Die Macht der Stimme

Die Erfahrung, eine Stimme ganz nah zu hören, die uns persönliche Dinge erzählt, machen wir mit Liebhabern und Podcastern. Es ist eine intime Erfahrung. Und es ist offensichtlich, dass es das ist, worum es geht – bei beidem.

Ich könnte bei einigen erfolgreichen Podcasts nicht belastbar sagen, wovon sie handeln, sondern nur, wer in ihnen spricht. Allen voran „fest & flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz, das als Radioprogramm gestartet war und trotzdem1)Oder gerade deshalb, weil es seine Hörer mit zu Spotify genommen hat – und Spotify hat angeblich eine wirklich hohe Summe für den Wechsel und den dadurch allgemein bemerkten Hinweis gezahlt, dass es auf Spotify Podcasts gibt.den Einzug dieses Audioformats in den deutschen Mainstream-Medienmix besiegelt hat.

Aber auch der erfolgreichste deutsche Podcast „Gemischtes Hack“ von Felix Lobrecht und Tommi Schmidt lebt ja nicht von einem definierbaren Thema, sondern von seinen Protagonisten.2)Offenlegung: Tommi Schmidt hatte eine Kolumne in der (inzwischen eigestellten) Zeitschrift „JWD“, die ich als Redaktionsleiter verantwortet habe, und ich mag ihn persönlich sehr gern. Und wenn ich mich in meiner Blase umhöre, würde ich wagen zu behaupten, der Corona-Podcast von Christian Drosten hätte inzwischen ähnlich hohe Zuhörerzahlen, wenn man Corona unerwähnt und Drosten einfach nur Döntje erzählen und dazu sanft an einer Gitarre zupfen lassen würde.3)Natürlich kann er das. Er ist Christian Drosten. Er ist einer von denen, die man sich nahe gehen lassen mag. Und das ist der Punkt.

Wir sind alle einer Flut von Informationen ausgesetzt, jeden Tag und in der Regel sogar jede Stunde. Welche der Informationen wichtig sind und welche nicht, sortieren wir weitgehend emotional. Jeder Nachrichtenredakteur hat das verinnerlicht, die klassischen Boulevard-Fragen bei der Bewertung, ob es eine Nachricht in die Zeitung schafft, waren lange schon nach „Wie sensationell ist das Ereignis?“ (Zum Beispiel: Wie hoch ist die Zahl der Opfer?) die Fragen: „Wie emotional ist es?“ (Kinder unter den Opfern?) und „Wie nah ist es oder können wir es heranholen?“ (Sind Deutsche unter den Opfern? Oder ein Prominenter, zu dem unsere Leser eine emotionale Beziehung haben?).

So sind wir, auch wenn es unangenehm ist

Nähe schlägt fast immer die anderen Kriterien. Ein gefällter alter Baum in unserer Straße geht uns in Deutschland näher als eine Messerstecherei in Birmingham, und wir machen uns mehr Gedanken über die Badehose für den Urlaub als über verseuchtes Leitungswasser in Flint, Michigan. So sind wir, auch wenn es unangenehm ist, das einzugestehen.

Womit ich – im Nachhinein unerklärlicherweise – nicht gerechnet hatte, ist, dass im Zuge der digitalen Revolution ein uraltes Medium wie die menschliche Stimme noch einmal so eine Macht erhalten würde.

Foto: Jason Rosewell / Unsplash

Podcasts funktionieren letztlich über die Nähe, die es auslöst, eine angenehme Stimme im Kopfhörer zu haben, und auch wenn die Datenlage nicht einfach zu überschauen ist und Verlage nicht offen darüber sprechen, sind offenbar sogar die Versuche diverser Redaktionen erfolgreich, geschriebene Geschichten schlicht vorlesen zu lassen. Nähe funktioniert immer.

Noch erstaunlicher ist allerdings, wie sehr wir dieses Prinzip als Branche bis heute nicht konsequent und systematisch zu nutzen verstehen. Die Ausnahmen bestätigen die Regel: Das absurd unlesbare neue Buch von Gabor Steingart funktioniert ja nur dann nicht, wenn man nicht bereit ist, sich von Onkel Gabor eine Schlechte-Nacht-Geschichte erzählen zu lassen, bei der der Inhalt zweitrangig ist. Ich würde wetten, dass es eine Menge Menschen gibt, die ohnehin mit dem grundsätzlichen Gefühl von „Irgendwer verarscht mich doch hier“ leben und sich dem hingeben.

Das Buch wird sich gut verkaufen, weil es emotional befriedigt, mehr durch gefühlte Nähe als durch Inhalte, denn was es für mich so schwer erträglich macht – zum Beispiel diese fortdauernde „Mein Freund“-Ansprache – stellt genau diese Nähe her.4)Ja, auch bei mir. Nur ist es bei mir so, dass mich Nähe zu Gabor Steingart tendenziell abschreckt, deshalb ist ja meine Ablehnung so groß. Es ist, als stünde er zu nah an mir dran in der U-Bahn, obwohl drumherum genug Platz wäre. Es ist brachial plump, aber ich behaupte, nicht wenige extrem erfolgreiche (und zwar auch zu recht erfolgreiche) Podcasts klängen brachial plump, wenn man sie einfach abtippen würde.

Nun bedeutet das alles nicht, dass jedes Medium nur plump werden muss, um erfolgreich zu sein. So einfach ist es zum Glück nicht, und manche Publikationen leben genau vom Gegenteil. Eine „FAZ“ oder eine „Zeit“ leben ja genau davon, dass sie ihre Leser herausheben aus seinem Ökosystem und hinein in eine feinere Sphäre.5)Was übrigens auch eine Form von Nähe ist, denn von diesem erhöhten Standpunkt schauen Blatt und Leser gemeinsam – ich möchte sagen: die Köpfe zusammengesteckt – auf die Welt unter ihnen.

Welche Nähe ist die angemessene?

Ich habe in der vergangenen Woche an dieser Stelle schon über die „Tagesschau“ gesprochen, die mir das gute Gefühl gibt, das Chaos der Welt überschaubar macht, indem es das ordentlich in ihre Schubladen sortiert.6)Und auch darüber, dass meine Töchter damit nur noch wenig anfangen können. Ich bin aber davon überzeugt, dass jedes Medium endlich (oder immer wieder neu) bewusste Entscheidungen darüber treffen muss, welche Nähe die angemessene ist und welches die Werkzeuge sind, um sie herzustellen.

Ich arbeite immer noch vor allem in der Welt der Print-Magazine, und wir verlieren gerade einen Kampf. Die gängige Erklärung ist, dass Leser heute eher ihr Smartphone mit in die U-Bahn nehmen als eine Zeitschrift, und ich glaube, das ist eine Erklärung, die vor allem Zeitungen betrifft und weniger Magazine. Unser Problem ist nicht, dass Menschen Zeitschriften nicht mehr mit ins Flugzeug nehmen, sondern vor allem nicht mehr mit aufs Klo. Wir waren einmal das Intimste aller Medien. Jetzt gehören wir zu den letzten Orten, an denen Menschen noch gesiezt werden. Irgendwo auf dem Weg haben wir eine wichtige Schlacht verloren, weil wir sie nicht bemerkt haben.

Es gilt, auch geschrieben wieder Stimmen zu entwickeln, die Menschen mit ins Bett oder aufs Klo nehmen wollen. Ganz nah.

Fußnoten   [ + ]

1. Oder gerade deshalb, weil es seine Hörer mit zu Spotify genommen hat – und Spotify hat angeblich eine wirklich hohe Summe für den Wechsel und den dadurch allgemein bemerkten Hinweis gezahlt, dass es auf Spotify Podcasts gibt.
2. Offenlegung: Tommi Schmidt hatte eine Kolumne in der (inzwischen eigestellten) Zeitschrift „JWD“, die ich als Redaktionsleiter verantwortet habe, und ich mag ihn persönlich sehr gern.
3. Natürlich kann er das. Er ist Christian Drosten.
4. Ja, auch bei mir. Nur ist es bei mir so, dass mich Nähe zu Gabor Steingart tendenziell abschreckt, deshalb ist ja meine Ablehnung so groß. Es ist, als stünde er zu nah an mir dran in der U-Bahn, obwohl drumherum genug Platz wäre.
5. Was übrigens auch eine Form von Nähe ist, denn von diesem erhöhten Standpunkt schauen Blatt und Leser gemeinsam – ich möchte sagen: die Köpfe zusammengesteckt – auf die Welt unter ihnen.
6. Und auch darüber, dass meine Töchter damit nur noch wenig anfangen können.

4 Kommentare

  1. Das Meiste halte ich für absolut richtig, die Schlussfolgerung im letzten Absatz aber nicht. Es gibt eine Menge Magazine, die ihre Leserschaft seit Jahrzehnten duzen und die ihr auch wirklich intim nahekommen. Szenemagazine im Bereich Musik, Motorrad, Hobby, Jugendzeitschriften etc. Nahezu alle davon leider massiv unter den Entwicklungen der letzten Zeit, viele gibt es mittlerweile nicht mehr. Intimität kann also nur ein kleiner Teil des Problems sein und wird die großen Magazine sicher nicht retten.

  2. Warum unter anderem Podcasts funktionieren: Sie bedienen nur einen Aufnahmekanal und man kann Input haben, während man nebenbei was anderes macht: kochen, putzen, seine Augen schonen. In aktuellen Worten gesagt: Podcasts sind quasi die literarische Freisprechanlage.

    Warum unter anderem Bücher funktionieren: Ein Buch ist eine in sich geschlossene Geschichte. Man nimmt sich das Teil und hat eine Auszeit. Man will die Geschichte zu Ende lesen. In aktuellen Worten gesagt: Bücher sind quasi Netflixserien fürs Kopfkino.

    Und jetzt sollte man sich fragen: Was sind heutzutage Magazine? Keine Ahnung, ich weiß es nicht. Magazinmacher scheinbar auch nicht. Und deshalb haben sie auch keinen Platz mehr in unserem aktuellen Leben. Nicht mal auf dem Klo.
    Es sei denn, man hat ein Leben, in dem das Netz eine untergeordnete Rolle spielt und man sucht nach einer Möglichkeit, sich auch ohne Social Media Blase und Clickbait pausenlos verarschen zu lassen, dann ist man Topf-voll-Gold-Opfer.

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