Stefan Aust und der Kommentar seines Lebens

Stefan Aust wird heute 70 Jahre alt. Mehrere Zeitungen binden dem früheren „Spiegel“- und jetzigen „Welt“-Chefredakteur deshalb Kränze. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ nutzt Michael Hanfeld die Gelegenheit zu einem Seitenhieb auf ARD und ZDF:

Spielerisch leicht zum Wesentlichen zu kommen, das ist eine der Stärken von Stefan Aust. Er verfügt über einen untrüglichen journalistischen Instinkt dafür, wo sich was ereignet und erkennt, was dahintersteckt. Um das zu erklären, muss er nicht weitschweifig werden, für seinen wichtigsten Kommentar, den er auf einem Handzettel notiert hatte, brauchte er nur einen Satz, als er bei „Spiegel TV“ den Fall der Mauer einordnete: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ Das sagte Aust am 9. Oktober 1989, im Fernsehen bei RTL, während man bei ARD und ZDF mit anderem beschäftigt war (im Ersten lief ein Fußballspiel), mit erkennbar spitzbübischer Freude über das historische Ereignis, zu dem seine Reporter aus Berlin berichteten.

Hanfeld meint natürlich den 9. November, nicht Oktober, aber darum soll es hier gar nicht gehen.

Der Satz von Aust hat es Hanfeld angetan:

Als die Mauer fiel, war er der erste, der im Fernsehen, wenige Minuten nach Schabowskis Pressekonferenz, die entscheidende Deutung lieferte: „Heute ist der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen.“

FAZ, 11. November 2002

Während die ARD ein aufgezeichnetes Fußballspiel zeigte, sprach Aust für RTL – was er vorher nicht getan hatte und anschließend nicht wiederholte – einen Kommentar, den er mit dem ziemlich weitsichtigen Satz eröffnete: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“

FAZ, 6. September 2002

„Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ Von wem stammt das Zitat? Wer hat es gesprochen? Wo hat es gestanden oder ist es gelaufen? Im deutschen Fernsehen. Aber nicht bei ZDF und ARD, die zeigte am 9. Oktober 1989 [sic!] ein aufgezeichnetes Fußballspiel. Ein einstiger „Panorama“-Redakteur sprach die historische Erkenntnis mit spitzbübischer Freude an der journalistischen Jahrhundertnachricht aus. Bei RTL, das an diesem Tag das Magazin „Spiegel TV“ im Programm hatte. Es sprach Stefan Aust, es war der einzige Kommentar, den wir von ihm im Fernsehen je gehört haben. Einer für immer.

FAZ, 1. Juli 2006

Die ARD zeigte gerade ein aufgezeichnetes Fußballspiel, als Aust bei RTL – was er vorher noch nie getan hatte und anschließend auch nicht mehr wiederholen sollte – einen Kommentar mit dem Satz eröffnete: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“

Buchbeitrag in: „Die Alpha-Journalisten“, 2007

Heute gehe der Zweite Weltkrieg zu Ende, sagte der spätere „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust im Fernsehen, als in Berlin die Mauer fiel.

FAZ, 20. Oktober 2009

Stefan Aust hat damals den Satz gesagt, dass in diesem Augenblick der Zweite Weltkrieg endgültig vorüber war.

FAZ, 6. November 2009

Der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur, der zum Fall der Mauer den legendären Satz sprach: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ So verkündete Stefan Aust am 9. November 1989 die Nachricht des Jahrhunderts – bei RTL. ARD und ZDF kümmerten sich gerade um irgendetwas anderes.

FAZ, 10. Dezember 2013

Am 9. November, sagte der Journalist Stefan Aust in einer legendären Reportagesendung, sei der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen.

FAZ, 29. September 2014

Als am 9. November 1989 die Berliner Mauer fiel, sagte der Journalist Stefan Aust im Fernsehen einen klugen Satz: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.“ So war es.

FAZ, 29. Mai 2015

So war es. War es so?

Den Satz hat Aust so gesagt. Aber um das Zitat herum hat sich eine kleine Legende über die ebenso unglaubliche wie erwartbare Schlafmützigkeit von ARD und ZDF an diesem Abend entwickelt (das Erste zeigt lieber ein „aufgezeichnetes Fußballspiel“ als dramatische Aufnahmen von der Mauer!). Und die trifft es dann doch nicht.

Richtig ist, dass im Ersten Fußball lief: Erst live das DFB-Pokalspiel Stuttgart gegen München, im Anschluss noch eine halbstündige Zusammenfassung von Kaiserslautern gegen Köln. Die „Tagesthemen“ liefen deshalb – ausgerechnet an diesem Abend – gut zehn Minuten später. Damit begannen sie aber immer noch vor der Extra-Ausgabe von „RTL aktuell“, in der Stefan Aust seinen Kommentar sprach.

In der Sendung berichtete Robin Lautenbach live vom Grenzübergang Invalidenstraße, wo sich um diese Zeit noch nichts tat. Augenzeugen schilderten ihm aber, dass an der Bornholmer Straße schon die ersten Ostberliner die Grenze überquert hätten.

Auch vorher schon hatte das Erste seine Zuschauer über die historischen Ereignisse informiert: In einem „Brennpunkt Extra“ in der Halbzeitpause gegen 21 Uhr.

RTL zeigte um diese Zeit „Laserkill – Todesstrahlen aus dem All“ – einen der schlechtesten Science-Fiction-Filme seiner Zeit.

Auch das ZDF kümmerte sich an diesem Abend nicht um „irgendetwas anderes“, sondern hatte um 21 Uhr zunächst ein „ZDF Spezial“ zur Polenreise von Helmut Kohl im Programm. Im „heute journal“ um 21.45 Uhr befragte Peter Voss den Kanzler nach der mutmaßlichen Grenzöffnung.

Bei RTL strahlten da noch die Laser aus dem All.

Es lief an diesem Abend auch nicht das „Spiegel-TV-Magazin“ mit Aufnahmen der Spiegel-TV-Reporter, die Aust ein paar Tage zuvor nach Ost-Berlin entsandt hatte mit dem Auftrag, in der Nähe der Mauer zu bleiben. Das war erst drei Tage später, am 12. November, im RTL-Programm. Aust war nur in eine Sonderausgabe von „RTL aktuell“ zugeschaltet:

 

Aust hatte ein paar Tage zuvor das richtige Gespür dafür, dass die Mauer fallen könnte. Und er hatte das Glück, dass der RTL-Chefredakteur am 9. November im Urlaub war, weshalb der Sender ihn um einen „Zwischenruf“ für seine Nachrichtensendung bat. Aber er war nicht der erste, der die historische Bedeutung dieses Tages würdigte, und er tat es nicht wenige Minuten nach der berühmten Pressekonferenz von Günter Schabowski und er tat es nicht, während ARD und ZDF irgendeinen anderen Unsinn sendeten.

Ja, keine große Sache eigentlich, aber da das vermutlich auch in Zukunft noch, spätestens zu Austs 75. Geburtstag, häufiger geschildert wird …

Übrigens schränkte Aust selbst sein markiges Zitat gleich im nächsten Satz ein bisschen wieder ein:

Das war der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging. Jedenfalls für jene 16 Millionen Deutschen, die unter den Folgen am längsten zu leiden hatten – die DDR-Bürger. Aber nicht nur für sie.

12 Kommentare

  1. Einfach putzig. Ob seine Liebe zum Werbefernsehen oder albernes ÖR-Bashing. Hanfeld – ein faszinierend sich immer wieder aus sich selbst produzierendes perpetuum mobile.

  2. Danke für die Erinnerung und Einordnung …

    So können Journalisten Geschichte schreiben :)

  3. Ist das für dich so ein „Oh Mein Gott, sie haben es schon wieder getan!“-Moment, wie ich ihn jedes Mal habe wenn der EGMR als EU-Gericht bezeichnet wird oder geht es mehr darum, dass dieser eine Journalist sich sehr gerne seine Legende stricken will und man ja nicht jeden Blödsinn mitmachen muss?

  4. Es ist einfach, woanders abzuschreiben. Es ist noch einfacher, bei sich selbst abzuschreiben. Wenn man dies oft genug wiederholt, glaubt man es selbst, egal was.

  5. An DEN SF-Film kann ich mich noch erinnern, aber mir fiel ums Verrecken der Name nicht ein – danke dafür, mir auf die Sprünge geholfen zu haben.
    So schlimm war der gar nicht…

  6. Die erste Nachrichtensendung, die am 9.11.89 die „Weltnachricht“ im deutschen Fernsehen verkündete, war die „Aktuelle Stunde“ von West 3 (heute: WDR Fernsehen) – um 19.07 Uhr, nur fünf Minuten nach Beendigung von Schabowskis Pressekonferenz. Die zweite Sendung war „RTL aktuell“ von RTL plus. Nur eine Minute nach den West-3-Kollegen, um exakt 19.08 Uhr und 28 Sekunden, meldete sich Moderator Hans Meiser (sic!) zu Wort: „Bei uns ist gerade eine Meldung eingetroffen, die sicherlich auch Sie als Sensation empfinden werden. (…) Vielleicht bahnt ich ja dann doch was an, was uns alle ’n bissel freudig stimmen lässt.“ – Dies alles noch lange vor dem Kommentar Stefan Austs, der erst in der späteren „RTL aktuell“-Sendung zugeschaltet wurde. Übrigens startete diese Spätausgabe an jenem Abend vier Minuten verspätet, zudem als „RTL aktuell extra“, einer Spezialsendung also, die angesichts der historischen Ereignisse von üblichen zehn auf 38 Minuten Länge ausgedehnt wurde. Noch vor Austs Kommentar schilderte der heutige RTL-Anchorman Peter Kloeppel dem damaligen Nachrichtenmenschen Meiser übrigens in einem Telefongespräch die Reaktion des damaligen Bundeskanzlers Kohl auf die Öffnung der DDR-Grenzen.

  7. Herr Hanfeld gehen langsam die Argumente aus. Auf seinem Kreuzzug gegen die öffentlich-rechtlichen Sender hat er es bei aller notwendigen und richtigen Kritik noch nicht geschafft, sie abzuschaffen. Sein Furor ist manchmal ärgerlich, manchmal einfach nur noch amüsant. Ernst nehmen kann man ihn nicht mehr.

  8. Ach, da ist er wieder – der Hochmut der Journaille über die Trivialkultur. Natürlich ist „Laserblast“ ein grottenschlechter Film, aber es geht darum nicht um „Laser aus dem All“ (was immer das auch sein soll), sondern um einen auf der Erde gestrandete Laserwaffe außerirdischen Ursprungs, die ein gebeutelter Teenager zur Rache requiriert. Und wer weiß, was mit so einem apokalyptischen Gerät in/an der Hand Honeckers geschehen wäre?!

  9. @Torsten Dewi
    Gut das endlich jemand den entscheidenden Punkt des Artikel herausarbeitet: Lügenpresse gibt B-Movie-Inhalt falsch wieder
    Fleißpunkt!

  10. @Torsten Dewi

    Und „Laser aus dem All “ ist auch was komplett anderes als „Laserwaffe außerirdischen Ursprungs“ , weiter so.

  11. Ist das eigentlich die gleiche Legendentradition, nach der sich Peter Klöppel bis heute als Journalist bezeichnen und feiern lassen darf, weil er am 11.09. zufällig nicht im Urlaub war?

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