nichtsdestotrotz

Hasswort

„Sie war nicht glücklich, trotzdem war sie verliebt.“

Das können wir uns vorstellen.

„Sie war nicht glücklich, nichtsdestoweniger war sie verliebt.“

Ja, etwas altmodischer ausgedrückt, aber es meint dasselbe: warum sollte sie sich nicht dennoch verlieben? Im Wörterbuch der Brüder Grimm von 1889 heißt es noch altmodischer: nichtsdestominder.

„Sie war nicht glücklich, obwohl sie verliebt war.“

Das ist sehr traurig für sie, aber es ist durchaus denkbar, unglücklich und dennoch verliebt zu sein.

„Sie war nicht glücklich, nichtsdestotrotz war sie verliebt.“

Was soll das denn sein? Nichtsdestotrotz? Wo, bitte, soll dieses Wort herkommen? Es ist eine unsäglich Mischung aus nichtsdestoweniger und trotzdem, und es schleicht sich nicht nur mehr und mehr in die Umgangssprache, nein, auch Autoren und renommierte Übersetzer verwenden es bereits in literarischen Texten und bringen mich dazu, ein Buch in die Ecke zu feuern, gemäß einer Ansage der guten, bösen Dorothy Parker, die in einer Kritik schrieb: „Dieses Buch sollte man nicht einfach aus der Hand legen, man sollte es mit aller Kraft in die Ecke feuern.“

Obwohl es vielleicht ansonsten ein gutes Buch ist. Aber nichtsdestotrotz!

Im großen zehnbändigen Wörterbuch der deutschen Sprache übrigens ist nichtsdestotrotz schon 1999 als „scherzhafte Mischbildung“ verzeichnet. Missbildung würde mir besser zusagen, und der Scherz will sich mir auch so gar nicht erschließen, ich sehe nur sprachliche Schludrigkeit, die sich sogar schon in die Fernsehnachrichten eingeschlichen hat!

Und das nächste Mal ärgern wir uns über das grauenhafte „ein Stück weit“.

 

23 Kommentare

  1. Mein alter Lateinlehrer erklärte den Ursprung dieses Wortes aus dem Lernen lateinischer Vokabeln bzw. deren Abfragen.
    In unserm Lateinbuch stand das Wort „tamen“ mit der Übersetzung „nichtsdestoweniger, trotzdem“ angegeben. Beim mündlichen Abfragen verhedderten sich immer wieder ein paar Schüler wegen der Länge der Übersetzung. So kam es, dass beide Worte zu „nichtsdestotrotz“ zusammengezogen wurden.
    Ihm war diese Mischung auch zuwider.

  2. Himmel hilf, ich glaube, nichtsdestotrotz war schon 1899 das Unwort des Jahres, m.W. nach eine studentische Verballhornung. Vermutlich hat sich schon Heidenreichs Großvater darüber aufgeregt.

  3. Nichtsdestotrotz mag ich dieses Wort und werde es (ganz gelegentlich) weiter verwenden, solange nicht die Verwendung der „bayrischen Dialekt“ genannten Ohrenfolter mit Gefängnisstrafe zum Schutz der Bevölkerung gahndet wird.

  4. Ich finde solche und ähnliche Kritik an Sprache/Kultur/etc immer amüsant. Ein bisschen kulturpessimistisch, sehr konservativ und gleichzeitig völlig aussichtslos.

    Sprache verändert sich. Sprache hat sich immer verändert, Sprache wird sich immer verändern. Den imaginären Schlussstrich an der Stelle zu ziehen, an der man sozialisiert wurde und alles was darüber hinausgeht als schändliche Degeneration zu betrachten ist so unfassbar selbstüberschätzend. Und vorallem: Nach – ich weiß nicht – 100.000 Jahren Menschheitsgeschichte immer noch nicht gelernt zu haben, dass so ein Anliegen wie das hier vorgebrachte völlig zum scheitern verurteilt ist, erstaunt mich immer am meisten.

    Tatsächlich bin ich, was das angeht, geradezu nihilistisch. In dem vollen Bewusstsein, dass die Veränderung (und ja: auch das vergessen von) Sprache und Kultur völlig unaufhaltsam ist. Das es, in anderen Größen- und Zeitordnungen gedacht, völlig irrelevant ist, ob wir heute „Nichtsdestoweniger“ oder „nichtsdestotrotz“ sagen. Oder ob wir hier stolz sind auf unsere sogenannte „christlich-abendländische“ Kultur.

    Ich habe (abgesehen von ein paar Spinnern mit einem Spleen, die etwas brauchen um sich besonders zu fühlen) noch niemanden trauern sehen, dass wir unsere heidnische Kultur, unsere altgermanische Sprache aufgegeben haben.

  5. @Sebastian Klein, #4:
    1. Ich denke nicht, dass Frau Heidenreichs Sozialisierung im 19. Jahrhundert stattfand.
    2. „Unsere“ altgermanische Sprache? Ihre oder meine?
    3. Die Kritik ist hier ja nicht die an einer Weiterentwicklung der dt. Sprache, sondern daran, dass diese konkrete Wortneubildung kontraintuitiv ist.
    4. Wenn ihr Kind in der Schule ein Wort falsch schreibt, gehen Sie dann hin und erklären, dass der Duden nur den jeweiligen Ist-Zustand darstellt, und das Wort in Zukunft vllt. mal genau so geschrieben wird, wie ihr zukunftsfähiges Kind das schon heute macht?
    5. Das „Sprache ändert sich“-Argument geht auch in die andere Richtung. Wie oft haben Sie in den letzten 30 Jahren, oder sagen wir seit der Wende gehört, dass eine Straße „frisch geteert“ wurde/wird/ist? Sofern die Straße in D. liegt, ist sie „frisch asphaltiert“ worden.

  6. Ich hab mir erst überlegt, darauf umfassend zu antworten, aber ehrlich gesagt geht die Replik derart am Kern meiner Aussage vorbei, dass ich da von Absicht ausgehen muss – und da lohnt auch keine Diskussion. Gerade das „Gegenargument“ mit dem Schulkind, dass ein Wort falsch schreibt ist natürlich lächerlich, weil Grundlage der Sprache auch der Konsens der jeweiligen Sprecher ist und willkürliches falsch schreiben damit natürlich rein gar nichts zu tun hat. Aber das weißt du genau wie ich.

  7. Das Kind schreibt ein Wort (normalerweise) nicht „willkürlich“ falsch, sondern versehentlich.
    Dessenungeachtet geht Ihre Replik an Heidenreich auch an deren Kommentar vorbei, warum stellen Sie an meine Replike höhere Ansprüche als an Ihre?

  8. https://books.google.com/ngrams/graph?content=nichtsdestotrotz&year_start=1890&year_end=2008&corpus=20&smoothing=3&share=&direct_url=t1%3B%2Cnichtsdestotrotz%3B%2Cc0
    Ca. 1897 war der Tatzeitpunkt, als ein Schlingel dieses Wort erstmals in ein zu druckendes Werk schrieb. Welches war ist? Wie hieß der Schurke? Der Weltkrieg, den man später den 1. nannte und schließlich das Tausendjährige Reich, das retrospektiv dann doch nur 12 Jahre dauerte, trugen zu seiner Verbreitung bei. Der 2. Weltkrieg war der Verbreitung indes abträglich, vermutlich doch allzu wehrkraftzersetzend, dieses Wort. Seit der Gründung der Bundesrepublik und der DDR geht es aber schnurgerade die Häufigkeitskurve hinauf.

  9. @Sebastian Klein
    Die Kritik an Ihrem Kommentar geht jedenfalls nicht so weit daneben wie wiederum Ihre Replik. Denn den Sprachkonsens bilden nämlich nicht nur diejenigen, die etwas verändern, sondern vor allem jene, die sich ja bereits auf etwas geeinigt haben und vielleicht daran festhalten wollen.

    Ja, Sprache ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Das heißt ja aber auf keinen Fall, das jeder Veränderungsvorschlag es verdient hätte in den Sprachschatz aufgenommen zu werden. An der Gestaltung der Sprache dürfen auch solche auch in dem Moment aktiv teilnehmen, die einer gewissen Änderung entgegentreten. Denn sonst wäre Ihr Konsens ein Klokonsens und Sie befänden sich in der Blase, nicht Frau Heidenreich.

    (Das wurde aber ja schon alles von allen durchgeixt, zur Genüge im Sprachlog oder auch bei Herrn Niggemeier daheim .)

  10. @Klein#6:

    Ich glaube, das Fass, welches Sie hier aufmachen, ist viel zu groß und bedeutungsvoll. In dieser Rubrik wirft jeweils ein Schreiber einen Seitenblick auf ein Wort, dass er nicht mag, inkl. Begründung. Mehr in Form einer Notiz am Rande.
    Wer mag, kann es lesen und sein Verhältnis zu diesem Wort überprüfen, falls seine Liebe zur Sprache so weit geht, sich so intensiv mit ihr zu beschäftigen, auch über den reinen Nutzwert hinaus. Fertig.

    Einen weltbewegenden Konflikt auf religiöser, identitärer oder ideologischer Folie muss man da nicht hineinphantasieren. Es gibt Leute, die sich mit sowas gern beschäftigen, auch ohne damit ideologische Missonierungsziele zu verfolgen.

    Keine Ahnung, ob ich dieses Wort-Ungetüm schon mal genutzt habe. Es ist von so schräg schauriger Häßlichkeit, dass es eben schon wieder eine eigene semantische Schönheit entwickelt. Im Umfeld von „against all odds“ drückt es in einem Wort ein Julia-Romeo-artig-verschworenes bockig-trotziges Beharren aus, für das mir kein eleganterer Ausdruck einfällt.

    Also: Für mich ein Stück weit unverzichtbar.

  11. @Mycroft, Punkt 5:
    Die korrekte Verwendung von „Fach“begriffen (Fachbegriff scheint ja alles zu sein, was in irgendeiner Weise annähernd was mit Technik zu tun haben könnte – aber vielleicht ist das nur subjektive Wahrnehmung, weil man sich in anderen Fachbereichen nicht gut genug auskennt, um dort entsprechende Fehler zu sehen) lernt die Menschheit sowieso nie.
    Straße neu „geteert“, der „Zugführer“ konnte nicht rechtzeitig bremsen und ist in das Auto „gerast“. „Schienen“ und „Gleise“ sind eben nicht synonym zu verwenden. Um nicht mit „Sprit“ zu beginnen.

    Und nun die Flitzerblitzer aus dem Laberfunk-Verkehrstower.

  12. Bleibt für mich nach der mühsamen Lektüre der Kommentare nur noch eine spannende Frage unbeantwortet:
    Warum hat Frau Heidenreich NICHT „Geschenkbuchempfehlung“ als Hasswort gewählt? Es scheint mir äußerst geeignet! Genau wie „Ruhrpottisch“, aber das nur nebenbei.

  13. @Jemand, #12:
    Fachbegriffe gibt es auch in der Sprachwissenschaft, in der Justiz, im Beamtendeutsch, im Sport und woimmer sich Leute bemühen, die Dinge in ihrem Bereich möglichst präzise zu benennen. Verwechseln Sie mal „Halfter“ und „Holster“, wenn die richtigen (oder falschen, je nach Sichtweise) Leute zuhören.
    Es gibt hierzulande sicher noch tausende von geteerten Straßenkilometern, „frisch geteert“ ist in D. trotzdem spätestens seit der Wende obsolet, weil Teer nur noch in Tabakwaren erlaubt ist. Aber spiegelt die viel zitierte Wandlungsfähigkeit der Sprache den Fortschritt wieder? Nö. Falls Sie wissen wollen, was der Unterschied zwischen Teer und Asphalt ist, Teer riecht nach Teer und ist giftig und krebserzeugend. Asphalt findet u.a. als Estrich in Wohnungen Anwendung.

  14. @Mycroft
    Aber das es „widerspiegeln“ und nicht „wiederspiegeln“ heißt, war schon immer so und von den verschiedenen Substanzen, mit denen man einen Fahrbahnbelag aufbringen kann völlig unabhängig.

  15. @Frank Reichelt, #15:

    Zu meiner Verteidigung: weder „widerspiegeln“ noch „wiederspiegeln“ wird von der hiesigen Rechtschreibkontrolle als falsch gekennzeichnet. Und philosophisch gesehen soll der Sachverhalt von der Sprache „zurück“-gegeben werden und nicht „gegen“-gegeben; deshalb wäre beim metaphorischen Gebrauch dasselbe „wi(e)der“ wie in „wiedergegeben“ intuitiv logischer; andrerseits ist das dieselbe „logische“ Sprache, in der „Leberkäse“ weder ein Käse ist noch aus Leber gemacht wird, von daher gebe ich Ihnen einfach mal Recht.
    Dessenungeachtet, wo wir gerade Erbsen zählen, schenke ich Ihnen ein „,“ hinter „kann“. ;-)

  16. Ich glaube, Frau Heidenreich und ich würden nicht die innigsten Freunde werden.

    Nun, wir werden beide drüber weg kommen.

  17. Oh, Frau Literaturkritikerin Heidenreich stört sich also an dem Wörtchen „nichtsdestotrotz“.

    Das Problem ist nur: Als Literaturkritikerin ist Frau Heidenreich belanglos und ohne Bedeutung. Sie hat es nur noch nicht gemerkt.

    Was daran liegt, dass ihr (literarischer) Horizont begrenzt ist, konservativ, altbacken, verstaubt, nicht aus dieser Zeit. Was nicht ihrer Vorstellung von Literatur entspricht, kann deshalb auch nichts vernünftiges sein. Da passt es geradezu, dass sie „nichtsdestrotrotz“ für eine „Missbildung“ hält. Was nicht in mein Weltbild passt, das ist … und so weiter und so fort.

  18. Oh, Herr Kommentarschreiber Herren stört sich also an Frau Heidenreich.

    Das Problem ist nur: Wir haben sie gefragt, ob sie uns einen Beitrag für diese Reihe schreibt.

  19. Selbstverständlich ist es legitim, Autoren für Beiträge anzufragen. Nichtsdestotrotz … hahaha … passt aber nicht jeder Autor zu jedem Beitrag, wie vorliegendes Beispiel zeigt, meiner Meinung nach.

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