„Hallo, Doktor!“ Schleichwerbung ist die beste Medizin

Vor über zehn Jahren, als die Funke-Mediengruppe noch WAZ-Mediengruppe hieß, bekam ihre Zeitschrift „Gong“ eine öffentliche Rüge vom Deutschen Presserat. Der Grund: Schleichwerbung.

Sie hatte in acht Beiträgen über diverse medizinische Themen berichtet und dabei jeweils ein bestimmtes Präparat genannt. Diese Produktnennungen beurteilte der Beschwerdeausschuss als Schleichwerbung, da die Präparate keine Alleinstellungsmerkmale aufwiesen, die ihre Hervorhebung rechtfertigen würden.

Im vergangenen Jahr, ziemlich genau ein Jahrzehnt später, bekam „Gong“ wieder eine öffentliche Rüge. Der Grund: Schleichwerbung.

GONG hatte einen Beitrag unter der Überschrift „Hallo Doktor! Gibt es gegen Erkältungen auch sanfte Mittel?“ veröffentlicht. In dem Artikel antwortete ein Heilpraktiker auf die Frage einer Leserin, ob bei Erkältungen auch homöopathische Arzneimittel helfen können. Er bejahte dies und wies auf die Wirksamkeit von Medikamenten aus Naturstoffen hin. Im Text wird nur ein einziges Präparat genannt und mehrfach ein Marketing-Begriff benutzt, der nur diesem Präparat zuzuordnen ist. Nach Ansicht des Presserates überschreitet dies die Grenze zur Schleichwerbung.

Vor wenigen Monaten wurde die gleiche Rubrik in einer anderen Zeitschrift des Verlags gerügt. Der Grund: Sie ahnen es. Diesmal ging es um drei Medizin-Beiträge in der „Hörzu“.

Und weil das nicht mehr nach unglücklichen Einzelfällen klingt, sondern nach einem System, haben wir uns die Sache mal genauer angeschaut.


„Hallo, Doktor!“, heißt die mehrfach gerügte Rubrik. Sie erscheint regelmäßig sowohl in der TV-Zeitschrift „Gong“ als auch in der „Hörzu“ (der, wie der Verlag stolz bekundet, mit fast vier Millionen Lesern „größten wöchentlichen Programmzeitschrift Europas“). Darin beraten wechselnde Fachärzte die Leser zu „häufigen Beschwerden und dringlichen Fragen“:

Ausriss der Rubrik "Hallo, Doktor!" Schlagzeile: "Was hilft bei einer Sommererkältung?" dazu ein Foto von Prof. Peter W. Gündling, Allgemeinmediziner aus Bad Camberg

„Was hilft bei einer Sommererkältung?“ zum Beispiel. Allgemeinmediziner Prof. Peter W. Gündling antwortet:

„Erfolgreich hemmen lässt sich die Vermehrung der Erkältungsviren mithilfe eines Pflanzenwirkstoffs aus der Kapland-Pelargonie“, sagt der Mediziner. Studien bestätigen die Wirksamkeit des Antiinfektivums (z.B. „Umckaloabo“, rezeptfrei, Apotheke), das auch die Immunabwehr stimuliert und schleimlösend wirkt.

Zum Beispiel „Umckaloabo“. Es ist das einzige Medikament, das im gesamten Text genannt wird.

Eine Analyse aller „Hörzu“-Ausgaben der vergangenen zwei Jahre zeigt, dass diese Rubrik jede Woche so funktioniert: Es wird eine Frage gestellt, ein Doktor gibt eine Antwort, und fast immer führt die zu genau einem Medikament, das man rezeptfrei in der Apotheke bekommt, das als „Beispiel“ erwähnt wird.

„Was hilft bei heftigem Durchfall?“

Schon bei den ersten Anzeichen sollte man mit der Einnahme einer speziellen Arzneihefe (z.B. „Perenterol forte“, rezeptfrei, Apotheke) beginnen.

„Was hilft bei Arthrose?“

Spezielle Trinkampullen enthalten eine ganz besondere Kombination aus bioaktiven Kollagen-Peptiden, Vitamin C sowie natürlichem Hagebuttenextrakt (z.B. „CH-Alpha Plus“, rezeptfrei, Apotheke).

„Was hilft bei Sonnenbrand?“

Als besonders wirksam zur Behandlung von schmerzhaftem Sonnenbrand erwiesen sich speziell entwickelte Cremogelpräparate mit dem entzündungshemmenden körpereigenen Wirkstoff Hydrocortison (z.B. „Soventol Hydrocortisonacetat 0,5%“, rezeptfrei, Apotheke).


Oft gibt es dabei auch Tricks wie diesen:

Ausriss: "(...) Dennoch ist es wichtig, neben den Symptomen auch die Ursache zu behandeln. 'Bewährt hat sich dabei der Pflanzenextrakt EPs 7630 aus der Kapland-Pelargonie', so die Allgemeinmedizinerin. 'Der Extrakt unterstützt das Immunsystem und löst den Schleim und hemmt sogar die Vermehrung der Erkältungsviren." Studien bestätigen die Wirksamkeit des Antiinfektivums (z.B. 'Umckaloabo', rezeptfrei, Apotheke) und zeigten außerdem, dass sich damit die Bronchitissymptome besserten (...)"

Dieser Pflanzenextrakt, der „z.B.“ in Umckaloabo ist, ist nur in Umckaloabo. Denn „EPs 7630“ ist ein Trademark der Firma Schwabe, die Umckaloabo vertreibt.

Oder hier, zum Thema Reizdarm:

Ausriss: "'Besonders bewährt sich hierzu ein probiotischer Bakterienstamm mit dem komplizierten Namen Bifidobacterium infantis 35624. Der wird aufgrund der sehr guten klinischen Datenlage sogar von der Welt-Gastroenterologen-Organisation (WGO) offiziell als am besten wirksam gegen Reizdarm empfohlen', berichtet Dr. Grebe."

Diesen Bakterienstamm gibt es europaweit nur in einem einzigen Medikament – das natürlich ein paar Sätze später als „Beispiel“ empfohlen wird.


Auffällig ist, dass einige Ärzte nur Medikamente von bestimmten Herstellern empfehlen. Dr. Wolfgang Grebe zum Beispiel ist bislang sieben Mal in der Rubrik „Hallo, Doktor!“ erschienen. Beim ersten Mal wurde er gefragt: „Muss ich bei Blasenentzündung immer Antibiotika nehmen?“

Ausriss: "Muss ich bei Blasenentzündung immer Antibiotika nehmen?"

Seine Antwort: Nein, man könne auch etwas Pflanzliches nehmen. Zum Beispiel: „Aqualibra“ – ein Mittel der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Einige Ausgaben später wurde Dr. Grebe gefragt: „Wie kann ich mich vor einer Erkältung schützen?“ Seine Empfehlung: „Meditonsin“ – ein homöopathisches Mittel der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Noch ein paar Ausgaben später, Frage an Dr. Grebe: „Wie kann ich Halsschmerzen schnell lindern?“ Seine Empfehlung: „Dorithricin Halstabletten“ – hergestellt von: der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Einige Ausgaben später: „Was hilft jetzt bei Infekten?“ Empfehlung, erneut: „Meditonsin“ von der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Einige Ausgaben später: „Was hilft bei Völlegefühl und Bauchschmerzen?“ Empfehlung: „Alflorex“ – hergestellt von: der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Einige Ausgaben später: „Wie kann ich eine Erkältung vermeiden?“ Empfehlung: „Meditonsin“ von der MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Einige Ausgaben später: „Was hilft bei Halsschmerzen?“ Empfehlung: „Dorithricin Halstabletten“. Hersteller? MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH.

Auf unsere Fragen, warum das so ist, und wie diese Beiträge zustande gekommen sind, sagt Dr. Grebe, dass er in den letzten Jahren in verschiedenen Beiträgen und Pressegesprächen auch Präparate anderer Hersteller empfohlen habe. Wie die „Hörzu“-Beiträge entstanden sind und warum darin ausschließlich MEDICE-Produkte empfohlen werden, kann oder will er auch auf mehrfache Nachfrage nicht beantworten.


Von der Werbung mal abgesehen – wie sind die Beiträge aus wissenschaftlicher, aus medizinischer Sicht zu bewerten? Sind die Studien, die dort zitiert werden und bestimmten Medikamenten wahre Wunderkräfte bescheinigen, eigentlich seriös? Wir schicken einige der Artikel an Dr. Klaus Koch vom Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, Chefredakteur des Portals Gesundheitsinformation.de.

Beim Lesen wird er stutzig. In einem Beitrag von Dr. Grebe („Muss ich bei Blasenentzündung immer Antibiotika nehmen?“) wird eine Studie erwähnt, die gezeigt habe, dass 89 Prozent aller Patienten, die mit dem pflanzlichen Medikament „Aqualibra“ (von, klar: MEDICE) behandelt wurden, nach sieben Tagen vollständig oder fast beschwerdefrei gewesen seien. Das sei das erste Mal, dass er von einer solchen Erfolgsrate höre, sagt Klaus Koch. Bei Antibiotika gebe es in der Regel eine Erfolgsquote von etwa 60 Prozent – dass hier fast 90 Prozent erreicht würden, sei kaum zu glauben. Näheres könne er aber erst sagen, wenn er die Studie vorliegen habe.

Doch an diese heranzukommen, ist gar nicht so einfach. In öffentlichen Datenbanken finden wir nichts dazu, auch Fachdatenbanken geben nichts her. Als wir bei Dr. Grebe, in dessen Beitrag die Studie erwähnt wird, nachfragen, verweist er zunächst auf eine Webseite, auf der diverse Präsentationen von Pressekonferenzen eines naturmedizinischen Vereins verlinkt sind. Auf Nachfrage, wo genau dort die Studie zu finden sei, antwortet er, wir sollen doch am besten beim Hersteller MEDICE selbst nachfragen.

Der kann uns die „Studie“ schließlich schicken: Einen Artikel in der (inzwischen eingestellten) Zeitschrift „Der Kassenarzt“ von 1998. Nach Begutachtung schreibt uns Klaus Koch:

Es handelt sich um eine 22 Jahre alte Datensammlung. Es ist keine Vergleichsgruppe beschrieben und unklar, wie die Daten erfasst wurden und welche weiteren Behandlungen die Teilnehmerinnen erhalten haben. Das Papier taugt deshalb nicht als Beleg dafür, dass eine pflanzliche Alternative „ebenso effektiv und deutlich besser verträglich“ sei als Antibiotika. Wenn die Wirkung echt wäre, hätte es in den letzten 20 Jahren genügend Zeit gegeben, das verlässlich zu beweisen.


Seit Beginn der Rubrik „Hallo, Doktor!“ vor zwei Jahren wurden in „Hörzu“ über 140 Mal Medikamente empfohlen. 65 Ärztinnen und Ärzte waren daran beteiligt.

Die am häufigsten empfohlenen Mittel:

Präparat Erwähnungen
Umckaloabo 6
Aqualibra 5
Crataegutt novo 450 mg / WS 1442 5
Meditonsin 5
Elasten 4
Lasea 4
MPH (Methylphenidat; nicht rezeptfrei) 4
Rheumagil 4
Soventol Hydrocortisonacetat 0,5% 4
Carmenthin 3
Femiloges 3
Gelomyrtol forte 3
Medivitan iV 3
Melatonin Retardtabletten (nicht rezeptfrei) 3
Milbopax 3
Perenterol forte 3
Prostagutt forte 3
Tebonin 120 mg bei Ohrgeräuschen 3

Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Rubrik gibt es ja nicht nur in der „Hörzu“, sondern auch in der „Gong“. Und in „Echo der Frau“, einer anderen Funke-Zeitschrift. Auch dort werden Woche für Woche Medikamente empfohlen:

Ausriss aus "Echo der Frau": "Warum bin ich so schnell aus der Puste?" Im Text dann der Rat des Arztes: "'Bewährt hat sich hier der standardisierte Spezialextrakt WS 1442 aus dem Weißdorn.' Dieser unterstützt die Pumpkraft des Herzens und hält das Gefäßsystem elastisch (z.B. Crataegutt novo 450 mg, rezeptfrei, Apotheke)""

(Auch dieser Spezialextrakt, der „z.B.“ in diesem Medikament steckt, steckt nur in diesem Medikament.)


Und auch das ist nur ein winziger Teil. So gibt es in der „Hörzu“ zum Beispiel noch die Rubrik „Neu in der Apotheke“. Auch hier werden jede Woche Medikamente als „Beispiel“ genannt:

Ausriss: "Neu in der Apotheke" - unter der Überschrift "Abnehmen ohne Hungern" wird ein "pflanzlicher Ballaststoffkomplex" emfohlen, "z.B. Refigura, rezeptfrei, Apotheke", unter "Schluss mit Halsschmerzen" werden "z. B. Dorithricin Halstabletten" empfohlen, unter "Gesünder ernähren" ein Saftkonzentrat, "z.B. LaVita"

„Neu in der Apotheke“ ist übrigens keines dieser Mittel: Refigura ist seit zwei Jahren zugelassen, LaVita gibt es seit fast 20 Jahren, Dorithricin seit 65 Jahren.

In der „Frau Aktuell“ (ebenfalls Funke) gibt es die Rubrik „Neues aus Medizin und Forschung“, auch hier das gleiche Spiel:

Ausriss: "Neues aus Medizin & Forschung" - unter "Selbstheilungskräfte sanft anregen" wird "z.B. Meditonsin, rezeptfrei, Apotheke" empfohlen, unter "Sonne im Frühsommer besonders gefährlich" "z.B. Celyoung Anti Rot Fluid, rezeptfrei, Apotheke)"

In „Die Aktuelle“ (auch Funke) genauso:

Ausriss: "Herr Doktor, was kann das sein?" - Unter "Wieso zieht sich meine Erkältung so lange hin" wird "z.B. Meditonsin, rezeptfrei, Apotheke" empfohlen, unter "Blasenentzündung" "z.B. Femalac, rezeptfrei, Apotheke"

Oder in der „Frau von heute“ (auch Funke):

Ausriss: "Gelenkschmerzen sanft besiegen" - empfohlen wir "z.B. Gelencium, rezeptfrei, Apotheke", daneben "Eine Frage an ... Prof. Frank Schmäl, HNO-Arzt: Was tun bei Schwindel?", im Text wird empfohlen: "z.B. Vertigoheel, rezeptfrei, Apotheke"

Und dann gibt es noch solche Geschichten:

Ausriss: "Große HÖRZU-Leser-Aktion: Husten & Schnupfen - So atmen Sie sich wieder frei! - Falls Sie rund um das Thema Atemwegsprobleme Fragen haben oder dringend Hilfestellung benötigen, schreiben Sie uns! Die Antworten und Tipps unserer Experten lesen Sie dann in der HÖRZU - In einer gemeinsamen Aktion on HÖRZU und 'GeloMyrtol forte' beantworten unsere Experten Prof. Hans Behrbohm (Facharzt für HNO) und Dr. Petra Sandow (Fachärztin für Allgemeinmedizin) Ihre Fragen zu Erkrankungen der Atemwege. (...)"

Eine gemeinsame Aktion von „Hörzu“ und „GeloMyrtol forte“, veranstaltet vor drei Jahren: Fragen Sie uns, was Sie gegen Husten und Schnupfen tun können, und gemeinsam mit einem Medikament gegen Husten und Schnupfen schauen wir mal, was wir Ihnen da empfehlen würden.

Wenig später druckte die „Hörzu“ die Antworten auf die Leserfragen – und plötzlich wurde gar nicht mehr erwähnt, dass „GeloMyrtol forte“ an der Aktion beteiligt war.

Ausriss: "Die große Arztsprechstunde"

Empfohlen wurde „GeloMyrtol forte“ aber selbstverständlich trotzdem:

Ausriss: "Dr. Sandow: Während der Erkrankung ist es besonders wichtig, ausreichend zu trinken und viel zu ruhen. Ein Spezialdestillat aus ätherischen Ölen wirkt antientzündlich und schleimlösend (z.B. 'GeloMyrtol forte', rezeptfrei, Apotheke)."

Dieselbe Ärztin war übrigens nicht nur bei der Telefonaktion, sondern im vergangenen Jahr auch in der Rubrik „Hallo, Doktor!“ zu Gast:

Ausriss: "Was hilft bei einem Infekt der Nasennebenhöhlen?"

Die Empfehlung, Überraschung: „GeloMyrtol forte“.


Schon vor sechs Jahren stellte das „Netzwerk Recherche“ in Kooperation mit Transparency International Deutschland, der TU Dortmund und der Otto-Brenner-Stiftung in einer Kurzstudie fest, dass „das Geschäft mit der heimlichen Werbung“ in Zeitschriften der Funke-Gruppe „perfekt organisiert zu sein“ scheine:

(…) Hinzu kommen zahllose unmotiviert erscheinende Empfehlungen für rezeptfreie Mittel aus der Apotheke. Ob Schmerzgel, Mittel zur Förderung der Kollagenbildung oder Mittel mit Birkenextrakt, ständig tauchen Produkte namentlich auf. Versehen mit dem Hinweis, diese seien in der Apotheke erhältlich. (…) Ein Insider berichtet, dass die Anzeigenabteilung systematisch Einfluss auf Inhalte im Heft nehme. Sie teile Redaktionen mit, wen sie in welchem Umfang erwähnen sollen. Beschwerden wegen Schleichwerbung nehme man in Kauf.

Drei Jahre später untersuchte auch „Spiegel Online“ verschiedene Frauenzeitschriften und fand Hunderte dubiose Texte:

Sie handeln von häufigen Beschwerden – wie etwa Schlafstörungen – und empfehlen rezeptfreie Arzneimittel als schnelle, einfache und überaus wirksame Hilfe. Dabei nennen sie konkret Markenpräparate. (…)

„Bei sehr vielen solcher Produktnennungen liegt der Verdacht nahe, dass es sich um Schleichwerbung handelt“, sagt Askan Deutsch, Rechtsanwalt bei der Kanzlei FPS. Denn als Anzeige werden solche Beiträge nicht gekennzeichnet. Die Leserinnen würden also getäuscht, wenn sie die Empfehlungen für das Ergebnis einer unabhängigen journalistischen Recherche halten. Zumal häufig kein Grund vorliege, ein bestimmtes Produkt nur eines Herstellers zu nennen.

„Spiegel Online“ fiel außerdem auf, dass „überraschend oft Anzeigen für dieselben Produkte in den Zeitschriften“ auftauchen. Eine Redakteurin des Bauer-Verlags (in dessen Zeitschriften es ebenfalls solche Artikel gibt) bestätigte gegenüber „Spiegel Online“ damals,

dass regelmäßig gezielt Produkte in Artikeln platziert werden. „Neben normal recherchierten Texten werden immer wieder sogenannte PR-Artikel gefordert“, sagt sie. Für die Nennung ihres Produkts würden die Unternehmen im Gegenzug Anzeigen buchen.


Auch in den Zeitschriften der Funke-Mediengruppe werden für viele der redaktionell genannten Medikamente auch Anzeigen geschaltet. Manchmal ein paar Ausgaben später oder früher, manchmal sogar in derselben Ausgabe. Ende des vergangenen Jahres etwa empfahl ein Arzt in der „Hörzu“ auf die Frage „Wie bekomme ich meine Bronchitis in den Griff?“ das Medikament „Umckaloabo“.

Ausriss: "Wie bekomme ich meine Bronchitis in den Griff?" - darin erwähnt: "Umckaloabo, rezeptfrei, Apotheke"

Blättert man ein paar Seiten zurück, findet man für dasselbe Medikament eine Anzeige:

Anzeige für Umckaloabo

(Das Medikament „Alflorex“ wiederum, das oben in einer Anzeige auftaucht, wurde wenige Ausgaben zuvor redaktionell empfohlen.)

In der Untersuchung von „Spiegel Online“ zeigte sich, dass es beim Funke-Verlag solche Kopplungen aus Erwähnung und Anzeige überdurchschnittlich häufig gibt:

Balkeniagramm: Produkterwähnung nach Verlagen. Ganz oben: Funke mit 87 Prozent "mit Werbung" und 13 Prozent "ohne Werbung"
Quelle: „Spiegel Online“

Der Investigativjournalist Boris Kartheuser, einer der Autoren der Studie des „Netzwerks Recherche“, erklärte 2015 in einem Interview:

Ich habe mit ehemaligen und jetzigen Mitarbeitern bei Funke gesprochen. Bei den Gesprächen schien sich herauszukristallisieren, dass die Initiative maßgeblich von Funke ausgeht, das heißt, dass die Marketingabteilung an Kunden herantritt.


Schon vor über zehn Jahren wurde die Funke-Mediengruppe, wie eingangs erwähnt, für ihre Pharmaschleichwerbung vom Presserat gerügt. Doch ein Blick ins Rügen-Archiv zeigt, dass es diese Praxis schon viel, viel länger gibt.

Bereits 1988 schrieb der Presserat:

In redaktionellen Texten unter der Rubrik »Meldungen aus der Medizin« macht die Programmbeilage einer Tageszeitung unverblümte Werbung für Arzneimittel. Die Redaktion weist den Vorwurf einer verkappten Werbung für das Geschäft der Apotheker zurück und erklärt, sie betrachte »Meldungen aus der Medizin« als speziellen Leserservice. Der Deutsche Presserat erteilt der Zeitung eine öffentliche Rüge. Sie hat gegen Ziffer 7 des Pressekodex verstoßen; die eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken vorschreibt. Der Beitrag berichtet über medizinische Präparate für verschiedene gesundheitliche Probleme. Von mehreren möglichen gleichartigen Mitteln wird dabei nur jeweils eines beim Namen genannt. Nach Ansicht des Presserats ist dies eine unverblümte Werbung im redaktionellen Teil.

Unverblümt ging es dann auch weiter. Im Archiv des Presserats finden sich etliche Rügen zu dieser Praxis – nicht nur, aber immer wieder auch in den Zeitschriften von Funke.

Erst im März wurde die „Hörzu“ für die Rubrik „Hallo, Doktor!“ gerügt. Die Zeitschrift druckte die Rüge vor ein paar Wochen sogar selbst ab:

Aursiss: In eigener Sache - Der Beschwerdeausschuss 3 des Deutschen Presserates hat die Zeitschrift HÖRZU für drei Artikel öffentlich gerügt. Der Ausschuss sah einen Verstoß gegen Ziffer 7 des Pressekodex als gegeben. So berichtete HÖRZU am 9.11.2018 unter der Rubrik "Hallo, Doktor!" in drei Artikeln über Fragen von Lesern zu medizinischen Themen, auf die ein Experte antwortete. Schleichwerbung erkannte der Presserat in allen drei Beiträgen. In den Artikeln wurde jeweils ein einzelnes Präparat aus einer Palette ähnlicher Produkte herausgegriffen und genannt. Die Hervorhebung der jeweiligen Medikamente, die kein erkennbares Alleinstellungsmerkmal aufweisen, sei, so der Presserat, willkürlich gewesen. Eine redaktionelle Begründung sei dafür auch nicht geliefert worden, sodass ein öffentliches Interesse an den Angaben nicht erkennbar war.

Auf die Frage, ob sich seitdem etwas an der Rubrik geändert hat, sagt der Sprecher der Funke-Mediengruppe: „Nein.“ Warum nicht? „Dafür gibt es keinen Grund“. Ob er die Rügen für berechtigt hält? „Nein.“ Ob es einen Zusammenhang zwischen redaktionellen Erwähnungen und Anzeigen gibt? „Nein.“ Ob es solche Abmachungen gibt, wie sie im „Spiegel“-Text erwähnt werden, also redaktionelle Nennung gegen Anzeige? „Nein.“

Auch der Arzneihersteller MEDICE schreibt uns, einen Zusammenhang zwischen Anzeigen und redaktionellen Beiträgen gebe es nicht. „Die Chance, dass unsere Themen bei Verlagen, bei denen Anzeigen von uns geschaltet werden, möglicherweise bevorzugt berücksichtigt werden, ist aber vermutlich höher.“


Seit der letzten Rüge des Presserats hat die „Hörzu“ in „Hallo, Doktor!“ sechsundzwanzig Mal Schleichwerbung für Medikamente gemacht.

Nachtrag, 21. August: Weil im Rügen-Archiv nicht namentlich benannt wird, in welcher Zeitschrift die Schleichwerbung 1988 erschienen ist, haben wir beim Presserat nachgefragt. Der fand noch eine alte Pressemitteilung, aus der hervorgeht, dass es sich damals um die Programmbeilage BWZ handelte. Sie erschien in Zeitungen der – WAZ-Mediengruppe.

8 Kommentare

  1. welchen Grund sollte es für die frechen Ignoranten von Gong, Hörzu und anderen Schleichwerbepostillen denn eigentlich geben, wenn als härteste Maßnahme eine Rüge des zahnlosen Papiertigers Presserat droht?

  2. Was mich eigentlich am meisten stört ist, dass Firmen die echte (sprich: Wirkstoff-enthaltende) Medikamente herstellen auch Homöopathie-Vodoo verkaufen und auf die gleiche Weise bewerben. Meditonsin enthält keinen wirksamen Wirkstoff, Dorithrizin hingegen schon, zum Beispiel.

  3. Vielen Dank für diesen Artikel!
    Mich würde auch interessieren, ob es da nicht noch andere, wirksamere Mittel gegen ein Weiter-so solcher Praktiken gibt?
    Können Verlage solche Rügen des Presserats etc. im Grunde einfach ignorieren/vergehen lassen und mit den gerügten Verhaltensweisen weitermachen?

  4. offenbar können sie das, sonst würden sie ja aufhören. Der Presserat ist ein zahnloser Tiger, dessen Rügen bei gewissen Postillen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus gehen. Wirkliche Folgen hat das nicht. Und deshalb juckt es die unVerantwortlichen auch nicht. Und ändern wird sich auch nichts.

  5. @ Nimmermued , #4

    Mich würde auch interessieren, ob es da nicht noch andere, wirksamere Mittel gegen ein Weiter-so solcher Praktiken gibt?

    Sie könnten sich mit dem Anliegen, dass es eine verbindliche gesetzliche Regelung bräuchte, an den Petitionsausschuss des Bundestags wenden. Als Argument könnten Sie anführen, dass der Pressekodex in öffentlichem Interesse steht, es aber offenkundig Verlage gibt, die gar nicht vorhaben sich an das zu halten, wozu sie sich einst verpflichtet haben. Beispiele dazu finden Sie hier bei Übermedien und im Bildblog genug. Die freiwillige Selbstverpflichtung wäre demnach gescheitert und es ist von derartiger Wichtigkeit, dass es eine verbildliche Regelung bräuchte.

    Können Verlage solche Rügen des Presserats etc. im Grunde einfach ignorieren/vergehen lassen und mit den gerügten Verhaltensweisen weitermachen?

    Schlimmer noch, die Verlage und Redaktionen können sich sogar damit rühmen, wieviele Rügen sie vom Presserat bekommen haben, wie die B**D das mal gemacht hat.

    Im Übrigen würde ich davon ausgehen, dass Schleichwerbung, Native Advertising und derart bizarre Aktionen, wie die VW-Ausgabe der „Welt“, in Zukunft mit weiterhin sinkenden Print-Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften und damit einhergehendem, wachsendem wirtschaftlichen Druck noch zunehmen werden. Denn geeignete Digitalstrategien, die die zu erwartenden Verluste in gleichem Maße kompensieren würden, sind ja noch nicht in Sicht und bei den zaghaften Bemühungen auch noch nicht wirklich absehbar.

  6. Ein sehr guter, aufwändig gemachter Artikel!

    Zum Thema – warum sollte die kommerzielle Funke Mediengruppe wegen der Schleichwerbung für medizinische oder pseudomedizinische Produkte und Leistungen ein schlechtes Gewissen haben wenn nicht mal die öffentlich-rechtliche ARD eines hat? Beispielsweise wurde in der Tagesschau bzw. Tagesthemen Werbung für „Snorelift“ gemacht. Unter diesem Namen bietet ein Arzt Operationen gegen Schnarchen an. Die Schleichwerbung erfolgte im Rahmen einer ziemlich ausgefeilten PR-Kampagne.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.