Gendersprache noch viel stärker stören muss als die Sternchen. Sag ich ja, die Leute wollen Streit säen. Das gilt letztlich auch für dramatisierende Sprache beim Klimathema. Man will sich damit vor allem positionieren. Gegen andere. Es geht nicht um gute Umgangsformen.

    „Zugang zu den Gedanken des jeweils anderen“
    Da haben wir schon das erste generische Maskulinum.

    Dass in den Medien immer der gleiche „Experte“ rumgereicht wird, nennt man auch Kumpanei.

  56. @50 Stephan Fleischhauer: „Da Sie selbst […] das generische Maskulinum verwenden […], vermitteln Sie da eher Widersprüchliches.“
    Nur, wenn man die Annahme hat, dass Nutzer von Gendersprache diese immer und überall zu verwenden haben. Warum soll man aber nicht an den Stellen, an denen man betonen will, dass man ausdrücklich Frauen und Minoritäten mitmeint, dies benutzen dürfen? In aller Regel ist ja die inkonsequente Nutzung der Genderformen (die Sie ja stört) gerade der Lesbarkeit geschuldet (die Sie ja anmahnen).

    „Zum Thema Neutralität: Dass es die nicht gibt, weiß jeder. Aber man sollte sich um einen vermittelnden Ton bemühen. “
    Ich kann nicht erkennen, inwiefern Gender-Sprache den „vermittelnden Ton“ stört. Zumal ja, außer in extremen Fällen, es sich meist auf 4 oder 5 Fälle pro Text beschränkt.

    @52: „Dazu muss man […] mal Hadmut Danisch lesen, […] Der begründet sein Misstrauen gegenüber der Klimaforschung ständig mit seinem Misstrauen gegenüber Universitäten und ist sofort beim Genderthema.“
    Naja, ob man jemanden ernst nehmen soll, der sagt „Ich bin gegen die Klimapolitik, weil die Befürworter dieser Politik Sonderzeichen an den unmöglichsten Stellen verwenden“ sollte man noch Mal gut überdenken.

  57. @56: Ich glaube, Sie haben sich hier auf eine kleine, extreme Gruppe eingeschossen, bei der Sie dann auch teils sehr valide Punkte rausgreifen;
    keiner hier wird (denke ich) bestreiten, dass Benotung im Universitätsumfeld nicht mit der Verwendung von gegenderter Sprache verbunden werden sollte. Aber Sie führen hier einen extremen Verfechter an und verallgemeinern dann (unzulässig), z.B. hier: „Weiter unten meint er, dass Gendersprache noch viel stärker stören muss als die Sternchen. Sag ich ja, die Leute wollen Streit säen.“ Was sie aber gezeigt haben, ist, dass dieser Stefanowitsch Streit säen will. Ich glaube kaum, dass es der „taz“ darum geht, Streit zu säen, wenn sie gendert. Vielleicht sollte man sich auf diejenigen konzentrieren, die tatsächlich und ernsthaft einen Diskurs wollen konzentrieren, statt der „low hanging fruits“?

  58. „Klimakrise ist mindestens so idiotisch wie Klimaleugner, denn das Klima als solches kann keine Krise haben und es leugnet auch niemand, dass es ein Klima gibt.“

    Witzig in dem Zusammenhang ist schon, dass Herr Prof. Torsten Schäfer am Samstag im radioeins explizit Begriffe wie „Klimaskeptiker“ oder „Klimawandel“ als der Dringlichkeit nicht angemessen bezeichnet hat, die Journalisten bitte vermeiden sollten.
    So, wie er oben dargestellt wird, kann der Wolf also auch Kreide fressen….

  59. @58: Die Benotung wird an Universitäten nicht damit verknüpft, ob jemand korrekt gendert. Was ggf. geschieht, ist, dass manche Fachbereiche/Fakultäten etc. Vorgaben mit in die Formalia aufnehmen, dass in einer konsequenten Form geschlechtergerechte Sprache verwendet werden soll – das kann dann heißen, Sternchen, Binnen-I, oder aber auch die Fußnote im Vorwort, dass grundsätzlich das generische Maskulinum/Femininum oder nach Möglichkeit ein Neutrum („Lesende“) genutzt wird, aber alle Geschlechter mitgemeint sind. Man muss das bloß konsequent durchhalten. Selbiges gilt ja auch für Zitationsweise, Schriftgröße etc. Wenn die Formalia nicht eingehalten werden, gibt’s mitunter Abzug, aber es sieht ja auch niemand die persönliche Freiheit dadurch bedroht, sich für eine Zitationsweise entscheiden zu müssen…

  60. @Gastbeitrag
    Meines Erachtens kann man nicht zwischen Gendersprache und generischem Maskulinum wechseln, ohne sich zu widersprechen. Die Gendersprache entstammt ja der Idee, dass es kein „generisches“ Maskulinum gibt, dass ein Maskulinum eben ein Maskulinum ist.

    Warum soll man aber nicht an den Stellen, an denen man betonen will, dass man ausdrücklich Frauen und Minoritäten mitmeint, dies benutzen dürfen?

    Es geht ja nicht ums Dürfen. Aber ich weiß, was Sie meinen. Rein theoretisch: Man würde damit eine Unsicherheit erzeugen, ob mit dem, ja meist gebrauchten, generischen Maskulinum alle mitgemeint sind. Denn nur wenn dann wäre die Betonung überhaupt nötig. Das ist aber nur eine theoretische, logische Unstimmigkeit. Diese Unlogik wird nicht erkannt, weil es natürlich um etwas anderes geht: Man möchte hier und da sein Fähnchen schwenken. Das muss reichen.

    In der Praxis ist es so, dass schlichtweg vergessen wird zu gendern. Wenn man sich entsprechende Texte anschaut, erkennt man keine innere Logik, warum an der einen Stelle betont werden soll, dass alle mitgemeint sind, an der anderen nicht.

    Es handelt sich aber nicht um reinen Zufall. Bei vielen Wörtern hat es sich eher eingeschliffen (Schüler:innen, Journalist:innen), bei anderen eher nicht (Rezipienten). Letztlich also stumpfe Gewohnheit. Da wo es hässlich wird (Pronomen, Artikel), wird es natürlich besonders gern vergessen. Ich glaube nichtmal, dass es bewusst weggelassen wird. Man macht ja in der Regel das nach, was andere machen. Hätten die Genderaktivisten „der*die“ eingeführt, würden eben alle der*die schreiben. Das ist reiner Formalismus und reine Willkür, es sind immer wieder die gleichen Wendungen. Alles natürlich in verschiedenen Abstufungen, Journalist:innen dürfte dabei zu den besonders häufigen gehören.

    Hätten die Aktivisten das Wort Waldbrand auserkoren, um es zu Weltbrand umzubenennen – mit der klugen Begründung, dass ja die ganze Welt betroffen ist – würde man eben Weltbrand fordern und hätte an Klimawandel vielleicht nichts auszusetzen, weil es eben rein zufällig nicht in den Fokus geraten ist.

    Dieses Wording wird ja regelrecht abgesprochen, konnte man bei Klimakatastrophe gut im Netz beobachten.

    Streit säen mag eine etwas zu starke Formulierung sein – wenn man es mit dem Wort „wollen“ verbindet. Aber ich glaube schon, dass man Streit billigend in Kauf nimmt. An anderer Stelle schrieb ich: Fähnchen schwenken, sich positionieren gegen andere. Wie auch immer, dieses „Sich-Einschwören“ mithilfe von sprachlichen Erkennungszeichen, dieses Denken, man müsse das allgegenwärtige Übel im tapferen Kampf besiegen, ist schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Man muss mit der Gegenseite Kompromisse schließen. Wenn man eine tiefe Spaltung der Gesellschaft herbeiführt, lähmt man alles und jedes, am Ende auch sich selbst.

    Was so richtig dumm ist: Wenn man bei der Gegenseite den Eindruck erweckt, dass man ihr etwas vormacht. Dass man doppelte Maßstäbe anlegt. Dass man gar nicht an Gerechtigkeit interessiert ist, allenfalls an Selbstgerechtigkeit. Man sät dann nicht nur Streit, sondern tiefes Misstrauen in die eigene moralische Integrität. Warum wohl wird Luisa Neubauer auch als „Langstrecken-Luisa“ bezeichnet? Warum hypt die Presse „streikende“ Kinder, von denen wir nicht wissen, ob sie auch nur kalt duschen würden, um Energie zu sparen? Dass Leute sich verschaukelt fühlen könnten, kommt manchen Journalisten offenbar nicht in den Sinn.

    Ich möchte nur mal daran erinnern, dass auch die Mainstream-Medien lange Zeit Klimaskeptiker-Thesen verbreitet haben. Wie soll das glaubwürdig rüberkommen, wenn man jetzt etablierte Begriffe propagandamäßig aufpoliert, seine Sprache mehr auf Vollmundigkeit trimmt, so als wäre man grundsätzlich unfehlbar? Das kann nur nach hinten losgehen. Das AfD-Runterschreiben geht ja auch regelmäßig in die Hose.

  61. @Gastbeitrag
    Ich muss noch ein paar Sachen ergänzen. Stefanowitsch ist ein Multiplikator. Er wird niemals kritisiert, ständig eingeladen, und was er sagt, ist quasi Referenz. Er ist sozusagen dafür zuständig, angebliche sprachliche Diskriminierung als objektive Tatsache zu framen. Die taz auf diesem Gebiet so gut wie bedeutungslos, sie war mit ihren LeserInnenbriefen allenfalls Vorreiter.

    Die Universitäten sind auch nur ein Beispiel von vielen. Im öffentlichen Dienst und ÖRR gibt es ja auch vermehrten Konformitätsdruck. Sogar bei Parlamentssachen gab und gibt es Streit, ob Gendersprache vorgeschrieben werden kann.

    Und es ist ja nicht abzusehen, dass der Druck nachlässt.

    Ein die Gendersprache kritisierender Artikel bei Übermedien wäre auch schwer vorstellbar. Damit meine ich nicht, dass Übermedien hier offen sein muss. Aber wenn Übermedien es wollte, wäre es dem Druck der eigenen Blase ausgesetzt. Der Konformitätsdruck entsteht aus dem quasi-religiösen Eifer, der bestimmten Themen inzwischen eigen ist.

    Deshalb ist das auch mit dem vermittelnden Ton schwierig. Wenn man gesagt hätte, das Suffix -in sollte nicht mehr verwendet werden, hätte man deutlich größere Chancen für eine allgemeine Akzeptanz gehabt. Das wäre eher vermittelbar gewesen.

    Danisch begründet seine Klimaskepsis natürlich nicht mit Gendersprache. Aber sein Misstrauen gegenüber den Universitäten hat viel deren feministischer Politisierung zu tun. Die Klimaforscher ordnet er wohl irgendwie den Gutmenschen zu. So ganz habe ich es nicht kapiert. Er bringt auch den – tatsächlich manchmal unterirdischen – Klimajournalismus mit der Wissenschaft durcheinander

  62. „Wer weiter das generische Maskulinum verwenden will, darf es ruhig tun. Wirklich!“
    Nein. Wer das nicht macht, verwendet nicht nur eine unpräzise Sprache, sondern ist außerdem ein moralisch schlechter Mensch.
    Jedenfalls heißt der Titel des Buches: „Eine Frage der Moral“ und nicht „Eine Frage der genauen Formulierung und präzisen Sprache“

    Warum man „Sprachwissenschaftler*Innen“ statt „Sprachwissenschaftlerinnen und -schaftler“ schreibt, kann ich ja noch nachvollziehen. Aber wenn man das „Sprachwissenschaftler’innen “ aussprechen soll, kann man das doch bitte auch so schreiben.

    Persönlich bin ich bei generischen Gruppen fürs generische Maskulinum und bei konkreten Gruppen für das/die konkreten Geschlechter. Ich unmoralische Mensch nach Stefanowitsch.

  63. @62: Ich weiß nicht, ich verwende auch durchgehend das generische Maskulinum und bekomme keine Heulkrämpfe wegen eines Buchtitels.

    @61: „mit der klugen Begründung, dass ja die ganze Welt betroffen ist“
    Dass Sie selbst hier den Strohmann aufstellen und direkt auch abfackeln fällt Ihnen aber schon auf?

  64. „Ich weiß nicht, ich verwende auch durchgehend das generische Maskulinum und bekomme keine Heulkrämpfe wegen eines Buchtitels.“
    Schön für Sie.
    Ändert nichts daran, dass ich Stefanowitsch für einen Spießer halte.
    Er – und viele andere Befürworter von Gendersternen etc. – sagen ja nicht, dass sie das so machen, weil ihnen „Sprachwissenschaftlerinnen und -schaftler“ zu lang ist, dass ihnen aber gleichwohl die Feststellung wichtig ist, alle Menschen immer mitzumeinen, sie sagen: „Wer das nicht macht, ist ein böser Mensch.“
    Auf diesem Niveau angekommen geht es nicht mehr darum zu diskutieren, wie groß der Nutzen von Gendersternchen oder der Schaden des generischen Maskulinums tatsächlich ist, sondern um Lagerdenken.

  65. #41 Mr Re

    es war einen Versuch wert, zumindest ansatzweise die theoretische Grundlage der Linguistik für gendergerechte Sprache aufzubringen. … aber daran haben Sie kein Interesse, stattdessen kommen Polemik …

    Sie steigen mit „blablabla“ in die Diskussion ein und werfen die Sapir-Whorf-Hypothese als bloßes Schlagwort in den Raum, obwohl diese im verlinkten Video gerade ausführlich und sachlich kritisiert wird, und beschweren sich dann, dass Ihnen Polemik entgegenschlägt?

  66. @ Mycroft, S. Fleischhauer:

    Zu Stefanowitsch noch etwas: Er behauptet ja, es gäbe im Deutschen (höchstwahrscheinlich) kein generisches Maskulinum. Er begründet dies wie folgt (siehe seinen Artikel „Frauen natürlich ausgenommen“ auf den Scilogs auf Spektrum):

    „Und tatsächlich zeigt eine Reihe von Arbeiten, dass ‚generische‘ Maskulina mehrheitlich eben nicht generisch interpretiert werden. Eine der aktuellsten und methodisch am saubersten gearbeitete Studie ist Gygax et al (2008). Die Autor/innen dieser Studie überprüften die Interpretation von Maskulina, indem sie Versuchspersonen zunächst einen Satz mit einem (angeblich) ‚generischen‘ Maskulinum, wie den in (1) auf einem Monitor präsentierten:

    (1) Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.

    Nachdem die Versuchspersonen einen solchen Satz gelesen hatten, erschien entweder ein Satz wie der in (2) oder einer wie der in (3)

    (2) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke.

    (3) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke.

    Die Versuchspersonen mussten dann durch drücken einer Taste signalisieren, ob sie den zweiten Satz für eine ‚mögliche Fortsetzung‘ des ersten Satzes hielten oder nicht. Dabei wurde auch die Zeit gemessen, die sie für ihre Antwort benötigten.“

    (Das war das Beispiel, an das ich mich noch vage erinnert hatte. Warum man gerade NICHT das generische Maskulinum gebrauchen würde, wenn man mit Satz (2) fortsetzen will, wurde bereits dargelegt.)

    Dazu kommen dann noch ähnliche Experimente, das ebenfalls „signifikante Unterschiede“ zeigen, und schon haben Sie den „Beweis“, dass ein „generisches Maskulinum“ im Deutschen gar nicht existiert.
    Wenn jemand also sagt „Wir haben hier echt nette Nachbarn – vor allem Frau Müller von nebenan ist total hilfsbereit“, dann verstehen wir alle das gar nicht. Das ist dem deutschen Sprachverständnis völlig fremd, das gibt es nicht.

    All dies ist in etwa so aberwitzig, als würde man Texte so konstruieren, dass sie typischerweise nicht als ironisch verstanden werden, um zu dann zeigen, dass sie signifikant seltener und langsamer ironisch als wörtlich interpretiert werden. Aus dem „signifikant seltener“ mache man unter der Hand ein „gar nicht“, um daraus dann zu schlussfolgern, dass nicht nur diese Texte, sondern deutsche Texte allgemein nicht als ironisch verstanden werden, und dass in der deutschen Sprache Ironie also nicht existiert.

    Stefanowitsch geht hier in einer derart schwindelerregend unseriösen und absurden Weise vor, dass er zumindest bei mir erst mal jeglichen Kredit verspielt hat.

    Dazu passt dann auch , dass Stefanowitsch offenbar politische Kritik unter dem Deckmantel der Sprachkritik betreibt:
    https://norberthaering.de/news/krueger-zapp/

    Letzteres wird Stefanowitsch vermutlich nicht mal bewusst tun, und sein Anliegen mag noch so gut sein; einen derartigen Lapsus sollte sich ein Wissenschaftler aber eigentlich nicht erlauben.

    Wie wenig Kritik Stefanowitsch in den Medien erfährt, spricht nicht für die Kritikfähigkeit der Medien.

  67. Stefanowitsch ist ein lupenreiner Opportunist und pfeift auf jede Wissenschaftlichkeit.

    Als es schick wurde, „Geflüchtete“ zu sagen, sprang er sofort ein, um mit einer ziemlich schrägen, selbstausgedachten Methode zu „beweisen“, dass „Flüchtling“ einen pejorativen Charakter hätte. Da die klassische sprachwissenschaftliche Methode (Untersuchung von Textkorpora) dies, klar widerlegte, erfand er dann noch den besonders „sprachsensiblen“ Sprecher, für den die klassische Methode nicht gilt.

    Er hat kein Problem damit, sein Vortragspublikum anzuschwindeln mit der Behauptung, es gäbe mehr Schimpfwörter für Frauen als für Männer. Und dass „Schlampe“ ein Synonym für „Frau“ sei (genausogut könnte man behaupten, „Trottel“ und „Spinatstecher“ seien Synonyme für „Mann“).

    Die Zapp-Sendung kannte ich. Schon peinlich, wie da die Propaganda-Großmeister aufgefahren werden, Elisabeth Wehling würden die wohl heute nicht mehr zeigen. Aber letztlich ähnlich ideologiebehaftet wie der Großteil der Übermedien-Autoren. Medienkritik wird da auch gern als Kritik an irgendwelchen Formulierungen verstanden. Sie geht meist in die Richtung: Liebe Medien, ihr seid noch nicht woke genug, nicht links genug, nicht progressiv genug, ihr dürft doch einen Konservativen nicht zum Vertreter wählen, ihr dürft doch dieses eine böse Wort X nicht verwenden, wir haben doch das Wort Y dafür.

  68. Ah ja, Wissenschaftler sind Pfuscher, wenn deren Analysen nicht Stephan Fleischhauers Meinung entsprechen.
    Hätten Sie den Stefanowitsch mal nicht selbst ins Spiel gebracht, wa?

  69. @ Stephan Sleischhauer:

    So genau kenne ich den Herrn, ich nehme das einfach mal so hin. Mir ist aber noch ein Beispiel bekannt, da er eine linguistische Auseinandersetzung mit einem Germanisten und Schriftsteller hatte. Der Germanist und Schriftsteller hatte schon deutliche Kritik geäußert, aber es hielt sich noch im Rahmen. Stefanowitsch hatte darauf aber, soweit ich mich erinnere, von einem „mittelmäßigen Schriftsteller“ gesprochen und völlig unter den Tisch fallen lassen, dass der eben auch Germanist war. Kein sehr „professorales“ Benehmen.

    @ Anderer Max:

    Nun ja, Stefanowitsch argumentiert ja (siehe meinen letzten Beitrag) so:

    – In Fällen, in denen eine Formulierung KEIN geeigneter bzw. kein typischer Kandidat für das generische Maskulinum ist, wird von den Probanden ein Satz signifikant seltener und langsamer als generisches Maskulinum denn als gewöhnliches Maskulinum identifiziert. („Signifikant“ sagt übrigens wenig aus. Bei hinreichend großen Probanden-Gruppen werden auch minimale Unterschiede statistisch signifikant.)
    – Das „signifikant seltener/langsamer“ wird dann offenbar wie ein „gar nicht behandelt“.
    – Und so wird dann gefolgert, dass die deutsche Sprachgemeinschaft überhaupt kein generisches Maskulinum kenne.

    Das würde heißen, dass Sie und ich also zum Beispiel eine Formulierung wie „Berlin hat 3,8 Mio. Einwohner“ im Normalfall nicht generisch verstehen (dass mit Einwohner alle Personen gemeint sind), sondern so, dass Berlin 3,8 Millionen männliche Einwohner habe.

    Dass das eine Kurzschlusskette von geradezu überbordender Absurdität mit einem Resultat von überbordender Absurdität ist, sollte unabhängig davon einleuchten, inwieweit man geneigt ist, Stephan Fleischhauers Analysen zu teilen, oder?

    Mit demselben methodisch hanebüchenen Vorgehen, dessen Stafanowitsch sich bedient, könnte ich auch „beweisen“, dass „Steuer“ im Deutschen keine Abgabe an den Staat bezeichnen kann, sondern nur eine Lenkvorrichtung.
    1. Ich wähle ein offensichtlich ungeeignetes Beispiel, bei dem aufgrund des spezifischen Kontextes die Wahrscheinlichkeit gering ist, dass das Wort mit der Abgabe an den Staat in Verbindung gebracht wird.
    2. Meine Probanden ordnen das Wort „Steuer“ daher „signifikant seltener/langsamer“ der staatlichen Abgabe als einer Lenkvorrichtung zu.
    3. Das „signifikant seltener/langsamer“ behandle ich als „gar nicht“ folgere ich dann, dass das Wort „Steuer“ im Deutschen im Sinne einer „Abgabe an den Staat“ unbekannt sei.
    4. Von der offensichtlichen Tatsache, dass jeden Tag viele Leute das Wort „Steuer“ im Sinne von „Abgabe an den Staat“ sowohl gebrauchen wie verstehen, lasse ich mich nicht beeindrucken.

    Wie gesagt: Dieses Vorgehen und seine jeweiligen Resultate sind von geradezu aberwitziger Abstrusität, egal ob im Beispiel von Stafanowitsch oder im von mir konstruierten Fall.

    Und Stephan Fleischhauer hat sich m.W. nicht insoweit auf Stefanowitsch berufen, als dass er ihn für einen maßgeblichen Linguisten halten würden. Er hat sich auf ihn als auf einen der maßgeblichen Stimmen in der Gender-Debatte „berufen“. Da besteht also kein Widerspruch.

  70. Zitat LLL
    Das „signifikant seltener/langsamer“ wird dann offenbar wie ein „gar nicht behandelt“.

    Guter Punkt. Bei all diesen Studien wird, neben ihren methodischen Schwächen, immer verschwiegen, wie gering der Effekt der Erzeugung von Stereotypen ist. Es geht hier nicht nur geringe, sondern auch volatile Effekte.

    Man muss sich auch klarmachen, dass Sprache das vermittelt, was vermittelt werden soll. Die Gendersprecher stellen es ein bisschen so dar, als hätte die deutsche Sprache einen Bug, den man nur beheben müsste. Als würde derjenige, der Bäcker sagt, nur ein versehentlich bewirken, dass sein Hörer glaubt, der Teig eines Brötchens sei ausschließlich von Männerhänden geknetet worden. Solche sprachlichen Fehlentwicklungen kann es aber schon aus Prinzip nicht geben, denn es würde bedeuten, dass Menschen seit Jahrhunderten aneinander vorbei geredet hätten.

    Wir kommen ja damit zurecht, dass wir das Präsens benutzen, obwohl wir Futur meinen.

    Eine Änderung der Sprache wäre nur ein relativ unbedeutender, aber sehr kostspieliger Angriffspunkt. Die „geschlechtergerechte“ Sprache ist ja nicht einmal konsequent. Niemand der Superprogressiven benutzt einen Artikel „die:der“, niemand lässt seinen maskulinen Nachname ändern (Schmidt zu Schmied:in). Das ganze ist ein Fass ohne Boden, und da sich Psyche, Verhaltensdispositionen, Talente, Persönlichkeitsstrukturen, Attriktivitätskriterien usw. auch geschlechtsspezifisch unterscheiden, wird man ohnehin niemals zufrieden sein, immer und überall Diskriminierung wittern und die Sprache als Übeltäter:in anprangern.

    Die progressiven Gendertheorien sind allesamt unglaublich dummbräsig. Mehr so Bento-Style. Übermedien sollte sich schämen, diesen Mist zu propagieren.

  71. Das war jetzt die ca. vierzigste Variante von „da die bösen Genderisten das nicht immer, überall und allzeit zu 100% konsequent machen, geht es gar nicht und ist dummbräsig“. Kommt da noch etwas Neues? Sonst würde ich in der Zwischenzeit joggen gehen. Aber ist ja Quatsch, da ich ja eh nie der schnellste Mensch der Welt werde – wozu dann überhaupt machen, wenn’s nicht perfekt wird. Beweist ja eigentlich bloß, dass Sportler*innen alles dummbräsige Betrüger*innen sind.

  72. @ MR RE:

    Die Frage ist halt, was man erreichen möchte. Möchte man den allgemeinen Sprachgebrauch insgesamt ändern? Also auch und gerade die Art, wie die Leute miteinander sprechen? („Schatz, nicht so laut. Unsere Nachbarinnen und Nachbarn (resp. unsere Nachbar [Pause] Innen) könnten sich stören.“)
    Oder möchte man eine akademische Kunst-Prosa schaffen, die fast nur in Schrift-Form existiert, und die völlig vom alltäglichen Sprachgebrauch abweicht?

    Falls ersteres: Wie realistisch ist das? Falls letzteres: Was würde ein reiner akademischer Schrift-Jargon bringen, wenn er für die Alltagssprache kaum Relevanz hat? Wo doch das Gros der Sprache (die ja angeblich die kognitiven Einstellungen prägt) im alltäglichen Sprachgebrauch „stattfindet“?

    Schon so grundlegende Fragen werden von vielen Befürwortern des Genderns kaum problematisiert.

  73. „Sonst würde ich in der Zwischenzeit joggen gehen. Aber ist ja Quatsch, da ich ja eh nie der schnellste Mensch der Welt werde – wozu dann überhaupt machen, wenn’s nicht perfekt wird.“

    Das Problem ist nicht, daß Sie nicht der schnellste sind oder werden, sondern daß Sie in die falsche Richtung laufen, abseits von jedem Weg oder Pfad, der irgendwo hinführt, wo irgendjemand sein kann oder auch nur sein will.

    Das Gendergezicke hat keine positiven Auswirkungen und kann auch keine haben. Dies ist durch linguistische Forschung seit über einem halben Jahrhundert nachgewiesen. Die Genderfreaks stützen sich ausschließlich auf Gefühlsthesen, die bereits konzeptionell absurd sind und für die es nicht einen einzigen empirischen Nachweis gibt. Etwa daß Frauen die Ingenieursstudiengänge angeblich deswegen meiden, weil „Ingenieure“ ohne ein „-innen“ nicht weiblich genug klingt und die Frauen dann „das ist nichts für mich“ denken. Komischerweise hält das Frauen aber nicht davon ab, einen übergroßen Anteil der Tierärzte zu bilden. Oder signifikante Zahlen unter den Biologen und Chemikern zu verzeichnen.

    (Bei Chemikern ist ja auch noch der Plural im Nominativ identisch mit dem Singular: 1 Chemiker, 2 Chemiker, usw. Die werden also auch noch zahlenmäßig auf 1 reduziert, woher dann das bekannte und superschädliche Vorurteil stammt, Chemiker sähen alle gleich aus.)

    Wenn 99 Musikerinnen in einem Raum sind und 1 männlicher Musiker dazukommt, dann finden nicht 99 Geschlechtsumwandlungen statt, weil es dann 100 Musiker sind. Wer’s nicht glaubt, probiert es IRL aus. Als einziger Mann unter 99 Frauen, der diese Frauen dann angeblich „unsichtbar macht“, „marginalisiert“ oder gar „auslöscht“, kraft des grausamen Unterdrückungsmittels „Genus“.

    Die seit vielen Jahrzehnten gut erforschte und belegte Wahrheit ist: Die Form von Worten erzeugt genausowenig ihre Bedeutung wie die Grammatik einer Sprache. Bedeutung kommt durch Sprachgebrauch in die Welt. Das ist der Grund, warum ein Wort wie „schwul“, vor wenigen Jahrzehnten noch ein universell abwertender Begriff, heute wieder größtenteils neutral oder positiv verwendet werden kann und wird. Weil sich der Umgang mit Homosexualität verbessert hat und lockerer (normaler) geworden ist. Die Sprache zieht dann automatisch mit. Umgekehrt ist so etwas noch nie passiert.

    Der Gendernonsens läuft auf die Behauptung hinaus, Sprache überbiete die Realität insofern als daß reine Sprachänderungen Realitätsänderungen bewirken könnten. Das ist schlicht und einfach nicht der Fall. Es gibt dafür jede Menge Belege aus der Sprachforschung. Nur wenn man davon nichts weiß, wenn man also überhaupt keine Ahnung davon hat, wie Sprache funktioniert und in welcher Relation sie zum Handeln und Denken steht, kann man sich weiter seiner „offense taken is offense given“ Identitätspolitik bedienen. Denn es geht ja hier wie üblich nicht um Fakten, sondern um Gefühle. Um Dauerbeleidigte, die sich für ihre subjektiven Leiden eine objektive Anerkennung wünschen, am besten von der Wissenschaft. Damit sie sich endlich „relevant“ fühlen können, ohne je irgendetwas geleistet zu haben, für sich oder andere.

  74. „Ah ja, Wissenschaftler sind Pfuscher, wenn deren Analysen nicht Stephan Fleischhauers Meinung entsprechen.“

    Es gibt sehr viele Pfuscher, die sich Wissenschaftler nennen. Und noch erheblich mehr Amateure, die ihre hochwertvollen „Meinungen“, die nichts weiter als emotional aufgeladene Ideologien sind, mit dem Label „Wissenschaft“ schmücken möchten. Man erkennt sie immer wieder leicht daran, daß sie außer Rhetorik nichts zu bieten haben.

  75. Ein Problem sind auch wieder die Medien. Kürzlich habe ich in einer nicht oder nicht ernsthaft gendernden Zeitung online etwas über eine Studie gelesen, die angeblich mal wieder die positiven Effekte des Genderns demonstriert, diesmal mit besonders unplausiblen Resultaten. Mit etwas Erfahrung sieht man eigentlich sofort, wo der Schwachpunkt ist (vorausgesetzt die Beschreibung im Artikel ist akkurat). Aber davon kommt in dem Artikel nichts rüber. Es gibt natürlich manchmal auch Kritisches, aber das meiste ist halt ziemlich affirmativ. Die meisten Medien weigern sich zwar hartnäckig, ernsthaft oder konsequent zu gendern, singen aber gerne das hohe Lied auf die guten Früchte des Genderns.

  76. Noch was zu Whorf-Sapir:

    „Ja, allerdings auch die (empirischen) Grenzen dieser Theorien…
    Selbstverständlich „formt [Sprache] die Realität, bzw. wie wir sie wahrnehmen“, allerdings bei weitem nicht in dieser, manchmal fast magisch anmutenden, Weise, wie Befürworter_innen (auch Stefanowitsch) bestimmter Sprachformen postulieren.“

    Das ist nicht „selbstverständlich“. Dies ist der einzige Punkt, in dem ich McWhorter (siehe verlinktes Video weiter oben) ergänzen bzw. leicht widersprechen muß: Nehmen wir das Spanische mit seinen Worten für „himmelsblau“ und „wasserblau“, die anders als bei uns im Deutschen nicht als Variationen von „blau“ gesehen werden, sondern als „eigenständige“ Farben. Dann mögen die Spanier (oder auch die Russen, die machen dasgleiche) die besagten Blautöne etwas schneller und/oder präziser voneinander trennen oder identifizieren können als Deutsche. Das liegt aber nicht am linguistischen Teil der Angelegenheit. Es gibt keine Kausalität der Form „mehr oder andere Worte für blau => bessere oder differenziertere Kognition der ‚Realität'“ (zum R-Wort weiter unten mehr, das ist eine weitere Büchse der Pandora).

    Was tatsächlich passiert, ist, daß Spanier und Russen durch die unterschiedliche Hierarchie in der Verwendung der Farbworte eine (geringfügig) feinere Granularität im Umgang mit entsprechend gefärbten Gegenständen erwerben. Dieser Übungseffekt bewirkt aber nicht eine andere Wahrnehmung. Spanische oder russische Augen und Seherfahrungen sind nicht anders als deutsche, weil dort „blau“ sprachlich anders aufgeteilt wird. Jeder normalsichtige Deutsche kann die spanische Differenzierung erlernen, und seine Augen werden dabei nicht besser. Was besser, d.h. etwas „feiner“ wird, ist der Umgang mit den besagten Farbabstufungen. Diese neue Fähigkeit (die empirisch nachweisbar ist) wird von der Sprache aber nicht verursacht, sondern inspiriert. Spanisch macht, eher als Deutsch, „aufmerksam“ auf bestimmte Blautöne. Dies ist ein wichtiger Unterschied, wenn es um „Realität“ geht.

    Bezüglich der „Realität und ihrer Wahrnehmung“ (eine Formulierung, die jedem nicht-Metaphysiker bereits die Ohren aufstellt) kommt nicht mehr nur die Linguistik zum Tragen, sondern, wie auch unter dem Videolink schon angemerkt, die Sprachphilosophie. Was ist der Unterschied? Linguistik setzt die Existenz von Bedeutung voraus und untersucht dann die innersprachlichen formalen Aspekte, die mit Wortbedeutungen verknüpft sind: Mit welchen formalen Mitteln also eine gegebene Sprache die vom Sprecher gewünschten Bedeutungen ausdrücken kann. (Also das, was er mit seinen Worten tun/anfangen will. Wir kommen auf den Handlungsaspekt zurück, er ist entscheidend.)

    Sprachphilosophie dagegen versucht, zu erklären, warum es Bedeutung überhaupt geben kann. Hier geht es um Anwendung der Sprache im Strom der Welt und des Lebens. Es geht nicht primär um „intralinguistisches“ oder formale Aspekte von Sprachen. (Manchmal überschneiden sich die Gebiete, etwa wenn man formale Sprachen oder Kalküle wie die Mathematik untersucht, wir können das hier aber ignorieren, weil sich das Gendergaga primär auf Umgangssprache bezieht.)

    Zurück zum Begriff „Realität“: Es ist in einem trivialen Sinne richtig, daß alle Bedeutung „konstruiert“ ist, weil jeder Begriff natürlich ein menschlicher ist, da alle Sprache menschlich ist. Dies ist aber keine Bestätigung dafür, was Konstruktivisten behaupten, nämlich daß Bedeutung rein aus gesellschaftlicher Interaktion kommt. Daß also etwa eine Aussage P wahr ist, weil alle oder viele sagen, daß P wahr sei. Daß ich ein Mann bin, nur weil man mit gesagt/beigebracht hat, einer zu sein. (Und ebenso für jedes X in „X ist real/wirklich/etc.“) Aus dieser zu schmalen Sicht auf Sprache erklärt sich auch die Obsession der Genderverquirler mit „Macht“-Begriffen wie „Deutungshoheit“. Es wird verkannt, daß die Welt („Realität“) nicht allein dadurch bestimmt wird, wie wir über sie reden, sondern dadurch, wie wir an ihr teilnehmen, also mit ihr umgehen, d.h. wie wir handeln. Dazu gehören auch die Sprachhandlungen. Aber eben nicht nur die.

    Konstruktivismus ignoriert zwei fundamentale Aspekte von Sprache, nämlich zum einen, daß Worte nur Bedeutung haben können, weil sie mit nicht-sprachlichen Handlungen assoziiert sind, und zum anderen, daß Sprache sich genau dann durchsetzt, wenn sie nützlich ist.

    Das Thema ist zu komplex, um es in einem Forum umfassend behandeln zu können, aber ich zitiere mal, um den Realitätsbegriff nicht in der Luft hängen zu lassen, aus einem Aufsatz über Sprache und Struktur, den ich vor nicht allzu langer Zeit publiziert habe. Darin wird auch die vieldiskutierte „Realität“ gestreift:

    „Die Welt hat keine Struktur, die Natur ist keine ‘bemalte Leinwand’, deren Inhalt beschrieben werden kann. Wir bringen Struktur in die Welt, indem wir zunächst nicht-sprachlich, dann sprachlich, an ihr teilnehmen. Wir identifizieren oder beschreiben keine Bilder oder Bildstrukturen auf der ‘Leinwand des kosmischen Gewebes’ oder ‘Stoffs’, sondern wir tun, was wir tun und strukturieren dieses Tun immanent in unseren Sprachhandlungen, welche begriffliche Trennlinien manifestieren. Begriffliche Strukturen entstehen aus Sprachhandlungstrennlinien (ich sage dies und nicht jenes in einer Situation X), die wiederum auf nicht-linguistischen Handlungsregularitäten und -abgrenzungen aufbauen, d. h. einer Sammlung von regulären ‘so-im-Gegensatz-zu-so’ Handlungen und Handlungsfähigkeiten, die wir von der Kindheit auf lernen. Begriffsstrukturierungen können den Sprachhandlungen also nur gelingen, wenn sie mit nicht-sprachlichen Handlungen assoziiert (durch sie ‘geerdet’) sind.

    Alles, was wir ‘existent’, ‘seiend’, etc. nennen, ist Teil einer sich stets aufbauenden, erweiternden und verändernden (menschlichen) Lebensform, die ihren Umgang mit der Welt, d. h. ihr eigenes Handeln, ausdrückt (nicht nur in faktischer Sprache sagt). Die Möglichkeit, Handlungs- und Ausdrucksformen entwickeln und kultivieren zu können, ist unsere menschliche Basis, das ‘Gegebene’. (Zu dem auch die Möglichkeiten der Welt ‘da draußen’ zählen, da wir uns in Interaktion mit diesen ‘externen Möglichkeiten’ entwickeln.)“

    [Zitat Ende]

    Diese handlungsbasierte Sicht von „Realität“ ist weder metaphysisch noch konstruktivistisch. Sie vermeidet damit gleichzeitig Ding-an-sich Probleme und eine postmoderne „anything goes“ Ausrichtung. Inspiriert wird sie durch die Spätphilosophie Wittgensteins. („Sprachspiele“ in den „Philosophischen Untersuchungen“.)

    Und nun Anker los für die Genderfans: Alles ignorieren, was 100 Jahre „ordinary language philosophy“ und 50 Jahre Empirie der Linguistik zu bieten haben und immer ganz fest an die Genus-Unterdrückten denken. Wir wollen uns unsere schlechte Laune ja nicht nehmen lassen. Allein diese (unerträgliche!) Polemik beweist natürlich bereits, daß das Aktivistenvolk recht hat. Denn: „Getroffene Hunde bellen! Tschüssi!“

    PS

    Weiter oben wurde auch noch die „Sprechakttheorie“ (Austin/Searle) in den Raum geworfen. Die hat mit Gendern überhaupt gar nichts zu tun, denn bei den „speech acts“ geht es ebenfalls, wie der Name schon sagt, um Handlungsaspekte des Sprechens, allerdings in einem anderen Sinne als oben von mir verwendet. Austin/Searle wollen Handlungsaspekte von Sprechakten klassifizieren, die vom Bewegen der Zunge bis zu den mit dem Sprechakt beabsichtigten Zielen des Sprechers reichen. Damit liegt ihre Theorie in einem anderen Bereich der Sprachphilosophie als der Epistemologie der Semantik, wie ich sie oben umrissen habe.

  77. @79 LLL

    „Ein Problem sind auch wieder die Medien. […] die positiven Effekte des Genderns demonstriert, diesmal mit besonders unplausiblen Resultaten. […] Aber davon kommt in dem Artikel nichts rüber. Es gibt natürlich manchmal auch Kritisches, aber das meiste ist halt ziemlich affirmativ. Die meisten Medien weigern sich zwar hartnäckig, ernsthaft oder konsequent zu gendern, singen aber gerne das hohe Lied auf die guten Früchte des Genderns.“

    Exakt. Es geht um Gefühle und darum, sich selbst und den Konsumenten versichern zu können, auf der Seite des Guten zu sein. Es wird viel behauptet, aber nichts wirklich nachgewiesen. Wenn das Ergebnis moralisch en vogue ist, wird damit bereits alles als gerechtfertigt betrachtet. Intellektuelle Integrität braucht ja keiner, die macht nur Arbeit. Die Thesen und Schlüsse der Genderfreunde sind nicht nur absurd, sie berühren oft Themenkomplexe, die man eben nicht mal schnell durch ein paar Schüsse aus der Hüfte abhaken kann. So kann man prima ewig um den heißen Brei herumreden.

    Die beste Lösung für den nicht-schriftlichen Genderstern hat Friedrich Küppersbusch geliefert:

    https://www.youtube.com/watch?v=CKA2ziPFazY&pp=QABIAA%3D%3D#t=07m31s

    Start: 7:31

    Trigger warning: Serdar Somuncu kommt im Video vor (aber nicht im relevanten Teil, dort nur eine Schußwaffe).

  78. gerne das hohe Lied auf die guten Früchte des Genderns.

    Ich weiß ja nicht.
    Ich muss sagen, mir ist das Thema relativ egal.
    Ich bemühe mich bei Gelegenheit, auch zu gendern, weil es mich irgendwie nichts oder wenig kostet.
    In so fern, weil LLL mal fragte, ob das auch Auswirkungen auf den gesprochenen Alltag hat: ja, hat es. Nicht 100% Konsequent, eher in Richtung knapp unter 50%. Aber dennoch, mir rutscht es manchmal durch (unbewusst, weil ich halt viel Gelesenes unterbewusst in Gesprochenes aufnehme) und es wird eigentlich immer positiv aufgenommen.
    Aber wie gesagt, eigentlich ist es mir egal. Was mir aber auffällt:

    Exakt. Es geht um Gefühle…

    Emotional klingen eher die Beiträge der Gendergegner hier.
    Ja, es wird von der Fraktion versucht, die eigene Einstellung und Meinung sachlich zu begründen, keine Frage.
    Aber das auf sehr leidenschaftliche Art und Weise, sehr unermüdlich, sehr auf eine Art und Weise, dass mensch meint zu spüren, da stecken dann doch sehr viele Emotionen dahinter.
    Während die andere Seite natürlich nicht immer, aber doch oft eher so daherkommt, dass mensch da meinen könnte, denjenigen ist es nicht so wichtig, die gehen einfach mit, so gut es geht, weil es denen eventuell auch nicht viel Ausmacht, nach den nur vermeintlich „guten Früchten des Genderns“ zu greifen.

    Nicht selten schreiben hier die Gegner des Genderns ja explizit, dass die Genderversuche sie regelrecht aufregen.
    Ich neige daher fast dazu, die These aufzustellen, dass dieses Abzielen auf die Gefühle, zu den „Guten“ gehören zu wollen, eher ein Spiegelbild derer selbst ist, weil denen da die Gefühle durchgehen (Ausnahme: Mycroft, der(?) scheint mir ganz emotionslos einfach keinen Bock auf’s Gendern zu haben).

    Sei es drum, ist mir nur so aufgefallen, wollte ich nur mal los werden. :-)

  79. Verdachtsmoment: „Und noch erheblich mehr Amateure, die ihre hochwertvollen „Meinungen“, die nichts weiter als emotional aufgeladene Ideologien sind, mit dem Label „Wissenschaft“ schmücken möchten. Man erkennt sie immer wieder leicht daran, daß sie außer Rhetorik nichts zu bieten haben.“

    Verdachtsmoment:
    „Gendergeticke“
    „Genderfreaks“
    „Gendernonsens“
    „Dauerbeleidigte“

    Ich habe keine weiteren Fragen mehr.

  80. 1. Hinweis: alle folgenden Personenbezeichnungen gelten für m/w/d gleichbedeutend!
    2. Hinweis: Wer einen „Cchreipvfehelr“ findet, kann ihn gern behalten.

    Als wir vor ~50 Jahren unseren Abschlussball der Chemiker gefeiert haben, hatten wir zwei schöne Sprüche, allerdings mehr gemünzt auf die damalige politische Situation in der DDR: 1. „Jedem kann es passieren, dass er einmal Unsinn redet, schlimm wird es nur, wenn er es feierlich tut“ und 2. „Sprache ist etwas Wunderbares, man kann sie benutzen um Gedanken auszudrücken, oder Gedanken zu verbergen, oder, um das Denken zu ersetzen!“
    Wie wahr diese Sprüche sind, merke ich nicht erst an der hier stattfindenden Debatte. Es geht offenbar mehr um Rabulistik, als um Naturwissenschaft. Und zur Naturwissenschaft zähle ich die Klimaforschung noch dazu, wobei mir langsam Zweifel kommen, ob das noch so ist, oder ob sie mittlerweile eher ins Märchenland der Phantasie abdriftet, mit dem Haupt-Ziel des Erhalts von lukrativen W3-Professorensesseln samt Pensionen und „Klimaweltreisen rund um den Globus. Hunderte Millionen EUR werden aktuell in die „Klimaforschung“ allein in D investiert, wenn man die Haushalte der Institute des Deutschen Klimakonsortium mal addiert. Ich will hier nicht über guten oder schlechten Framing-Journalismus urteilen, da hat uns die ARD ja ein eher schlechtes Beispiel mit dem berüchtigten Framing-Gutachten für den Sprachgebrauch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk geliefert, aber ich will die wichtige und grundlegende Frage stellen:
    Was ist überhaupt „Klima“?
    Ich denke, zunächst muss man sich darüber klar werden, dass es so etwas wie „Klima“ auf der Erde überhaupt nicht gibt! Klima ist, wie Mathematik, eine konstruierte Wirklichkeit, mit der versucht wird etwas Unverständliches verständlich zu machen und in Kategorien einzuteilen. Klima ist nur (!!!!) ein menschengemachtes künstliches Rechenmodell von Durchschnittswetterwerten über einen Zeitraum von 30 Jahren. Wie viele physikalische Parameter tatsächlich das Wetter wann und wo und wie beeinflussen, wissen wir bis heute nicht so genau. Und alle diese unterscheidlichen Parameter, wie Kontinentaldrift, Tektonik, Vulkanismus, Sonne-Erde-Mondsystem, Magnetismus, um nur einige zu nennen, sind für die Zukunft unkalkulierbar. Wetter ist ein nichtlineares, chaotisches und multiaxiales System und analoges trifft auch für die „Klimazukunft“ zu. Nicht umsonst benötigt es immer größere Hochleistungs-Rechner , z.B. Mistral 2 des Deutschen Klimarechenzentrums, um auch nur ansatzweise die Wettererscheinungen der Vergangenheit in Modelle zu pressen, aus denen dann mit Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheiten Prognosen für die Zukunft erstellt werden (RCP-Modelle). So was ist für Journalisten schwer zu verstehen, und sie müssen schnell und möglichst leserwirksam und auflagenzentriert berichten. Wissenschaft geht aber anders, nämlich, im immer wiederkehrenden Diskurs um die Wahrheitsnähe (Karl Popper….) werden unterschiedliche Ergebnisse von Detailforschungen zu eine Gesamtbild zu verknüpfen versucht, und doch bliebt es immer eine konstruierte Wirklichkeit, eine Glaubensfrage, ein Belief. Die Erde ist eben keine „Klimascheibe mit einem Treibhausdach“, an dem die Steineleins und die Sonne angenagelt sind, wie im Mittelalter, sondern die atmophärischen Prozesse sind höchstkompliziert, so dass wir bereits das Wetter bestenfalls für wenige Tage im Voraus kalkulieren können. Und dasselbe triftt für eine Klimazukunft umso mehr zu. Und leider spielen da auch die großen Wissenschaftsmedien eine mittlerweile eher unrühmliche Rolle, da nicht selten Beiträge, die nicht in politische Bild passen, einfach nicht mehr veröffentlicht, sondern abgelehnt werden. Und Andersdenkende werden dann gern auch mal als „Nazi’s“, „Verschwörungstheoretiker“ oder „alte weiße Männer“ verunglimpft. An solchen zu kritisierenden „Auswahlkriterien“ und Fehlinterpretationen leidet übrigens auch die berühmte „Cook-Studie“, nach der angeblich 97% der Wissenschaft im Konsens stünde, dass der Klimawandel hauptsächlich vom Menschen verursacht würde. Das ist für Journalisten schwer zu verstehen, aber genau solche Zahlen kursieren dann schnell und unumkehrbar in der Öffentlichkeit und heizen die Debatte künstlich an. Deshalb ist der kritische Beitrag zum offenen Brief von dem Geologen Ralf Nestler ausdrücklich zu begrüßen, ich bedanke mich ausdrücklich bei ihm, auch wenn er hier viel Kritik einstecken musste. Diese Brief ist notwendiger denn je, und er mahnt völlig berechtigt zu mehr Vorsicht und Realismus, und weniger zu unkritschem Aktionismus. Die Zukunft kennt niemand, und vor 40 Jahren hätte kein Journalist auch nur ansatzweise an eine Wiedervereinigung Deutschlands geglaubt. Leider finden sich immer wieder (leider auch professorale und lobbyistische ) Scharfmacher auf beiden Seiten, die die Situation ausnutzen, um daraus persönlichen Profit zu schlagen, und Sensationsjounalismus kommt eben beim wenig- oder in naturwissenschaftlichen Fragen eher ungebildeten Volk besser an, weil einfacher zu verstehen, als eine tiefgründige Recherche. Eine solche macht einerseits für den Journalisten Mühe; und hinzu kommt, dass das Ergebnis auch noch so formuliert werden sollte, dass es verstanden und nicht missverstanden wird. Und hinter (oder vor?) jedem Journalisten steht dann noch eine Redaktion und ein Eigentümer, die auch wieder politisch motiviert und auf Anzeigen und Auflagen angewiesen sind, und ggf. sogar darauf drängen, dass die Beiträge dem eigenen (grün-linken-Sozialismus-?) Gusto entsprechen müssen. Und so kommt es eben dann schnell auch zum Begriff „Lügenpresse“. Und die dubiosen Fälschungen und Manipulationen der Vergangenheit und Gegenwart lassen ohnehin kein gutes Licht auf die Medien fallen. In den bisherigen Kommentaren ist viel zu Sprache, aber weniger zu Naturwissenschaft geschrieben worden. Vielleich kann dies mehr in den Blickpunkt kommen, denn genau darum geht es eigentlich, um Wissenschaft und deren differente Erkenntnisse. Was also ist Wahrheit, was Wahrscheinlichkeit, was freie Erfindung, also Manipulation der Wetterzukunft?

  81. @82 Micha

    Bei Ihnen und vielen anderen habe ich den Eindruck, daß Sie überhaupt nicht wissen, was im Namen des Gender Mainstreamings alles getan und geschrieben worden ist und nach wie vor wird. Sie scheinen keine Ahnung davon zu haben, wieviel Extremismus dieses Feld beherbergt. Und wie weit sich der Irrsinn seiner Vertreter bis in Medien, Politik und Hochschulen verbreitet hat, insbesondere in den letzten 15 Jahren, und nochmal schubweise heftiger in den letzten 5.

    Die Literatur (allen voran Judith Butler), die diesen Ideologien zugrunde liegt, haben Sie ganz offensichtlich nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn sich damit intensiver beschäftigt.

    Sie verteidigen also Ideen und gesellschaftliche Zukunftsentwürfe, die Sie gar nicht kennen. Ihre Argumentationsgrundlage (sofern man von „Argumenten“ überhaupt reden kann, es sind fast immer nur Behauptungen und „warum denn nicht, was ist denn so schlimm daran“ Besänftigungsreden) ist also was genau? Ihr social media feed?

    Haben Sie schon mal eine Uni von innen gesehen? Sich mit Literatur zum Thema beschäftigt? (Ich rede von Büchern, falls Sie die noch kennen.) Sich mal im Netz jenseits Ihrer social media Profile umgeschaut, wer da alles was behauptet, vorschlägt, fordert? Mal gesehen, wie die Genderideologie Menschen radikalisiert? Sich mal über den Einfluß der Genderideologie in den USA schlauer gemacht? Sich über die Umerziehungskurse („awareness training“) in staatlichen und privaten Einrichtungen (Google, facebook) informiert, die jetzt gerade von Trump gesetzlich eingedämmt wurden? (So weit ist es gekommen, daß es einen Schwachmaten wie Trump braucht, bis etwas getan wird.)

    Und dann beschweren Sie sich über „zuviel Gefühl“ auf der kritischen Seite. Und erzählen was von früher, als man noch „Kümmeltürke“ gesagt hat.

    Ich denke, Sie haben die Dimension der eigentlichen Probleme, die die Genderideologie mit sich bringt, gar nicht auf dem Schirm. Binnen-I und Gendersternchen sind nicht die Hauptschwierigkeiten, es sind Symptome eines wesentlich größeren Unzufriedenheitsproblems der Moderne.

    „ob das auch Auswirkungen auf den gesprochenen Alltag hat: ja, hat es.“

    Es ist ja laut Social Justice Aktivismus immer noch alles randvoll mit Sexismus und Rassismus bei uns und anderswo in der westlichen Welt. Soviel kann die Gendersprachreform bislang also nicht gebracht haben, laut Bekundung ihrer eigenen Anhänger. „Es ist noch viel zu tun“ ist einer der am häufigsten wiederholten Sätze der Aktivisten.

    Und „das“ hat in der Tat Auswirkungen, es kostet nämlich sehr viel Zeit und Geld. Zeit und Geld, die anderswo fehlen, wo es wirklich drauf ankommt. Wo es um mehr geht als um das fehlende Selbstwertgefühl einer kleinen Gruppe von Schreihälsen, die nie genug bekommen, weil ihre Probleme ganz woanders verortet sind als in der Sprache.

    „weil ich halt viel Gelesenes unterbewusst in Gesprochenes aufnehme) und es wird eigentlich immer positiv aufgenommen“

    Positiv aufgenommen von wem? Sie kopieren Jargon, und 15 Jungs und Mädchen in Ihrer Twitterblase fühlen sich dann gebauchpinselt. So geht heutzutage „Community“. Das können Sie natürlich halten wie Sie wollen. Es geht aber nicht um Ihre safe spaces, es geht darum, daß der Aktivismus diese sinnlosen Reformen gesellschaftsweit durchsetzen will.

    „Aber wie gesagt, eigentlich ist es mir egal.“

    Weswegen Sie Tag und Nacht darüber reden und schreiben und auf jede Kritik am Gendergeschwurbel mit einer Verteidigungs- oder Relativierungsrede reagieren. Schon klar.

    „Ja, es wird von der Fraktion versucht, die eigene Einstellung und Meinung sachlich zu begründen, keine Frage.
    Aber das auf sehr leidenschaftliche Art und Weise, sehr unermüdlich“

    Skandalös, wenn sich Forscher, die sich über Jahrzehnte mit Wissenschaft und Philosophie beschäftigt haben, ihre Gebiete und Interessen verteidigen. Und das auch noch unermüdlich! Das geht ja nun wirklich nicht. Insbesondere im Vergleich zu den Genderaktivisten, die alles andere als unermüdlich sind und sich bestenfalls 1-2 Mal im Jahr zu Wort melden. Mit ganz harmlosen und unkontroversen Angelegenheiten wie „critical race theory“ und „critical whiteness“ (nur ein Beispiel daraus: das Konzept ‚Wahrheit‘ wurde angeblich von Weißen als Unterdrückungswerkzeug erfunden). Die sind da alle komplett locker und entspannt.

    „sehr auf eine Art und Weise, dass mensch meint zu spüren, da stecken dann doch sehr viele Emotionen dahinter.“

    OMG. Emotionen in einer Wissenschaftsdebatte. Man fasst es nicht. Dergleichen gab es bislang nie!

    Sehr interessant, daß Sie zwar zugestehen, daß sachliche Begründungen existieren, dann aber meinen, daß diese invalidiert werden, wenn Gefühle als Motivationen dahinterstecken. 1+1=2 zu beweisen ist also nur dann ok, wenn man nicht begeistert von Mengenlehre und Arithmetik ist. Die Gültigkeit sachlicher Argumente ist laut Ihnen abhängig von der Motivation des Sprechers, aus der heraus er die Argumente vorbringt. Gratuliere, Sie haben erfolgreich Subjektivität zur Bewertungsgrundlage in den Wissenschaften gemacht. Das ist schon eine Leistung.

    Meine Ex war viele Jahre lang Professorin für Informatik, hat sich u.a. auch für mehr Frauen in der IT stark gemacht (mit Arbeit, nicht nur mit Haltung), wurde aber selbst in dieser Position von Gender“wissenschaftlern“ immer wieder torpediert. Letztlich erfolglos, aber das ist auch schon viele Jahre her. Wir sind beide inzwischen froh, nicht mehr an der Uni zu arbeiten. Einmal (vor ca. 15 Jahren, als Gender Mainstreaming noch nicht in der breiten Öffentlichkeit angekommen war), als es mal wieder ideologisch heiß herging, hat sie gesagt, sie würde lieber mit Männern zusammenarbeiten, weil es mit denen weniger Zickenkrieg gibt. Daraufhin wurde ihr von einer Ohnegliederin einer Gender Mainstreaming Arbeitsgruppe in einem minutenlangen Schreianfall vorgeworfen, sie „legitimiere damit auch Vergewaltigung“. 20 Minuten später wurde sie von derselben Person auf dem Flur vor ihrem Büro körperlich angegriffen.

    Das ist das superchillaxte Niveau, auf dem diese „Debatten“ geführt werden. Ich habe natürlich einen Extremfall herausgepickt, der aber dennoch repräsentativ ist für die generelle Einstellung der Ideologen. (Paranoia, Irrationalität, unbeweisbare und unwiderlegbare „Theorien“, etc.)

    „Während die andere Seite natürlich nicht immer, aber doch oft eher so daherkommt, dass mensch da meinen könnte, denjenigen ist es nicht so wichtig, die gehen einfach mit, so gut es geht, weil es denen eventuell auch nicht viel Ausmacht, nach den nur vermeintlich „guten Früchten des Genderns“ zu greifen.“

    Diese „guten Früchte“ gibt es eben nicht. Sie belügen sich selbst, weil Sie sich in dem Gedanken wohlfühlen wollen, einer von den Guten zu sein. Damit hat auch erst mal niemand ein Problem. Ein Problem gibt es dann, wenn Sie Ihre Lügen anderen aufzwingen wollen. Und was diejenigen betrifft, die „einfach mitgehen“: Das Wort „Mitläufer“ hat bei uns bis heute nicht die beste Konnotation. Sie wissen warum.

    „Nicht selten schreiben hier die Gegner des Genderns ja explizit, dass die Genderversuche sie regelrecht aufregen.“

    Und? Andere Menschen dürfen keine Gefühle haben? Nur Sie? Ach nein, Sie sind ja die Lockerheit in Person.

    „Ich neige daher fast dazu, die These aufzustellen, dass dieses Abzielen auf die Gefühle, zu den „Guten“ gehören zu wollen, eher ein Spiegelbild derer selbst ist“

    Und diese „Neigung“ Ihrerseits ist wie genau begründet? Doch hoffentlich nicht nur durch Gefühle. Sie haben sicher exzellente, maximal nüchterne Anlässe und Motivationen für Ihre „Spiegelbild“ Theorie. Oder irgendeine Ihrer Behauptungen. Wäre nett, mal eine dieser Begründungen zu hören. Das erste Mal ist ja bekanntlich immer das schönste.

    Man könnte Ihre Spiegelbild Ahnung natürlich auch wiederum unmittelbar gegen Sie einsetzen. Die besten „Argumente“ sind ja stets die, die man immer verwenden kann, völlig unabhängig von irgendwelchen störenden Inhalten.

    „weil denen da die Gefühle durchgehen (Ausnahme: Mycroft, der(?) scheint mir ganz emotionslos einfach keinen Bock auf’s Gendern zu haben.“

    Wenn man also gefühllos bezüglich irgendwas ist, dann ist es ok. Gut zu wissen. Daß „einfach keinen Bock auf“ ebenfalls einen gefühlsmotivierte Angelegenheit bezeichnet, ist Ihnen natürlich nicht aufgefallen. Und wenn ich ganz emotionslos einfach keinen Bock mehr darauf habe, daß das Geld meines Nachbarn nicht meins ist, dann raube ich ihn halt aus und keiner kann mir was. Hauptsache kaltblütig, der Richter wird’s sicher verstehen.

    Insgesamt also ein weiterer rhetorischer Nuklearschlag Ihrerseits: Nicht Sie reagieren gefühlsbasiert, die anderen sind’s! Rumms, Debatte beendet.

    „Sei es drum, ist mir nur so aufgefallen, wollte ich nur mal los werden. :-)“

    Nur mal so eben, zum 150sten Mal, will man ganz ruhig und sachlich loswerden, daß einen das Thema ja eiiiigentlich jetzt gar nicht soooo interessiert. Nur die anderen, die man umerziehen will (natürlich mit einem Lächeln, man ist ja kein Unmensch), das sind die wüsten, unrelaxten Choleriker. Smileyface!

  82. @83 Schnellinger

    Ich:

    Man erkennt sie immer wieder leicht daran, daß sie außer Rhetorik nichts zu bieten haben.

    Sie:

    Verdachtsmoment:

    „Gendergeticke“
    „Genderfreaks“
    „Gendernonsens“
    „Dauerbeleidigte“

    Ich habe keine weiteren Fragen mehr.

    Ich schon: Kennen Sie die Bedeutung des Wortes „außer“? Kein einziger meiner Beiträge und kein einziges meiner Argumente basiert auf Polemik oder Rhetorik. Letztere sind stets reines Bonusmaterial.

  83. @84 Jürgen

    Ach Jürgen.

    Von „Rabulistik“ reden, und selber welche betreiben, Von Naturwissenschaft reden und mit jedem Satz offenbaren, daß man keine Ahnung davon hat.

    „Und zur Naturwissenschaft zähle ich die Klimaforschung noch dazu, wobei mir langsam Zweifel kommen, ob das noch so ist, oder ob sie mittlerweile eher ins Märchenland der Phantasie abdriftet, mit dem Haupt-Ziel des Erhalts von lukrativen W3-Professorensesseln samt Pensionen“

    Ich würde mich ja erstmal informieren, wieviele W3 Professuren es überhaupt gibt, und was die so verdienen, bevor ich das zur Grundlage meiner weltweiten Verschwörungstheorie mache.

    „und „Klimaweltreisen rund um den Globus“

    Das können Sie eher den Leuten der UNESCO vorwerfen, die reisen, tagen und reden gern viel, ohne daß was dabei herauskommt, außer dem begehrten Gutmenschgefühl.

    „Hunderte Millionen EUR werden aktuell in die „Klimaforschung“ allein in D investiert, wenn man die Haushalte der Institute des Deutschen Klimakonsortium mal addiert.“

    Ist Ihnen das das Überleben der Menschheit etwa nicht wert? Wollen Sie lieber in einem Sarg voller Euroscheine in die Erde? (Immerhin ist die dann ja kuschelig warm, also warum nicht.)

    Außerdem: Die paar hundert Mille, das zahlen wir doch aus der Portokasse.

    „ich will die wichtige und grundlegende Frage stellen:
    Was ist überhaupt „Klima“?“

    Ja mein Gott, und was ist überhaupt Gravitation? Was ist Materie? Was sind Kräfte? Was ist Existenz? Dieser ganze Trickbetrügerladen von Physikern und Philosophen nimmt uns doch seit Jahrhunderten aus, um ihren Spinnereien nachzugehen.

    „Ich denke, zunächst muss man sich darüber klar werden, dass es so etwas wie „Klima“ auf der Erde überhaupt nicht gibt!“

    Eben. Eine räumliche und zeitliche Dynamik der Verteilung von Durchschnittstemperaturen auf der Erde über Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrmillionen, wer hat sich solchen Irrsinn ausgedacht? Können nur Abzocker gewesen sein.

    „Klima ist, wie Mathematik, eine konstruierte Wirklichkeit, mit der versucht wird etwas Unverständliches verständlich zu machen und in Kategorien einzuteilen.“

    Eben. Wissenschaft sollte niemals generalisieren. Schluß mit diesen „Gesetzen“ wie F=gamma*m1*m2/r^2, der Stein fällt runter und fertig! Und der nächste Stein fällt anders runter oder genauso. Newton, Einstein und andere Unverständlichkeitsgegner, alles schamlose Profiteure des Kategorisierens. Und wem hat’s geholfen? WEM, frage ich!

    Und dann die „konstruierte Wirklichkeit“ der Mathematik. Schande über jeden, der diese neumodische Praxis des „Zählens“ auf widerwärtigste ausnutzt, um andere zu unterdrücken und zu beleidigen. Vom Adlerhorst ihres Herrschaftswissens speien diese Intellektualisierungsteufel, genannt „Mathematiker“, uns ihre widerlichen Formeln entgegen, denen wir hilflos ausgeliefert sind.

    „Klima ist nur (!!!!) ein menschengemachtes künstliches Rechenmodell von Durchschnittswetterwerten über einen Zeitraum von 30 Jahren“

    Amen! Nur! NUR!!! Ist das entscheidende Wort. Alles menschengemacht, alles fehlbar! Also alles unsicher und falsch. Nur Gott könnte das echte, wahre und schöne Rechenmodell liefern, das wir JETZT… ebenfalls ablehnen würden. Denn wir lassen uns nicht länger VON OBEN HERAB behandeln. Das wird man ja wohl noch mal herausbrüllen dürfen, bevor die Ausrufezeichen alle sind.

    Die Rechenmodelle (komischerweise immer „künstlich“, weil sich die Natur bislang strikt weigert, eins zu konstruieren, allein das sollte uns zu denken geben, aber das haben die massenmediengesteuerten Schlafschafe ja längst verlernt) gehen übrigens viel weiter zurück als 30 Jahre. Man hat Klimadaten aus den Ozeanen mindestens seit dem Beginn der Industrialisierung. Gab da so Schiffe, auf denen um die ganze Welt herum die Wassertemperaturen gemessen wurden. Eimer Wasser rein, raufgeholt, Thermometer rein. Aber alles menschengemacht, also nix wert. Ach ja, und dann gibt’s noch so Sachen wie Eiskernbohrungen, damit kann man globale Erwärmungen und Abkühlungen über extrem große Zeiträume zurückverfolgen. Und dann gibt es noch den CO2 Kreislauf mit seinen jährlichen Quellen und Senken, dessen Überschuß, der nicht mehr von der Natur absorbiert werden kann, exakt mit dem steigenden CO2 Ausstoß im Verlauf der Industrialisierung korreliert. Aber von sowas jetzt nicht irritieren lassen, das ist alles nur Scharade, um ein paar W3 Stellen zu erhalten.

    Denn:

    „Die Zukunft kennt niemand, und vor 40 Jahren hätte kein Journalist auch nur ansatzweise an eine Wiedervereinigung Deutschlands geglaubt“

    Eben. Wenn einmal etwas passiert, womit keiner gerechnet hätte, dann ist ALLES unsicher, für IMMER! Selbst 1+1 könnte morgen schon 3 sein! Man soll nie „nie“ sagen, das wusste schon Sean Connery.

  84. @ Verdachtsmoment:

    Danke für den Video-Link, war amüsant. Persönlich glaube ich, dass die Gender-Sprache früher oder später weitgehend verschwinden wird, abgesehen vielleicht von der ein paar kleineren Übrigbleibseln (wie einer gelegentlichen Doppelnennung). Warum? Ich glaube nicht, dass die Gender-Sprache sich je in der Allgemeinheit durchsetzen wird („Wir sind von zu Hause geflohen. Die Handwerkerinnen und Handwerker (resp. die handwerker[Pause]Innen) sind bei uns“). Und dann wird diese Art der Sprache irgendwann auch in der akademischen Welt außer Mode kommen. Im sprachbewussten Frankreich hat der Prozess womöglich schon begonnen:

    „Frankreichs Premierminister Édouard Philippe hat jetzt seine Beamten aufgefordert, die Pünktchenschreibung und andere inklusive Formen in offiziellen Texten nicht zu benutzen. […] Mit seiner Anweisung befindet sich Philippe im Einklang mit der Académie française, der obersten Regelungsinstanz für alle Fragen der französischen Sprache, die die feministischen Neuerungen ablehnt. Erst am Montag dieser Woche hatte auch der französische Verband der Blinden und Sehbehinderten ein Ende des neumodischen Sprachmix gefordert. Die inklusiven Schreibweisen brächten ‚eine unlesbare und unverständliche Sprache‘ hervor, die für ‚unsere Bildschirmleser nahezu nicht zu dechiffrieren‘ sei.
    https://www.welt.de/kultur/article170857223/Frankreichs-Premier-verbietet-Gender-Schreibweisen.html

    Nun, die Zukunft wird zeigen, ob ich recht behalte und das Gender-Sprach-Projekt an mangelnder Akzeptanz und übermäßiger Kompliziertheit scheitern wird.

  85. Verdachtsmoment ist sehr witzig.
    Ich hatte extra geschrieben, dass mir die Diskussion eigentlich egal ist.
    Mich eigentlich fast nur darauf bezogen, dass ich den Vorwurf der Gefühlsebene an die Verfechter etwas komisch finde.
    Und dann kommt so ein emotionaler Rant.
    Da scheint jemand seine Gefühle gar nicht im Griff zu haben.

    Sei’s drum, ich wünsche viel Spaß beim weiteren Ereifern und dem ehrenwerten Kampf. 😊

  86. @Verdachtsmoment
    Leider außer Diffamierung nichts Substantielles, deshalb lohnt sich eine Diskussion dazu nicht. Ich habe den Verdacht, dass Sie im Moment etwas ausser der Spur sind. Eben wenig Naturwissenschaft, sondern ausschließlich Hysteriedebatte, vieleicht mal ein paar Fachbücher lesen und verstehen lernen.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.