Zeigt doch mal die Bilder!

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, über Magazinnamen zu reden, aber die Erfahrung zeigt, dass Magazinnamen egaler sind als als geschnitten Brot. „Neon“ war ein komischer Name, aber ein riesiger Erfolg, und „Neon“ ist auch schon nur ein halbkomischer Name in einem Markt, in dem Titel „GQ“ heißen können oder „Women’s Health“. Das kann man nichtmal aussprechen1. Nach drei Ausgaben spätestens ist wurscht, wie irgendwas heißt.

„Fotohits – Fotografieren und Filmen“ war möglicherweise mal ein hip klingender Name, wann auch immer diese dunkle Zeit gewesen sein mag, heute spielt es höchstens noch eine Rolle, wenn Menschen am Kiosk zwischen den wirklich vielen Fototiteln zum ersten Mal wählen, und für diejenigen hat der Verlag vorgesorgt und druckt das „Hits“ im Namen fast unsichtbar dünn. Aber wir sollten über Fotografie reden. Behaupte ich2.

Die Herausforderung bei jedem Special-Interest-Titel ist die Balance zwischen Tätigkeit und Equipment. Dafür gibt es keine Regeln, weil Hobbies, um die es meistens geht, aber auch Berufe viel zu unterschiedlich sind. Ich habe hier neulich über ein Schusswaffen-Heft geschrieben, und da spielt das Equipment natürlich eine viel größere Rolle, weil der Akt des Schießens an sich dann doch meist irgendwie ähnlich ist3. Bei einem Hobby wie Segeln verschiebt sich das in Richtung Fifty-Fifty, beim Boxen ist Equipment annähernd egal.

Im Markt der Foto-Magazine wirkt es auf mich als interessiert im Kiosk stehender Käufer, als wäre jedes Heft auf der Suche in seiner eigenen Zaubermischung aus Berichten über Equipment (Hard- und Software), technische Entwicklungen, Fotoschule4, berühmte Fotografen und ihre Bilder und Fotos, die Leser gemacht haben und aus Gründen einschicken. Dazu kommt hier ein Special über analoge Fotografie, die ein bisschen eine Mischung ist, natürlich voller Equipment, aber im historischen Kontext und mit der Frage, wie man mit ihm umgeht, was hier die Frage „behalten oder verkaufen“ einschließt.

Das führt zu einer kleinen Unwucht. Ich habe mit leicht fragwürdigen, eigenen und letztlich unerklärlichen Kriterien einmal durchgeprüft: Das Heft hat von Deckel zu Deckel 116 Seiten, und auf 23 davon sind Fotos, die vor allem anderen tolle Fotos sind und keine technischen Bebilderungen bestimmter Techniken oder briefmarkengroße Buchcover. Das sind ehrlich gesagt sogar noch mehr, als ich nach dem ersten Blättern geschätzt hatte, das Heft fühlt sich an, als wäre da sehr viel mehr Wert auf Technik gelegt worden als auf Fotografie.

Ich bin ein Fan von Fotografie, also wirklich, ein richtiger Fan mit Lieblingsfotografen und ein paar Originalen an der Wand zuhause, und ich fand das etwas enttäuschend, bis mir auffiel, dass auf dem Heft draußen nicht „Fotografie“ steht, sondern „Fotografieren“, und da machte sich neben der Enttäuschung vor allem Erleichterung breit, weil ich nämlich tatsächlich auch ein Fan bin von Equipment. Ganz besonders von Kameras. Ich finde, es sind wunderschöne Objekte und man kann davon nie genug haben. Und obwohl ich da nicht mehr so nerdig bin wie früher5 verstehe ich die Freude, am Computer irgendwelchen Quatsch mit den Fotos anzustellen, die man gemacht hat.

Aber die Fixierung aufs Fotografieren – im Gegensatz zu Fotografie – führt zu einer lustigen Nebenwirkung in „Fotohits“6: In dem Heft sind ziemlich viele ästhetisch unansprechende Fotos. Oder, um es noch besser zu sagen: Manche sind scheiß hässlich, mein Lieblingsbeispiel ist eine Seite mit zwei Bildern von einer langweiligen Landschaft, bei dem auf einem zwei langweilige Telefonmasten oder sowas im Detail gezeigt werden um die Leistungsfähigkeit eines Teleobjektivs zu zeigen. Das wirkt schon fast so, als hätte die Redaktion absichtlich unansehnlich fotografiert, um nicht von der technischen Leistungsfähigkeit abzulenken, aber das wäre ja Irrsinn. Ich glaube, da hat man sich einfach mit zu wenig zufrieden gegeben.

Auch Symbolbilder wie das eines Rucksacks, der gerade geklaut wird, sind geradezu lächerlich langweilig fotografiert, und das würde mich letztlich davon abhalten, „Fotohits“ zu meinem angestammten Fotomagazin zu machen, obwohl ich am Kiosk beim Blättern bei keinem so richtig glücklich war. Die meisten Bilder kommen von so genannten Stock-Agenturen, bei denen man billig das ödestes Material der Welt kaufen kann. Selbst das Titelbild kommt von so einer Agentur. Bei einem Fotomagazin macht mich das tatsächlich ein ganz bisschen traurig7.

Großartig lösen sie allerdings die Schul-Teile, bei denen jeder Idiot jeden Schritt verstehen kann, obwohl sie zumindest von da, wo ich stehe, anspruchsvoll sind. Ich werde jedenfalls beim nächsten Gewitter versuchen, einen Blitz zu fotografieren, ohne von ihm getroffen zu werden8.

Und dann ist da natürlich das zweite Titelthema „Afghanistan“, ein Interview mit dem großartigen Steve McCurry zu seinem neuen Buch über das Land, bebildert mit einigen der tollsten Aufnahmen. Es sind also fantastische Fotos im Heft, auch noch von Esther Haase und von Lesern bei einem Wettbewerb eingesandte9. Daneben sieht das Stockmaterial und das Technik-Geknipse allerdings echt traurig aus.

Insgesamt fühlt sich das Ergebnis dann an wie gut gewollt und an den mangelnden Möglichkeiten ein bisschen gescheitert. Ich sage das mit dem größten Respekt, man muss so ein Heft auch erstmal hinkriegen. Aber was mir am Kiosk wirklich gefehlt hat, ist ein Magazin, das Fotografie-Liebhaber, die auch noch gerne fotografieren, auch ästhetisch glücklich macht, ohne in komplette Auto-Fellatio abzubiegen wie die überdimensionierten Publikationen mancher Kamera-Hersteller. Ich glaube, der Markt kann an dieser Ecke etwas Luxus vertragen.

Über den Namen reden wir dann noch. „Bild“ wäre ganz gut. Kann mal einer gucken, ob das noch frei ist?

Fotohits
BetterNet GmbH
3,50 Euro

15 Kommentare

  1. Meiner Ansicht nach beginnt es jetzt überhand zu nehmen mit den Fußnoten. Zumal dort ja nicht etwa kurze Hinweise stehen, sondern mitunter ganze Absätze die man mit etwas Geschick auch in den normalen Text einarbeiten könnte. Der Artikel liest sich unnötig sperrig wenn man nach jedem 2ten Satz auf eine Fußnote klicken muß.*
    Zur Fotografie: Ich dachte eigentlich S/W ist Kunst, Farbbild ist für’s Volk. Stimmt die Faustregel nicht mehr?

    *Ja, ich muß da drauf klicken! Ich muß auch Luftpolsterfolie zerdrücken!

  2. Zu Fn 8: Blitze unter einer Brücke raus fotografieren? Im Ernst? Ist das nicht grob fahrlässig? War nicht bei Blitzgefahr das Auto der einzig sichere Ort? Könnte ein Physiker das bitte kurz klären? Es ist auch die Frage, in wie weit man Medien noch trauen kann.

  3. Das mit dem Auto kommt auch als Tipp., hab ich nur unterschlagen, weil ich mich unter eine Brücke stellen werde. Mangels Auto.

  4. Die Fußnoten sind unbedingter Teil des Werkes! Sperrig? Früher hat der engagierte Leser gescrollt. Lediglich das ewige Genörgel einiger Werkunkundigen hat aus Ihnen diese überkomfortablen Mouseovers werden lassen. ;)

  5. Als Physiker kann ich ganz klar sagen, dass wir die Falschen zur Beantwortung der Gewitterfrage sind.
    Physiker sind keine (bzw. die schlimmsten) “Sicherheitsexperten“.
    Trotzdem:
    unter Brücke = total sicher,
    Strom hasst Luft, der (elektrische) Widerstand ist furchtbar.
    In der Brücke (ich denke wir gehen alle von der typischen Bundesstraße-über Kreisstraßen-Brücke aus), ist Stahl, Strom liebt Stahl (nicht so sehr wie Kupfer, klar). Der geht sogar meistens etwas tiefer in die Erde, und da will der Blitz ja hin.
    Ergo: Bundesstraße über Kreisstraße is the place to be, wenn man kein Auto hat. Immer eigentlich.
    (Hab gegoogelt. Das sagen auch echte Gewittersicherheitsexperten)

  6. Unser Physiklehrer hat uns auch eingeschärft, daß die elektische Leitfähigkeit von Wasser sehr miserabel ist. Vielleicht ist es also am besten, bei einem Gewitter in einen See zu springen und möglichst weit raus zu schwimmen. Ich habe das aber noch nicht getestet.

  7. Für mich ist die oben an der Fußnotenverwendung geäußerte Kritik ebenfalls nicht nachvollziehbar. Die gehören dazu! Die müssen! Alles andere wäre eine Katasrophe.

  8. @Matthias Schmachr : NEIN, das war mein voller Ernst! Für mich liest sich ein Text nicht flüssig wenn ich ständig (aktiv) die „Fußnoten“ anklicken muß um dann mehrere Zeilen in einer Mini-Schriftgröße zu lesen. Mich dann wieder zurückorientieren muß zum Haupttext nur um 3 Zeilen später das Procedere zu wiederholen. Ich glaube der „Running Gag“ besteht inzwischen darin möglichst viel Text in möglichst vielen Fußnoten zu verstecken.
    Vielleicht bin ich wirklich „irgendwo in der Zeit stehengeblieben“ wie das mein Sohn einmal formulierte, aber ich kann mich nicht damit anfreunden wenn dieses Stilmittel inflationär verwendet wird. Tut mir leid!

  9. @8 Raoul: „Unser Physiklehrer hat uns auch eingeschärft, daß die elektische Leitfähigkeit von Wasser sehr miserabel ist. “

    Ist sie auch. Von reinem Wasser.

    Was er nicht erwähnte: Wasser ist nicht sehr „stabil“.
    Absolut reines, frisch destilliertes Wasser hat den PH-Wert 7,0. Wenn es aber eine halbe Stunde offen steht hat es schon 7,4-7,6 weil es Kohlendioxid aus der Luft als Kohlensäure bindet. Es enthält dann natürlich Ionen und ist … leitfähig.

  10. @Svetlana: „Für mich liest sich ein Text nicht flüssig wenn ich ständig (aktiv) die „Fußnoten“ anklicken muß“

    Sie sollten den Autor nicht für ihre Zwangsstörungen verantwortlich machen.

    Und das Fußnoten schlechter Stil sind ist den meisten hier durchaus bewusst, wird als Running Gag aber gern in Kauf genommen.

  11. @ Klaus Trophopie: Danke, das ist eine gute Erklärung und so ungefähr die, die ich mir von meinem Physiklehrer gewünscht hätte. (Er sagte aber auf meine Frage zu diesem Beispiel nur was im Sinne von: Ein Blitz ist halt so stark, da spielt Leitfähigkeit keine Rolle mehr.)

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.