Was der „Stern“ über Angela Merkel nicht weiß. Und was nicht.

Jetzt ist Angela Merkel immer noch Bundeskanzlerin. Dabei müsste sie längst schon mit ihrem Mann die Welt bereisen, den Pan-American Highway hinunterfahren, 48.000 Kilometer, von der Prudhoe Bay von Alaska bis nach Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt im argentinischen Feuerland, ein Lebenstraum Merkels. Vor eineinhalb Jahren hätte sie zurückgetreten sein sollen, 25 Jahre nach ihrer ersten Vereidigung als Ministerin im Kabinett Kohl – 25, eine wichtige, „magische“ Zahl für Merkel. „Sie will aufhören. Und leben“.

So sagte es Hans-Ulrich Jörges im „Stern“ voraus, am 8. August 2013, noch vor der vorletzten Bundestagswahl, unter der Überschrift „Merkels letzte drei Jahre“. Er fügte sicherheitshalber hinzu: „Glauben Sie keinem Dementi“.

Detailliert erklärte Jörges, warum es so kommen würde und was in Merkel vorgehe. „Zur Wiederwahl 2017 jedenfalls möchte sie sich nicht mehr stellen.“ Auf der Grundlage seiner Erfahrungen als langjähriger Berliner Büroleiter des „Stern“ spekulierte er, welche Männer bei ihrer Nachfolge womöglich entscheidende Rollen spielen könnten: David McAllister, Friedrich Merz, Norbert Röttgen?

Viel wichtiger aber, schrieb Jörges, sei „die Frage, wie Merkel ihre letzten drei Jahre politisch ausfüllt.“ Was für ein toller Diskussionsvorsprung, wenn man weiß, dass die Kanzlerin 2016 auf jeden Fall aufhören wird!


Nun, Ende 2017, ist Angela Merkel immer noch nicht auf dem Weg Richtung Feuerland, aber auf der Titelseite des „Stern“ wenigstens schon mal im „Freien Fall“. Der Tag, an dem die FDP die Sondierungsgespräche für eine schwarz-gelb-grüne Koalition verließ, war für die Illustrierte „der Tag, der womöglich den Anfang vom Ende der Ära Merkel markiert“:

Sie hätte in die Historie eingehen können als Frau, die so lange regiert wie der ewige Kanzler Helmut Kohl, mit drei unterschiedlichen Partnern an der Seite. Stattdessen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie auf andere Weise Geschichte macht: als erste Regierungschefin, der es nicht gelang, eine Koalition zu schmieden. Als erste, die nach der Wahl in Neuwahlen gehen muss.

Zielsicher treffen die „Stern“-Autoren in dieser von ihnen so genannten „Staatskrise“ die eine Frage, die so viele Bürger schlaflos bangen lässt: Mit welchem Einzel-Rekord wird Angela Merkel wahrscheinlich in die Geschichte eingehen?


Die Politik-Berichterstattung des „Stern“ ist einzigartig. Unter großem Einsatz heißer Luft werden schicksalhafte Dramen und Machtspiele geschildert, immer mit dem Blick in die Zukunft und die Köpfe der Beteiligten. Mit dicker Kinderkreide malen die Autoren Psychogramme. Sie konstruieren Machtduelle und lassen ihre Helden die höchsten Gipfel erklimmen, um ihnen von dort aus die Abgründe zu zeigen, in die sie bald darauf stürzen.

Was den Artikeln an Substanz fehlt, verhängen Textgirlanden und Metaphern. Sprachmarotten spielen eine große Rolle.

Ellipsen.

In einzelnen Zeilen.

Es ist eine faszinierende Form von Behauptungs- und Schwurbeljournalismus, die der „Stern“ perfektioniert hat.

Das Magazin sieht sich immer noch als eines der Leitmedien der Republik. „Journalismus auf höchstem Niveau“, verspricht der Verlag. Und sieben Millionen Leser, „die meistgelesene frei verkäufliche Zeitschrift Deutschlands“.

Anlässlich des nun offenbar unmittelbar bevorstehenden Wechsels Angela Merkels von der Politik in die Geschichtsbücher (mit oder ohne Umweg über Feuerland), habe ich mir alle Artikel des „Stern“ über die Kanzlerin der letzten vier Jahre durchgelesen.


Geschichtsbücher

Herbst 2013. Blenden wir uns in die Berichterstattung in der Woche nach der Bundestagswahl ein. Merkel hat laut „Stern“ damit den Höhepunkt ihrer Macht erreicht. „In Deutschland und Europa ist sie zur historischen Figur gereift“, schreibt Hans-Ulrich Jörges.

Dieser Bezug auf die Historie ist ein wiederkehrendes Muster. Vielleicht ist das ein Versuch, den gelegentlich schon nach kürzester Zeit überholten Artikeln einen Anschein größter Beständigkeit zu geben: der „Stern“ als Chronist, der fortwährend den Inhalt von Geschichtsbüchern vorauszuahnen versucht.

Angela Merkel ist zur historischen Figur gereift, die an die prägenden Leistungen von Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl anknüpft. (…) Durch die wahltaktisch überaus riskante, weil teure und haarsträubend einfach zu skandalisierende Eurorettung hat die Kanzlerin schon jetzt einen Platz in den Geschichtsbüchern.

Einen Platz in den Geschichtsbüchern, okay. Einen guten noch nicht unbedingt. Einige Wochen später mahnt der „Stern“:

Eigentlich hätte sie gute Aussichten, mal in einer Reihe mit den großen Kanzlern der Republik genannt zu werden. Mit Adenauer, Kohl und Brandt.

Eigentlich.

Nur, wenn sie so weitermerkelt, kann sie das vergessen.

Die Geschichte-Erzähler des „Stern“ sind von der Frage besessen, wie Leute in die Historie eingehen werden. In ihren Geschichten sind es auch die, die sie beschreiben. Einmal behaupten sie:

Griechenland ist Angela Merkels Schicksal. Sie will nicht als Kanzlerin in die Geschichte eingehen, die das Land in den Ruin und Europa auseinandertrieb.

Ein andermal formulieren sie:

Sie will der Welt ein neues, anderes Gesicht von Deutschland zeigen: freundlich und weltoffen. Vielleicht glaubt sie, damit in die Geschichtsbücher einzugehen.

Im Februar 2015, nachdem die Kanzlerin es scheinbar geschafft hat, Frieden in der Ukraine zu stiften, schreibt Jörges: „Es war eine historische Woche für Angela Merkel.“ Sein Artikel endet mit den Sätzen:

Merkel hat alles getan, um einen großen Krieg zu verhindern. Der Friedensnobelpreis? Verdient hätte sie ihn mehr als der Friedensnobelpreisträger Obama. Gäbe es einen Richter über die Weltgeschichte, würde er nach ihrer Anhörung verkünden: Die Zeugin bleibt unvereidigt. Sie ist glaubwürdig.

Ich habe auch nach vielmaligem Lesen nicht verstanden, was das bedeuten soll. Außer: Weltgeschichte!!!


Aber zurück zum Herbst 2013, als Merkel dank einer gewonnen Wahl vermeintlich zur historischen Figur reifte. Hans-Ulrich Jörges lässt es in solchen Momenten zu, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden. Er schreibt über Merkel:

Nun wird sie mehr als nur respektiert.

Nun wird sie auch geliebt.

Und etwas später:

Sie ist mehr als ein zähes Luder. Sie beweist Härte. Unbeirrbarkeit. Und, ja, Klasse in Bescheidenheit.

Aber wie das mit Gipfeln so ist: Sobald sie erklommen sind, kann es nur noch in eine Richtung gehen: bergab.

Oder wie der „Stern“ formuliert: „Dem Triumph wohnt schon der Abschied inne.“ Auch weil Merkel ja, wie das Blatt weiß, 2017 nicht mehr antreten wird.

Der Artikel trägt die Überschrift: „Die Allmächtige“.


Duelle

Regieren, das hat für den „Stern“ wenig mit Inhalten zu tun, mit politischen Zielen, mit der Gestaltung des Landes oder dem Verbessern der Lebensverhältnisse der Regierten. Regieren, das ist für den „Stern“, mehr noch als sonst in der Politik-Berichterstattung, ein endloser persönlicher Kampf um die Macht. Sie lieben es, Politik als Zweikampf zu beschreiben.

Zum Beispiel 2013 zwischen Merkel und der damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Dabei geht es unmittelbar nach der Wahl schon wieder ums Kanzleramt:

Um ein heimliches Duell zwischen Hannelore Kraft und Angela Merkel.

Um die Frage, ob 2017 die eine Frau an der Spitze von einer anderen Frau gleichen Typs abgelöst wird.

(Denn dass Merkel 2017 noch einmal antreten wird, ist ja „fast auszuschließen“.)

Der „Stern“ weiß, dass es schöne Bilder gibt, wo die beiden einträchtig nebeneinander sitzen. Und er weiß, dass man sich davon nicht täuschen lassen darf, weil die beiden einander „herzlich wenig zu sagen“ und nicht einmal die Handynummer der anderen gespeichert haben.

Duzen?

Um Gottes willen! Es ist bestenfalls ein hoch professionelles Nebeneinander.

Man könnte den Eindruck gewinnen, hier belauerten sich zwei.

Man könnte diesen Eindruck gewinnen, wenn man aus dem Nicht-Duzen und Nicht-Nummern-Einspeichern diesen Eindruck gewinnen will. Der “Stern” will.

Zwei Frauen, die – bei allen Unterschieden – in ihrem Werdegang und in ihrer Art mehr Ähnlichkeiten aufweisen, als ihnen ob ihrer Konkurrenz wohl recht ist. Zwei Karrierefrauen im besten Sinne. Seiteneinsteigerinnen, die ein Leben und einen Beruf vor der Politik hatten:

Physikerin die eine, Unternehmensberaterin die andere. Kopfmenschen.

Klug, analytisch, aufgeräumt. Politik ist für sie ein Beruf, harte Arbeit – kein permanenter Machtkick.

Anders als für den „Stern“ also.

Der meint also, die beiden wünschten sich sicher, dass sie unterschiedlicher wären, „ob ihrer Konkurrenz“.

Drei Jahre später formuliert der „Stern“ exakt denselben Gedanken über den angeblichen Machtkampf zwischen Angela Merkel und AfD-Chefin Frauke Petry:

Möglicherweise sind sich die zwei Frauen ähnlicher, als ihnen jeweils lieb sein dürfte.

Nämlich:

Beide Kinder der DDR, wenngleich aus unterschiedlichen Generationen. (…) beide Naturwissenschaftlerinnen. Promoviert. Wissenschaftliche Arbeit an der Uni. Beide politisch Spätberufene, ohne die Hinterzimmererfahrung des üblichen Karrierewegs kometengleich ins Rampenlicht geschossen. Merkel war ein Jahr nach dem Mauerfall schon Bundesministerin, Petry wurde sofort an die Spitze ihrer neu gegründeten Partei gewählt. Beide führen als Frauen Parteien an, die von Männern dominiert werden. Beide kirchlich geprägt. Musikliebhaberinnen. Bescheidene Rhetorikerinnen. Extrem kontrolliert und fleißig. Von ihrem ersten Mann geschieden.

Über diesem Artikel, der ausführlich beschreibt, wie ähnlich sich diese beiden Frauen sind, steht übrigens: „Ein Kampf zweier grundverschiedener Frauen“.

Ist er nicht rührend, der Gedanke des „Stern“, dass Angela Merkel und Frauke Petry dächten: Mist, blöd dass die Alte mir so ähnlich ist? Sie meinen das ernst:

Vielleicht machen auch diese Parallelen es Merkel so schwer, den Kampf gegen Petry zu führen. Weil sie nicht fassen kann, dass eine ihr so ähnliche Frau einen komplett anderen Weg einschlägt.

Ja, vielleicht.

Oder es hat stattdessen eher etwas mit der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu tun, die einer rechtspopulistischen Opposition viel Raum und Munition gab. Aber vielleicht ist das auch zu naheliegend, wenn sich die Sache doch auch aufgrund der zu großen Ähnlichkeit der beiden Persönlichkeiten erklären lässt.

In dem Petry-Duell-Stück findet sich übrigens eine hübsche Stelle, die beschreibt, warum dieser Kampf so ungleich sei – zum Nachteil von Merkel:

[Petry], die als bienenfleißig gilt, beackert unermüdlich das Land, während Merkel in Brüssel, Peking und Washington ihre Kollegen trifft. Früher waren die Deutschen stolz auf „die mächtigste Frau der Welt“ – heute gilt die Kanzlerin, die in ihrem Job viel reisen muss, im Zweifel als abgehoben. Dagegen ist schwer anzukommen.

Nur wenig später wird genau die Weltbühne als der angeblich unschlagbare Vorteil gelten, den Merkel vor dem bloß über die Dörfer tingelnden Martin Schulz hat.


Kopf-Reportagen

Nochmal zurück zum angeblichen Duell mit Hannelore Kraft im Herbst 2013. Der „Stern“ gibt sich nicht damit zufrieden, zu berichten, was Merkel sagt, oder was andere sagen, was sie meint. Er berichtet unmittelbar aus ihrem Kopf.

Merkel beobachtet genau, wie Kraft sich in ihrer Partei behauptet und durchkämpft.

Aber ihr endgültiges Urteil über die Kontrahentin hat sie noch nicht gefällt: Kann sie mehr als Landesmutter?

Wenn ja, wie hoch will sie hinaus? Bis dahin, wo ich bin?

Zwei Jahre später, unter der Überschrift „Die Fremde“, räumen die „Stern“-Autoren zunächst überraschend ein, dass es „so schwer“ sei, „hinter ihre Stirn zu blicken. Was sie wirklich bewegt, was sie antreibt, kann man nur erraten oder erahnen.“

Um nur wenige Absätze live von hinter ihrer Stirn zu vermelden:

Insgeheim hat Angela Merkel mit Deutschland und seinem ängstlichen Volk schon länger gehadert. Vor allem mit den Westdeutschen in ihrer Saturiertheit und Unbeweglichkeit, die, anders als sie selbst, keinen großen Bruch erlebt haben. Sie guckt von außen darauf, es ist die Sicht einer Migrantin im eigenen Land. Sie weiß aber auch um die sture Behäbigkeit ihrer Ossis, deren Abstiegsängste, deren Gefühl des Zukurzgekommenseins. (…)

Sie wollte den Deutschen nach der Agenda 2010 noch mehr Veränderungen zumuten. Damit wäre sie bei der Bundestagswahl 2005 fast gescheitert.

Die Machtpolitikerin Merkel zog daraus ihre Konsequenzen. Tief in ihrem Inneren aber blieb sie überzeugt davon, dass den Deutschen frischer Wind guttäte.

Der „Stern“ weiß, was Merkel „insgeheim“, „tief in ihrem Inneren“ denkt.

Der „Stern“ weiß sogar, was Merkel weiß, wenn sie weiß, dass sie nichts weiß. In einem „Psychogramm einer schwierigen Beziehung“ zwischen ihr und dem russischen Präsidenten nach der Annexion der Krim heißt es:

Angela Merkel weiß: Eigentlich denkt Wladimir Putin doch wie sie die Dinge vom Ende her. Was sie nicht weiß: Hat er das diesmal auch getan? Und wenn ja, was ist das Ende?

Immerhin müssen diese beiden Kontrahenten, die der „Stern“ nach tiefgehender psychologischer Analyse „Mutti und der Macho“ nennt, nicht darunter leiden, dass sie sich wieder einmal zu ähnlich sind. Die „Weltgeschichte“ hatte da die Finger im Spiel:

Manchmal zwingt die Weltgeschichte ausgerechnet in Fragen von Krieg und Frieden Figuren zusammen, die so gar nicht füreinander geschaffen scheinen. (…)

Die Welt erlebt gerade das Duell zweier Politiker, die unterschiedlicher kaum sein könnten.


Der „Stern“ tut, als wüsste er, was Leute glauben, wovon sie überzeugt sind – selbst wenn sie versuchen, es sich nicht anmerken zu lassen. Dieses Allwissen ist ein erstaunlicher Kontrast dazu, dass der „Stern“ oft sehr darauf angewiesen zu sein scheint, die innere Verfasstheit aus schnöden Äußerlichkeiten zu interpretieren.

Der Farbe der Jacketts, die Merkel wählt.

Oder wie müde sie aussieht.

(Uh, das macht Spaß, dieses Einzeilen-Schreiben.)

Wie im Juli 2015, als „die Kanzlerin Griechenland rettet“: „Schwer gepudert und mit tiefen Ringen unter den müden Augen“ sitzt sie auf einem Podium in Brüssel „und schnauft so kurzatmig, als hätte sie gerade den Aufstieg von Sulden zur Payerhütte bewältigt“.

Wie im Oktober 2015, als die „Flüchtlingskrise“ für Merkel zu einem „Kulturkampf mit ihrer eigenen Partei“ geworden ist:

Es gibt jetzt öfter diese Bilder von ihr. Mal sieht man sie gebeugt, mit gesenktem Kopf, mal ungeschminkt, die Falten tiefer als sonst. Angela Merkel sieht nicht gut auf diesen Bildern aus, die suggerieren sollen: Es sieht nicht gut für sie aus.

Im Dezember 2015:

Zum ersten Mal zehren die Arbeit im permanenten Krisenmodus und die ungewohnte Dauerkritik sichtbar an ihr. Im Oktober zeigt ein Foto sie im Fonds ihres Wagens sitzend, früh am Morgen, ungeschminkt, auf dem Weg ins Kanzleramt. Angela Merkel, 61, sieht darauf aus wie eine 61-Jährige, die früh am Morgen ungeschminkt auf dem Weg zur Arbeit ist.

(sic!)

Im Juni 2016, nach dem Votum der Briten für den Ausstieg aus der EU:

Müde, erschöpft wirkt sie, Augenringe dunkel, die Mundwinkel sorgengekerbt. Man sieht ihr an: Diese Krise ist eine Bedrohung. Eine verdammt große sogar.

Im November 2016:

Wenn die Fernsehkameras die Kanzlerin ins Visier nehmen, ihr Gesicht gnadenlos nah heranzoomen, sodass der Zuschauer jede Pore erkennen kann, dann sieht man – bei allem Respekt – immer öfter auch: eine müde Frau. Ihre Erschöpfung lässt sich nicht mehr einfach überschminken.

Im Februar 2017:

Die gut elf Jahre Kanzlerschaft haben ihre Spuren hinterlassen. In Grimmen, bei ihrer Wahlkreiskandidatur, gibt es Momente, in denen sie unendlich müde wirkt.

Und zwei Wochen später:

Sie sieht dabei wieder unendlich müde aus.


Die Unbekannte

Manchmal, selten, scheint den Leuten, die für den „Stern“ berichten, was im Inneren von Angela Merkel vorgeht, aufzufallen, dass sie diese Frau gar nicht kennen. Dass sie nicht, wie sie es oft in ihren Artikeln wirken lassen, ungefähr alles von ihr wissen, sondern ungefähr nichts.

Am 5. September 2013, vor der vorletzten Bundestagswahl, fragen sie: „Wer ist diese Frau?“ und holten viele, teils widersprüchliche Zitate unterschiedlichster Menschen ein, die Auskunft geben konnten oder wollten über das, was Merkel antreibt, und ob zum Beispiel diese Fußball-Begeisterung echt ist.

Vier Jahre und eine Bundestagswahl später fragt der „Stern“ erneut leicht verzweifelt:

Kennen wir diese Frau wirklich?

Ausführlich klagen die Merkel-Beauftragten des „Stern“, dass die Merkel ihnen so wenig von ihrem Privatleben zeigt. So viele Dinge, die sie wissen wollen, müssen sie sich ausmalen. Sie fangen damit schon mal an:

Was bleibt, ist Kopfkino. Wie sieht es hinter der Fassade aus? Was würde zu Merkel passen und ihrem Mann, der auf vielen Fotos nicht eben wie ein Ausbund an Lebensfreude wirkt? Funktionaler Chic? Hauptsache, strapazierfähig?

Sie kocht und schreibt Einkaufszettel. Er kauft ein.

Beide putzen, abwechselnd, wenn die Haushaltshilfe fehlt.

Wenn es politisch eng wird, hängt er unaufgefordert die Wäsche auf.

Wer bügelt, weiß man nicht.

Kennen wir sie?

„Wenn es politisch eng wird, hängt er unaufgefordert die Wäsche auf“, ist einer der traurigsten Sätze, die je geschrieben wurden. Und das noch in dieser Form, bei der unklar bleibt, ob er ausgedacht ist oder recherchiert. Klar ist nur, dass das den „Stern“-Leuten wichtig ist.

Weite Teile des folgenden Artikels lesen sich wie eine ernst gemeinte Argumentation, dass die Öffentlichkeit (bzw. ihre Vertretung in Form von zwei „Stern“-Redakteuren) einen Anspruch darauf hat, zu erfahren, wie diese Beziehung zwischen Angela Merkel und Joachim Sauer funktioniert:

Inzwischen hat sie die Gleichung aufgestellt: Je weniger Privatleben, desto mehr kann ich mich auf das Politische konzentrieren. Man könnte das so hinnehmen. Ihre Freiräume sind äußerst knapp bemessen. (…) Warum sollte das Wenige an Privatem auch noch präsentiert werden?

Eben, weil das Private bei ihr längst politisch ist.

„Sie kennen mich.“

Ja, wir kennen sie. Aber was kennen wir von ihr?

Sie hat ihren Ehemann in zwölf Jahren Kanzlerschaft konsequent verschattet. Doch er ist – mutmaßlich – ihr engster Vertrauter. (…)

Sie sei beeindruckt von Sauers Wissen, seiner Urteilskraft, berichtet einer der wenigen, der beide zusammen privat erlebt hat und darüber flüstert. „Der Tonangebende ist er, in allem. Natürlich hört sie auf ihn. Er hat sehr viel zu sagen.“

Wenn das aber so ist, bestimmt dann der schweigsame und weitgehend unsichtbare Herr Sauer mit dieser seiner Urteilskraft die Richtlinien der deutschen Politik klandestin mit? Zumindest gelegentlich? Oder wenigstens ein bisschen – als Impulsgeber?

(Halten Sie durch, ist gleich geschafft.)

Hat Joachim Sauer womöglich die Ehe für alle befördert, weil er denkt, dass das aber nun mal an der Zeit gewesen sei? Hat er, der Naturwissenschaftler, den Atomausstieg beschleunigt?

Die Fragen muss man stellen. Man sollte nur keine Antworten erwarten. Es ist Sauers Recht, seine Ruhe haben zu wollen. Er ist nicht Politiker. Es wäre für die Entscheidungsfindung der Wähler trotzdem hilfreich, zu wissen, wie viel Sauer in Merkel steckt.

Was für ein Unsinn. Die „Stern“-Leute wüssten gerne, ob der Herr Bundeskanzlerinnen-Gemahl zuhause abspült, mutmaßlich, damit sie das in zukünftigen „Psychogrammen“ berücksichtigen und mit dem Abspülverhalten von Gemahlen angeblicher Gegenspielerinnen vergleichen können. Sie glauben, eine häufige „Stern“-Formulierung, „die Fragen muss man stellen“. Das ist traurig, lässt sich aber nicht ändern.

Aber zu suggerieren, dass die Wähler einen Anspruch darauf hätten, den genauen Einfluss von Herrn Sauer auf Frau Merkel zu kennen, ist abwegig, solange der Herr Sauer nicht von irgendwelchen fremden Interessen beeinflusst wird, was nicht einmal der „Stern“ suggeriert. Nichts würde sich an den Entscheidungen der Wähler ändern, wenn sie wüssten, ob Frau Merkel oft auf ihren Mann hört oder selten oder nie.

Sie sind so gefangen von der Begeisterung für ihre eigenen Psychologisierereien beim „Stern“, dass sie gar nicht mehr merken, dass andere es nicht sind.


Machtwechsel

Februar 2015. Eineinhalb Jahre nachdem Merkel den Gipfel ihrer Regierungszeit erklommen hat, steht sie im „Stern“ schon wieder „im Zenit ihrer Kanzlerschaft“. Sie war zu Besuch im Weißen Haus, Teil eines Verhandlungsmarathons zur Lösung der Krise in der Ukraine. Wo der Laie nur eine Pressekonferenz von ihr und Barack Obama sieht, erkennt Hans-Ulrich Jörges Größtes:

(…) die Mienen der beiden spiegeln, wie die Macht in diesem Moment neu verteilt wird. Nun wirkt Obama betreten, gehemmt. Nun blitzt Merkels Auge in die Reihe der Umstehenden, eine Herrschaftsgeste, wie sie die Präsidenten im Oval Office so gern einsetzen, um zu zeigen, wer hier das Sagen hat. Und als die beiden vor die Presse treten, da ereignet sich, im Kleinen, im Symbolischen, noch Unerhörteres. Die Kanzlerin geht voran, instinktiv, vor dem Präsidenten, als wäre sie die Hausherrin – im Weißen Haus.

Machtwechsel, für einen historischen Moment.

Es liest sich, als hoffe Jörges: Je größer er Merkel schreibt, desto größer wirkt auch er. Es ist eine besondere Form der Wichtigtuerei: Er macht sie über-wichtig, damit er über-wichtig wirkt. (Das psychologisiere ich natürlich nur in ihn hinein. Uh, „Stern“-Methoden! Wobei: Der „Stern“ hätte formuliert: „Jörges weiß …“)

Vielleicht ist es aber auch nur reine, ungetrübte Liebe:

Den einen, Barack Obama, schiebt sie sanft zur Seite: Lass mich mal machen. Den anderen, Wladimir Putin, packt sie streng am Kragen: Du benimmst dich jetzt gefälligst. In den Tagen von Moskau, Washington und Minsk ist sie beiden – überlegen. Mehr als nur auf Augenhöhe. Sie ist die Weltkanzlerin. Ein einmaliger, ein unwiederholbarer Moment voller Mut, Adrenalin und Risiko.

Und wer traut sich, das hinzuschreiben? Der Jörges. Ein Weltkolumnist.


Vorsicht mit Prognosen

Mai 2015. Der „Stern“ scheint nicht mehr zu glauben, dass Merkel 2016 zurücktritt. Er scheint sogar davon auszugehen, dass sie 2017 wieder zur Wahl antritt. Das macht seine Versuche, in die Zukunft zu schauen, aber noch nicht erfolgreicher. In einem Sigmar-Gabriel-Portrait schreibt Andreas Hoidn-Borchers, der 2007 Jörges als Berliner Büroleiter des “Stern” nachfolgte:

Am Ende der Legislaturperiode werden aus den Partnern Merkel und Gabriel mit großer Wahrscheinlichkeit direkte Gegner werden.

Hoidn-Borchers weiß das, weil er auch in Gabriel hineinschauen kann:

Auch wenn er es noch nicht zugibt, Gabriel hat innerlich akzeptiert, dass er antreten muss, egal, wie gut oder schlecht die Bedingungen sind. Er ist es der SPD schuldig. (…)

Aber es ist Gabriel. So einer wird seine Partei nicht hängen lassen, weil er keinen Bock auf Niederlage hat. Außerdem, was hätte er zu verlieren?

Die Stelle ist natürlich lustig, wenn man weiß, dass es doch etwas anders gekommen ist als von Hoidn-Borchers prognostiziert. Sie ist noch lustiger, wenn man weiß, was unter einem anderen Artikel von Hoidn-Borchers stand:

Andreas Hoidn-Borchers hat Merkel als Sprecherin der letzten DDR-Regierung erlebt und als Ministerin in Bonn. Er hätte nie gedacht, dass sie mal Kanzlerin wird – und dann so lange bleibt. Seither ist er vorsichtig mit Prognosen.


Kanzlerdämmerung

Sommer 2015. Mit der Ankunft vieler Flüchtlinge senkt sich die Sonne des „Stern“ über Angela Merkel. Eine vorübergehende „Kanzlerdämmerung“ beginnt.

„Jeder Flüchtling, der jetzt über Deutschlands Grenzen kommt, ist Angela Merkels Flüchtling“, schreibt das Blatt Anfang Oktober 2015 ganz in der Rhetorik der extremen Rechten. Historisch, also geschichtsbucheintragstechnisch, liege Merkel immer noch richtig:

Inzwischen werden ihr sogar Chancen auf den diesjährigen Friedensnobelpreis eingeräumt. Sie stünde damit in einer Reihe mit Willy Brandt, der die Auszeichnung 1971 für seine Ostpolitik erhielt.

Andererseits:

Es wird einsam um die Kanzlerin. Jeden Tag ein bisschen mehr.

Kanzlerinnendämmerung?

Zwei Wochen später buchstabiert der „Stern“ die Sache mal durch:

A wie Angela. A wie alternativlos. Wie lange kann das noch gut gehen?

(…)

Es fängt schon beim dritten Buchstaben im Alphabet an – dem C. Nichts ist Merkel wichtiger als das „christliche Menschenbild“.

Jetzt habe ich so viele Artikel über Merkel im „Stern“ gelesen, aber dieser Gedanke war darin zuvor nicht aufgetaucht.

Nach den Anschlägen in Paris im November 2015 formuliert der „Stern“:

Ihr steht ein schwerer Winter bevor. Am 22. November feiert sie zehn Jahre Kanzlerschaft. So viel Regierungskunst wie jetzt musste sie noch nie beweisen.

Und kurz darauf:

Auch auf der EU-Bühne zerfällt die Autorität der deutschen Kanzlerin rapide.

Die europapolitische Entzauberung der Angela Merkel verstärkt den Ansehensverlust daheim. Die Frau, die als hochgeschätzte Krisenmanagerin auf der internationalen Umlaufbahn noch vor Monaten unangreifbar schien, ist plötzlich angreifbar geworden.

Anfang 2017 beginnt die große Schulz-Euphorie. Der „Stern“ ist vorne mit dabei. Mitte Februar 2017 analysiert er:

Dies also könnte tatsächlich die Geschichte einer erstaunlichen Wendung sein – vielleicht wird es sogar die erstaunlichste, die die Republik je gesehen hat. Zu besichtigen ist derzeit: eine aufziehende Merkel-Dämmerung.

So einfach geht die aufregende Analyse beim „Stern“: Man greift einfach schon mal zur spektakulärstmöglichen Kategorie und packt sie in einen Konjunktiv. Andererseits scheint diese Dämmerung ja die am langsamsten aufziehende der Welt zu sein.

Umso schneller ist sie vorbei. Mitte Mai 2017 schreibt der „Stern“:

Merkel hat ihre Kanzlermüdigkeit vom Anfang des Jahres überwunden. Sie umweht wieder die Aura der Siegerin. (…)

Merkel-Dämmerung? Viele haben das auf dem Höhepunkt des Schulz-Hypes festgestellt, auch der stern. Sie hat es zur Kenntnis genommen. Schulterzuckend. Sie hatte Wichtigeres zu tun. Die Probleme dieser Welt warteten auf sie.

(Nach dem miserablen Ergebnis bei der Bundestagswahl schafft es das Gedämmere nochmal in den „Stern“. Ein anonymer angeblicher CDU-Mann sagt, die „Merkeldämmerung“ habe es doch schon vorher gegeben, ein anderer, sie komme erst noch. Na dann.)


Weltstaatsfrau

Zwischenzeitlich hat Merkel es aber noch einmal geschafft, einen neuen Titel zu erringen, zusätzlich zu „Weltkanzlerin aus der Uckermark“ und „Anführerin der freien Welt“, wie der „Stern“ sie nennt. Im Mai 2017 legt er nach:

Längst ist sie zur Weltstaatsfrau aufgestiegen, ein Titel, der nicht vergeben wird, der aber eine Aura verschafft. So wie es Helmut Schmidt irgendwann gelungen war, als Weltökonom gesehen zu werden. Das verschafft einen Nimbus. Und man muss schon viel anstellen, um den wieder loszuwerden.

Merkel ist mittlerweile sogar Weltstaatsfrau Nummer eins.

Man weiß nicht genau, wie lange sie vorher in den Weltstaatsfrauen-Top-10 war. Es ist natürlich auch nicht so wichtig, weil Titel wie der der Vize-Weltstaatsfrau nicht nur nicht vergeben werden, sondern bestimmt nicht einmal Auren verschaffen.

Merkel seien für 2015, 2016, 2017 Ausstiegsgedanken „angedichtet“ worden, schreibt der „Stern“ jetzt. Von wem, schreibt er nicht.

Aber nun, da sie in der Redaktion davon ausgehen, dass sie die Wahl gewinnen wird, fragen sie:

Was hat die Kanzlerin in den kommenden vier Jahren mit Deutschland vor – mit einem Land, das sie gern viel weltoffener, mutiger, neugieriger hätte, als es im grauen Alltag so ist? Was hat sie vor mit den Familien, den Flüchtlingen, ja, auch mit der „hart arbeitenden Mitte“? Oder mit dem Bildungssystem?

Sie selbst weiß es nicht. Es ist ihr auch nicht so wichtig.

Das kommt ein bisschen beiläufig daher, aber anscheinend will diese Kanzlerin also nichts außer regieren. Sie hätte das Land gern weltoffener, weiß der „Stern“, aber sonst weiß sie nichts und es ist ihr ein bisschen egal.

Immerhin weiß sie, was sie, wenn schon nicht mit Deutschland, so doch mit der Welt vorhat: retten. Vor Donald Trump. Sie hat da nämlich einen Kerl kennengelernt, den neuen französischen Präsidenten. Und nun weiß der „Stern“:

Es geht ihr darum, diese Welt zu retten – weil da einer ist, der diese Welt kaputt machen will. Jeder weiß, wer das ist. Sie muss ihn nicht einmal beim Namen nennen.

„Das ist ein neues Traumpaar“, schwärmt ein langjähriger Kenner der deutsch-französischen Beziehungen. Der Mann stellt die Beziehung von Macron und Merkel bereits in eine Reihe mit den legendären Duos de Gaulle/Adenauer und Mitterrand/ Kohl.

Weltgeschichte: check!

Vom „Vom Beginn einer wunderbaren Freundschaft“, schwärmt der „Stern“ und radebreakt: „Macht Trump good old Europe gar wider Willen great again?“


Neue Kleider

Mitte November 2017. Alles läuft scheinbar noch auf eine schwarz-gelb-grüne Koalition hinaus, und Hans-Ulrich Jörges kommt noch einmal darauf zurück, dass Merkel eigentlich schon längst nicht mehr Kanzlerin hätte sein sollen. Er schlägt vor, dass Regierungschefs nur noch so lange im Amt sein dürfen, wie er es vorhergesagt hat bis zehn Jahre um sind.

Zwölf Jahre amtiert Angela Merkel nun als Kanzlerin, vier weitere stehen ihr zu, sofern sie ihre Jamaika-Koalition zustande bringt. Die vier wird sie kaum durchhalten, zwei werden es wohl werden, vielleicht drei. Aber auch die sind, um Wahrheit und Klarheit die Ehre zu geben, schon zu viel. Am Beispiel Merkels lässt sich erkennen: Zehn Jahre hätten es sein dürfen. Zehn Jahre sind genug. Auf zehn Jahre sollte die Amtszeit von Kanzlerin oder Kanzler begrenzt werden.

Dann hätte es auch nicht mehr diesen misslungenen Wahlkampf gegeben. Der erinnerte Jörges teilweise an das Stück „Der Kaiserin neue Kleider“:

Die Kaiserin war nackt.

Im aktuellen Heft berichtet der „Stern“:

Merkel hört einfach nicht hin, als ihr ein Delegierter auf dem CDU-Landesparteitag in Kühlungsborn vorwirft, „machtgeil“ und „unpatriotisch“ zu sein. „Die Kaiserin hat keine Kleider an, sie ist nackt“ , ruft er in die Halle. Die anderen buhen ihn aus. Die Wahrheit will hier keiner hören.

Das ist die “Wahrheit”? Dass Merkel machtgeil und unpatriotisch ist? Einer der Autoren stellt auf Twitter klar, dass man das nicht meinte. „Wahr ist nur der Satz mit der Kaiserin, die keine Kleider an hat.“

Und keiner hat sie sich farbenfroher und abwechslungsreicher ausgedacht als der „Stern“.

12 Kommentare

  1. Tja, unter welthistorischen Sensationen macht es der Stern halt nicht. Immer bereit, Geschichte um- oder beizuschreiben… Das Blatt ist politisch so bedeutend und glaubhaft wie Erich von Daenikens Beweise für außerirdisches Leben. Fast zuviel der Ehre, die ihm mit diesem Artikel zuteil wird…

  2. Wundervolle Sammlung :-)

    Aber wenn man dem Stern vorhält, zu wenig journalistische Substanz zu liefern, tut man ihm Unrecht. Information? Analyse? Gottchen, erst diese Mühsal der Ebene beim Recherchieren. Und dann liest sich das doch so langweilig!

    Beim Stern weiß man, was man kann und was nicht. Der Stern will vor allem: unterhalten, Show!, und das gelingt etwa Hans-Ulrich Jörges aka Paul Pathos ein ums andere Mal.

  3. „Was den Artikeln an Substanz fehlt, verhängen Textgirlanden und Metaphern. Sprachmarotten spielen eine große Rolle.“

    Erzählen Sie das doch mal Ihrem Kollegen Pantelouris, nicht das der noch zum „stern“ geht!

  4. Klar, diese merkwürdigen Prognosen kann man kritisieren, auch den Pathos der Weltgeschichte in den Texten, ebenso die Auswahl von Titel und Titelfoto. Auch was die Autoren alles zu wissen glauben und dass Jörges sich widerspricht. Aber zu verlangen, dass jeder Journalist, der im „Stern“ über Merkel schreibt, einer bestimmten Blattlinie zu folgen hat (und sei sie auch noch so widersprüchlich), geht etwas weit. Es gehört zur inneren Pressefreiheit auch einer Illustrierten, dass sich Artikel verschiedener Autoren in ihren Aussagen widersprechen dürfen.

  5. Herrlich. So treffend. Immer, wenn ich den mit größter Bugwelle durch die Talkshows kurvenden Hochtöner Hans-Ulrich Jörges erlebe, wie er ex cathedra seine endgültigen Urteile verkündet, denke ich: Aus dem müsste man mal die Luft herauslassen. Jetzt ist es passiert. Jetzt kennt jeder die Halbwertszeit der stets mit größter Entschiedenheit vorgetragenen Jörges-Wahrheiten. Danke für dieses Stück, Stefan Niggemeier.

  6. Hat Sauer möglicherweise die Ehe für alle befördert, weil er dachte: „Warum sollten es Schwulen und Lesben besser gehen als mir? Ich werde hier in der Ehe nämlich total unterdrückt! Meine Frau verdient nicht schlecht, aber trotzdem haben wir weder Spülmaschine noch Wäschetrockner…“

    Ich find’s witzig. So ein Sternartikel könnte sich hier auch gut unter der „Topf-voll-Gold“-Rubrik machen, vom Kaffeesatzleseniveau her und so.

  7. @Mycroft
    Aufs Trefflichste analysiert! Ich bitte darum, die Stern-Artikel zu übernehmen. Kann nur besser werden dort!

  8. Frühjahr ’83.
    Von diesem journalistischen Supergau hat sich der „Stern“ nie wieder erholt.
    Dabei hat er mich sozialisiert.
    Der „Spiegel“ des kleinen Mannes. Unter H.Nannen noch.
    Ist Geschichte…
    Schade

  9. Winter ’59
    Von dem Skorbut hat sich die „Stern“ nie wieder erholt.
    Dabei hat sie so viele Matrosen sozialisiert.
    Die Gorch Fock des kleinen Mannes. Unter v. Stackelberg noch.
    Ist Geschichte…
    Schade

  10. Großartige Analyse. Aber nicht nur der Stern reduziert Politik gerne auf einen Machtkampf, das machen leider inzwischen fast alle Medien. Horse-Race-Journalism nennt man das in den USA, wenn über Politik nur noch wie über Pferderennen oder Sport berichtet wird. Es interessiert nur das Ergebnis. Ist ja auch viel einfacher als sich mit so komplizierten Dingen wie Inhalten auseinanderzusetzen, die den Leser sowieso überfordern.

    Beim hemmungslosen Psychologisieren von Politik ist auch der Spiegel mit seinen Star-Autoren ganz vorne mit dabei – dafür gibts als Dank auch jede Menge Journalistenpreise . In diesem Stück weiß etwa Alexander Osang erstaunenswerterweise ganz genau, was im Kopf von Merkel so vor sich geht (für den Nannenpreis nominiert).

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-65330394.html

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