Besser leben auf der größten Baustelle der Welt

Wenn ich bloß wüsste, was mir der Blick der Frau auf dem Titel sagen will. Sie schaut gleichzeitig streng und lasziv, vorwurfsvoll und herausfordernd, und die Art, wie sie – ohne hinzugucken! – auf dem Gerät vor ihr weltweit im Internet einkauft, wäre beeindruckender, wenn ich sicher wäre, dass das wirklich ihre Hände da auf der Tastatur sind. Es scheint angesichts ihrer Oberweite ein Wunder, dass sie in dieser Position die Leertaste erreichen kann. Irgendwer hat ihr, wie es bei Fernsehzeitschriften Tradition ist, jede Natürlichkeit wegretouchiert. Dafür franst ihr Gold-Oberteil am Hals in einer Weise aus, die mich vermuten lässt, dass Photoshop damals noch keine Säum-Funktion hatte.

Die Titelseite ist das mit Abstand Schrecklichste an der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Gold“. Das ist insofern angenehm, als dann alles im Inneren überraschend hochwertig und vergleichsweise unschlimm wirkt.

„Besser_leben_mit_dem_Internet!“, verspricht die Zeitschrift, die sich offenkundig entschieden hat, dass Unterstriche als Symbol für Onlinigkeit noch cooler sind als das @-Zeichen. Entsprechend heißen Rubriken „Die_neue_Welt“, „Der_Future_Guide“ oder auch einfach „Unterhaltung_online“.

Das Internet, „das unentdeckte Land“

Im März 2000 erscheint diese erste Ausgabe des angeblich ersten Online-Shopping-Guides. Alle 14 Tage neu, 2,70 Mark.

Es ist die Zeit kurz vor dem Börsengang von T-Online. „Gold“-Chefredakteur Olaf Deininger schreibt in seinem Editorial, das er „E-Mail aus der Redaktion“ nennt:

„Das Internet ist in unserem Alltag angekommen. Und – richtig genutzt – kann es unser Leben vereinachen und ein wenig bequemer machen.“

Das WWW nennt er „die größte Baustelle der Welt“. Entsprechend riskant ist das Betreten:

„Das Web ist immer noch das unentdeckte Land, in das wir uns ohne Karte nicht hineinwagen sollten. Ein solcher Wegweiser liegt jetzt vor Ihnen.“

Doch „Gold“ ist nicht nur Wegweiser, sondern auch Taxi zum Wunschprodukt. Anscheinend hat das Internet das Problem, dass sich der Verbraucher „mühsam von Website zu Website und dort durch das Angebot klicken“ muss. Wie die „mühsame Suche bisher“ verlief, dokumentiert „Gold“ anhand des Versuches, den Turnschuh „Blur“ von DKNY zu finden. „Sinnloses Suchen“ und „Endlos Klicken“ stehen vor dem Ziel. „Rund sechs Websites und etliche Einzelseiten“ müssen „überwunden“ werden, ehe man beim Online-Fashion-Store boo.com beim richtigen Modell gelandet ist.

Schneller shoppen dank „Gold Links“

Dank „Gold“ geht das nun viel einfacher: Man gibt einfach auf Gold.de die Nummer des „Gold Links“ ein – und steht direkt vor dem Turnschuh. Dank der Eingabe einer fünfstelligen Nummer spart man sich die Eingabe „viel zu langer Web-Adressen“.

Gut, andere Turnschuhe als den einen lassen sich auf diese Weise nicht finden, aber „Gold“-Leserinnen und Leser finden dank „Gold Link“ auch zu Wildwest-Stiefeln (282,81 Mark), einem Music-Streaming-Player von Sony im Stiftformat („künftig fangen solche Audioplayer Songs aus dem Äther ein“, 606,43 Mark) oder zum Kongress „Frauen und Buddhismus“ (mit Workshops, Meditationen und internationalen Referentinnen am 2. April 2000 in Köln).

Das Wort „Google“ habe ich nicht in „Gold“ gefunden (kann aber nicht ausschließen, dass ich einen entsprechenden „Gold Link“ übersehen habe). Aber ein kleines „Spezial“ bietet „Internet-Tipps für Anfänger und Profis“ – und dazu gehört auch die richtige Suche (wenn man gerade keinen „Gold Link“ zur Hand hat): Die international größte Suchmaschine mit über 300 Millionen Seiten ist demnach alltheweb.com. Doch die „erste Regel beim Suchen“ für „Gold“ lautet so:

„Geben Sie doch einfach mal www. gefolgt von dem Suchbegriff und dann .de oder .com ein.“

Schon ab Regel zwei klingt es nach deutlich mehr Arbeit:

„Vom Kleinsten zum Größten. Das heißt: Fragen Sie erst bei der kleinsten Suchmaschine an, dann bei der nächstgrößeren und zum Schluss bei der größten. Wenn Sie nicht nach exotischen Begriffen suchen, werden Sie schon bei der kleinen fündig, ohne gleich mit einer unüberschaubaren Flut von Websites überschüttet zu werden.“

Okay!

Wichtiger Tipp übrigens auch:

„Laden Sie die Monsterpakete von Browsern (der Internet-Explorer ist 17 Megabyte groß) nicht aus dem Internet. (…) Installieren Sie lieber von einer CD-ROM, die häufig Magazinen und Zeitschriften beigelegt sind.“

Man sieht schon: Dieses Internet ist nichts für Laien, und deshalb ist es gut, dass die GOLD.de-Redaktion mit „ausgewiesenen Fachleuten“ zusammenarbeitet. Vorne im Heft wird das „Experten-Team“ vorgestellt: Jean Pütz berät im Ressort Freizeit, Bärbel Schäfer bei Fitness, Nadja Abdel Farrag bei Erotik. Was genau sie machen, außer sich an dieser Stelle entsprechend vorstellen zu lassen, bleibt unklar. Im Gegensatz zu den Bewertungskriterien der von „Gold“ besprochenenen Online-Shops: alle 63 Punkte sind kleinstgedruckt neben dem Impressum aufgeführt. Angeblich prüfen 1000 Tester jeden Shop.

Mit den Adressen und knappsten Beschreibungen wird die zweite Hälfte des Heftes gefüllt: „14_Tage Internet“, vom 1. bis 14. April. Thematisch sortiert, aber gleichzeitig aufgemacht wie eine Programmzeitschrift. Passend zum 1. April verweist „Gold“ natürlich auf aprilscherz.de.

In den einzelnen Ressorts verraten Prominente ihre persönlichen Surf-Tipps. Unter „Erotik_online“ zeigt sich die Sat.1-Nachrichtenmoderatorin Astrid Frohloff ungewohnt „sinnlich und leidenschaftlich“: Für eine gemeinsame Reise mit ihrem Ehemann auf der „Queen Elizabeth“ in die USA etwa hat sie alle Buchungen schon vorab per Netz erledigt, „damit der romantische Urlaub auch schon im Vorfeld stressfrei beginnen konnte“. Ihre Erotiklinktipps sind deshalb: flug.de und hrs.de. Geil.

Doch es ist nicht alles Programm und Service und Adressen. Im Magazinteil vorne finden sich solide Artikel über die Frage, wie und wieviel Kinder im Netz unterwegs sein sollen, über die neue Macht der Verbraucher und über „Börsen-Gurus“ im Netz – mit einem sehr jungen Mann namens Max Otte.

Wolfgang Korruhn, der legendäre Auf-die-Pelle-Rücker aus „Zak“, hat für „Gold“ die Schauspielerin Jasmin Tabatabai getroffen. Das ist Auftakt einer Serie, bei der „der Goldene Laptop auf Reisen geht, um mit Prominenten zu surfen“. Einkaufen sollen sie natürlich auch und deshalb beginnt die Reportage so:

„Die schlanken Finger hüpfen über die Tastatur des Laptop. ‚Es geht so schnell.‘ Jasmin Tabatabai ist begeistert von der Idee, mit uns einen Ausflug in das Kaufhaus Internet zu unternehmen. Sie weiß auch schon, was sie will: den neuen neuen Apple iMac.“

Auf dem Weg dahin kommt sie auch an Klatsch-Nachrichten auf yahoo.com vorbei. „Das mag sie nicht, Jasmin Tabatabai ist keine Klischee-Frau.“

Es ist, wie immer bei „Gold“, faszinierend einfach und nervig schwer, mit dem Kaufen im Netz.

„Wir suchen weiter gemeinsam nach einem guten Angebot für den iMac. Gar nicht so einfach. Die Informationen über Computer und vor allem Drucker sind dürftig. Manchmal fehlen sogar Abbildungen, selbst bei Cyberport.de, die zwar preiswert sind, aber die Artikel lieblos aneinander reihen. Trotzdem: Jasmin entscheidet sich und schickt die Bestellung ab.“

Sie plaudert dann noch ein bisschen mit Korruhn über ihre Lebenspläne und dies und das, aber:

„Plötzlich wird sie unruhig, sie hat Zweifel, ob ihre Bestellung korrekt angekommen ist. Sie ruft über die Free-Call-Nummer bei Cyberport an. Alles okay. Die Post wird das gute Stück in zwei, drei Tagen bringen. Jasmin ist zufrieden – und lächelt.“

Kein Wunder, dass sie sich auch in das Goldene Laptop verliebt hat und sich für den Fotografen glücklich auf weißen Bettlaken mit ihm räkelt (mit dem Laptop, nicht dem Fotografen). Es fällt mir schwer mir vorzustellen, dass man einen männlichen Nachwuchsschauspieler in dieser Weise in Szene gesetzt hätte. Aber das eigentlich Rätselhafte ist, dass die Redaktion nicht eines dieser Motive auf den Titel genommen hat, sondern die strenge Retortentante. Wer weiß, vielleicht hatte sich Tabatabai geweigert, sich in die Goldfolie zu zwängen.

Hunderte, wenn nicht Tausende verschiedene Shopping-Adressen findet der „Gold“-Leser im Heft, sortiert, bewertet, kritisiert. Auf der letzten Seite ist dann eine Anzeige für eine Seite namens amazon.de. Der Slogan: „einfach so einkaufen“.

„Gold“
Pop-Net Crossmedia GmbH
14-täglich, 2,70 Mark
ab 23. März 2000.

Im Oktober 2000 wird die Zeitschrift eingestellt. Statt erhoffter 300.000 Exemplare hat sie von der ersten Ausgabe nur die Hälfte und danach noch weit weniger verkauft.

8 Kommentare

  1. Das erinnert mich an den schönen Verriss „Tomorrow never knows“ über die gleichnamige nixchecker Zeitschrift von dunnemals.

    Kennt noch jemand „Konr@d“?

  2. Das hat Spaß gemacht. Ich habe neulich festgestellt, dass es noch „Pearl“ gibt, den vermutlich ersten Gadget-Händler, dessen wuchtigen Katalog man auch im Kiosk kaufen konnte. Und ich benutze noch dieselbe E-Mail-Adresse von Freenet, die ich mir nach dem Kauf des entsprechenden Freenet-Magazins mit CD gekauft habe.

  3. „Bitte ,wenn du das liest,komm und verhau mich zärtlich mit der Tastatur und peitsch mich sanft mit deinen Augenbrauen…“
    Ist Covid -19…kein Fetischdingen
    Aber ich finde die Hände doch etwas grob gr0ß?!

  4. An der Stelle mit Google habe ich aufgehört zu lesen. Wenn Herr Niggemeier zu faul ist, zu recherchieren, dass es Google erst seit 2005 gibt, ist ihm nicht mehr zu helfen.
    So langsam kristallisiert sich heraus, dass Übermedien dieselben blöden Fehler macht, wie die Journalisten, die sie angeblich kritisieren wollen. Ich weiß nicht, wie lange ich mir das noch geben soll.

  5. Den ersten Bericht über die bis dahin noch nicht allgemein bekannte Suchmaschine Google habe ich in einer Zeitung gelesen, das war auf einem Spielplatz in Berlin. Das dazu gehörige Kleinkind ist inzwischen 26 Jahre alt.

  6. Schöner Artikel! Ja, das waren noch Internet Zeiten als Ich mir 56 kbit/s auf Mickymaus.de rumsurfen durfte….

    An die Tomorrow kann Ich mich auch noch erinnern, auch so ein Schrottheft.

    Schöner Artikel!

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