„Welt“ und „t-online“ bereiten sich auf heißes Fußball-Wochenende vor

Aussriss von Welt.de zum Bundesliga-Spiel Hertha Union

„Berlin will im Spiel gegen Union Berlin nach drei Spielen ohne Sieg den Abwärtstrend endlich stoppen.“

Klar wollen die das. Aber wir wissen alle: Das wird schwer für Berlin, endlich mal wieder zu gewinnen – zumal es für Berlin ja gegen Union Berlin geht.

Aber auch für Union Berlin wird es ein hartes Stück Arbeit, gegen Berlin zu punkten, denn:

„Wer Hertha BSC als Gegner hat, kann sich auf eine harte Partie einstellen. Schon 53 Gelbe Karten kassierte die Mannschaft in dieser Saison.“

Eng wird es sowieso:

„Die Mannschaften sind mit nur zwei Punkten Unterschied aktuell in gleichen tabellarischen Gefilden unterwegs.

Und spannend:

„Beide Mannschaften dürften sich die gleichen Siegchancen ausrechnen. Im Tableau liegen die Kontrahenten in jedem Fall dicht beieinander.“

Äh, hatten wir die letzte Info nicht schon? Ach, ist auch egal. Denn besonders kompliziert dürfte das Punkteholen für Berlin gegen Union Berlin (und umgekehrt auch für Union Berlin gegen Berlin) unter anderem deswegen werden, weil das Spiel, wie alles gerade, abgesagt worden ist. Mehrere Tage später ging trotzdem dieser Vorbericht bei „welt.de“ online – dieses wunderschöne Stück Sport-äh-nennen-wir-es-mal-Journalismus

Der HSV braucht Punkte

Doch nicht nur bei der „Welt“, auch „t-online“ stimmte die Fußballfans der Regionalliga Nord noch am Freitag und Samstag (13. und 14. März) auf ein „Duell auf Augenhöhe“ (VfB Oldenburg – SV Werder Bremen II) ein, wusste zu berichten, der „HSV hat Punkte dringend nötig“ (Hamburger SV II – TSV Havelse), und warnte vor der „Heimmacht VfL Wolfsburg II“ (VfL Wolsburg II – SpVgg Drochtersen/Assel).

Ausschnitt aus einer automatisch generierten Spielvorschau bei t-online

Blöd nur, dass der Norddeutsche Fußballverband den kompletten Spieltag schon am Donnerstag abgesagt hatte.

Wieso die Texte dennoch geschrieben wurden? Weil sie kein Mensch, sondern ein Computerprogramm angefertigt hat. Beide Seiten machen das auch mehr oder weniger auf ihren Seiten transparent. Während bei der „Welt“ unter jedem dieser Texte steht …

„Dieser Artikel wurde automatisch von unserem Partner Retresco anhand von Spieldaten erstellt.“

… weist „t-online“ über jedem Artikel darauf hin, dass dieser Text „nicht von einem Menschen geschrieben, sondern automatisch erstellt“ worden sei und verlinkt eine ganze FAQ-Seite zu dem Thema, wo dann auch ganz offen dargelegt wird, warum man das überhaupt macht:

„Wenn man ehrlich ist, lesen sich die meisten klassischen Fußball-Spielberichte sehr ähnlich und bestehen aus sehr ähnlichen Phrasen. Trotzdem werden sie von den Nutzern oft tausendfach gelesen.“

Zwei Sätze, zwei Ohrfeigen: eine für die von Wort zu Wort stolpernden Sportjournalist*innen und eine für das Klickvieh die Nutzer, die sich den Mist auch noch durchlesen.

Das Methadon für den Fußballjunkie

Aber: Gerade in diesen ungewissen, fußballfreien Zeiten brauchen Menschen (wie ich), deren Wochenplanung auf den Samstags-, Sonntags-, Dienstags-, Mittwochs-, und manchmal auch Donnerstags- und Freitags- und wenn es sein muss auch Montagspaarungen beruht, einen Ersatz. Ein bisschen Normalität, ein paar Phrasen, ein bisschen Fan Fiction können da wie die Insel am Horizont wirken, wenn sonst auf hoher See nur Meer um einen herum zu sehen ist. (Dieser Satz wurde quasi maschinell erstellt und ist auch ohne Sinn gültig.)

Deshalb: Danke, „Welt“, dass Du vorbildlich weitermachst – und uns nicht nur auf Berlin gegen Union Berlin, sondern auch auf weitere Partien des gestrichenen 27. Spieltags in der 1. und 2. Bundesliga einstimmst. Es wird bestimmt ein Knaller-Wochenende, denn:

„Wehen steht bei Heidenheim eine schwere Aufgabe bevor“

Und wir fragen uns doch alle:

„Die Ausbeute der letzten Spiele, in denen Augsburg nicht ein Sieg gelang, ist mager. Klappt die Trendwende gegen Schalke 04?“

Nachtrag, 19.47 Uhr. Martin Hoffmann von „t-online“ hat bei Twitter auf den Text reagiert und angekündigt, dass er die automatischen Spielberichte deaktivieren will.

6 Kommentare

  1. Könnte man dann nicht auch die Ergebnisse aufgrund der Daten generieren und darüber berichten? Dann kann man sich auch das ganze Brimborium drumherum sparen.

  2. Auf der FAZ-Homepage wird auch weiterhin fleißig Werbung für Reisen nach Italien gemacht. Die Suche nach einem freien Hotelzimmer in Venedig am nächsten Wochenende wird mit dem Hinweis belohnt, dass man großes Glück habe – sonst sei dort um diese Jahreszeit alles belegt.

    Immerhin ist der „Reisemarkt“ aber seit ein paar Wochen als Anzeige gekennzeichnet.

  3. jetzt wird mir einiges klar.
    Die Herz-Schmerz-Skandal-Tragödien-Geschichten der Yellow Press werden wahrscheinlich auch schon seit Jahrenden von Robotern geschrieben. Deshalb kommt auch immer der gleiche Müll raus.

    So schaut also die Zukunft des Journalismus aus. Wir werden wohl eine neue Bezeichnung dafür finden müssen. Robolismus? Journabot?

  4. Und genau das ist das Problem von vielen Angeboten zum Onlinejournalismus. Und vieler Zeitungen und Verlage, die verzweifelt versuchen damit Geld zu verdienen.

    Es ist schlicht kein Journalismus!

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