Besser labern mit gutem Essen

Wer als A-Z-Promi etwas auf sich und seine Marke hält, hat in den vergangenen zwei, drei Jahren bereits einen Podcast aufgenommen. Leider hat das Coronavirus diesen fürchterlichen Trend nur noch weiter beschleunigt, sodass sich jetzt mehr (pseudo-)prominente Menschen als ohnehin berufen fühlen, noch mehr themen- und belanglose Gespräche ohne Fokus aufzunehmen. Deshalb hatte mich hatte der britische Podcast „Out to Lunch“ zuerst abgeschreckt: Was soll mich ein Promi-Interviewpodcast interessieren, in dem obendrein eher britische Prominenz zu Gast ist? Aber geblieben bin ich dann für einen liebenswert schrulligen, lauten, sympathischen Podcast-Host mit viel Gastfreundschaft und Liebe zum guten Essen.

Auftritt: Podcast-Host Jay Rayner. Journalist. Hauptberuflich berüchtigter Restaurant-Kritiker für die Zeitungen „The Observer“ und „The Guardian“. Meinungsstark, ehrlich, streitbar, immer unterhaltsam. Außerdem Radiomoderator des beliebten Koch-Service-Magazins „The Kitchen Cabinet“ auf BBC4. Nebenberuflich ist Jay Rayner Jazz-Pianist – und überhaupt: einfach herrlich englisch wie die Queen herself. „Out to Lunch“ ist die köstliche Reduktion all dieser Rollen des Londoners.

Die erste Staffel war für mich die Einstiegsdroge, die mich zu diesem seltsamen, herrlich entspannenden Ritual gebracht hat: Regelmäßig Kritiken wie „Tables for two“ zu lesen über Restaurants, die ich wohl nie in meinem Leben besuchen werde. Vielleicht hat es damit zu tun, dass in jedem überschwänglichen Lob oder tobenden Verriss eines Restaurants viel ernsthafte Auseinandersetzung mit Essen steckt. Für mich das glatte Gegenteil der oberflächlichen, schrecklich perfekt gestylten Welt von Superfood, „Tasty“-Videos und #foodporn, die klebrige Käsesoße und glänzende Kuchenglasur über Facebook, Twitter, Instagram und Youtube.

Essengehen mit dem Restaurantkritiker

Das Konzept der ersten beiden Staffeln „Out to Lunch“: Rayner fragt bei seinen Gästen Vorlieben und Allergien ab, um dann ein passendes, meist gehobenes Restaurant auszusuchen. Vor dem Dinner-Date nimmt er im Stil des rasenden Reporters eine Kurzvorstellung seines Gastes und des Restaurants vor der Tür auf. Dann beginnt das Tischgespräch mit dem gemeinsamen Schmökern der Speisekarte und entwickelt sich über die Gänge fort. Die Gäste sind britische Prominente, die in Deutschland mal mehr und häufiger eher weniger bekannt sein dürften: Der Schauspieler Richard E. Grant, Ex-Spice-Girl Mel C, Labour-Vorsitz-Bewerberin Jess Philipps, Musiker Jamie Cullum und der Comedian Russel T Davies waren bereits im Podcast zu hören. Die Liste hat mich jetzt nicht gerade vom Hocker gerissen. Aber ich bin schon in der deutschsprachigen Podcast-Landschaft nicht gerade ein Fan von Promi-Formaten wie „Alles gesagt“.

Bei „Out to Lunch“ werden die Restaurants plastisch beschrieben, ihre Atmosphäre wird akustisch gut einfangen. Als Hörer fühle ich mich gleichzeitig ernst genommen, aber auch fürchterlich deplaziert wie der knipsende Tourist auf Sight-Seeing-Tour im Szeneviertel. Natürlich ist Jay Rayner hier in seinem Element, plaudert entspannt über Küche, Essen, Atmosphäre. Er genießt es, gefällt sich in der Rolle als bewanderter Auskenner, Essens-Snob, Erklärer und Klugscheißer.

So unsympathisch die Rolle klingt, so faszinierend ist dieser Blick über die Schulter eines Experten in seinem Metier. Teilweise hat es eine abwechselnd angenehme und unangenehme Komik, wenn Jay Rayner selbst tiefenentspannt in ein Restaurant kommt, dort aber immer als der strenge Kritiker wahrgenommen und von der Restaurant-Belegschaft entsprechend mit Vorzugsbehandlung umschmeichelt wird. Bei Trüffel-Pasta mit Schauspieler Richard E. Grant ist die Anspannung beim Kellner und im Restaurant fast hörbar – und ein eigentümlicher Kontrast zum extrem ausgelassenen Gespräch im Podcast.

„Out to Lunch“ zelebriert natürlich das Essengehen und ausgesuchte Restaurants, mit einem Hang zum Extrovertierten und Höherpreisigem. Trotzdem gelingt es ihm, auch ganz unprätentiös über Essen zu reden, und viel wichtiger noch: Die eigenwillige Stimmung und Atmosphäre einzufangen, die Gespräche beim Essen so besonders macht.

Und ja, eine Triggerwarnung sei an dieser Stelle notiert: In diesem Podcast wird auch relativ viel geschmatzt, gekaut und ge-mmhhhmmm-t. Aber er ist die akustische Strapaze für ASMR-Phobiker*innen wert, versprochen.

Nur Filets, keine Sättigungsbeilage

Die „Out to Lunch“-Gespräche muten zwar erst wie die typischen Promi-Interviews an, die vorhersehbar nach den Wende- und Knackpunkten einer Musik-/Schauspiel-/Promi-Karriere fragen. Ein Segen ist aber, dass in „Out to Lunch“ jede Menge Bearbeitung und Schnitt steckt: Die Gespräche sind gut gerafft, ohne ihren Charakter zu verlieren. Innerhalb kürzester Zeit wechseln Jay Rayner und seine Gäste damit in einen Modus, der eher wie das Hobby-Laberpodcast-Format von nebenan klingt: im besten Sinne bescheiden, ungefiltert, authentisch.

Rayner nähert sich seinen Gästen über kulinarische Erinnerungen in Kindheit und Erwachsenenleben, die häufig zu offenen Antworten führen. So entstehen tolle Gesprächsmomente, ganz unabhängig von der Prominenz der Gäste. Trotz der Bearbeitung des Podcasts bleibt auch der natürliche Gesprächsverlauf erhalten, vom Auftauen bei der Bestellung bis zum herzlichen Verabschieden nach dem Dessert. Dieser Verlauf ist eine der stärksten Sogwirkungen bei „Out to Lunch“ – und bei Gesprächspodcasts als Gattung.

Was nicht darüber hinwegtäuscht, dass hinter dem Podcast mit „Somethin’ else“ eine nicht gerade kleine Produktionsfirma und ein Produktionsteam steckt.

Als Hörer bekomme ich nur die Filetstücken der Gespräche serviert, verziert mit elegantem Piano-Jazz. „Out to Lunch“ ist das schicke Sternerestaurant, in dem auch Jogginghosen keine schiefen Blicke kassieren. Und der Gesprächspodcast, der Highlights zum Genießen anbietet – und sein Publikum nicht mit ungeschnittener Länge vollstopfen will.

Bescherung auf Bestellung

Extrem positiv überrascht hat mich, wie „Out to Lunch“ in seiner dritten Staffel jetzt im April mit den Einschränkungen durch die Coronavirus-Pandemie umging. Klar, Restaurant-Besuche fallen erstmal flach – geboren war das neue Format: „In for Lunch“. Rayner und seine Gäste bleiben zuhause, der Restaurant-Kritiker lässt für beide Seiten der Videokonferenz sorgfältig ausgewähltes Essen liefern.

Es ist eines der wenigen Podcast-Formate, dessen neue Folgen sich gerade nicht nach einem Kompromiss anfühlen; „Out to Lunch“ glänzt in diesem neuen Format fast noch mehr. An die Stelle des Staunens über die Restaurant-Atmosphäre tritt ein großartiger und jetzt erst recht sehr nachvollziehbarer Bescherungs-Moment: Wenn die systemrelevanten Menschen der Lieferdienste eine große Tüte voller Essen übergeben. So bricht bei Pop-Bariton-Star George Ezra eine fast schon kindliche Begeisterung über das gebrachte libanesische Essen aus, während sich Rayner auf der anderen Seite der Leitung fast schon kindlich freut, die ausgewählten Gerichte aufzählen und erklären zu können. Daran konnte auch das Coronavirus nichts ändern: „Out to Lunch“ ist eine hörenswerte Hommage an Gespräche und Momente, die nur beim Essen entstehen können.


Podcast: „Out to Lunch with Jay Rayner“
Episodenlänge: circa 40 Minuten, bisher 30 Episoden in drei Staffeln

Offizieller Claim: Crackling anecdotes and blistering chat, lubricated by killer cooking
Inoffizieller Claim: Jay Rayner, Restaurantkritiker und überhaupt coole Sau

Geeignet für: Foodies und Gastro-Nerds, Interviewpodcast-Fans mit wenig Zeit
Nicht geeignet für: Menschen, die Essgeräusche in Podcasts nicht aushalten können

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