„Rabbit Hole“: Die Geschichte einer Radikalisierung als Grundkurs Internetkultur

Über Internetkultur wird ja immer noch viel zu oft viel zu oberflächlich berichtet, mit diesem dämlich-staunendem Habitus: Das ist ja verrückt, was diese Nerds da machen. Der Tenor dabei: Hier ist die echte, analoge Welt mit echten Menschen. Und drüben die digitale Welt, die nicht so richtig echt ist und häufig auf drei Motive reduziert wird: Technik, Gefahren, Kurioses. Debatten zu beispielsweise Killerspielen, Klarnamenpflicht, Vorratsdatenspeicherung, Social Bots, Darknet oder Foren lassen grüßen.

Ernstzunehmende Recherchen und Berichte über digitale Phänomene sind in großen deutschen Medien weiterhin eher die Ausnahme. Als wäre unser gesellschaftliches Leben nicht längst eng mit dem Internet verwoben. Als würden digitale Plattformen mit ihren Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Anwendungen nicht auch die Gesellschaft extrem beeinflussen. Und als säßen am anderen Ende der Internetleitung nicht eben auch wieder Menschen.

Ganz anders ist der US-Podcast „Rabbit Hole“ der „New York Times“: Eine fesselnde Geschichte, aufwendig produziert, stets klug reflektierend, was einerseits wir mit dem Internet machen und was andererseits das Internet mit uns macht. Natürlich geht es um Technik, um Gefahren – aber es geht eben auch um die soziale Komponente, um Geschichten über reale Menschen.

Der Podcast ist ein Paradebeispiel dafür, wie guter Journalismus funktioniert, der das Internet eben nicht als kontextlose digitale Parallelwelt, sondern als Feedbackschleife zwischen analogen und digitalen Räumen begreift. Also genau der richtige Podcast, um sich dem aktuellen Hype-Thema Verschwörungsideologien und Bewegungen wie QAnon zu nähern.

„Rabbit Hole“ beginnt im Prolog mit einer harmlosen Anekdote. Ein Mann kann nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden: Hatte er auf Twitter gerade selbst entwickelte Gedanken und Meinungen formuliert? Oder einfach unbewusst etwas wiedergegeben, was er zuvor im Internet gelesen hatte? Das Internet ist in unseren Köpfen, so die These, ob wir wollen oder nicht, bewusst oder unbewusst.

Vordergründig ist „Rabbit Hole“ die Geschichte der gleich mehrfachen Radikalisierung von Caleb Cain, dem Protagonisten der ersten Hälfte der Podcast-Serie. Caleb bricht das College ab, orientierungslos und depressiv, verbringt deswegen quasi jeden Tag auf Youtube.

Um davon zu erzählen, nutzt das „New York Times“-Team den jahrelangen Youtube-Verlauf von Calebs Google-Account. Dieses Dokument ist ein journalistischer Schatz, der um Calebs Erinnerungen und Emotionen angesichts der harten Realität der Youtube-Algorithmen ergänzt wird. Es zeigt einmal mehr, wie sensibel und persönlich solche Daten sind. (Hier übrigens der Weg, um als angemeldeter Google-Nutzer das Protokollieren der angesehenen Videos zu unterbinden.)

Von Alt-Right-Videos zum linken Youtube

So hören wir von der Odyssee, auf der Caleb Cain zunächst Selbsthilfe-Videos und Musik konsumierte und dann schleichend abrutschte. Zunächst geriet er zu Leuten wie dem vermeintlich harmlosen US-Podcaster Joe Rogan, der doch hin und wieder gerne Alt-Right-Figuren einlädt. Dann führten Caleb die automatisierten Youtube-Empfehlungen erst in eine zunehmend konservative Denkwelt, um dann immer tiefer in extremistische Gefilde abzudriften: von Stephan Molyneux zu Stephen Crowder bis hin zu offenen Nationalisten wie Lauren Southern und Rechtsextremen wie Richard Spencer.

Die Agenda von Youtube geht perfekt auf: Menschen wie Caleb Cain werden mit einer endlosen Kette von ähnlichen Inhalten versorgt, möglichst ohne störende Irritationen und Abschaltimpulse, um sie damit so lange wie möglich auf der Plattform zu halten. Youtube begründet mit diesen Algorithmen seinen endgültigen Durchbruch – und bekam so den Ruf der Radikalisierungsmaschine.

Irgendwann landet Protagonist Caleb Cain bei einem Debattenvideo: Lauren Southern, eine seiner liebsten Alt-Right-Youtuberinnen, trifft auf den linken Youtuber Steven Bonnell aka Destiny, der beim Thema Migration mit Fakten die populistischen Aussagen von Lauren Southern komplett demontiert.

Es ist der Wendepunkt, aber nicht das Ende für Caleb Cain und Youtube: Er verschlingt erst parallel sowohl Alt-Right-Videos aber auch „BreadTube“, das linke, antifaschistische Youtube – um am Ende im nächsten Youtube-Rabbithole zu landen, jetzt mit linker statt rechter Ideologie.

Politisch sieht er sich jetzt auf der richtigen Seite, Youtube will er aber nicht aufgeben. Am Ende nutzt „BreadTube“ dieselben Mechanismen aus, die die Rechtsextremen nutzen: Mit ähnlicher Ästhetik, Gegenvideos zu denselben Themen und direkten Antworten auf die Videos der Alt-Right versucht die Plattform, den Empfehlungsalgorithmus für sich zu nutzen.

„Rabbit Hole“ ist empathisch

Der Podcast glänzt mit einer wirklich aufwendigen, sehr dichten Produktion. Er erzählt den Weg von Caleb Cain parallel zur Entwicklung von Youtube als Plattform. Musikschnipsel, Zitate, Reportage und Interviewmomente werden als Collagen in die Erzählung von Journalist Kevin Roose eingebunden.

Damit gelingt es dem Podcast einerseits, innerhalb weniger Sekunden größere Sprünge in der Geschichte von Youtube zu machen – von den „Gangnam-Style“-Ohrwürmer bis zum Christchurch-Terroristen in Neuseeland. Andererseits wird akustisch eingefangen, wie sich das Internet anfühlt: wie ein Strom aus Momenten, die sich aufeinander beziehen. Alles gehört zusammen, nichts passt zueinander, es gibt keinen Anfang und kein Ende. Es ist schön hier. Und schrecklich.

In dieser Qualität erinnert mich „Rabbit Hole“ streckenweise an den Podcast „Reply All“: Beide Podcasts sind extrem gut darin, diese Schön-Schrecklich-Ambiguität des Internets einzufangen, niedrigschwellig in Phänomene einzusteigen und trotzdem tief einzutauchen, immer mit einem Blick für Menschen und ihre Geschichten. Kritisch, aber immer empathisch. Auch „Rabbit Hole“ leistet Vermittlungsarbeit, überbrückt die Gräben zwischen einem breiten Publikum, kleinen Nischen und speziellen Insider-Communities.

Während sich die ersten drei Folgen nahezu vollständig Calebs Geschichte widmen, geht es ab Folge 4 vor allem um Youtube als großes Ganzes, in Form eines Interviews mit der Youtube-Chefin. Folge 5 und 6 wechseln von der Konsumentenperspektive auf die Anbieterseite und beleuchten die Entwicklung des Youtubers PewDiePie alias Felix Kjellberg, der mehr als 100 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten und Milliarden von Video-Abrufen verbuchen kann. Sein Werdegang steht exemplarisch für das Wachstum, die Professionalisierung und den damit verbundenen Wandel der Plattform.

Wer PewDiePie nie gesehen und die Kontroversen um ihn nie verstanden hat, bekommt hier einen guten Einstiegspunkt. Ähnlich wie der Protagonist Caleb von Algorithmen verführt wurde und sich immer tiefer im Kaninchenbau Youtube verlor, so verführt auch „Rabbit Hole“ zwangsläufig dazu, tiefer einzutauchen zu wollen und sich ein eigenes Bild zu verschaffen, Originalmaterial sichten zu wollen.

In den letzten beiden Folgen verschiebt sich der Fokus des Podcasts einmal mehr. Weg von Youtube zu grundsätzlichen Mustern von Radikalisierungsgeschichten und zu Verschwörungsideologien wie der QAnon-Bewegung. Für mich leistet der Podcast einen wichtigen Spagat: Er zeigt einerseits, welchen Sog Verschwörungsideologien haben, andererseits wie gefährlich dabei der alltägliche Einsatz von Algorithmen sein kann. Damit hat „Rabbit Hole“ eine Tiefe, die ich bei Berichten über Internetphänomene sonst oft vermisse.

Die Frage nach der Verantwortung

An manchen Stellen wirkt der Podcast allerdings bemüht, mit den klassischen Storytelling-Mitteln eine möglichst packende Geschichte zu bieten. Ständig wird nach „dem einen Moment“ gefragt, der alles entscheide oder verändere. Die auftretenden Figuren werden – mit Ausnahme der Protagonisten Caleb und PewDiePie – eher als flache Charaktere präsentiert, eingeführt anhand einiger oberflächlicher Eindrücke und Momente. So verkommt der Ex-Google-Mitarbeiter, der bis zu seiner Kündigung an einer besseren Alternative zu den Empfehlungsalgorithmen arbeitete, zu einer Nebenfigur. Wirklich empathisch und ausführlich ist der Podcast vor allem bei Caleb Cain.

„Rabbit Hole“ versagt leider in seinen beiden Interview-Folgen, die prominenten Gäste mit wirklich harter Kritik zu konfrontieren. Sowohl Youtube-Chefin Susan Wojcicki in Folge 4 als auch Youtuber Felix Kjellberg alias PewDiePie in Folge 6 können sich mit Phrasen und Nicht-Antworten aus der Verantwortung ziehen. Zwar sind diese Aussagen für sich genommen auch vielsagend, insbesondere bei PewDiePie, aber so richtig passt dieser Interviewstil nicht zum Rest des Podcasts.

Gut ist, dass „Rabbit Hole“ unausweichlich auf eine Frage zusteuert, ohne sie explizit zu stellen oder beantworten zu wollen. Die Serie regt zum Nachdenken an: Sind Youtube, Algorithmen und das Internet schuld, haben sie uns verändert? Oder sind wir Menschen einfach so? Tendieren wir zu Verschwörungen und geschlossenen sozialen Gruppen? Sind Empfehlungsalgorithmen, immerhin erdacht von Menschen, nur der Brandbeschleuniger für Verschwörung und Hass? Oder sind sie der eigentliche Brandstifter, die Initialzündung?


Podcast: „Rabbit Hole“ von der „New York Times“
Episodenlänge: Sieben Folgen (plus fünfminütige Intro-Episode), jeweils circa 35 Minuten lang
Offizieller Claim: „What is the internet doing to us?“
Inoffizieller Claim: Die Radikalisierungsmaschine Youtube

Wer diesen Podcast hört, hört auch: Diese Episode zu QAnon von „Reply All“ und den Podcast „In Machines We Trust“ über die Rolle von Algorithmen in unserem Leben.

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