Anruf in Abwesenheit: Der „Spiegel“ und das Fake-Telefonat

In Thüringen ist so viel Unglaubliches passiert, dass sogar das möglich schien: Der mit den Stimmen der AfD gewählte Ministerpräsidenten der FDP macht der Vorsitzenden der Linken das Angebot, Innenministerin zu werden. Das sollte er ihr nachts am Telefon in Aussicht gestellt haben. Doch inzwischen hat sich herausgestellt, dass es sich bei dem Anruf um ein Fake handelte: Ein rechter Youtuber hatte sich als Ministerpräsident Thomas Kemmerich ausgegeben – und Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow war darauf hereingefallen.

Sie hat sich inzwischen dafür entschuldigt, dass sie einem Journalisten von dem Anruf erzählt hatte, ohne vorher Kemmerich zu fragen, „ob er so was Seltsames wirklich tun würde“. Aber sie ist nicht die einzige, die Kemmerich nicht gefragt hat: Auch der „Spiegel“ hat es nicht getan. Er berichtete am Samstagvormittag so:

Um Mitternacht [in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag] begann Kemmerich plötzlich zu telefonieren, er wollte die Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow zu seiner Innenministerin machen. Hatte er zuvor noch von einer Regierung mit CDU und SPD gesprochen, sollte es nun eine Allparteienkoalition sein. Auch Ramelow versuchte er in der Nacht zu erreichen, wie es aus der Linken heißt.

Inzwischen ist dieser Absatz gelöscht. Stattdessen steht eine „Anmerkung der Redaktion“ unter dem Text, die ganz ohne das Wort „Korrektur“ auskommt, aber die ursprüngliche Darstellung berichtigt und darauf hinweist, dass „auch andere Medien“ von dem vermeintlichen Anruf berichteten.

Tatsächlich hatte das etwa MDR Thüringen getan. In seinem Liveticker meldete der Sender am Samstag um 13:35 Uhr:

Kemmerich bot Linke-Chefin Hennig-Wellsow Ministeramt an

Der am Mittwoch gewählte Thüringer Ministerpräsident Thomas Kemmerich (FDP) hatte der Linken in der Nacht nach seiner Wahl die Mitarbeit in seiner Regierung angeboten. Das bestätigt Linke-Landeschefin Susanne Hennig-Wellsow MDR THÜRINGEN auf Anfrage. Kemmerich habe sie angerufen und angeboten, dass die Linke in eine von ihm geführte Allparteien-Regierung eintreten solle, so Hennig-Wellsow. Ihr selbst habe Kemmerich das Amt der Innenministerin angeboten. (…)

Auch der MDR hatte Kemmerich offenbar nicht mit dem Vorwurf konfrontiert, nannte aber immerhin – anders als der „Spiegel“ – eine Quelle für die Behauptung.

Zwei Stunden später meldete MDR Thüringen, dass die FDP-Landtagsfraktion das dementiere. Kurz darauf widersprach auch Kemmerich selbst:

Der „Spiegel“ konnte vermutlich nicht ahnen, dass die Linken-Chefin auf einen Fake-Anruf hereingefallen war. Aber er hat den Eindruck erweckt, dass er genau wusste, was in jener Nacht passiert ist – als wäre er dabei gewesen.

Vor neun Jahren sorgte ein „Spiegel“-Artikel bei der Verleihung des Egon-Erwin-Kisch-Preises für einen Eklat: Der Reporter hatte detailliert geschildert, wie Horst Seehofer mit seiner Modelleisenbahn spielt, ohne deutlich zu machen, dass er das nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Ihm wurde, als er das selbst offenbarte, der Preis aberkannt. Das löste eine große Diskussion über die Frage aus, wie deutlich Journalisten machen müssen, wenn Beschreibungen nicht auf eigener Anschauung beruhen.

Bei Seehofer ging es ums Prinzip – an der Richtigkeit der Schilderung gab es keinen Zweifel. Bei Kemmerich stellte sich die Schilderung als falsch heraus.

Um Mitternacht begann Kemmerich plötzlich zu telefonieren, er wollte die Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow zu seiner Innenministerin machen. Hatte er zuvor noch von einer Regierung mit CDU und SPD gesprochen, sollte es nun eine Allparteienkoalition sein. Auch Ramelow versuchte er in der Nacht zu erreichen, wie es aus der Linken heißt.
Inzwischen gelöschte Formulierungen aus dem Artikel Screenshot: spiegel.de

Der „Spiegel“-Mitarbeiter hat formuliert, als wäre er dabei gewesen, als Kemmerich zum Hörer griff; als wüsste er aus erster Hand, wie und warum Kemmerich handelte und was genau seine Absicht war. Er schilderte die Szene im Indikativ und ohne jedes „soll“ oder „offenbar“. Erst am Schluss des Absatzes tauchte eine vage Quelle auf:

„Auch Ramelow versuchte er in der Nacht zu erreichen, wie es aus der Linken heißt.“

Doch das ist so formuliert, dass es sich unmittelbar nur auf den vermeintlichen Versuch bezieht, Ramelow zu erreichen, und nicht auf den ganzen Absatz.

Auf Nachfrage schreibt uns der „Spiegel“, die Formulierung beziehe sich auf den ganzen Block. „Wir hätten die Quellenangabe ‚Wie es aus der Linken heißt‘ auch an den Beginn des Blocks mit Henning-Wellsow und Ramelow setzen können. Dann wären die Bezüge noch deutlicher geworden.“

Die „Spiegel“-Passage ist erkennbar so geschrieben, dass sie den Eindruck maximaler Nähe und Informiertheit vermitteln soll. Auch das verspätete und halbherzige Nennen einer Quelle trägt dazu bei.

Der Preis für die suggerierte Unmittelbarkeit ist die journalistische Genauigkeit – und natürlich das Risiko, dass sich eine Schilderung, für die man sich auf die Aussagen anderer verlassen hat, ohne das kenntlich zu machen, als falsch herausstellt. Wie in diesem Fall.

In den neuen „Standards“, die der „Spiegel“ in der vergangenen Woche veröffentlicht hat, heißt es:

„Szenische Schilderungen in Texten sind nur erlaubt, wenn sie selbst erlebt wurden oder die Quelle genau benannt wird. (…)

Wurden die Szenen nicht selbst beobachtet, sondern beruhen auf den Erzählungen Dritter, muss der Autor dies kenntlich machen.

Nun kann man darüber streiten, ob es sich hier um eine „szenische Schilderung“ handelt. Aber auch bei Tatsachenbehauptungen sollte eine solche Kenntlichmachung selbstverständlich sein.

„Für relevante Tatsachenbehauptungen braucht ein Autor zwei voneinander unabhängige Quellen“, heißt es weiter in den „Spiegel“-Standards. Die Geschichte von dem nächtlichen Anruf haben offenbar mehrere Leute in der Linken gewusst und erzählt – aber sie gehen natürlich zwangsläufig alle nur auf dieselbe Quelle zurück: Susanne Hennig-Wellsow.

Die „Spiegel“-Pressestelle teilt uns mit, der Autor des Artikels habe „versucht, Kemmerichs Sprecher vor Veröffentlichung des Textes zu erreichen, die Anrufe wurden aber nicht angenommen. Darauf hätten wir im Text hinweisen können.“

Fehler sieht der „Spiegel“ offenbar nicht bei sich; nur Möglichkeiten, dass man Dinge auch hätte anders machen können.

19 Kommentare

  1. „Stattdessen steht eine „Anmerkung der Redaktion“ unter dem Text, die […] darauf hinweist, dass „auch andere Medien“ von dem vermeintlichen Anruf berichteten.“

    Damit ist doch alles gesagt. Der Spiegel möchte kein Blatt für herausragenden, oder auch nur guten Journalismus sein. Kein „Sturmgeschütz der Demokratie“. Er möchte mit der Masse (und der Konkurrenz) mitschwimmen.
    Die Frage ist nur, wer so eine Wochenzeitschrift dann noch braucht…

    „Der Reporter hatte detailliert geschildert, wie Horst Seehofer…“

    Auch wenn es blöd ist, überall „Relotius“ zu sehen, aber so ein Schaumschläger braucht eben auch immer eine Redaktion, die Schaumschlägereien feiert.

  2. Was der Spiegel hier falsch gemacht hat: Nicht bei Kemmerich nachzufragen – nicht nur zur Absicherung, sondern auch um Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

    Was der Spiegel hier m.E. nicht falsch gemacht hat: So zu tun, als wäre er dabei gewesen. Er beruft sich leicht unklar auf eine Quelle (die, wie sich später zeigte, hereingelegt wurde) und liefert deren Informationen – Anruf bei Nacht, Angebot zur Regierungsbeteiligung.

    Die spiegeltypische „Szenische Rekonstruktion“ fehlt: „Susanne Hennig-Wellsow hatte sich schon für die Nacht umgezogen und sortierte noch einen Strauß Schnittblumen in der Chippendale-Vase auf ihrem Wohnzimmertisch, als das Telefon klingelte. Sie ahnte, es würde wichtig sein, also nahm sie trotz der Uhrzeit ab. Wenige Sekunden später glaubte sie, ihren Ohren nicht zu trauen…“ Das wäre die bekannte Schaumschlägerei gewesen.

  3. Gerade einmal eine Woche ist es her, dass der SPIEGEL seine als Antwort auf die Relotius-Affäre neu formulierten Standards veröffentlicht hat – von 50 Kolleginnen und Kollegen in 3 Arbeitsgruppen ersonnen und in Abstimmung mit der Chefredaktion erstellt. Die PDF-Datei ist 76 Seiten lang. Offenbar hatten noch nicht alle Mitarbeiter die Zeit, da mal reinzugucken…

  4. @2
    Wer ist Norbert Bolz?

    Ansonsten:
    In den Redaktionen war sicher die Hölle los, da passieren Fehler. Und Hennig-Wellsow als Quelle schien ja mehr als nah genug dran, also irgendwo verzeihlich. Traurig aber der Umgang damit im Nachhinein, sehr unsouverän. So zu tun, als hätten sie es nicht als Fakt geschrieben, ist lächerlich.

  5. @ Peter Sievert (#5):

    In den Redaktionen war sicher die Hölle los, da passieren Fehler. Und Hennig-Wellsow als Quelle schien ja mehr als nah genug dran, also irgendwo verzeihlich.

    Naja, man stelle sich die Situation vor. Hennig-Wellsow (oder jemand, dem sie es vorher erzählt hatte) spricht mit dem Spiegel und sagt sinngemäß sowas: „Ob Sie es glauben oder nicht, der Kemmerich telefoniert mitten in der Nacht herum und sucht nach Kabinettsmitgliedern von der Linken!“

    Tippt man das dann einfach so ins Spiegel-CMS, oder ruft man Kemmerich an? Und sei es nur, um nach dem Grund zu fragen – schließlich hatte der Mann eine Kooperation mit der Linkspartei noch am Vortag kategorisch abgelehnt. Es geht hier ja nicht um die Vorstandswahl im Taubenzüchterverein, sondern um eine veritable innenpolitische Krise. Wann, wenn nicht in solchen Situationen, müssen Journalisten ihre Informationen prüfen?

    Das scheint mir ein Fluch des Online-Journalismus zu sein: Der gedruckte Spiegel hätte für die Recherche Tage zeitgehabt, eine Tageszeitung immerhin Stunden. Den Online-Redakteuren wird die Angst im Nacken gesessen haben, dass ihre vermeintliche Neuigkeit binnen Minuten nichts mehr wert ist. Nicht gut, diese Logik.

  6. @Kritischer Kritiker #3: Finde schon, dass auch die Formulierung an sich problematisch ist, auch wenn diese überdeutlichen Ausschmückungen fehlen („in der Ferne bellte ein Hund“). Da reicht schon eine Formulierung wie „begann Kemmerich ‚plötzlich‘ zu telefonieren“ und dieses Reinfräsen in den Gedankengang („Hatte er zuvor noch … sollte es nun eine Allparteienkoalition sein“). Dadurch entsteht zumindest der Eindruck, beim vermeintlichen Telefonat wäre ein Zeuge bei Kemmerich vor Ort anwesend gewesen, der das dem Spiegel dann haarklein gesteckt hat. Und die Quellenangabe ist mMn nicht nur „leicht unklar“, weil man diese – wie Stefan Niggemeier ja auch schreibt – eben nur auf die Aussage zu Ramelow bezieht.

  7. Angesichts der gesamten medialen Berichterstattung über die Thüringen-Wahl ist das der Artikel, den Übermedien meint, geschrieben haben zu müssen? Ernsthaft?

  8. „Den Online-Redakteuren wird die Angst im Nacken gesessen haben, dass ihre vermeintliche Neuigkeit binnen Minuten nichts mehr wert ist. Nicht gut, diese Logik“
    Auch nicht besonders logisch, in dem Fall. Wenn das so oder so ähnlich gewesen wäre, wäre das ein Thema nicht nur für fünf Minuten oder fünf Stunden, sondern für die ganze Woche gewesen. ALLE hätten darüber berichten wollen, und jeder Mensch wäre auch an einer Stellungnahme der anderen Seite interessiert gewesen. Die leichte Verzögerung – in der man ja noch Zeit für eine „szenische“ Darstellung hatte – hätte wenig ausgemacht. Oder man ist so im Stress, die Meldung rauszuhauen, dass man die eine (einzige) Quelle nennt und eine eher nüchterne Meldung macht, die man später immer noch ausbauen kann.
    Und umgekehrt, wenn der Spiegel der wäre, der die Wahrheit als erster bringt, wäre das ja erst RECHT ein Lesermagnet.
    Also, grundsätzlich macht Online alles stressiger, aber hier wäre mehr Sorgfalt oder zumindest mehr Vorbehalt trotzdem möglich gewesen, und umgekehrt kann man online auch besser Richtigstellungen kommunizieren. Wenn man denn wollte.

  9. @Dirk #8
    Mich würde ja interessieren, was sonst noch alles Fake ist an der Thüringen-Berichterstattung. Kann das etwa wahr sein:
    „“CDU-Politiker berichten davon, dass Kollegen anderer Fraktionen AfD-Leute auf dem Flur angespuckt hätten. Das käme für sie nicht in Frage“ 🤔
    Waren wir vorher schon so weit? Dann wäre auch glaubhaft, dass danach FDP-Politiker und ihre Familien bedroht werden.
    Es steht jedenfalls so im Print in der FAS. Der Artikel ist online hier (hinter der Paywall).

  10. Das alles ist sicher unschön…aber ich finde in der aktuellen Berichterstattung vieles noch sehr viel „mysteriöser“….is schwer den Anfang zu machen…aber OK, also irgendwie war Thüringen ja schon von vornherein ein Desaster für die CDU, Ramelow insgesamt sehr beliebt, RRG macht(e) keine schlechte Figur, besonders das SPD in dem einen R dürfte Schwarz gestört haben, besonders in der Groko, denn mit dem anderen R (das ist ja genauso schlimm wie die AfD) will man nix zu tun haben…und dann noch Teile der eigenen Leute, die doch ganz offen und ungeniert über was auch immer mit der AfD sinnieren….nun ist es natürlich die Zwickmühle schlechthin, denn man ist auf die GroKo mit der SPD (noch) angewiesen, aber dennoch versucht man natürlich (auch durch die Hintertür) das Pseudo-Allheilmittel „Neuwahlen“ nicht nur ins Gespräch zu bringen…man scheint an bestimmten Positionen auch richtig versessen darauf zu sein…und am Ende fällt die „großartige“ saarländische Putzfrau auch brav dem Hintergrund-Gezappel zum Opfer (das ist nicht der alleinige Grund, das ist mir durchaus bewusst)….aber in den Medien werden „Fake-Anrufe“ und andere Nebensächlichkeiten auch im Nachgang, auch hier, schön aufgebauscht und ausgeschlachtet, hoch leben die Klicks und die „News“…und damit wird m.M.n. von den eigtl. „Aufregern“ oder „Skandalen“ immer mehr abgelenkt/(weggelenkt?)…das gewisse Personen auch jetzt eine schlechte Figur abgeben, z.B. Lindner, ist auf Grund der Bedeutungslosigkeit der FPD im Allgemeinen doch gar nicht mehr wichtig. Dennoch werden überall Analysen über ihn und vor allem seiner „gottgleichen“ Rhetorik“ (und das er „jetzt mehrfach geschwächelt“ habe) von Experten, selbsternannten Experten oder gleich Horden von Laien präsentiert…auch in Thüringen hat die FDP eigtl. nix zu melden und schon gar nichts mehr zu Lachen, aber die „Liberalen“ und der nicht einmal voll geschäftsfähige Kurzzeit-MP stehlen fast allen anderen die Schau…schau, schau…die Medienkritik hier bei Übermedien wird meist an einem oder mehreren Beispielen oder Vorgängen/Aufhängern festgemacht…ich würde mir tatsächlich doch auch mehr „zwischen den Zeilen“ wünschen, was ist denn da in Thüringen und rund um Thüringen tatsächlich passiert?..und was wurde und wird darüber tatsächlich berichtet? Die vorgeschobenen Standards wie „interne Kommunikationsprobleme“ oder „irren ist menschlich“ etc. sollte man als gewissenhafter Journalist doch wohl als das erkennen, was es in Wirklichkeit ist….

    Das es sehr wohl auch um die GroKo und AKK ging ist doch offenkundig, da wurde in diversen HGs kräftig „gearbeitet“ um neue Voraussetzungen zu schaffen….wo aber ist die Berichterstattung dazu? Ich lese zugegebenermaßen nicht alle Artikel zu diesem Thema, aber so gut wie alles was ich bisher gelesen oder gesehen habe, befasst sich eben nicht mit jenen Geschehnissen. So soll man glauben dürfen, AKK wäre einfach nur über ihre „Dappigkeit“ gestolpert und nicht doch evtl. „zerSPAHNt“ oder „ausgeMERZt“ worden? Ne is klar, ihr Sargnagel war die Tatsache, das sie zu Mohring fuhr und Mohring nicht nach Berlin zitierte, so liest man es an anderer Stelle im Blätterwald. Auch finden sich massenhaft solche Artikel wie hier, die nun wieder in die Kerbe „jo, so darf man das nicht machen“ schlagen..evtl. nicht einmal zu Unrecht..aber wo ist dann die übergeordnete Kritik an den reinen „Füllartikeln“? Wo ist die Forderung einfach mehr in die Tiefe und schlichtweg weniger in die Breite zu gehen? Investigativ auf politischer/parteilicher Ebene schein in D wohl komplett verpönt zu sein? Besser gut mit dem politischen Strom geschwommen, sonnst bekommt das der Karriere nicht sonderlich gut? Wie viel Parteibuch hält denn der Story stand? Oder umgekehrt? Wie viel „Demokratie“ steckt eigtl. noch in solchen Vorgängen? Und wie frei und unabhängig sind denn „die Medien“ tatsächlich….? Und da liegt eben auch eines der Probleme der kritischen Betrachtung: es lässt sich prima auf der Standard-Schiene fahren, Futter ist ja genug vorhanden……
    und daher wundert es auch nicht, dass besonders aus bestimmten Kreisen „Systempresse“ oder ähnliches schallt…besticht die deutsche Massenmedien-Branche in letzter Zeit eher durch schlampige Arbeit, Skandale, Belanglosigkeit, Trends/Gehype, Gleichförmigkeit und die schon mehr als fragwürdigen Aufrufe zum Schutz des „bundesdeutschen Qualitätsjournalismus“, besonders amüsant übrigens dann, wenn diese Aufrufe aus den bekannten Häusern der „Wahrheitsbieger“ raussprudeln.
    Thüringen auf den letzten Wahlgang und was im Zuge dessen passierte zu reduzieren. Ist m.M.n. einfach nicht genug. Mag sein, das die ein oder andere Paywall mir den Zugang zu echtem „Qualitätsjournalismus“ verwehrte….aber ich denke, das es dahinter nicht anders als davor aussieht….der alte sprichwörtliche „Blinde mit dem Krückstock“ konnte und kann sehen, das etwas „faul ist im Staate“…

  11. @11: wenn Sie so tolles Hintergrundwissen haben und ja so genau verstanden habem, was da in Thüringen abgegangen ist, und das dann von der pösen Systempresse verschwiegen wird: warum werden Sie dann kein Journalist mit Ihrem Wissen?

  12. „Und Hennig-Wellsow als Quelle schien ja mehr als nah genug dran, also irgendwo verzeihlich.“

    Schon möglich, dass Frau Hennig-Wellsow einen Buddy beim Spiegel hat dem sie von dem Anruf erzählen musste – ob nun absichtlich zur Veröffentlichung bestimmt oder da einfach jemand das Wasser nicht halten konnte. Ein Knaller war die Info bestimmt. Aber gerade bei einer solchen, mit Verlaub, Räuberpistole hätte man besonnen recherchieren sollen.

    So bleibt wieder ein Artikel mit alternativen Fakten am Spiegel kleben, bei dem man die Korrektur dann auch noch total vergeigt hat.

  13. Bei aller oft berechtigten Kritik sehe ich hier kein Fehlverhalten. Auch die Frage nach den 2 Quellen zur Verifizierung kann doch nicht dazu führen, dass man in so einem Fall nicht berichtet. Es wird wohl viele Fälle geben, in denen man nicht bei beiden Seiten eines Telefonats nachfragen kann, ob es (wie von einer Seite geschildert) stattgefunden hat.

    Und auch hier ist – wie damals bei Seehofer – ja der Inhalt des Telefonats richtig wiedergegeben. Man fiel halt auf einen Fake herein. Passiert. Hinterher ist man immer schlauer und hätte besser formulieren können: „Um Mitternacht beginnt Kemmerich _offenbar_ plötzlich zu telefonieren, _so schildert es_ die Linken-Vorsitzende…“

    Wenn man bedenkt, dass möglicherweise der Artikel eine bestimmte Länge haben musste um ins Layout zu passen kann ein „offenbar“ auch rausgekürzt worden sein und sonst hat man sich für die kürzere Formulierung entschieden.

    Ich glaube nicht, dass auch nur ein Leser davon ausging, dass der SPIEGEL bei Kemmerich auf dem Schoß saß, als das passiert ist.

  14. @Graflukas: Berechtigte Kritik, aber kein Fehlverhalten? Kann schon sein, dass das kleinlich wirkt, wenn man so einzelne Wörter aufspießt, wie z.B. „plötzlich“. Aber eigentlich ist es doch ganz einfach: Der Spiegel muss es so formulieren, wie es war („sagen was ist“): Frau Hennig-Wellsow hatte behauptet, sie sei von Herrn Kemmerich angerufen worden, um ihr ein Ministeramt anzubieten.

    Das wäre wohl kaum an fehlendem Platz gescheitert. Das ist dann auch kein Problem einer fehlenden zweiten Quelle. Natürlich darf man in so einem Fall jemanden namentlich zitieren. Herrn Kemmerich sollte man die Gelegenheit zur Stellungnahme geben, aber wenn er abstreitet und sich der Irrtum nicht anderweitig aufklärt, wäre es trotzdem legitim gewesen, Frau Hennig-Wellsows (anfängliche) Aussage wiederzugeben.

    Genau das hat ja z.B. der MDR Thüringen getan. Der eigentliche Vorwurf an den Spiegel ist auch nicht, dass er auf ein Fake-Telefonat reingefallen ist – reingefallen ist ja die Linken-Politikerin. Der Spiegel hat das dann allerdings ohne Überprüfung in szenisch leicht überarbeiteter Form übernommen.

  15. Um Mitternacht [in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag] begann Kemmerich plötzlich zu telefonieren, er wollte die Linken-Vorsitzende Susanne Hennig-Wellsow zu seiner Innenministerin machen.“

    Ich weiß, das ist langweilig. Aber das gilt auch für den Satz des Thales oder das kleine Einmaleins.
    Das kleine Einmaleins der Journalistik ist die Trennung von Meldung und Kommentar. Mit dieser einfachen Methode, wäre der SPIEGEL ganz gut gefahren.

    Die Meldung: Hennig-Wellsow hat uns gesagt …
    Kommentar: Folgt. Wir versuchen gerade mit Kemmerich zu telefonieren.

    Muss ja wahnsinnig schwierig sein, das kleine Einmaleins.

  16. @12
    „““@11: wenn Sie so tolles Hintergrundwissen haben und ja so genau verstanden habem, was da in Thüringen abgegangen ist, und das dann von der pösen Systempresse verschwiegen wird: warum werden Sie dann kein Journalist mit Ihrem Wissen?“““

    Und wenn mir die Backwaren des einzigen Bäckers im Ort nicht zusagen…muss ich dann Bäcker werden? Ich denke, Sie haben mein Ansinnen schon mit „pösen Systempresse“ gar nicht erfasst und versuchen mich in irgendeiner Ihrer Lieblings-Schubladen zu verorten. Es ist nun einmal ein Fakt, dass hinter den Kulissen anders gespielt wird, als es vor den Kameras erzählt wird. Und das im Umfeld mit „Thüringen“, vor der Wahl und auch danach, einige sehr dreckige Spielchen gezockt wurden liegt wohl auf der Hand. Das hat nix mit „so tolles Hintergrundwissen“, eher mit Allgemeinwissen, Menschenkenntnis und Beobachtungsgabe zu schaffen. Und das in den Medien über die „dreckigen Deals“ oft/meistens eben nicht zeitnah berichtet wird ist auch bekannt. Und da AKK sicher nicht freiwillig den Posten geräumt hat, und vermutlich der, den sie noch „mit ins Boot“ holte, sich den Posten krallen wird….muss man wohl nur 1 und 1 zusammenzählen. Oder denken Sie etwa allen Ernstes, dass Frau AKK den echten und wahrhaftigen Märtyrertod für die Partei und nur die Partei gegeben hat? Wollte die Dame nicht in Kürze die Frau Merkel beerben? Wo bleiben denn die „gut informierten Kreise“ der hiesigen Presse zu diesen Themen? Gerade in Zeiten wo doch so viel „gezwitschert“ wird…und ich würde kaum Fragen zu „Thüringen“ stellen, wenn ich alles verstanden hätte, bzw. wissen würde…aber evtl. interessiert es mich ja, wer da wem was angeboten oder vielleicht auch angedroht haben könnte….

  17. @ #17: Vermeintliches Hintergrundwissen ist eine schiefgelaufene Sache im Journalismus: Man bezieht Redaktionen oder Redakteure im Vorfeld oder laufend in bestimmte Dinge ein, sie sollen aber nicht darüber berichten. Solche Deals blockieren mit Pech die ganze Redaktion. Es ist nicht leicht, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Das zweite Problem ist der „Say-Journalismus“. Es ist leichter, zu berichten, was jemand gesagt hat, als zu berichten, was er tatsächlich macht – denn dafür müsste er sich mit den Handlungen des Politikers beschäftigen, und das ist viel schwerer und zeitaufwändiger als einige Sätze aufzuschreiben. Aber auch das geht bsser. In der causa Thüringen hätte es bei Kemmerichs Rücktritt so aussehen können: „Kemmerich hat seinen Rücktritt angekündigt. Wann er zurücktreten wird, sagte er nicht.“ Herauszuarbeiten und aufzuschreiben, was Politiker nicht sagen, fällt vielen (deutschen) Journalisten unglaublich schwer.

    Ein wenig Hintergrund fand sich auch in der Thüringer Presse. Die Thüringer Allgemeine und die OTZ hatten – da beide von der Funke-Mediengruppe – am 7. Februar auf den Seiten 1 bis 5 weitgehend identische Artikel, nur unterschiedliche Kommentare. Auf den Kauf der TLZ (auch Funke) hatte ich verzichtet. Das Spannendste kam dabei aus Berlin von Miguel Sanches, stand auf Seite 5, aber auch erst im letzten Drittel – und ohne erkennbare Quelle eine Beschreibung, wie AKK CDU und FDP bedrängelte, dieses und jenes nicht zu tun. Dann: „Die CDU-Chefin hatte die leise Vorahnung, dass die AfD die Situation für sich ausnutzen würde.“ Mehr gibt es dann nicht.

    Berichte über Hinterzimmer-Politik sind auch aus einem anderen Grund schwierig. Man müsste Kausalitäten behaupten, die man kaum beweisen kann. zB: Was bekommt die SPD dafür, dass sie sich bei Verkehrsminister Scheuers Verfehlungen weitgehend ruhig verhält? Wer soll das genau bestimmen können? Wer weiß es? Angst, bei Aufstand und Koalitionskündigung plötzlich im Wahlkampf zu stehen, und das ohne Kandidaten? Selbst verordnete Ruhe? Oder eine eigene, unbekannte Keller-Leiche? Oder doch hier und da ein kleines Gesetz-Zugeständnis? Das meiste bliebe vage.

    AKK ist, denke ich,als CDU-Vorsitzende daran letztlich gescheitert, dass ihre Fähigkeiten überschaubar sind. Und das merkte man immer dann, wenn es kritisch wurde und wenn plötzlich etwas Großes passierte. Sie hat weder etwas Kluges, Brillantes noch etwas Gewinnendes. Sie wurde von Angela Merkel vielleicht auch egoistisch ins Rampenlicht gezerrt, damit diese sich nicht mit aggressiveren Männern auseinandersetzen muss, sondern sich auf wichtige Entscheidungen konzentrieren kann. Jetzt sitzt AKK auf einem ministerialen Dienstposten, der sich bei der Pensionierung förderlich auswirken wird.

    Die einzige bemerkenswerte Echtzeit-Berichterstattung ist jene von Wikileaks. Originaldokumente in überschaubarer Zeit zugänglich gemacht. Das hat im vergangenen Jahrzehnt kein anderer geleistet.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.