Der Ernst des Lesens

Es wird jetzt hier langsam zu einer Tradition, dass ich am Anfang dieser Texte ankündige, warum diese Woche irgendwas besonders ist. Das nervt mich selbst. Es ist auch ein superdünner Textauftakt, weshalb ich mir jetzt vornehme, nachher nochmal über Textanfänge zu reden1. Erinnert mich dran.

Jetzt komme ich erstmal mit meinem billigen, tausendmal gehörten Einstieg: Das wird diese Woche ein bisschen schwierig hier alles. Aber wenigstens aus einem neuen Grund: Diese Woche habe ich das Konzept der zu besprechenden Zeitschrift tatsächlich und ehrlich nicht verstanden. Mir ist das ganze Ding ein komplettes Rätsel. Es heißt „Ernst – Das Gesellschaftsmagazin für den Mann“ und ist tatsächlich sehr ernst.

Ich hatte, ehrlich gesagt, noch nie von „Ernst“ auch nur gehört, aber sie waren so nett, eine Ausgabe an das Medienartikelherstellerkombinat Übermedien zu schicken. Ich weiß nicht genau, warum, aber es entstand schnell der Verdacht, sie wollten gerne von mir besprochen werden. Und jetzt sitze ich hier.

„Ernst“ ist optisch eine Mischung aus dem übercoolen, blassen Realismus des „Jetzt“-Magazins von 1997 und dem Hipster-Design-Trend der Nullerjahre, nämlich dem Unterdesignen. Die meisten Seiten sehen aus, als wären sie nicht ganz fertig. Das hat einen sehr eigenen Charme. Bei „Ernst“ gehen sie so weit, dass sie von der Titelseite alles fernhalten, da stehen nur der Name und Claim und die Nummer des Heftes (#3), selbst der Barcode und die kargen zusätzlichen Infos (16. Jahrgang, September 2017, CHF 15,-) stehen auf der Rückseite des Heftes, was nebenbei bedeutet, sie stehen auf einer Anzeige (für ein anderes Heft, nämlich die Schweizer Frauenzeitschrift „Annabelle“, die ich vorbehaltlos empfehle, weil die Chefredaktorin2 einer der Menschen ist, die ich am meisten liebe auf der Welt).

Das ist schon alles irre. Aber es bedeutet ganz konkret noch viel irreres3 Zeug: Ein großer Teil der Geschichten besteht optisch aus einer Headline, die mir nicht verrät, was im Text kommt, einem Foto, das mir nicht sagt, was im Text kommt, und einem Text, den ich tatsächlich lesen muss, um irgendwas vom Heft zu haben.

Das verstört erstmal. Wir haben gerade 20 Jahre hinter uns, in denen Texte so gestaltet wurden, dass man sie gar nicht mehr lesen muss, weil Vorspänne und Zwischenheadlines und aller möglicher anderer Kram dafür gesorgt haben, dass wir eh wussten, was drin steht, quasi auf einen Blick4. Und hier verlangt man plötzlich von mir, dass ich durch den Kauf eines Magazins erkläre, ich würde schon irgendwie annehmen, dass es sich lohnt, zu lesen, was da steht? Das sind mal dicke Eier, die der „Ernst“ da hängen lässt. Wenn man das nicht die ganzen 16. Jahrgänge durch gelesen hat, empfindet man das erstmal als Zumutung.

Aber wenn man dann mal liest, passiert etwas Merkwürdiges: Es bereichert. Ich weiß nicht, wie ich das sonst sagen soll, aber ich habe da ganz viel mit Gewinn gelesen. Es ist ein Interview drin mit einem Wissenschaftler, der erklärt, wie die Neurechten das offenbar vorhandene Bedürfnis der Neuentdeckung der eigenen Männlichkeit für sich besetzen, das ich als eines der erkenntnisreichsten Interviews des Jahres für mich verbuche. Es ist ein auf schwer zu greifende Art wirklich spannender Text über die beste Schweizer Hammerwerferin im Heft (als Titelthema, was schon schräg ist, weil Frau), die an sich nie eine Geschichte wäre, weil sie zwar die mit Abstand5 beste Hammerwerferin der Schweiz ist, aber auch mit Abstand6 nicht in der internationalen Spitze. Und es ist eine Geschichte drin, von der ich schwöre, dass ich sie klauen werde, nämlich von einem Typen, der in der Spülmaschine kocht, indem er Hähnchen im Bratschlauch zwischen das schmutzige Geschirr legt. So gut. Und eine Geschichte handelt davon, dass Ausrufezeichen nerven. Doch, echt wahr! (!!!)

Aber worum es tatsächlich geht, das haben mir letztlich doch erst die Kleinanzeigen verraten, in denen Coaches ihre Seminare anbieten, und da geht es ziemlich ausschließlich darum, wie man als Mann Mann ist und männlich und Mannsein entdeckt und irgendwas mit Männern. Da erst habe ich entdeckt, dass „Ernst“ insofern Programm ist, als es darum geht, ernsthaft Mann und als Mann ernsthaft zu sein.

Um es kurz zu sagen: Ich finde an diesem Heft fast alles falsch, aber auf so konsequent grandiose Art umgesetzt, dass am Ende ein wirklich tolles, eigenes, verqueres, großartig unbequemes Heft draus wird.

Ich sage hier zum ersten und hoffentlich letzten Mal überhaupt etwas zum Preis eines Heftes: 15 Franken sind ein bizarrer Haufen Geld7, aber ich habe diesen Sommer einmal Pasta auf einem Pappteller auf einem Zürcher Open-Air-Event gegessen, und die haben 19 Franken gekostet, deshalb wundert mich da nix mehr. Wahrscheinlich fühlt sich das für einen Schweizer günstig an.

Ich jedenfalls ziehe hier meinen ernsthaften, unironisch getragenen Hut vor „Ernst“ und stelle neidvoll fest: Wer lang hat, kann lang hängen lassen. Im Ernst.

Ernst
Verein Männerzeitung, Burgdorf
15 Franken

23 Kommentare

  1. Obligatorischer Sammelkommentar:
    Die Fußnoten wieder unter dem Text bitte!
    Die Fußnoten aber uach per Mouseover bitte!
    Die Fußnoten bitte ebenfalls zum zum Draufklicken bitte!
    Die Fußnoten bitte zum Draufklicken, als Mouseover und unter dem Text!
    (fehlt was?)

    Tipp an den Kolumnisten für’s nächste Mal:
    Entschlacken Sie Ihren Text indem Sie ausschließlich Fußnoten nutzen! Der Artikel selbst ist dann nur noch eine Zahlenfolge, die mehr als Lesereihenfolge-Empfehlung zu verstehen ist.
    So schlagen Sie gleich 2 Fliegen mit einer Klappe:
    1. Keine Beschwerden mehr über nicht auffindbare Fußnoten
    2. Die Textqualität steigt ins unmessbare, weil die Fußnoten ja nach einhelliger Meinung hier immer das beste in Ihren Kolumnen sind

  2. Die Fußnoten sind klickbar? Und im gleichen Design wie normaler Text? Während andere Links durchaus optisch zu erkennen sind? Das ist wirklich nicht intuitiv. Sicher stylisch & total hip und so, aber nicht intuitiv. Das finde ich schade.

    Ich schließe mich meinem Vorredner an: bitte klickbar und Mouseover und als Text unten :)

  3. Wenn man die Fußnoten nicht mag kann man auch einfach den Lesemodus des Firefox nutzen. Dann sind die Fußnoten kurioserweise spurlos verschwunden. :-/

  4. Was haben hier bloß einige für ein Problem mit den (im übrigen genialen) Fußnoten (sind das eigentlich Fußnoten, wenn sie gar nicht unten am Fuß…?)?

    Draufklicken, und der Kasten mit dem Text drin erscheint in groß.

    Draufhalten, und der Kasten mit dem Text drin erscheint in klein.

  5. Liegt das an den Fußnoten, dass meine Kommentare wiederholt nicht veröffentlich werden? Oder ist es nicht lustig genug, wenn ich mal – ganz im Ernst – schreibe, dass mir auch das Drumherum um die Fußnoten gefällt und ich mir jeden Tag den Dienstag wünsche. Oder gibt’s hier einen Trick oder einen Dazugehörfußnotenclub? Nur mal doof gefragt.

  6. Ein schöner Artikel (das Fußnotenfeature bitte auch für die Kommentare freischalten), der richtig Lust darauf macht, das Heft tatsächlich zumindest einmal zu kaufen. Die Bratschlauch-Spülmaschinen-Geschichte haben allerdings schon vor ein paar Jahren diverse Fernsehformate ausgeschlachtet, das bitte ich bei einer eventuellen Adaption zu bedenken.

  7. Ich mochte die alten Fußnoten und ich mag die neuen Fußnoten und wenn ich jetzt eine Fußnote einfügen dürfte würde ich noch darauf hinweisen, dass es unhöflich ist, einen Satz mit „Ich“ zu beginnen oder so ähnlich.

    Im übrigen war es wieder ein toller Text der viel Spaß zum lesen gemacht und wir sollten Sie an die Textanfänge erinnern.

  8. Die wichtigste Frage zur Fußnotenproblematik hat mal wieder niemand gestellt: Warum erscheint die Fußnote als Mouseover serifenlos, beim Draufklicken aber als Serifenschrift? Ich kann so nicht lesen.
    Im Ernst.

  9. Ich blocke Javascript (uMatrix – will nicht getrackt werden) und sehe keine Fussnoten – nirgendwo.

    Das Heft klingt interessant, zumal ich jemand Namens Ernst kenne.

  10. Man könnte die Fußnoten auch auf einer separaten Website veröffentlichen, dann kann man sich ganz gemütlich 2 Tabs aufmachen und hin und her springen.
    Oder mit Smartphone als Second-Fußnoten-Screen?
    Bereitstellung als RSS-Feed? Mit Push-Nachrichten in Google!
    Vielleicht sollten Stefan Niggemeier und Sascha Lobo daraus auch einen Podcast machen, sicherheitshalber.
    Oder ein Begleitvideo von Boris Rosenkranz zu jeder Kolumne – Ne, besser: Bei Veröffentlichung einen 3-stündigen Fußnoten-Livestream auf Twitch und Youtube!
    Die TV Medien nicht vergessen, auf die wöchentliche Pressekonferenz hinzuweisen.
    Am besten direkt auch eine Radio-Nachrichtenmeldung vorbereiten, sicher ist sicher.
    Social-media nicht vergessen:
    Facebook Post 2 Stunden vorher: „Sie glauben nicht, welche Fußnoten sich der Patelouris wieder ausgedacht hat – Nummer 6 haut Sie vom Hocker!“
    Twitter: „#PanteNote #uebermedien #Niggi – Diesmal sogar 1 Fußn. mehr als sons!!!!1“
    Instagram: „mittagessen direkt nach fußnoten! lecker!“
    etc.

    Alice Weidel kommentiert:
    „Geschmacklose Fußnoten in Bereicherer-Kolumne gefährden Identität tranditionsbewusster, deutscher Feuilletons!“

    Anton Hofreiter gibt sich gelassen:
    „Die Grünen haben schon for 11 Jahren ein Konzept zur korrekten Verwendung und Kommunikation von Fußnoten gefordert. Jetzt hat Deutschland mit uns die Möglichkeit, dieses endlich wahr zu machen!“

    Angela Merkel schcikt Steffen Seibert vor:
    „Der Sachverhalt wird genauestens von der Kanzlerin unter die Lupe genommen. Zu gegebener Zeit wird sich Frau Merkel dazu äußern. Klar ist, dass Kolumnen, die in Deutschland geschrieben werden, auch der deutschen Jurisdiktion unterliegen.“

    Horst Seehofer fordert eine Obergrenze für die Einwanderung von Kolumnenschreibern mit griechisch-klingegendem Namen, verbittet sich aber die Unterstellung, dies sei schon irgendwie rassistisch.

    Letzendlich wird die Mauer wiederaufgebaut und Msrtin Sonneborn kann endlich seine EU-Parlaments-Rente beanspruchen.

    „I swear I’m gonna pistol-whip the next guy who says Fußnoten.“

  11. @3: „… die Fußnoten ja nach einhelliger Meinung hier immer das beste in Ihren Kolumnen sind“ – Nö, sie sind meines Erachtens ein (wichtiges) i-Tüpfelchen.

    @17: Zählt das vorstehende Zitat auch?

    @14: „Allein für diese Kolumne lohnt es sich Übermedien zu abonnieren.“ – Exakt so sieht meine Motivation für das Abo aus.

    Mich würde interessieren, wie groß die Schnittmenge zwischen dem hier versammelten Michalis-Pantelouris- und dem Anja-Rützel-Fanclub auf SpOn ist.

  12. @18: Bei allem Respekt für Frau Rützel und ihre aufopferungsvolle Leidenschaft in Sachen Trash-TV, aber Herr Pantelouris spielt denn doch in einer anderen Liga. Zur Freude der übermedien-Abonnenten!

  13. Ist es mir erlaubt so etwas wie liebe gegenueber Michalis zu empfinden oder ist das zu viel fuer einen einfachen Leser seiner Kolumne? Schwierig, diese Lebensentscheidungen.

  14. Sorry, das sollte keine Kritik oder Schmähung sein, sondern nur ein Test. Tooltips sind tatsächlich im Kommentarbereich gesperrt (und der Asterisk ist nicht blau) oder mir ist ein Fehler unterlaufen. Immerhin hab ich nichts von Fußnoten geschrieben.

    Wahrscheinlich wollte ich allerdings irgendwas mit und über Fußnoten schreiben, bevor mich diese html tags abgelenkt hatten..

  15. Dann schaun mer mal, ob die Zeitschrift tatsächlich so ERNST ist wie sie heißt. Ich habe mir soeben ein Einzelheft bestellt. Bei Gefallen könnte ich mir ein Abo durchaus vorstellen.

    Danke M.P.

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