Plötzlich ist die AfD auch bei Forsa stark

Die Demoskopen sind sich einig: Die AfD wird bei der Abgeordnetenhauswahl in Berlin am kommenden Sonntag vermutlich nicht an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern.

Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstitutes Forsa, hatte noch vor wenigen Monaten gesagt, dass es durchaus möglich sei, dass für die AfD knapp werde.

„Der Trend für die AfD zeigt nach unten, auch bundesweit“, sagte er Ende April der „Berliner Zeitung“:

Screenshot: „Berliner Zeitung“

Als Hauptgrund sieht Güllner, dass das Flüchtlingsthema in der öffentlichen Debatte keine so große Rolle mehr spielt und auch faktisch sehr viel weniger Flüchtlinge in Deutschland ankommen als noch vor Monaten. „Die Flüchtlingsfrage hat für die AfD wie ein Magnet gewirkt, nun lässt die Sogwirkung nach“, sagte Güllner der Berliner Zeitung.

Die AfD verliere durch die veränderte Stimmung in der Bevölkerung zunehmend ihre Funktion als „Sammelbecken für Menschen mit rechtem Gedankengut“.

Das ist, falls es je so war, offenkundig nicht so geblieben. Nach der aktuellen Sonntagsfrage sieht Güllners Institut die AfD in Berlin bei 13 Prozent. Damit weicht Forsa nicht mehr stark von anderen Instituten ab: In deren jüngsten veröffentlichten Zahlen liegt die AfD bei 14 Prozent (Forschungsgruppe Wahlen, INSA) bis 15 Prozent (Infratest Dimap).

Dieser relative Konsens ist neu. Forsa hat lange deutlich niedrigere Werte für die AfD veröffentlicht als die Konkurrenz. In den vergangenen knapp drei Wochen gab es dann einen deutlichen Sprung von 10 auf 13 Prozent. Noch im Juli hatte Forsa für die AfD nur 8 Prozent gemessen – Infratest Dimap und INSA hatten kurz zuvor Werte von 13 und 14 Prozent angegeben.

Wie lässt sich der Sprung um drei Prozentpunkte erklären? Forsa wird mit der Erklärung zitiert, die AfD sei von den guten Wahlergebnissen bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern beflügelt. Andere Meinungsforscher sagen, solche Effekte hätten sich durchaus in der Vergangenheit bei unerwarteten Wahlerfolgen einer Partei feststellen lassen. Im konkreten Fall sei in den vergangenen Wochen aber keine Änderung im AfD-Niveau zu messen gewesen.

Anders als bei früheren Wahlen war das AfD-Ergebnis in Mecklenburg-Vorpommern in ähnlicher Höhe erwartet worden. Dass sie von ihrem guten Abschneiden dort beflügelt wurde, lässt sich auch bundesweit nicht unbedingt feststellen: Forsa sieht die AfD hier aktuell bei 13 Prozent, nach 12 Prozent in der Vorwoche.

Auf Nachfrage erläutert der Berliner Forsa-Bereichsleiter Peter Matuschek, dass der Anstieg der AfD-Werte bei Forsa in den vergangenen fünf Wochen auch „auf den – wie Hans-Ulrich Jörges es zurecht formuliert – ‚Wahlkampf der anderen für die AfD‘ zurückzuführen“ sei, nämlich:

auf die Debatte um ein „Burka-Verbot“, die Fokussierung auf das Thema innere Sicherheit durch CDU-Innenminister bzw. -Senatoren (Caffier und Henkel), die fünf Jahre für die innere Sicherheit im Land bzw. der Stadt zuständig waren, den andauernden Streit zwischen CSU und CDU um die Flüchtlingsfrage, etc.

Die meisten anderen Institute könnten diesen Effekt nicht sehen, sagt Matuschek, „weil sie nicht kontinuierlich bzw. überhaupt noch nicht nach der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern gefragt haben“.

Sie haben allerdings seit der Wahl in Berlin gefragt.

Spricht man die Konkurrenz auf Forsa an, bekommt man oft Stoßseufzer zur Antwort. Mehrere Institute wollen sich nicht öffentlich zu Güllners Zahlen äußern, können sie aus ihren eigenen Umfragen aber nicht nachvollziehen.

Bei relativ jungen Parteien fällt eine genaue Einschätzung der Wahlaussichten oft schwer. Unklar ist bei der AfD auch, in welchem Maße potentielle Wähler ihre Sympathie für die Partei verschweigen oder sich Umfragen verweigern. Bei den Landtagswahlen im Frühjahr hatten die Demoskopen die AfD deutlich unterschätzt.

Bei Forsa ist von Konkurrenten aber auch der Verdacht zu hören, die niedrigen AfD-Ergebnisse könnten politisch motiviert sein. Manfred Güllner warnt seit langem davor, die AfD zu wichtig zu nehmen. In dieser Woche schrieb er anlässlich der Kommunalwahlen in Niedersachsen zum wiederholten Mal, dass die AfD-Wähler „einem bestimmten und recht homogenen radikalisierten Segment der Gesellschaft“ entstammten. Der große Unmut über die politischen Akteure zeige sich dagegen eher durch Nichtwahl.

Seit über einem Jahr sagt er voraus, dass die AfD ihren Höhepunkt erreicht oder überschritten habe. Ende November 2015 sagte er, dass die AfD „mit sieben oder acht Prozent die Schallmauer erreicht hat. Sie wird keinesfalls zweistellig werden. Das ist absoluter Unfug.“

Im Februar 2016 nannte er eine Schallmauer von zehn Prozent: „Damit hat sie ihr Potenzial weitgehend ausgeschöpft.“

Aktuell sieht Forsa die AfD bundesweit bei 13 Prozent.

Was hat sich seit Güllners Aussage im April geändert, es könnte für die AfD knapp werden mit der Fünf-Prozent-Hürde: die Stimmung oder die Einschätzung durch Forsa? „Die Stimmung“, antwortet Matuschek.

Die Medien, die Forsa mit Meinungsumfragen beauftragen, scheinen unbeirrt, dass Güllners Aussagen über die AfD regelmäßig von der Wirklichkeit dementiert werden. Bundesweit arbeiten RTL und der „Stern“ regelmäßig mit Forsa, in der Berlin ist es die „Berliner Zeitung“. Als die Nachrichtenagentur dpa die neuen Forsa-Zahlen meldete, wies sie auf den Unterschied zu anderen Instituten hin:

Die Meinungsforscher [von Forsa] sehen die Rechtspopulisten bei 13 Prozent. Das sei, beflügelt von der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern, ein Plus von drei Punkten verglichen mit Ende August. Andere Umfragen sehen die AfD allerdings schon länger bei bis zu 15 Prozent

Warum die Zahlen von Forsa immer wieder so sehr von denen anderer Institute abweichen, bleibt letztlich unklar. Fest steht nur, dass sie in bemerkenswerter Weise oft die politischen Forderungen Güllners zu bestätigen scheinen.

Zwischen den Wahlen gibt es kaum eine Möglichkeit zu überprüfen, welche Umfragen die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung tatsächlich am treffendsten wiedergeben. Erst die Wahl selbst ermöglicht in gewissem Maße einen Realitätscheck. Unmittelbar vor der Abgeordnetenhauswahl in Berlin hat Forsa in Bezug auf die AfD seine abweichende Position weitgehend aufgegeben.

Quelle aller Umfragezahlen: wahlrecht.de

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26 Kommentare

  1. Mal ganz abgesehen von der im Artikel enthaltenen berechtigten Kritik an Herrn Güllner und Forsa: Was ist denn das mit der Schallmauer eigentlich für eine Metapher?
    Die Schallmauer kennt man doch vor allem daher, dass sie dauernd durchbrochen wird. Wenn man sagen will, dass da eine Grenze ist, die voraussichtlich nicht überschritten werden kann, sollte man dann nicht was anderes nehmen?

  2. @ 1: Da bietet sich dann die ‚Lichtmauer‘ an, die kann nicht durchbrochen werden. Das hieße auf Wahlen übertragen allerdings 100% der Stimmen.

  3. Güllner ist SPD-Mitglied. Als Wahlforscher hat er sich längst disqualifiziert. Warum er überhaupt noch Aufträge bekommt? Damit gewisse Medien die AfD nach unten schreiben können.

  4. Kann man hier den Versuch der „Meinungsmache“ erkennen? Also das güllen die ganze Zeit versucht hat die AfD kleiner zu machen als sie tatsächlich ist/war um was auch immer zu errreichen? Diese Verhalten kann man ironischerweise in beide Richtungen interpretieren.
    Entweder zugunsten der AfD die so mehr „Raum“ bekommt.
    Oder zulasten der AfD die man so versucht klein zu halten um andere Wähler nicht auch noch hin zu locken.

  5. Güllners abweichende Meinung beschert ihm regelmäßig Schlagzeilen, eine bessere Werbung, da kostenlos, kann er sich nicht wünschen. Wichtig ist nur, dass er rechtzeitig kurz von den Wahlen die Kurve bekommt, weil zu hohe Abweichungen schlecht für das Geschäft sind. Seriöse Medien sollten Forsa bis drei Tage vor der Wahl ignorieren, da es nicht nachprüfbarer Humbug, Kaffeesatzleserei oder im schlimmsten politisch motivierte Stimmungsmache ist. Seit die AfD sicher die 5-Prozent übersteigt, wird auch niemand mehr aus Angst vor einer verschenkten Stimme von der Wahl abhalten lassen. gefährlich sind die Umfrageergebnisse jetzt nur für die FDP. Forsa zeigt 5% an, hätte aber auch genauso gut 4 oder 6 % zeigen können.

  6. #5, Thomas Huber:

    Was halten Sie denn von INSA und deren Verflechtungen mit der AfD?

    http://www.deutschlandfunk.de/meinungsforschungsinstitut-insa-umfragen-fuer-die-afd.862.de.html?dram:article_id=345327

    Oder ist das alles „Lügenpresse“? Wie auch immer: für Sie muss es doch befreiend sein, dass Stefan Niggemeier in seinem kleinen Privatkrieg mit Güllner nicht nachlässt. „Übermedien“ schützt die AfD gegen Güllner, schützt Frauke Petry gegen die „Welt“ und gegen übereifrige Journalistenschüler, steht Höcke bei im Kampf gegen falsche FAZ-Zitate und Hitlergruß-Bebilderungen und empört sich vehement über die Empörung über Gauland.

    Mögen auch „gewisse Medien“ versuchen, die AfD runterzuschreiben, wie Sie sagen – hier wird das ganz gewiss nicht passieren. Nicht etwa, weil das hier ein AfD-freundlicher Blog wäre. Sondern deswegen, weil man davon lebt, den „etablierten“ Medien Fehler nachweisen zu können. Und weil diese Medien ihrerseits schon der AfD Fehler nachweisen, passt das hier nicht ins Geschäftsmodell.

  7. Abgesehen von den Diskrepanzen in den Wahlumfragen, finde ich es grundsätzlich eine schlechte Angewohnheit bei solchen Zahlen den Fehler nicht mit anzugeben!

    Daran könnte man ja zusätzlich die Qualität der Angaben abschätzen.

    Ohne die Angabe des Fehlers, könnten Leute glauben, dass die Kommazahlen tatsächlich so genau sind wir sie es suggerieren.

  8. Danke für die ergebnisoffene Analyse. Forsa ist in der Tat auffällig mit Bezug auf die AfD, und das seit mindestens seit einem Jahr. Diese Ausreißer nach unten haben sich in den Wahlergebnissen eben nicht verifiziert.

    Die „Zeit“ hat dann auch 2015 mit Hinweis auf niedrigere Forsa-Umfrageresultate versucht Insa zu diskreditieren oder zu denunzieren, weil die publizierten Umfrageergebnisse auffällig hoch seien. Gesinnung und politisch genehme Meinungsforschung sind eben nicht zwei ganz getrennte Welten:

    http://www.zeit.de/2015/48/alternative-fuer-deutschland-wahlprognosen-erfurter-insa-institut

  9. Güllners Spiel ist doch offensichtlich. Als SPD-Mann kann er doch gar nicht neutral sein. Mit seinen angeblich repräsentativen Umfragen versucht er, so wie auch im obigen Artikel dargestellt, seine Thesen zu stützen, die aber mit schöner Regelmäßigkeit von der Realität widerlegt werden. Je näher die Wahl rückt, umsomehr muss Forsa fürchten, sich am Ende mit seinen falschen Zahlen vor der Konkurrenz zu blamieren. Ein Forschungsinstitut, das mit seinen Resultaten immer daneben liegt, bekommt keine neuen Aufträge. Das und nur das ist der Grund, warum die AfD-Zahlen kurz vor der Berlinwahl nun auch bei Forsa nach oben gehen.

  10. Warum macht Güllners SPD-Mitgliedschaft ihn automatisch voreingenommen? Hier geht es doch eher darum, ob er sich und sein Institut als politische Akteure begreift. Da spielen seine politischen Ansichten natürlich eine Rolle, aber nur weil eine Person Mitglied einer Partei ist, heißt das doch nicht automatisch, dass sie tendenziös für diese Partei arbeitet und nicht neutral sein kann.

  11. Zumindest die Hochrechnungen besagen: Forsa, was immer man von diesem Institut halten mag, hatte die beste Schätzung.

    „Spricht man die Konkurrenz auf Forsa an, bekommt man oft Stoßseufzer zur Antwort.“

    Das wird morgen sicher ebenso sein. ;-)

  12. Respekt: guter Beitrag mit schönem Timing.
    Die meisten Wahlvorhersagen waren schon einige Zeit vor dem Wahltag überwiegend nah am Ergebnis, bei fast allen Parteien. Forsa bestätigt die Regel. Die Schweigespirale zur AfD scheint beendet zu sein, und Berlin ist doch nicht so viel anders als die geschmähte Provinz.

    #9
    INSA hatte die AfD seit Juli stabil bei 14%: Volltreffer!
    Aber die Grünen systematisch zu hoch:
    http://www.wahlrecht.de/umfragen/landtage/berlin.htm
    Viele Institute hatten die Grünen zu hoch, alle hatten sie höher als die Linke. Das war die eigentliche Überraschung am Wahlabend.
    „Stefan Niggemeier in seinem kleinen Privatkrieg mit Güllner“
    Privatkriege allerorten, nur Theo fährt immer öffentlich und friedlich nach Lodz.

  13. @Andreas Müller: Ich bin mir nicht sicher, ob Sie Wesen und Ziel dieser „Sonntagsfragen“ verstanden haben. Es geht nicht darum, möglichst früh das tatsächliche Wahlergebnis vorherzusagen. Es geht darum, die Stimmung in der jeweiligen Woche abzubilden. Insofern ist auch das „Volltreffer“-Gejubel Unsinn, weil INSA die AfD „seit Juli stabil bei 14%“ hatte. Vielleicht lag die AfD im Juli gar nicht bei 14%. Wir wissen es nicht.

    @theo: Tja. Hochrechnungen sind Hochrechnungen. Am Ende lag nun Forsa sogar am weitesten weg von den vier Instituten.

    Aber selbst wenn die AfD bei 11,5 Prozent gelandet wäre, wie die ARD-Prognose von Infratest Dimap um 18 Uhr lautete, hätte sich damit keine der Fragen an Forsa erledigt, die dieser Text behandelt.

  14. @Idioteque #13
    *this

    Man mag ja Herrn Güllners Integrität anzweifeln. Aber dann ist das eine Sache seiner Persönlichkeit, nicht der Gruppen, Parteien oder Vereine, der er angehört.

    @H. Waldner #12
    Können wir solche Pauschalverurteilungen auch mal bleiben lassen? Sie sagen damit mehr über sich als über Herrn Güllner oder SPD-Angehörige.

  15. @Stefan („Hochrechnungen sind Hochrechnungen. Am Ende lag nun Forsa sogar am weitesten weg von den vier Instituten.“)

    Touché.

    Aus meiner Sicht zeigt das aber auch, wie schwierig mittlerweile eine exakte Vorhersage ist.

  16. Es fällt mir schwer, bei einer Wahlprognose an einfache manipulative Eingriffe über die Frage-Formulierung oder angebotene Antwortoptionen zu glauben. Auch wenn man gelernt hat, andere veröffentlichte Ergebnisse von Forsa-Umfragen erst mal auf die beiden Punkte überprüfen zu müssen.

    Was die meisten von Ihnen wissen werden, aber vielleicht nicht alle:
    Exakte 1:1 Wiedergabe der Wahlabsicht, direkte Mittelwerte der Rohdaten werden idR unter dem Titel „Politische Stimmungslage“ veröffentlicht.
    Für die Wahlprognose/-vorhersage werden die Rohdaten mit Korrekturfaktoren verrechnet, deren Algorithmus sozusagen die Geheimformel der Institute ist. Diese Faktoren werden sicherlich/vermutlich/denkichzumindest kontinuierlich nach jeder (öfter mal) Wahl mithilfe der frischen Daten neu justiert.
    Wenn man sich die Infratest vs. Forsa-Prognosen ab 2015 betrachtet, könnte die Beschaffenheit dieser Korrekturfaktoren zumindest teilweise für die Unterschiede verantwortlich sein.

    Im Frühjahr 2015 lagen beide mit 4-5% im selben Korridor. Bis in den Spätherbst gibt es leider nur Forsaumfragen, mit bis auf 2% sinkenden Werten. (Durch die in der Grafik direkt über 8 Monate gezogene, stetig ansteigende ITD-Linie bis zur Novemberumfrage legt hier allerdings unabsichtlich visuell eine ebenfalls stetig steigende Abweichung nahe, für die es keine Daten gibt. Das ist etwas unglücklich.)

    ITD wird erst im November wieder aktiv und ermittelt auf Anhieb fast eine Verdoppelung der eigenen AFD-Werte, von 5 auf 9%. Und bei den annähernd monatlich neuen Umfragen ab dann einen zügig steigenden Stimmenanteil, der ab April 2016 zwischen 13 und 15% schwankt. Auch bei Forsa steigt der AFD-Wert wieder an, nur derart wesentlich geringfügiger, dass der ITD-Wert immer noch fast doppelt so hoch ist.

    Der hier diskutierte, plötzliche Anstieg der Forsa-Werte beginnt sehr verzögert, verteilt sich auf 2 getrennte Phasen, zeichnet aber eine ähnliche Entwicklung auf.

    Die wohlwollende Hypothese:
    Forsa hat einen starken Zeitpuffer-Korrekturfaktor implementiert, um die Wahlprognose nicht durch kurzfristige und -lebige Effekte verzerren zu lassen. Oder Erfahrungswerte eingerechnet, dass es bei noch lange austehenden Wahlterminen herausrechenbare systematische Verzerrungen für/gegen bestimmte Parteien gibt. Das kann dazu führen, dass tatsächliche Entwicklungen erst verzögert abgebildet werden.

    Der Zeitverzug ist allerdings so enorm, dass das den Last-Minute-Aufschwung nicht in Gänze plausibel macht.

    Nun weiss ich nur theoretisch, wie man solche Umfragen eigentlich macht, ohne selbst praktisch im Machinenraum mitgeschraubt zu haben, vielleicht schiesse ich da an der Praxis vorbei. Die folgende Aussage Güllner’s dazu in der BZ hat mich erst mal verstört:

    „Die zum Teil sehr unterschiedlichen Werte einzelner Umfrage-Institute erklärte der Forsa-Chef mit jeweils anderer Methodik. Offenbar rechneten manche Institute Dunkelziffern ein, sagte Güllner, also potenzielle AfD-Wähler, die ihre Haltung in Befragungen nicht zugeben wollten“

    Damit wäre meine wohlwollende Vermutung hinfällig. Und auch die weniger wohlwollende (Wäre: Der Forsa-Faktor für heimliche AFD-Wähler ist grottenschlecht).

    Damit wären das aber ohnehin keine Prognosen, was Forsa da veröffentlicht. Falls Forsa auch keine „Dunkelziffern“ nutzt, um Stichprobenabweichungen auszugleichen, müssen sie bei jeder Umfrage immer genau eine perfekt repräsentative Auswahl zufallstreffen oder sehr, sehr, sehr viel Aufwand treiben, bis Sie die passenden 500 bis 2000 beisammen haben.

    Nicht, dass an der Front dann womöglich eckige Klötzchen in runde Slots gehämmert werden…das könnte schlimmstenfalls auch systematische Artefakte erzeugen. (Was meine Worst-case-Hypothese wäre)

    Güllner’s eigene Analysen lassen zumindest einen Schluss zu:
    Er ist darauf festgelegt, dass die AFD ausschließlich vom Flüchtlingsthema profitiert und dass ihre Wähler alle von verfestigt rechtsextremer Gesinnung sind. Für meinen Geschmack etwas zu festgelegt, für jemanden der sich solche Daten immer mit einem frischen Blick ansehen können sollte.

  17. #16 Stefan Niggemeier
    „Es geht darum, die Stimmung in der jeweiligen Woche abzubilden… Wir wissen es nicht.“
    Mit dem ersten Teil haben Sie theoretisch Recht. Der Schluss besagt, dass sich dieser theoretische Anspruch nur zum Wahltermin verifizieren lässt. Mit zunehmendem Abstand zum Wahltermin bildet sich also eine immer weniger beaufsichtigte Spielwiese für Kaffeesatzleser und Spin-Doktoren.
    Die Grafik oben mit den Prognosen der 4 Institute zeigt keinerlei Ansatzpunkt dafür, dass irgendein Institut bzgl. AfD besser gearbeitet hat als INSA. Dieselbe Grafik zeigt aber, dass Forsa ganz anders arbeitet als die drei anderen Institute. Dass Forsa weniger seriös arbeitet, kann man vermuten, aber daraus allein nicht beweisen, solange man davon ausgeht, dass die Antwort auf die Sonntagsfrage jede Woche ganz anders ausfallen kann. Der gesunde Menschenverstand legt aber nahe, dass die Sonntagsfrage einigermaßen konstant beantwortet wird, solange nicht wichtige Ereignisse und Entwicklungen das Meinungsbild beeinflussen. Für die letzten Wochen vor der Wahl sind diese im Fall der Forsa-Kurve für die AfD nicht plausibel, vor allem nicht im Vergleich zu den drei stabil prognostizierenden Instituten.
    Der Verdacht auf unseriöses und extravagantes Arbeiten bei Forsa wird zusätzlich dadurch genährt, dass Güllner als Kopf mit dem Institut praktisch identisch ist, während die anderen von Einzelpersonen unabhängiger auftreten. Und natürlich von solchen willkürlichen Interpretationen:
    http://www.stern.de/politik/deutschland/forsa-chef-guellner-ueber-den-40-prozent-wert-der-csu-6894496.html
    http://www.stern.de/politik/ausland/angela-merkel-umfrage–schlechte-zahlen-sind-relativ-6996622.html
    Güllner ist ein lupenreiner Spin-Doktor, der sich auf der oben festgestellten Spielwiese derart hemmungslos austobt, dass unter seinem demoskopischen Mäntelchen regelmäßig der rote Pavian-Popo herauslugt. In einem solchen Fall kann auch die seriöseste Krawatte nichts mehr retten.

  18. @Earonn – Sie schreiben:
    „Können wir solche Pauschalverurteilungen auch mal bleiben lassen? Sie sagen damit mehr über sich als über Herrn Güllner oder SPD-Angehörige.“

    Was Sie aus meinen Statements ableiten, ist Ihre Sache und es ist meine Sache, mich so zu äußern, wie ich das für richtig halte, auch auf die Gefahr hin, dass Ihnen meine Meinung nicht passt. Das müssen Sie halt irgendwie ertragen.

  19. „Der gesunde Menschenverstand legt aber nahe, dass die Sonntagsfrage einigermaßen konstant beantwortet wird, solange nicht wichtige Ereignisse und Entwicklungen das Meinungsbild beeinflussen. Für die letzten Wochen vor der Wahl sind diese im Fall der Forsa-Kurve für die AfD nicht plausibel“

    Innerhalb weniger Tage ereigneten sich: LKW-Terroranschlag in Nizza, Amoklauf in München, Messerattentat im Regionalzug(und weitere zeitnahe Ereignisse, die in der Wahrnehmung vieler aufs Islamterror-Konto eingezahlt haben): Im Anschluss steigen die Werte sowohl bei Forsa wie auch bei ITD einigermassen parallel an, „nur“ von verschiedenen Ausgangsniveaus aus.

  20. @ 5: Wer SPD-Mitglied ist und nicht zur haselnussbraunen Dingsbums wechselt ist also was? Ein Volksverräter?
    Ich bin blond, blauäugig, schlank und völkischen Blutes. Ausserdem des Denkens mächtig.
    Deswegen sind mir Menschen ihres Schlages unsäglich zuwider…

  21. #22
    Die Anschläge von Nizza, Würzburg, München und Ansbach fanden zwischen dem 14. und 24. Juli statt.
    ITD hatte die AfD in Berlin aber seit dem 13. April stabil zwischen 13 und 15%. Daraus könnte man folgern, dass das entweder in Berlin wenige bewegt hat oder nur diejenigen, die sowieso schon AfD wählen wollten.
    Forsa hatte die AfD von Anfang Februar bis Ende Juli in einem ebenso engen Band von 7-9%. Bei der Umfrage, die bis 28. Juli durchgeführt wurde, kam Forsa nur auf mittlere 8%. Erst in der ab Mitte August durchgeführten Umfrage waren es dann 10%. Das wäre ein ziemlich später Anstieg, um ihn noch auf die Anschläge zurückzuführen.

  22. #24:

    Ja, meine „Erklärung“ überzeugt mich selbst auch nicht wirklich. Wenn man bemüht nach möglichen Gründen sucht, könnte man sich das so zurechtbacken:

    a) Die ITD-Werte waren damals zu hoch
    b) Das zeigt sich auch an dem ausbleibenden Anstieg nach den Anschlägen
    c) In der Juli-Umfrage wurde der Effekt der Anschläge durch einen Zeitfaktor weitgehend rausgerechnet.

    Wie gesagt: Könnte. Ereignisse gab es schon. Aber so richtig sieht es nicht danach aus.

    Interessant finde ich ja auch die beiden, zeitversetzten „Dellen“ bei beiden Instituten. Welche davon zeitlich die Boateng-Delle sein muss ist mir nicht klar. Aber bei ITD erholt sich der Wert schnell wieder, bei Forsa nicht. Ich kann mich da nur dem Tenor des Artikels anschliessen: Mysteriös es ist.

    Vielleicht ein Update, eine Neuberechnung des Korrekturfaktor-Sets? Wo sind denn die Whistleblower, wenn man mal einen braucht?

  23. Wobei die fragliche Erhebung vom 18-28 Juli lief, also bevor viele der Befragten den Eindruck einer kontinuierlichen Terrorserie gewinnen konnten.

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