Sein Cover

Immer wieder ist von einem „Dammbruch“ die Rede. Oder von einer „Brandmauer“, die vom Einsturz bedroht sei und die man jetzt schnell rhetorisch wieder verstärken möchte. Nach den Ereignissen im politischen Epizentrum Erfurt bemühen viele Kommentatoren und Politiker das Bild einer physisch-festen Barriere in der demokratischen Landschaft, einen gewissenhaft errichteten Wall der Unmöglichkeit, der offenbar gerade durch eine höhere, angeblich unvorhersehbare Naturgewalt eingerissen wurde.

Der mutmaßlich unvorstellbare demokratische „Dammbruch“ lässt Liberale wie Konservative laut eigener Aussagen „überrascht“ zurück, und ein frisch gewählter Ministerpräsident ist vermeintlich wie kein Ministerpräsident zuvor von seiner Wahl „übermannt“. Schnell müssen die Machtverhältnisse wieder hergestellt werden und Bundesvorsitzende aus Berlin in das Bundesland eilen, um diese Übermannung zu heilen.

Metaphern und Bilder sollen die Überraschung über das Unmögliche glaubhaft erscheinen lassen.

Während man noch versuchte, zwischen Empörung, Entsetzen, Enttäuschung und Wut als adäquate Reaktion zu wählen, sprach Kanzlerin Merkel eines ihrer alternativlosen Ein-Wort-Prädikate: die Entscheidung Kemmerichs ist „unverzeihlich“. Exakt. Erst vorletzte Woche jährte sich die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau zum 75. Mal. Erst vor wenigen Tagen affirmierten viele PolitikerInnen die gesellschaftliche Pflicht und Verantwortung eines „Nie wieder!“. Viele Menschen und Medien erinnerten sich gegenseitig mit der notwendigen Dringlichkeit an diese demokratische Aufgabe.

Der Auftritt des Komikers

Nach all den Bekundungen und Lippenbekenntnissen war es dann überraschenderweise ein Komiker, der zwischen all den parteipolitischen Erklärungsversuchen und erzählerischen Hindrehungen für einen emotionalen wie empathischen Fernsehmoment sorgte. Nachdem Atze Schröder zu Gast bei „Markus Lanz“ der Holocaustüberlebenden Eva Szepesi zugehört hatte und durch sie an die Kriegstaten seines Vaters erinnert worden war, stand er am Ende der Sendung auf und entschuldigte sich um Fassung ringend bei der 87-Jährigen für die Taten seines Vaters.

Und plötzlich bemerkte man, wie sehr man bei all den Berichten, Kommentaren und politischen Positionierungen zum „Dammbruch“ in Thüringen eine Reaktion der Verantwortlichen vermisste, die man als ebenso empathisch, menschlich und ehrlich hätte empfinden können.

Und nun wird auch Annegret Kramp-Karrenbauer zerrieben von den autodestruktiven Programmatikkämpfen der CDU, von einem Prozess, der durch die Thüringer Schacherei der AfD und dem fehlenden Rückgrat der restlichen Akteure brandbeschleunigt wurde und die Konservativen, die wir als den eingangs erwähnten Wall unabdingbar brauchen, weiter destabilisiert.

Nachdem man in Anbetracht des zermürbenden politischen Geschehen geistig in sich zusammensackt und mit befremdlicher Verwunderung feststellt, dass man mal mit Ulf Poschardt und auch mit Markus Söder einer Meinung ist, steht zweifellos fest, dass es nun vor allem darum gehen muss, die Demokratie umso mehr zu stärken und die extreme Rechte zu schwächen. Doch wie?

Das brüllende Titelbild

„Ich hab’s!“, ruft da plötzlich das Cover des neuen „Spiegel“ vom Bahnhofsregal zu mir herüber, mitten hinein in meine demokratietheoretischen Sorgen. „Schau mal! Hier! Hier ist der bekannteste Faschist Deutschlands! Wie wäre es, wenn wir ihm seinen größten Wunsch erfüllen, endlich wie sein großes Idol wahrgenommen zu werden? Das wird die extreme Rechte nach so einer Woche so richtig schwächen, da bin ich mir sicher!“

AfD-Politiker Björn Höcke auf dem Titelbild des Magazins Der Spiegel
Das „Spiegel“-Cover im Original. Cover: „Der Spiegel“

„Liebes Spiegel-Cover“, antworte ich, „hatten wir in puncto Hitler-Faszination nicht vereinbart, dass wir ganz vorne keine Faschisten mehr abdrucken, wenn es nachrichtenwertlich nicht unbedingt notwendig ist? Aber vor allem wollten wir die doch nicht so zeigen wie sie sich selber gerne inszenieren?“

„Ach jajaja!“, beschwichtigt das „Spiegel“-Cover. „Aber schau mal, ich habe darunter ganz groß DER DÄMOKRAT geschrieben! Damit wird das doch sofort unmissverständlich klar, wie das gemeint ist. Höcke, der DÄMON! Damit weiß man sofort: gefährlicher Typ!“

Ich flüchte aus dem Bahnhofskiosk. Das ist ja noch schlimmer. Mit Faschisten verhält es sich ja ein bisschen so wie bei der Berichterstattung über Terroristen, Serienkiller und Amokläufer: Man sollte sie nicht durch eine ikonifizierende Ablichtung glorifizieren oder adeln. Denn die AfD, das hat spätestens die Wahl in Thüringen gezeigt, ist ein politischer Amokläufer, der mit der pathologischen Berechnung eines Machtmanikers die Demokratie so lange durch wahlstrategische Manöver auszuhöhlen und zu destabilisieren versucht, bis es versehentlich mal klappt. Und das nicht um gestalterische Politik machen zu können, sondern nur um den politischen Gegner zu besiegen.

Die Adelung des Trolls

Vertreter einer solchen Partei sollten nicht mit einem historisch aufgeladenen Bild belohnt werden. Vor allem wertet es ihre destruktive Arbeit, die zu großen Teilen schlicht aus taktischem Trolling besteht, zu einer nicht vorhandenen Schachfinesse auf.

Wenn Alexander Gauland zum Beispiel empfiehlt, das nächste Mal Bodo Ramelow zu wählen, da dieser dann ja ablehnen müsse, dann kommen sowohl das erpresserische Auf-den-Boden-Werfen eines Kindes in der Quengelwarenabteilung als auch das demokratiefeindliche Kalkül eines sich für clever haltenden Soziopathen zum Vorschein.

Mit ihren Taten und Handlungen zeigt die AfD immer wieder: Faschismus ist gefährlich, aber auch infantil.

Höcke auf dem „Spiegel“-Cover normalisiert einen Extremisten. Es ist die Sichtbarmachung eines Faschisten im öffentlichen Raum, in Supermärkten, Tankstellen und Bahnhöfen. Die Geste, ihm ein eigenes Cover zu schenken wie einem Posterboy, ist natürlich eine willkommene Aufmerksamkeit, die genau der Diskursstrategie der Rechten – so penetrant präsent zu sein bis man sie als selbstverständlichen Bestandteil der Öffentlichkeit wahrnimmt – mehr als entgegenkommt. Und Medien bauen an der Erzählung der Rechtsextremen fleißig mit, indem sie ihnen Seiten und Sendezeit geben.

Die Selbstinszenierung der Provokateurin

Das manifestierte sich zum Beispiel auch in der Einladung der AfD-Co-Vorsitzenden Alice Weidel in die ARD-Talkshow „Anne Will“. Sicher bestand die Hoffnung, mithilfe der Aussagen aller Beteiligten die Wahl in Thüringen irgendwie zu durchdringen; letztlich dominierte jedoch über weite Strecken die ernüchternde Dauer-Zwischenruf-Provokation einer Frau, der es gelang, mehr Wind zu produzieren als Orkantief Sabine. Ihr Wille zur Eskalation und ihre gewohnte Selbstinszenierung gingen vollends auf. Sie bekam Redezeit und konnte ihre süffisante Anti-Öffentlich-Rechtliche-Performance genüsslich austanzen.

2018 sagte der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in einem Gespräch mit dem Leiter des Wissenschaftsportals L.I.S.A. und Geschichtswissenschaftler Georgius Chatzoudis zur Frage, ob in Deutschland ein neuer Faschismus aufkomme und wie man diesem entgegentreten könne:

„Ein Grundfehler der liberalen ‚bürgerlichen‘ Presse war (und ist) es meiner Meinung nach, den Vorwurf der ‚Lügenpresse‘ nicht wirklich ernst zu nehmen, ihn nicht ernsthaft zu bedenken. Statt zu sagen – was der Wahrheit entspräche – wir sind parteiisch; wir vertreten bestimmte Interessen; (…)

Zuzugeben wäre also: ‚Wir sind eine interessenzentrierte bürgerliche Presse mit ganz bestimmten Werten; und sind damit in den Augen derer, die diese Werte ablehnen und bekämpfen ganz selbstverständlich Lügenpresse. Danke für das Kompliment‘! – so etwa hätte eine angemessene Antwort zu lauten; und nicht: die offen Kriminellen von AfD und ähnlich einzuladen in sogenannte Talkshows, um ihnen dort zu beweisen, dass man doch nicht Lügenpresse sei, sondern objektiver Journalismus; diese Zentrallüge der ‚bürgerlichen Presse‘ also weiter und nochmals zu verbreiten. Man hätte sich zu bekennen zur eigenen Parteilichkeit. Nämlich: ‚Ja, wir sind so; und wir sind gegen euch. Und wir sagen das laut, auch ohne euch dabei haben zu müssen im Diskutierstuhl‘. Weil: ‚Ihr seid erklärte Feinde jenes demokratischen Systems, dessen Formate wir hier diskutativ repräsentieren. Und da gehört ihr nicht rein‘. (…)

Dies gilt nicht nur fürs Fernsehen, die WELT, die ZEIT usw., sondern genauso für die taz und andere Organe, die sich für die ‚linkeren‘ halten. Ganzseitige Interviews mit der offenen Faschistin A. Weidel, ein paar Tage vor einer Wahl! Frau Bettina Gaus als Statthalterin objektiver Ausgewogenheit. Für wie blöd hält man die Leute denn? So blöd sind grad die Gaulands und Weidels nicht. (In den Knast mit ihnen! Wegen erwiesener Morddrohungen und Volksverhetzung). Diskutieren mit denen? Nein! Und nochmal nein. Aber nicht aus der Verlogenheit heraus: ‚Wir sind die Objektiven‘.

Und auch noch denken, man wäre denen damit überlegen; könne sie, diskutierend, widerlegen! Der Gipfel! Gegen Leute, die (voll bewusst) aus dem Kontrafaktischen reden (ob Weidel, Gauland oder Trump) kann jeder ‚diskutierende‘ Mensch nur verlieren; weil dieser Typus sich mit jedem vorgebrachten ‚Argument‘ nur den Hintern wischt und eine Behauptung dagegensetzt, die darauf pfeift, ‚wahr‘ oder auch nur ‚begründbar‘ zu sein. Mit solchen Leuten diskutiert man nicht als halbwegs vernünftiger Mensch.“

Die Darstellung von Höcke erinnert mit ihrer harten und kontrastreichen Ausleuchtung an den deutschen Expressionismus der Dreißigerjahre, der im luftleeren Raum schwebende Kopf könnte auch auf einem Plakat in den Kulissen von Babylon Berlin auftauchen. Irgendwo zwischen Doktor Mabuse und Nosferatu der Neuzeit starrt der Faschist grimmig vom Cover. Vor allem der Gesichtsausdruck erinnert unweigerlich an das Wahlplakat von Adolf Hitler aus dem Jahr 1932. Höcke, ein neuer Möchtegern-Führer. Höcke, der Dämon. Damit befindet sich das Porträt in der Tradition der Dämonisierung von Hitler, die historisch und ästhetisch immer schon problematisch war, da sie dem banalen Bösen etwas Okkultes und Übermenschliches verleiht. Die Idee der teuflischen Figur ist auch deshalb verlockend, weil man sich mit ihr von der Verantwortung, demokratisch wachsam zu bleiben, befreien konnte und kann. Es ist geistig bequem, Rechtsextreme als Schufte zu stilisieren, weil man keine kognitiven Uneindeutigkeiten aushalten muss.

Wahlplakat der NSDAP zur Reichstagswahl im November 1932

Das Gefährliche dieser Überhöhung liegt nach wie vor in der Mystifizierung einer Person, die plötzlich nicht mehr wie von dieser Welt erscheint, zu unwirklich als dass von ihr, diesem Dämon, eine echte Gefahr ausgehen könnte.

In seinem Aufsatz „Who Was ‚Hitler‘ Before Hitler? Historical Analogies and the Struggle to Understand Nazism, 1930–1945​“ erklärt Gavriel Rosenfeld, wie Hitler über die Zeit zum neuen Archetypen alles Bösen wurde und fortan zum Vergleich-Standard aller politischen oder historischen Vorgänge, die man in Ermangelung besserer Erfassung mit ihm verglich:

„Während heutzutage Kommentatoren darüber streiten, ob Hitler als eine historische Analogie genutzt werden sollte, debattierten Beobachter in den 1930er und 1940er Jahren darüber, welche historischen Analogien sich dazu eigneten, Hitler zu erklären. Während dieser Zeit identifizierten anglophone und deutsche Autoren eine diverse Gruppe historischer Schurken, mit Hilfe derer sie glaubten, die Bedrohung durch den Nationalsozialismus erklären zu können. Diese Figuren beinhalteten eine weite Bandbreite von Tyrannen, Revolutionären und Eroberern. Aber am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden diese Analogien mit der Enthüllung der präzedenzlosen NS-Verbrechen als unzulänglich empfunden, was viele Kommentatoren dazu veranlasste, von der säkularen Historie in die religiöse Mythologie zu fliehen. Hitler wurde in diesem Prozess als der neue Archetyp des Bösen innerhalb der westlichen Zivilisation bestimmt und darüber hinaus zu einer hegemonialen Analogie der Nachkriegszeit stilisiert. Indem hier erklärt wird, wie frühere Analogien sich bemühten Hitler zu verstehen, kann auch besser beurteilt werden, ob heutige Analogien zu Hitler hilfreich sind oder unsere Versuche, zeitgenössische politische Herausforderungen zu verstehen, behindern.“

Das Dämoklesschwert des deutschen Journalismus wird immer sein, dass man Faschisten nachrichtlich kritisch abbilden muss, wenn das Zeitgeschehen nicht erlaubt, sie zu ignorieren – es aber offenbar immer noch viel zu verlockend für die Berichterstattung ist, sie kontraproduktiverweise buchstäblich zu dämonisieren.

Was hätte man nach den Ereignissen in Thüringen jedoch anstelle des Dämokraten zeigen können? Nunja, einer der Hauptakteure war schlussendlich Thomas Kemmerich; FDP und CDU waren auch nicht ganz unbeteiligt. Daher hätten sich durchaus auch andere, demokratischere Figuren für das Cover angeboten.

Daneben gab es jedoch noch einen viel ikonografischeren Moment und ein Bild, welches das unübersichtlichen Geschehen visuell auf einen Punkt brachte: Der Augenblick, in dem die thüringische Linken-Chefin Susanne Henning-Wellsow dem frischgewählten Kemmerich einen Blumenstrauß vor die Füße wirft. Ein politischer Mic Drop. Eine emblematische, zornige, ja poetische und vor allem so wichtige Geste einer politischen Haltung, die ikonisch kondensierte, was für ein Verrat da gerade an uns durch Taktiererei oder Opportunismus oder Naivität begangen worden war.

Vor allem vermittelt der Blumenstrauß in seiner Symbolik präziser und grimmiger als jedes Porträt oder jedes Bild eines Dammbruchs, was da demokratisch eigentlich passiert ist: Ein bisschen Demokratie wurde beerdigt.

24 Kommentare

  1. Jede Thüringer Bratwurst wäre auf dem Spiegel-Titel besser aufgehoben gewesen als diese schwammige Nazi-Fresse. Das Cover war zum Speien. Höckes Fanboys haben das Blatt bestimmt schon im Spind hängen und holen sich alle 18 Minuten einen drauf runter.

  2. @3

    Sie haben die 18/AH Anspielung nicht verstanden. Ludolf Ladig lässt sich leider nicht so dufte abkürzen, oder man müßte sagen, es klappt nur alle 1212 Minuten. Das wäre alle 7,2 Wochen…hmmm könnte stimmen.

  3. Pardon, Sie meinen sicherlich alle 88 Minuten.

    Genug der Frotzelei, was verspricht sich der Spiegel davon? Einen späteren Posten im neogermanischen Informationsministerium?
    Oder verkauft sich der Schattenschnitt eines Faschisten echt so gut, dass man darauf finanziell nicht verzichten kann (möchte)?
    Generell stelle ich mir bei aktuellen Publikationen viele Fragen in Richtung: Politisch oder finanziell motiviert? Ideologie oder Opportunismus?
    Und vor Allem: Wie steht man zu „0,5% mehr Roherlös“ heute, wenn man morgen keine Arbeit mehr hat, weil es keine freie Presse mehr gibt?
    (Ja, negative Szenarien hört man nicht gerne, aber die Abschaffung einer freien Presse gehört in einem autoritären, faschistischen Staat nunmal dazu.)

    Allen „Politikverdrossenen“ möchte ich entgegenschreien:
    Eure Verdrossenheit ist kalkuliert. Euer Desinteresse ist gewollt. Eure Bitterkeit und Sarkasmus, gewollt. Enttäuscht sein von „der Politik“ ist gewollt. Politikern nicht mehr zu trauen ist gewollt. Zweifel am demokratischen Prozess sind mehr als gewollt.
    Nicht alles, was sich „Alternative“ nennt, ist auch eine.

  4. Ja, catch-22: entweder spielt man denen in die Hände, indem man Höcke als Vorlage inszeniert, oder, indem man ihn nicht inszeniert, und er opfert wieder herum.
    Ob irgendwer AfD wählt, der bis dato gegen die AfD war, weil der jetzt auf dem Cover ist, mag ja sein, aber die meisten Menschen sind vllt. ein bisschen stabiler in ihrer Meinungsbildung. Oder Demokratie ist eh‘ wischiwaschi, dann ist es egal.
    Das ist für mich das Problem mit der Dammbruch- oder Brandwand-Metaphorik. Das jeweilige Schutzbauwerk soll im richtigen Leben vor einem Hochwasser oder einem Feuer – jeweils hirnlose Bedrohungen – schützen, in der Metapher sind das aber AfD-Wähler(m/w/d), die „eingedämmt“ werden sollen. Wenn jetzt wer sagt: „Mit Rechten kann man eh‘ nicht reden, das ist wie bei Großfeuern und Hochwassern.“ naja, heißt im Umkehrschluss, man will nicht AfD-Wähler überzeugen, wen anderes zu wählen, sondern nur verhindern, dass es mehr werden. Bisschen dünn.

  5. @Anderer Max
    „Allen „Politikverdrossenen“ möchte ich entgegenschreien:
    Eure Verdrossenheit ist kalkuliert. Euer Desinteresse ist gewollt. Eure Bitterkeit und Sarkasmus, gewollt. Enttäuscht sein von „der Politik“ ist gewollt. Politikern nicht mehr zu trauen ist gewollt. Zweifel am demokratischen Prozess sind mehr als gewollt.
    Nicht alles, was sich „Alternative“ nennt, ist auch eine.“
    Und wie soll man sich verhalten? Wieder in die Obrigkeitsgläubigkeit fallen, die da oben werden das schon regeln! Politiker sind fähige Leute, die zum Wohl des Volkes arbeiten? Zufriedensein mit dem, was in unseren Lande funktioniert? Oder wenn einem das nicht passt, soll man sich doch selbst in einer Partei engagieren (die SPD sucht händeringend Mitglieder!)
    Dass in der repräsentativen Demokratie praktisch ständig der Faschismus vor der Tür steht, liegt vielleicht nicht nur am Faschismus oder an der Tür sondern möglicherweise an der repräsentativen Demokratie im Kapitalismus selbst.

  6. Sehe ich das richtig: die Demokratie ist für Sie schuld am Faschismus?

    Und ja, man kann sich demokratisch engagieren, ohne faschistisch zu werden. Engagement hat mit Obrigkeitshörigkeit nichts zu tun, auch wenn niedliche Rechtspopulisten das ganz gerne behaupten und vermengen.

  7. @9 „Wie soll man sich verhalten?“
    Ja eben! Was weiß ich denn? Aber mit der Frage geht es los.
    Vielleicht fängt man mal mit einem Perspektivwechsel an: „Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern?“ statt „Wie nörgel ich möglichst effektiv herum, damit sich die Situation verbessert.“
    Klar, wenn ich in meine Lokal-SPD eintrete werde ich nicht direkt die Bundespolitik mitbestimmen… Aber von nix kommt nix, irgendwo muss man anfangen?!

    Die anderen Rückfragen möchte ich nicht beantworten. Ich als Privatmann möchte nicht, dass irgendwer „Obrigkeitshörig“ wird. Im Gegenteil.
    Die einfachen Lösungen der AfD zu glauben ist m. E. ebenso „Obrigkeitshörig“, wie der Regierung unhinterfragt zu glauben.
    Es ändert sich nur die Obrigkeit.

    Selber Denken geht anders.

  8. @10
    Zunächst einmal ich schrieb von der repräsentativen Demokratie und ja diese hat sich in vielen historischen Beispielen als äußerst schwach bei der Verhinderung von faschistischen Machtübernahmen erwiesen. Häufig auch deshalb, weil das Parament, der gewählte Kanzler eben nicht die Interessen von großen Teilen der Bevölkerung verfolgt haben. Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden. Es gab und gibt viele, die sagen, dass eine repräsentative Demokratie bei kapitalistischer Wirtschaftsweise nicht funktionieren kann (Trotzki und Mausfeld zum Beispiel) da in dem Moment, in dem die Interessen des Massen verfolgt werden, die Vormachtstellung der kapitalistischen Klasse nicht mehr gewährleistet werden kann. Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig, die Lösungen sind aber fatal falsch (Minderheitenbashing, Obrigkeitsstaat)

    @12
    Das klingt mir alles zu sehr nach Eigenverantwortung: „Frage nicht was der Staat für dich tun kann, sondern frage, was du für den Staat tun kannst.“ Schon Kennedy gaukelte damit Handlungsmöglichkeiten zu Veränderungen vor, die der Einzelne in unserer Gesellschaft nicht hat.

    @Beide
    Aus meiner Erfahrung führt nichts so sehr zur Politikverdrossenheit wie Arbeit in einem Ortverein einer Partei. Es geht so gut wie nie um Inhalte, sondern darum Abstimmungen und Wahlen zu gewinnen, Konkurrenten auszubooten und gut in der Presse dazustehen. Und je höher man kommt desto schlimmer wird es.

  9. „Zunächst einmal ich schrieb von der repräsentativen Demokratie und ja diese hat sich in vielen historischen Beispielen als äußerst schwach bei der Verhinderung von faschistischen Machtübernahmen erwiesen. “

    In wievielen denn? Und natürlich müssen wir die Gegenfrage stellen: Wie oft hat eine repräsentative Demokratie NICHT in den Faschismus geführt? Gab es evtl. andere Faktoren, die den Aufstieg des Faschismus begünstigten? Spoiler: ja.]

    Mir kommt das doch sehr kurz gedacht vor, Repräsentative Demokratie -> Faschismus.

    „Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden. “

    Das hieße im Umkehrschluß, daß repräsentative Demokratie die Rechte der Minderheiten verteidigt. Finden Sie das so schlecht? Ich persönlich würde nicht in einer Diktatur der Mehrheit leben wollen, mir ist eine Demokratie, die auf Konses ausgerichtet ist und auch Minderheiten berücksichtigt, eigentlich lieber.

    Die Idee, dass es DIE Interessen DER Massen geben soll, finde ich persönlich aber grundsätzlich naiv bzw. massiv unterkomplex: die Zahl der Interessen ist immer größer als die Zahl der Akteure, da jeder Akteur mehrere Interessen verfolgt. Richtig ist, dass einige Akteure Interessen verfolgen, die den Interessen einer Mehrheit anderer Akteure zuwiderlaufen. Daraus kann man aber nicht im Umkehrschluß folgern, dass diese Mehrheit alle dieselben Interesen hat.

    „Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig“

    Das halte ich für eine gewagte These. Ist doch das erkannte „Grundpoblem“ aus faschistischer Sicht oft „Die Juden sind schuld“ bzw. „Die Demokratie ist schuld“. Ich kann und will nicht annehmen, dass Sie diese Vorstellung teilen, insofern würde ich vorschlagen, dass Sie diese Äußerung überdenken.

  10. „Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden.“ Welche andere Regierungsform ist den sonst darauf ausgelegt, die Interessen der „Massen“ zu verfolgen? Die kapitalistische Klasse – der Kioskbetreiber gegenüber, bspw. – sind heutzutage ja nicht nur die Konzernbesitzer, sondern „wir“, wohingegen das „klassische Proletariat“ – wenn man das so nennen will – die Leute sind, die in Bangladesh unsere Klamotten nähen.

    „Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig“ Stimmt ja, Faschisten stellen Angehörige des „Großkapitals“ nicht an die Wand, sondern diese dürfen ihre Fabriken behalten, wenn sie schön weiter Waffen, Bomben und Volksempfänger bauen. Zu Preisen, die die Faschisten diktieren, weshalb das ja „faschistische Diktatur“ und nicht „faschistische Marktwirtschaft“ heißt. Welches Problem nochmal?

    „Frage nicht was der Staat für dich tun kann, sondern frage, was du für den Staat tun kannst.“
    Eigentlich ein ziemlich schlimmer Satz. Ich unterstelle Kennedy mal nicht, dass er damit „in einem Schützengraben verbluten“ meinte, aber ich wüsste eine Menge Staatsmänner, die genau DAS damit meinen würden, und die meisten von ihnen lebten im selben Jahrhunder wie Kennedy, von daher: ein sehr schlimmer Satz.

  11. Sagen Sie, Kakapo, wer erkennt denn, was „die Massen“ wollen? Bräuchte es dafür eine Gruppe von wohlmeinenden Mächtigen, die die Wünsche der Massen lesen können und wissen, was gut für sie ist? Also quasi sehen, wenn sie „das Grundproblem richtig“ treffen und bloß „die falschen Schlüsse“ daraus ziehen wollen? Damit sie dann (wohlmeinend, natürlich) in die richtige Richtung gelenkt werden können? Schwebt Ihnen sowas vor? Denn was so viel besser wäre als eine repräsentative Demokratie, haben Sie ja noch nicht verraten.

  12. Nun ja. Der Kakapo hat schon nicht unrecht. Die Demokratie macht es Faschisten leichter. Schließlich müssen sie nicht das Militär auf ihre Seite bringen, um sich an die Macht zu putschen.

    Das Problem ist nur: Welche Alternative gibt es? In autokratischen Systemen ist man ja in der Regel schon auf Meereshöhe einen Schritt weiter als in der Demokratie.

    Ansonsten vermute ich mal, der Kollege würde eine direkte Demokratie bevorzugen. Das wird ja immer mal gern so daher gesagt. Das Problem ist nur, der so genannte Volkswille ist eben in der eigenen Vorstellung nicht unbedingt deckungsgleich mit der Realität.

  13. Woran erkennt man, dass die repräsentative Demokratie nicht die Interessen der Masse der Bevölkerung vertritt? Na an der Unzufriedenheit von großen Teilen der Bevölkerung, da gibt es deutliche Anzeichen in allen sog. demokratischen Staaten.
    Die Demokratie ist doch das beste aller Systeme! Auch das beste aller Systeme kann verbessert werden.
    Was ist denn das Grundproblem in unserer Gesellschaft?
    Demokratie und die gesamte bürgerliche Gesellschaft geht von den Ideal / der Prämisse aus, dass alle Angehörigen die gleichen Möglichkeiten, Rechte und Lebensumstände haben. Dies ist nicht in der Realität abgebildet. Wir leben in Ungleichheit. Macht, Einfluss, Gestaltungsmöglichkeit und auch Reichtum sind weder gerecht, noch gleichmäßig verteilt. Als Folge dieser Ungleichheit gibt es Profiteure und Herabgesetzte. Dies wiederum führt zur Ausbeutung, Leiden, Wut usw.
    Dies gilt lokal, national und global gleichermaßen.
    Diese real-existierende Ungleichheit fällt um so mehr auf, wenn sie sich wie in den letzten Jahrzehnten verschärft.

  14. „Demokratie und die gesamte bürgerliche Gesellschaft geht von den Ideal / der Prämisse aus…“
    Nein. Demokratie heißt, dass alle dieselben Rechte haben.
    Wenn eine Gruppe oder eine Person bestimmte Rechte nicht oder nur schwer wahrnehmen kann, hat sie verschiedene Möglichkeiten, das wahrzunehmen – politisch auf eine Gesetzesänderung hinwirken, juristisch ein Recht einklagen – so dass die Demokratie eben nicht davon ausgeht, dass Einfluss, Reichtum etc. gleichmäßig und/oder gerecht verteilt ist, sondern, dass man den Menschen erlaubt, diese Verteilung herzustellen.
    Irgendwer ist immer unzufrieden.

  15. @16, Kakapo: Das war nicht meine Frage. Nicht „woran erkennt man die Unzufriedenheit“ (die Darstellung, dass Ungleichheit in vielen Bereichen herrscht, teile ich durchaus). Sondern „wer erkennt das“ und „welche Schlüsse für ein anderes System als eine repräsentative Demokratie ziehen Sie daraus“ war(en) die Frage(n).
    Die beantworten Sie leider nicht. Ungleichheit festzustellen ist ja das eine, es dann aber beim Nörgeln zu belassen bzw. jene herabzusetzen, die sich dagegen im System engagieren wollen (siehe Ihre Kommentare zu den Möglichkeiten Einzelner und dem Engagement in Parteien) ist aber nun auch nicht sonderlich überzeugend.
    Also, Butter bei die Fische: Was ist die Alternative?

  16. @18 Mycroft
    „Wenn eine Gruppe oder eine Person bestimmte Rechte nicht oder nur schwer wahrnehmen kann, hat sie verschiedene Möglichkeiten, das wahrzunehmen – politisch auf eine Gesetzesänderung hinwirken, juristisch ein Recht einklagen – so dass die Demokratie eben nicht davon ausgeht, dass Einfluss, Reichtum etc. gleichmäßig und/oder gerecht verteilt ist, sondern, dass man den Menschen erlaubt, diese Verteilung herzustellen.“
    Das scheint mir doch recht verklärtes Wunschdenken zu sein. Die letzten 50 Jahre habe ich ausschließlich in repräsentativen Demokratien gelebt und in der gesamten Zeit ist die Ungerechtigkeit der Verteilung stetig gestiegen. Oder um beim globalen Beispiel zu bleiben: Was genau muss ein Slumkind aus Port-au-Prince tun, um die repräsentativen Demokratien der USA oder Westeuropa dazu zu bringen, für mehr Verteilungsgerechtigkeit zu sorgen?

    @19 Mr Re
    Natürlich kann man überhaupt nichts machen. Alles gut.

  17. Ich vermisse weiterhin den Gegenvorschlag zur repräsentativen Demokratie (in der das Slumkind in Part-au-Prince eher nicht lebt). Ich vermisse auch den Ansatz, der erklärt, dass die rep. Demokratie ursächlich ist für die Probleme. Elend gab es auch vorher schon, und mir riecht das nach einer klassischen Verwechslung von Korrelation und Kausalität.

    Mehr noch aber habe ich das Gefühl, dass hier nur etwas impliziert werden soll, das letztlich auf die Leviathan-Theorie (um es höflich zu sagen) bzw. den Führer-Staat (um es schmutzig zu sagen) hinausläuft: Diskreditierung demokratischer Prozesse zugunsten einer Idee, die das Elend aller verschärft.

  18. „Die letzten 50 Jahre habe ich ausschließlich in repräsentativen Demokratien gelebt und in der gesamten Zeit ist die Ungerechtigkeit der Verteilung stetig gestiegen.“
    Ja? Also bis vor rund dreißig Jahren war das Gefälle sowohl in Hinblick auf Zugang zu Ressourcen als auch auf Teilhabe an Macht und politischen Entscheidungen und zwischen West- und Ostdeutschland noch deutlich größer als heute. Dann bekamen die Ostdeutschen Demokratie, und gleichzeitig wurden beide Gefälle _deutlich_ kleiner. Zufall?
    (Ich möchte betonen, dass das Einkommens-Gefälle immer noch vorhanden ist, dass also Demokratie kein magisches Allzweckwundermittel ist, aber das behaupten auch die allerwenigsten. Von daher: Keks.)

  19. Wie bekommt man nur die Erkenntnis des Artikels in die Köpfe der Macher? Lesen die Übermedien, muss man ihnen das per Papierpost zuschicken mit einem Gutschein von Starbucks für einen Becher Kaffee mit Muffin, damit sie sich 5 Minuten Zeit für Selbstreflexion nehmen? Sie raffen es nicht, wollen es nicht raffen oder opfern die Erkenntnis der Auflage – weil sie dem Leser unterstellen, er erwarte das von seiner Hauspostille, die er seit 40 Jahren liest. Ich gehe davon aus, dass sind die mehr oder weniger altbekannten Kerle. Und sie sind nicht mehr in der Lage mit jounalistischer Phantasie und Biss diesem deutschen Phänomen von „25% Volk“ neu zu begegnen. Schade – sehr schade, denn es fehlt an pfiffigen neuen Konzepten.

  20. Vielleicht probieren wir es mal mit dem Ausschlussprinzip? Kakapo, kreuzen Sie an ja/nein/vielleicht:
    Meritokratie, Räterepublik, Anarchokommunismus, Theokratie, radikale Basisdemokratie, maoistisches Modell, Faschismus, Protokommunismus, …?
    Und im zweiten Schritt würde ich mich über eine Begründung der Auswahl freuen. Damit man tatsächlich darüber diskutieren kann.

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