Noch ein True-Crime-Podcast, noch eine küchenpsychologische Zeitreise ins Archiv

Ich will vorausschicken: Womit ich bei „Sprechen wir über Mord?!“ hadere, sind nicht allein Schwächen dieses SWR-True-Crime-Podcasts. Es sind für mich die Schwächen mittlerweile vieler True-Crime-Podcasts.

Gerade in solchen viel strapazierten Genres möchte ich Podcasts kaum noch als Einzelproduktionen für sich betrachten. Wer heute – vor allem als Medienhaus – einen True-Crime-Podcast startet, der kennt Angebot und Nachfrage. Und weiß damit zwangsläufig auch um die Schwächen des Genres. Die Unschuldsvermutung gilt für mich im Jahr 2020, sechs Jahre nach der ersten Staffel von „Serial“, nicht mehr.

Das Problem fängt für mich mit der Zielsetzung an: Wir wollen verstehen, was Menschen dazu bringt, andere umzubringen. Aber das ist oft ein Anlass, Küchenpsychologie zu bemühen. Hinzu kommt – sowohl beim SWR-Podcast als auch anderswo – die ständige Reise in die Vergangenheit, das Wiederkäuen von Altem, ohne wirklich Neues beizutragen außer Spekulation. Das Tragische an „Sprechen wir über Mord?!“: Der Podcast hätte eine eine andere Ausrichtung haben können, die er aber nicht nutzt.

Schon das Intro ist verboten klischeebeladen: Im Jingle krächzen Krähen, heult eine Polizeisirene, eine Schusswaffe wird geladen, eine Frau schreit im Hintergrund, während ich freundlichst begrüßt werde. SWR-Journalistin Viktoria Merkulova und ARD-Terrorismusexperte Holger Schmidt führen durch den Podcast, ergänzt durch Thomas Fischer, Bundesrichter a.D. In der ersten Episode ist der Heidelberger Kriminalbeamte Bernd Fuchs zu Gast. Der Podcast klingt an vielen Stellen nicht gerade hochprofessionell, Schnitte sind hörbar, die Stimmen sind mitunter nicht nah genug am Mikrofon, Raumhall hinterlässt eher den Eindruck einer Hobbypodcast-Wohnzimmer-Aufnahme als eines professionellen Studios.

Episode 1. „Der Weihnachtswürger“. Aus Heidelberg. Ein mehr als 15 Jahre alter Fall, zumindest regional halbwegs bekannt. Umso merkwürdiger mutet es für mich an, dass der Podcast großen Wert darauf legt, das Geschehen möglichst original…

3 Kommentare

  1. Ich schätze ja den Herrn Fischer sehr, auch wenn ich nicht jede seiner Auffassungen teile. Seine Texte zum Themenfeld Verbrechen, Strafe und öffentliche Erregung sind fast immer Aufklärung im besten Sinne. Dass er einem auf Sensation und Spannung gebürsteten Podcast-Format ein wenig die Luft ablässt, passt sehr gut zu ihm.

    Überhaupt „True crime“ – habe nie verstanden, was so viele Leute daran finden. Mich erinnert das ganze Genre immer an Aktzeichen XY, nur ohne Aufruf zur Massenfahndung. Immerhin den „Weihnachtswürger“ werde ich mir merken. Schade, dass er nicht aus Wuppertal oder Wolfsburg kam. Hätte einen schwer zu schlagenden Alliterationssalat ergeben.

  2. @Mycroft/#1
    NSU war eine Sache für das ARD-Radiofeature, einmal davor und einmal nach Bekanntwerden, dass hinter den Morden der NSU steckte.

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