Sein Cover

Immer wieder ist von einem „Dammbruch“ die Rede. Oder von einer „Brandmauer“, die vom Einsturz bedroht sei und die man jetzt schnell rhetorisch wieder verstärken möchte. Nach den Ereignissen im politischen Epizentrum Erfurt bemühen viele Kommentatoren und Politiker das Bild einer physisch-festen Barriere in der demokratischen Landschaft, einen gewissenhaft errichteten Wall der Unmöglichkeit, der offenbar gerade durch eine höhere, angeblich unvorhersehbare Naturgewalt eingerissen wurde.

Der mutmaßlich unvorstellbare demokratische „Dammbruch“ lässt Liberale wie Konservative laut eigener Aussagen „überrascht“ zurück, und ein frisch gewählter Ministerpräsident ist vermeintlich wie kein Ministerpräsident zuvor von seiner Wahl „übermannt“. Schnell müssen die Machtverhältnisse wieder hergestellt werden und Bundesvorsitzende aus Berlin in das Bundesland eilen, um diese Übermannung zu heilen.

Metaphern und Bilder sollen die Überraschung über das Unmögliche glaubhaft erscheinen lassen.

Während man noch versuchte, zwischen Empörung, Entsetzen, Enttäuschung und Wut als adäquate Reaktion zu wählen, sprach Kanzlerin Merkel eines ihrer alternativlosen Ein-Wort-Prädikate: die Entscheidung Kemmerichs ist „unverzeihlich“. Exakt. Erst vorletzte Woche jährte sich die Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau zum 75. Mal. Erst vor wenigen Tagen affirmierten viele PolitikerInnen die gesellschaftliche Pflicht und Verantwortung eines „Nie wieder!“. Viele Menschen und Medien erinnerten sich gegenseitig mit der notwendigen Dringlichkeit an diese demokratische Aufgabe.

Der Auftritt des Komikers

Nach all den Bekundungen und Lippenbekenntnissen war es dann überraschenderweise ein Komiker, der zwischen all den parteipolitischen Erklärungsversuchen und erzählerischen Hindrehungen für einen emotionalen wie empathischen Fernsehmoment sorgte. Nachdem Atze Schröder zu Gast bei …

18 Kommentare

  1. Jede Thüringer Bratwurst wäre auf dem Spiegel-Titel besser aufgehoben gewesen als diese schwammige Nazi-Fresse. Das Cover war zum Speien. Höckes Fanboys haben das Blatt bestimmt schon im Spind hängen und holen sich alle 18 Minuten einen drauf runter.

  2. @3

    Sie haben die 18/AH Anspielung nicht verstanden. Ludolf Ladig lässt sich leider nicht so dufte abkürzen, oder man müßte sagen, es klappt nur alle 1212 Minuten. Das wäre alle 7,2 Wochen…hmmm könnte stimmen.

  3. Pardon, Sie meinen sicherlich alle 88 Minuten.

    Genug der Frotzelei, was verspricht sich der Spiegel davon? Einen späteren Posten im neogermanischen Informationsministerium?
    Oder verkauft sich der Schattenschnitt eines Faschisten echt so gut, dass man darauf finanziell nicht verzichten kann (möchte)?
    Generell stelle ich mir bei aktuellen Publikationen viele Fragen in Richtung: Politisch oder finanziell motiviert? Ideologie oder Opportunismus?
    Und vor Allem: Wie steht man zu „0,5% mehr Roherlös“ heute, wenn man morgen keine Arbeit mehr hat, weil es keine freie Presse mehr gibt?
    (Ja, negative Szenarien hört man nicht gerne, aber die Abschaffung einer freien Presse gehört in einem autoritären, faschistischen Staat nunmal dazu.)

    Allen „Politikverdrossenen“ möchte ich entgegenschreien:
    Eure Verdrossenheit ist kalkuliert. Euer Desinteresse ist gewollt. Eure Bitterkeit und Sarkasmus, gewollt. Enttäuscht sein von „der Politik“ ist gewollt. Politikern nicht mehr zu trauen ist gewollt. Zweifel am demokratischen Prozess sind mehr als gewollt.
    Nicht alles, was sich „Alternative“ nennt, ist auch eine.

  4. Ja, catch-22: entweder spielt man denen in die Hände, indem man Höcke als Vorlage inszeniert, oder, indem man ihn nicht inszeniert, und er opfert wieder herum.
    Ob irgendwer AfD wählt, der bis dato gegen die AfD war, weil der jetzt auf dem Cover ist, mag ja sein, aber die meisten Menschen sind vllt. ein bisschen stabiler in ihrer Meinungsbildung. Oder Demokratie ist eh‘ wischiwaschi, dann ist es egal.
    Das ist für mich das Problem mit der Dammbruch- oder Brandwand-Metaphorik. Das jeweilige Schutzbauwerk soll im richtigen Leben vor einem Hochwasser oder einem Feuer – jeweils hirnlose Bedrohungen – schützen, in der Metapher sind das aber AfD-Wähler(m/w/d), die „eingedämmt“ werden sollen. Wenn jetzt wer sagt: „Mit Rechten kann man eh‘ nicht reden, das ist wie bei Großfeuern und Hochwassern.“ naja, heißt im Umkehrschluss, man will nicht AfD-Wähler überzeugen, wen anderes zu wählen, sondern nur verhindern, dass es mehr werden. Bisschen dünn.

  5. @Anderer Max
    „Allen „Politikverdrossenen“ möchte ich entgegenschreien:
    Eure Verdrossenheit ist kalkuliert. Euer Desinteresse ist gewollt. Eure Bitterkeit und Sarkasmus, gewollt. Enttäuscht sein von „der Politik“ ist gewollt. Politikern nicht mehr zu trauen ist gewollt. Zweifel am demokratischen Prozess sind mehr als gewollt.
    Nicht alles, was sich „Alternative“ nennt, ist auch eine.“
    Und wie soll man sich verhalten? Wieder in die Obrigkeitsgläubigkeit fallen, die da oben werden das schon regeln! Politiker sind fähige Leute, die zum Wohl des Volkes arbeiten? Zufriedensein mit dem, was in unseren Lande funktioniert? Oder wenn einem das nicht passt, soll man sich doch selbst in einer Partei engagieren (die SPD sucht händeringend Mitglieder!)
    Dass in der repräsentativen Demokratie praktisch ständig der Faschismus vor der Tür steht, liegt vielleicht nicht nur am Faschismus oder an der Tür sondern möglicherweise an der repräsentativen Demokratie im Kapitalismus selbst.

  6. Sehe ich das richtig: die Demokratie ist für Sie schuld am Faschismus?

    Und ja, man kann sich demokratisch engagieren, ohne faschistisch zu werden. Engagement hat mit Obrigkeitshörigkeit nichts zu tun, auch wenn niedliche Rechtspopulisten das ganz gerne behaupten und vermengen.

  7. @9 „Wie soll man sich verhalten?“
    Ja eben! Was weiß ich denn? Aber mit der Frage geht es los.
    Vielleicht fängt man mal mit einem Perspektivwechsel an: „Was kann ich tun, um die Situation zu verbessern?“ statt „Wie nörgel ich möglichst effektiv herum, damit sich die Situation verbessert.“
    Klar, wenn ich in meine Lokal-SPD eintrete werde ich nicht direkt die Bundespolitik mitbestimmen… Aber von nix kommt nix, irgendwo muss man anfangen?!

    Die anderen Rückfragen möchte ich nicht beantworten. Ich als Privatmann möchte nicht, dass irgendwer „Obrigkeitshörig“ wird. Im Gegenteil.
    Die einfachen Lösungen der AfD zu glauben ist m. E. ebenso „Obrigkeitshörig“, wie der Regierung unhinterfragt zu glauben.
    Es ändert sich nur die Obrigkeit.

    Selber Denken geht anders.

  8. @10
    Zunächst einmal ich schrieb von der repräsentativen Demokratie und ja diese hat sich in vielen historischen Beispielen als äußerst schwach bei der Verhinderung von faschistischen Machtübernahmen erwiesen. Häufig auch deshalb, weil das Parament, der gewählte Kanzler eben nicht die Interessen von großen Teilen der Bevölkerung verfolgt haben. Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden. Es gab und gibt viele, die sagen, dass eine repräsentative Demokratie bei kapitalistischer Wirtschaftsweise nicht funktionieren kann (Trotzki und Mausfeld zum Beispiel) da in dem Moment, in dem die Interessen des Massen verfolgt werden, die Vormachtstellung der kapitalistischen Klasse nicht mehr gewährleistet werden kann. Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig, die Lösungen sind aber fatal falsch (Minderheitenbashing, Obrigkeitsstaat)

    @12
    Das klingt mir alles zu sehr nach Eigenverantwortung: „Frage nicht was der Staat für dich tun kann, sondern frage, was du für den Staat tun kannst.“ Schon Kennedy gaukelte damit Handlungsmöglichkeiten zu Veränderungen vor, die der Einzelne in unserer Gesellschaft nicht hat.

    @Beide
    Aus meiner Erfahrung führt nichts so sehr zur Politikverdrossenheit wie Arbeit in einem Ortverein einer Partei. Es geht so gut wie nie um Inhalte, sondern darum Abstimmungen und Wahlen zu gewinnen, Konkurrenten auszubooten und gut in der Presse dazustehen. Und je höher man kommt desto schlimmer wird es.

  9. „Zunächst einmal ich schrieb von der repräsentativen Demokratie und ja diese hat sich in vielen historischen Beispielen als äußerst schwach bei der Verhinderung von faschistischen Machtübernahmen erwiesen. “

    In wievielen denn? Und natürlich müssen wir die Gegenfrage stellen: Wie oft hat eine repräsentative Demokratie NICHT in den Faschismus geführt? Gab es evtl. andere Faktoren, die den Aufstieg des Faschismus begünstigten? Spoiler: ja.]

    Mir kommt das doch sehr kurz gedacht vor, Repräsentative Demokratie -> Faschismus.

    „Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden. “

    Das hieße im Umkehrschluß, daß repräsentative Demokratie die Rechte der Minderheiten verteidigt. Finden Sie das so schlecht? Ich persönlich würde nicht in einer Diktatur der Mehrheit leben wollen, mir ist eine Demokratie, die auf Konses ausgerichtet ist und auch Minderheiten berücksichtigt, eigentlich lieber.

    Die Idee, dass es DIE Interessen DER Massen geben soll, finde ich persönlich aber grundsätzlich naiv bzw. massiv unterkomplex: die Zahl der Interessen ist immer größer als die Zahl der Akteure, da jeder Akteur mehrere Interessen verfolgt. Richtig ist, dass einige Akteure Interessen verfolgen, die den Interessen einer Mehrheit anderer Akteure zuwiderlaufen. Daraus kann man aber nicht im Umkehrschluß folgern, dass diese Mehrheit alle dieselben Interesen hat.

    „Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig“

    Das halte ich für eine gewagte These. Ist doch das erkannte „Grundpoblem“ aus faschistischer Sicht oft „Die Juden sind schuld“ bzw. „Die Demokratie ist schuld“. Ich kann und will nicht annehmen, dass Sie diese Vorstellung teilen, insofern würde ich vorschlagen, dass Sie diese Äußerung überdenken.

  10. „Das Problem der repräsentativen Demokratie fängt dort, wo nicht die Interesse der Massen verfolgt werden.“ Welche andere Regierungsform ist den sonst darauf ausgelegt, die Interessen der „Massen“ zu verfolgen? Die kapitalistische Klasse – der Kioskbetreiber gegenüber, bspw. – sind heutzutage ja nicht nur die Konzernbesitzer, sondern „wir“, wohingegen das „klassische Proletariat“ – wenn man das so nennen will – die Leute sind, die in Bangladesh unsere Klamotten nähen.

    „Faschisten erkennen das Grundproblem oft richtig“ Stimmt ja, Faschisten stellen Angehörige des „Großkapitals“ nicht an die Wand, sondern diese dürfen ihre Fabriken behalten, wenn sie schön weiter Waffen, Bomben und Volksempfänger bauen. Zu Preisen, die die Faschisten diktieren, weshalb das ja „faschistische Diktatur“ und nicht „faschistische Marktwirtschaft“ heißt. Welches Problem nochmal?

    „Frage nicht was der Staat für dich tun kann, sondern frage, was du für den Staat tun kannst.“
    Eigentlich ein ziemlich schlimmer Satz. Ich unterstelle Kennedy mal nicht, dass er damit „in einem Schützengraben verbluten“ meinte, aber ich wüsste eine Menge Staatsmänner, die genau DAS damit meinen würden, und die meisten von ihnen lebten im selben Jahrhunder wie Kennedy, von daher: ein sehr schlimmer Satz.

  11. Sagen Sie, Kakapo, wer erkennt denn, was „die Massen“ wollen? Bräuchte es dafür eine Gruppe von wohlmeinenden Mächtigen, die die Wünsche der Massen lesen können und wissen, was gut für sie ist? Also quasi sehen, wenn sie „das Grundproblem richtig“ treffen und bloß „die falschen Schlüsse“ daraus ziehen wollen? Damit sie dann (wohlmeinend, natürlich) in die richtige Richtung gelenkt werden können? Schwebt Ihnen sowas vor? Denn was so viel besser wäre als eine repräsentative Demokratie, haben Sie ja noch nicht verraten.

  12. Woran erkennt man, dass die repräsentative Demokratie nicht die Interessen der Masse der Bevölkerung vertritt? Na an der Unzufriedenheit von großen Teilen der Bevölkerung, da gibt es deutliche Anzeichen in allen sog. demokratischen Staaten.
    Die Demokratie ist doch das beste aller Systeme! Auch das beste aller Systeme kann verbessert werden.
    Was ist denn das Grundproblem in unserer Gesellschaft?
    Demokratie und die gesamte bürgerliche Gesellschaft geht von den Ideal / der Prämisse aus, dass alle Angehörigen die gleichen Möglichkeiten, Rechte und Lebensumstände haben. Dies ist nicht in der Realität abgebildet. Wir leben in Ungleichheit. Macht, Einfluss, Gestaltungsmöglichkeit und auch Reichtum sind weder gerecht, noch gleichmäßig verteilt. Als Folge dieser Ungleichheit gibt es Profiteure und Herabgesetzte. Dies wiederum führt zur Ausbeutung, Leiden, Wut usw.
    Dies gilt lokal, national und global gleichermaßen.
    Diese real-existierende Ungleichheit fällt um so mehr auf, wenn sie sich wie in den letzten Jahrzehnten verschärft.

  13. „Demokratie und die gesamte bürgerliche Gesellschaft geht von den Ideal / der Prämisse aus…“
    Nein. Demokratie heißt, dass alle dieselben Rechte haben.
    Wenn eine Gruppe oder eine Person bestimmte Rechte nicht oder nur schwer wahrnehmen kann, hat sie verschiedene Möglichkeiten, das wahrzunehmen – politisch auf eine Gesetzesänderung hinwirken, juristisch ein Recht einklagen – so dass die Demokratie eben nicht davon ausgeht, dass Einfluss, Reichtum etc. gleichmäßig und/oder gerecht verteilt ist, sondern, dass man den Menschen erlaubt, diese Verteilung herzustellen.
    Irgendwer ist immer unzufrieden.

  14. @16, Kakapo: Das war nicht meine Frage. Nicht „woran erkennt man die Unzufriedenheit“ (die Darstellung, dass Ungleichheit in vielen Bereichen herrscht, teile ich durchaus). Sondern „wer erkennt das“ und „welche Schlüsse für ein anderes System als eine repräsentative Demokratie ziehen Sie daraus“ war(en) die Frage(n).
    Die beantworten Sie leider nicht. Ungleichheit festzustellen ist ja das eine, es dann aber beim Nörgeln zu belassen bzw. jene herabzusetzen, die sich dagegen im System engagieren wollen (siehe Ihre Kommentare zu den Möglichkeiten Einzelner und dem Engagement in Parteien) ist aber nun auch nicht sonderlich überzeugend.
    Also, Butter bei die Fische: Was ist die Alternative?

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.