Ein Bild lügt mehr als tausend Worte

Normalerweise funktioniert Journalismus ja so: Man schaut sich die Fakten an und schreibt darüber eine Geschichte. Die Regenbogenpresse aber dreht das Prinzip praktischerweise einfach um: Man denkt sich eine Geschichte aus und verbiegt die Fakten dann so lange, bis sie dazu passen.

Fotos sind dabei besonders hilfreich. Schauen wir uns ein paar Beispiele an.

Die „Freizeit Express“ keucht auf ihrem aktuellen Cover:

Tatsächlich musste Máximas Tochter Alexia im Februar operiert werden, weil sie sich beim Skifahren – Oh, mein Gott! – das Bein gebrochen hatte.

Offiziell ein Routine-Eingriff, aber was bedeutet schon Routine für eine Mutter, die sich um ihr Kind sorgt?

Inzwischen ist aber wieder alles paletti.

Alexia kann heute wieder fröhlich lachen. Bestimmt saust sie auch im nächsten Winterurlaub ohne Angst wie ein Wirbelwind die Pisten hinab.

Wo da das Drama bleibt, fragen Sie? Nun, die „Freizeit Express“ hat sich folgenden Dreh überlegt: Bei Mama Máxima habe die Sache tiefe seelische Narben hinterlassen, sie werde sich noch lange „an ihre Ängste erinnern“.

So schnell vergisst eine Mutter eben nicht, wenn sie sich einmal so sehr um ihr Kind sorgen musste …

Zum Beweis hat die Redaktion dieses Foto abgedruckt:

Mit bangem Blick sieht Máxima in die Ferne. Keine Spur von ihrem Markenzeichen, dem fröhlichen Lachen. Im Gegenteil: Die Königin der Niederlande wirkt, als würde sie mit den Tränen kämpfen. Nur zu gut erinnert sie sich noch an den schrecklichen Unfall ihrer Tochter.

Klitzekleiner Haken: Das Foto ist 2013 bei einem Staatsbesuch in Venezuela entstanden – der Unfall geschah erst drei Jahre später.

Das ist natürlich keine Unachtsamkeit der Redaktion, sondern ihr journalistischer Alltag. Die große Titelstory der Ausgabe sieht so aus:

Mette-Marit ist die Frau von Haakon, dem Kronprinzen von Norwegen. In dem Artikel erklärt ein „Adelsexperte“, was „wahrscheinlich“ mit den Kindern der beiden geschehen würde, falls sich das Paar irgendwann mal scheiden lassen sollte.

Es gibt zwar eigentlich gar keinen Anlass, überhaupt an Scheidung zu denken (die beiden spazieren seit Monaten händchenhaltend durch die Weltgeschichte, posten verliebte Selfies und werden ständig beim Rummachen erwischt), doch juckt das die „Freizeit Express“? Nö.

Vieles spricht für eine Trennung im norwegischen Königshaus

… verkündet das Blatt und beginnt sogleich mit der Beweisführung. Beleg Nummer 1:

Immer häufiger weint sie [Mette-Marit].

Sieht man ja schon auf dem Cover. Und im Artikel noch mal:

„Freizeit Express“

In Wirklichkeit sind die Fotos fünf Jahre alt. Mette-Marit ist dort auf einer Trauerfeier zu sehen ist, wo sie vermutlich weniger um ihre Ehe weint als um ihren Stiefbruder und die 76 anderen Menschen, die kurz zuvor in Oslo und auf Utøya ermordet wurden. Aber die Redaktion hat noch einen zweiten Beleg:

Bildunterschrift:

Bei Mette-Marit und Haakon herrscht royale Eiszeit

Gut, das Foto ist schon vier Jahre alt, und bei den Olympischen Spielen in London, wo es entstanden ist, waren auch ganz andere Szenen zu beobachten, aber wenn die Redaktion beschlossen hat, dass Eiszeit herrscht, dann herrscht verdammt nochmal Eiszeit.

Und wenn die „Woche Heute“ … ach, sehen Sie selbst:

Michael Schumacher ist (auf dem kleineren Foto) nur von hinten zu sehen; es sieht aus, als hätte er Mühe, sich geradezuhalten. Seine Frau schaut ihn besorgt an. Man könnte meinen – und mit Sicherheit ist genau das die Intention der „Woche heute“ –, dass dies das erste Foto seit Schumachers Unfall ist, dass man ihn hier zum ersten Mal wieder sieht, nachdem jahrelang nur spekuliert werden konnte, wie es ihm wo.

Doch wer das Blatt in diesem Glauben kauft, wird wieder einmal getäuscht. Das Foto ist nicht aktuell, sondern „ein Bild aus guten Tagen“, wie es im Artikel heißt. Ein Bild, das „neue Hoffnung“ mache.

Es beweist: Egal, wie es Michael Schumacher derzeit gehen mag – er hat die beste Frau der Welt an seiner Seite.

Und die miesesten Journalisten in seinem Nacken.

Aber kommen wir zur Abwechslung doch mal zu einem aktuellen Bild.

Es wurde in London aufgenommen, bei einer Gedenkfeier für Polizisten, die im Dienst ums Leben gekommen sind. Laut der Bildbeschreibung der Fotoagentur spricht Prinz Harry dort gerade mit Angehörigen der Verstorbenen. Und wie man sieht, hat der Junge rote Haare.

Rote!

Haare!!

Prinz Harry, so die Schlussfolgerung der „Aktuellen“, habe womöglich schon seit Jahren eine heimliche Familie, die er vor der Öffentlichkeit versteckt.

[Nach der Trennung von seiner Freundin Chelsy] war Harry zwei Jahre lang allein. Angeblich. Außer – er hatte da schon längst eine kleine Familie … Und darf sie nicht zeigen?! Der niedliche, rothaarige Junge dürfte fünf Jahre alt sein. Hat Harry dessen Mama nach der Trennung von Chelsy kennengelernt? Vielleicht eine komplizierte Verbindung, wer weiß … Wie Harrys Oma, Queen Elizabeth, 90, wohl darauf reagieren würde? In ihrem Alter wäre so ein „Skandal“ vielleicht zu viel …

In Kürze dann: „Die Aktuelle“ exklusiv am Sterbebett der Queen. Die passenden Bilder hat die Redaktion sicher schon rausgesucht.

3 Kommentare

  1. Aber ehrlich ist sie, die „Freizeit-Express“!

    Jede Seite ist keinen Cent wert…steht ja schon auf dem Cover.

  2. @1: Das Layout ist so unfassbar schlecht, ich lese da „u, 99€“.
    Zwei Schriftgrößen in einer Zeile … ach komm, egal.
    Und das „Super!“ hätte man ja super in Versalien schreiben können – Verpasste Chance!

  3. … gibt es da nichts mit hübschen Brüsten?
    Sowas wie „Sankt-Pauli-Nachrichten“ und Herrn Broder o.ä.?
    Leider nicht mehr kurzweilig, sowas.
    Übermedien? Ich beginne zu zweifeln(verzweifeln).
    Schönes Wochenende…

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