offenbar

Eines vorneweg: Ich habe große Probleme, Worte zu hassen – lieber lasse ich für Worte erstmal die Unschuldsvermutung gelten und nehme stattdessen die Menschen (ihnen gegenüber bin ich des Hasses aber gleichermaßen unfähig) ins Visier, die bewusst Formulierungen schaffen, die in die Irre führen sollen. Oder wenn sie sorglos Worte verwenden, die in die Irre führen können.

Für beide Kategorien gibt es Dutzende Beispiele in unserem täglichen Sprachgebrauch. Aber besonders ärgerlich finde ich es, wenn Journalisten – also Menschen, die auch für ihren professionellen Umgang mit Sprache zurecht eine ordentliche Entlohnung einfordern – sich nicht die Mühe machen, bei ihrer Wortwahl innezuhalten und sich zu fragen: Mache ich hier meine Arbeit richtig? Anders gesagt: Ist die Information, die ich weitergebe, faktenbasiert – oder doch eher eine Vermutung?

Das Wort offenbar ist für mich in diesem Zusammenhang ein besonders Ärgernis. Überall begegnen wir ihm in Nachrichtenmedien, seien es nun Zeitungen, Radio- oder Fernsehsendungen und Online-Diensten. Beispiele von nur einem Tag gefällig? Voilà:

Offenbar fünf Tote bei Flugzeugabsturz.

Bußgeld-Regeln wurden offenbar verschärft.

Region Brüssel droht offenbar mit Ablehnung.

Kanada bricht offenbar Verhandlungen mit Wallonien ab.

Entgegen erster Berichte waren an Bord offenbar keine Mitarbeiter der Agentur Frontex.

IS ermordet offenbar hunderte irakische Zivilisten.

IS setzt offenbar Familien als „Schutzschilde“ ein.

Dreifache Mutter bei Familiendrama offenbar getötet.

Die Liste ließe sich täglich und länglich fortsetzen. Offenbar ist die aufgehübschte Schwester von könnte sein und weiß nicht so genau. Offenbar versteckt die Tatsache, dass man sich a) nicht die Mühe macht, genauer nachzufragen, b) keine Lust hat, die Quelle zu recherchieren oder c) es zu aufwändig findet, die Herkunft der Information anzugeben. Vermutlich gelten a, b und c auch im Doppel- oder Dreierpack.

Alles wäre ja nicht so schlimm, wenn offenbar immer in seiner adjektivischen Form verwendet werden könnte. Der Duden definiert und setzt dafür als Maßstab: „so, dass etwas klar zu sehen und zu verstehen ist.“ Eine offenbare Lüge zum Beispiel oder ein offenbarer Irrtum.

Als Adverb dagegen wird offenbar zum großen Verschleierer, zur fast schon allgegenwärtigen Nebelkerze im Informationsalltag. Um die Beispiele von oben nochmal aufzugreifen: Es ist die Aufgabe von uns Journalisten, vor allem im Sinne unserer Leser/Zuhörer/Zuschauer, nachzufragen. Waren es nun fünf Tote oder nicht? Wurden die Bußgeld-Regeln tatsächlich verschärft? Wer bestätigt uns, dass keine Mitarbeiter von Frontex an Bord waren? Welche Quelle haben wir für Morde an hunderten Zivilisten?

Wir dürfen uns nicht hinter dem Wort offenbar verstecken. Entweder wir wissen etwas – dann sollten wir es sagen. Oder wir wissen es nicht, dann sollten wir so ehrlich sein, das auch zuzugeben. Ansonsten spiegeln wir eine gefühlte Wirklichkeit vor, von der wir uns in Windeseile und vermeintlich ohne Gesichtsverlust wieder distanzieren können, wenn sich die Faktenlage ändert. Gelogen hat man dann nicht wirklich, aber ehrlich ist etwas anderes.

Also: Wo auch immer etwas in unseren Texten offenbar ist, sollten wir innehalten. Es gibt fast immer einen guten Grund, auf dieses Wort zu verzichten – allerdings erfordert das, auch fast immer, mehr Arbeit. Die sollte es uns wert sein, im Sinne der Wahrheitsfindung.

 

10 Kommentare

  1. Peter Klöppel ist echt ein Phänomen: passt bestens zu RTL, ohne eine Knallcharge zu sein.

    Aber so ganz nachvollziehen kann ich seinen Hass nicht. Bei haltlosen Verdächtigungen ist „offenbar“ natürlich schlimm. Aber wenn man wirklich nicht wissen kann, ob bei einem Flugzeugabsturz fünf oder mehr oder weniger Menschen ums Leben gekommen sind?

    Eine Sache wird ihm hier garantiert noch angekreidet, da kann ich das auch gleich machen: „Beispiele von nur einem Tag“ – man muss kein Dativ-Hasser sein, um das wüst zu finden.

  2. @Tobias Vielleicht kann man das „offenbar“ auch berufsmäßig deswegen nicht mögen, weil es vielen Medienmachern die ja auch ausgelebte „Freiheit“ gibt, Unklares trotzdem rauszuhauen und zwar um des Raushauens willen. „Offenbar“ ist die Bodenmatte, die Medien in diesen Tagen ziemlich oft für die Rolle-Rück- oder weniger verschämt Seitwärts benutzen – und meiner Meinung nach sieht das echt scheiße aus. So richtig stören scheints wenige. „XY offenbar Täter im Fall Z!“ „Spektakuläre Wende im Z!“ „XY offenbar nicht Täter im Fall Z!“

  3. In seiner adjektivischen Form ist das Wort aber auch nicht immer gern gesehen. Für Juristen beispielsweise ist diese Verwendung ein Zeichen (bzw. eine Bestätigung) für fehlende Argumente.

  4. Eng Verwandt mit „offenbar“ ist das von Journalisten auch gern benutzte
    „gilt als“ um jemanden zu klassifizieren, es aber nicht selber recherchiert hat und sich auf die Einschätzungen anderer verlässt. Nichts genaues weiß man nicht aber mit „gilt als“ kann man nichts falsch machen!

  5. Man sollte das Wort nicht zu sehr verteufeln. Wenn man es nämlich nicht alleinstehende gelten lässt, sondern in seinen Kontext einordnet, ist „offenbar“ durchaus hilfreich.

    In Radionachrichten etwa sind kurze Sätze wichtig, weil sie dem Hörverstehen helfen. Besonders der Leadsatz, also der erste Satz einer Meldung, sollte möglichst kurz sein, um dem Zuhörer ins Thema zu helfen. Nennt man aber schon dort eine möglicherweise komplizierte Quelle, führt das eher dazu, dass der Hörer den ganzen Satz nicht versteht. So kann man die Quelle in den zweiten Satz packen.

    Es geht also darum, gemäß Kloeppels c) dem Hörer Aufwand zu ersparen, nämlich Verständnisaufwand, nicht dem Journalisten.

    Schlimmer als „offenbar“ ist es dagegen, wenn man einfach mal drauflos schreibt und sich dabei auf nur eine einzige Quelle beruft, ohne sie zu prüfen, wie das etwa viele Medien nach der Bild-Meldung über den Tod von Manfred Krug getan haben.

  6. Ja das stimmt ..
    Der Journalist nimmt sich nicht genügend Zeit um die Nachricht zu überprüfen.
    Die Nachricht ist immer nur in etwa richtig, kann sein aber fehlt die genaue Feststellung!!!

  7. ————————————————–
    Erklärung ‚Offenbar‘ gefunden
    ————————————————–
    Die Überschriften unserer Medien werden immer reisserischer. Genau deshalb bekommt der Text ein nachgeschobenes ‚offenbar‘, um für den (aufmerksamen) Leser, den Juristen (der Reaktion) schonend den eigentlichen Inhalt zu übermitteln.

    Natürlich gibt es auch geschickter formulierende Autoren und Redaktionen, die mit eleganteren Wort- und Satzkonstruktionen, Verklausulierungen und Ausdrücken auskommen (ohne den Inhalt besser zu recherchieren) .

    Offenbar ist auch einfach offenbar geläufig.

  8. Herr Kloeppel verweist zu Recht auf den zutreffenden adjektivischen Gebrauch von „offenbar“ in Form eines seiner Synonyme, nämlich „evident“.
    „Eines“ deshalb, weil es weitaus mehr gibt, bspw. in seiner Bedeutung als „deutlich“: anscheinend, augenfällig, augenscheinlich, flagrant u.v.m..

    „Offenbar“ hat jedoch noch weitere Bedeutungen als das obige deutlich, nämlich offenkundig, erkennbar, einleuchtend, bekannt, eindeutig, begreiflich, stichhaltig, unmissverständlich, klar und anerkannt.

    Für jede dieser Bedeutungen gibt es wieder zahlreiche Synonyme, nur bspw. naheliegend, greifbar, ruchbar, bestechend, triftig, unzweideutig, einleuchtend, anschaulich, illustrativ, merklich, sichtlich usw. usf.

    Offenbar ist für jeden der Herrn Kloeppel missfallenden Anwendungsbereiche seines Hasswortes „offenbar“ ein bekannter und anerkannter Bedeutungsinhalt gegeben, weshalb ihm vielleicht nur die kaleidoskopisch-chamäleonische Vielfalt dieses janusköpfig in Potenz einherkommenden Wortes zuwider ist?

    Aber er leitete ja auch sympathisch ein, eigentlich keine Hassworte zu haben – quod erat demonstrandum.

    Der Berliner Tsp. brachte heute einen lesenswerten Artikel über die Heinrich Böll-Stiftung, Civic Charter, von Andrea Dernebach.
    Civic Charter formuliere grundlegende Menschen- und Beieiligungsrechte, die, obwohl offenbar banal, offenbar nur von 9 Staaten der Welt eingehalten würden.
    Was offenbar schwer ist, sonst wären es mit offenbar nur 9 Staaten offenbar ziemlich wenige.
    Offenbar sollen diese 9 Staaten aber nicht bekannt, oder gar belobigt werden, denn Frau Dernebach macht sie offenbar nicht offenbar, weder benennt sie die 9 noch wurden bislang Anfragen von Lesern danach, auch an die Redaktion, beantwortet.
    Meine Internetrecherche nach den offenbar glorreichen 9 blieb auch erfolglos, offenbar ist die Bundesrepublik Deutschland jedenfalls nicht dabei.

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