Erst kommt das Fressen, dann wird es floral

Das Ladenlayout von Supermärkten folgt der Fett-Kette. Immer. Ganz am Anfang stehen die Vernunftprodukte Obst und Gemüse. Die fettigen Avocados am Ende. Dann kommen die Milchprodukte, zum Schluss die leckeren Brieklötze. Später das Fleisch, der Sprit und erst ganz zum Schluss die Zigaretten und Quengelartikel wie Mon Cherie. Die wenigen Dinge, die man sowieso braucht, wenn man kein verkommenes Ferkel ist – Q-Tips und Putzmittel – sind in den Seitengängen.

Die Zeitungen und Zeitschriften sind ebenfalls am Schluss. Als Belohnung für den anstrengenden Einkauf: Wer einen vollen Einkaufswagen hat, schüttet vor den bunten Titelbildern seine körpereigenen Opiate munter aus und kauft, was noch mehr Laune macht. Im Einkaufswagen liegt jetzt das Magazin „Salon“. Vor einem Beutel Grünkohl und einer profanen Wurst. Ein visueller Oxytocinschub für 8,50 Euro. Die Kassiererin hat übrigens irrtümlich 10,90 Euro gebongt, so viel kostet das Heft in Spanien. Auf der gesonderten Quittung für das Finanzamt stehen auch 10,90 Euro. Immerhin.

„Salon“ ist ein Coffeetable-Magazin. Wenn man denn einen Coffeetable besäße, aber das wäre der Start einer unschönen Neiddiskussion. Außerdem ist der Titel in „echtem“ Gold gedruckt und veredelt zuverlässig auch einen schlichten Nachttisch oder auch einfach nur eine Sofaecke, auf die man das Heft absichtslos wirft. Und natürlich könnte man nun stundenlang Haare in der Hummersuppe suchen und sich darüber lustig machen, was für ein Luxusthema eigentlich ein Luxusmagazin ist. Nur – man wäre dann ziemlich blöd, denn „Salon“ ist nicht nur ein schönes Heft, man kann an dem Magazin auch ganz anschaulich belegen, was das Internet aufgrund seiner technischen Beschaffenheit nicht kann und mit welchen Zutaten ein Printprodukt auch weiterhin seine Einzigartigkeit behaupten kann.

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Mit einer großen Foodstrecke startet „Salon“ in das Heft, und breitet man es vor sich aus, schaut man auf großbildschirmbreite Lebensmittel-Arrangements. Auf der Gewürze-Doppelseite modelliert das Licht der Fotografin jeden Krümel Rosenpaprika, jeden Safranfaden, und das feine Druckraster steht einem 4K-Bildschirm in Nichts nach. Eine Pasta-Seite zeigt die bemehlte Arbeitsfläche in Originalgröße, und die Aufsicht einer Kiste mit Zitrusfrüchten riecht förmlich nach Sommer. Kleine Linien und Textblöcke mit Zitaten igeln dabei die Einzelteile. Klar, das könnte man mit etwas Aufwand so ähnlich für den Bildschirm produzieren. Aber wüsste man auch, was nach dieser Strecke geklickt wird? Müssten nicht theoretisch fünf oder sechs verschiedene Optionen visuell zu der Geschichte passen? Zum Schluss müsste ein kleinster gemeinsamer Nenner gefunden werden, der diese Unwägbarkeiten auffängt.

Ein Magazin hat den Nachteil, dass es in seiner Abfolge linear funktioniert. Andererseits ist es auch, als würde man ein Album Stück für Stück hören und nicht im Shuffle-Modus. Es gibt einen Duktus, einen „Flow“ und manchmal auch Brüche. Also damals war das so, als Magazine noch Platz für große Bilder hatten. Aber vielleicht auch noch heute, wenn „Salon“ der Tafelstrecke des Fotografen Jonas von der Hude ein 184 Zentimeter breites und 30 Zentimeter hohes Tableau aus Bildern einräumt, verteilt auf vier Doppelseiten und von der Food-Stylistin Frauke Koops bis zur letzten Portwein-Cranberry in Szene gesetzt.

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Aber was ist mit dem Text? Gibt es denn gar nichts zu lesen? Ja, schon. Aber kaum steigt man in einen Text ein, ist es wie mit dem süßen Brei und plötzlich wird aus dem Fest der Bilder ein Manufaktum-Katalog. Es klemmt übrigens gar nicht dort, wo ein für sich stehender und witziger Text wie der von Karina Lübke mit Selbstironie die Tücken von Onlineshopping und Paketzustellung beschreibt. Es hakt da, wo schöne Bilder auf klischierte Beschreibungen von fröhlichen Freundinnen, Traumlandschaften und Wandtattoo-Wahrheiten treffen. Das ist dann stellenweise ein wenig zu zuckrig.

Wirklich gut wird es allerdings bei den Interviews, etwa wenn Erwin Seitz die Alchemie eines gelungenen Gastmahls beschreibt und sehr genau wird: „Ich empfehle eine Tafel mit sechs Leuten. Vier sind zu intim, bei acht bricht die Gruppe oft in zwei auseinander, sechs davon bleiben noch in der magischen Runde. Vier davon sind mir vertraut, und zwei Exoten kommen dazu. Ein Teil bürgt also für Kontinuität, und ein Teil ist Risiko. Was dann passiert, nimmt man alles sportlich.“

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Ausgerechnet der prominente Literaturkritiker verbockt es allerdings textlich komplett: Denis Schecks „Kulinarischer Kompass“ lobt den einzig wahren, echten Lebkuchen eines Nürnberger Lebküchners, breitet dessen Gewürzmischung auf drei Zeilen aus, bosselt sogar ein altbackenes „tandaradei“ in seinen Text. Er preist den Lebkuchen als einen „Luxus aus der Zeit der Spielleute, Ritter und Minnesänger“, damals eben, als die Welt in Ordnung war, das Wünschen half, die Mauer noch stand und der Lebkuchen keine Ramschware war. Das ist alles für sich genommen in Ordnung, aber wäre der vorhersehbare und betuliche Text nicht von ihm, würde er ihn in seiner eigenen Sendung mit Karacho von der Rampe pfeffern, und seine Worte hätten dabei eine beißende Schärfe, die man sich genau hier auch wünschen würde. Vielleicht mit einer Prise Kardamon abgeschmeckt, aber sonst genau so.

Weil „Salon“ aus Hamburg kommt und Reisekosten teuer sind, macht die Kunstmanagerin und Sammlerin Andrea von Goetz und Schwanenfliess einen Samstagsspaziergang durch Hamburg. (Würde ich nach Zeilen bezahlt und nicht pauschal, würde ich in jeden Text mehrmals den Namen „Andrea von Goetz und Schwanenfliess“ einbauen – eigentlich ein genialer Plan.) Weil der Rezensent aus Hamburg kommt und die Stadt inzwischen ganz gut kennt, fällt ihm auf, dass manche Adresse in Produkten von Gruner und Jahr recht häufig genannt wird. Positiv fällt dabei allerdings die Nennung des Kunstantiquariats von Joachim Lührs auf der Michaelisbrücke auf, das auch eine eigene Lieblingsadresse ist. Und schon ist es um die Objektivität geschehen. So einfach ist man gestrickt.

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Zur Hochform läuft „Salon“ dann noch einmal auf den letzten Seiten auf. Auf zehn Magazinseiten wird das Künstlerpaar Lee Krasner und Jackson Pollock als Gastgeber vorgestellt: Ein stimmungsvolles Küchenfoto der beiden als Aufmacher, eine Seite mit einem Stapel handgeschriebener Rezepte, nach der man aufgrund ihrer Plastizität greifen möchte, und danach Interpretationen dieser Gerichte durch die junge Fotografin Robyn Lea, aus deren Buch „Dinner With Jackson Pollock: Recipes, Art & Nature“ die meisten Aufnahmen stammen. Der Text des Kunsthistorikers Marcus Wöller ist bestes Infotainment, in dem die sechs Jahrzehnte alte Story zum Leben erwacht. Inklusive des Standmixers Marke „Waring Blendor“, in dem die Wasner-Pollocks die Rote Bete aus dem eigenen Garten zu einem Borschtsch verarbeiteten.

„Salon“ ist ein typographisch gelungenes Magazin mit oft traumwandlerisch sicherer Bildauswahl. Es ist ein reines Gute-Laune-Magazin – und um auf das Bild mit dem Supermarkt zurückzukommen: Das ist definitiv das Ende der Fett-Kette. Wer sich von dem inspirieren lässt, was hier vorgestellt wird, hat Brot und Margarine längst im Haus, und der Straßenkampf gegen das Establishment ist aktuell nicht auf der Agenda. Aber dann ist es okay und immer nur Eintopf wäre ja auch langweilig.

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Salon Winter 2015/16
166 Seiten
Gruner + Jahr

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Ein Kommentar

  1. „Aber vielleicht auch noch heute, wenn „Salon“ der Tafelstrecke des Fotografen Jonas von der Hude ein 184 Zentimeter breites und 30 Zentimeter hohes Tableau aus Bildern einräumt, verteilt auf vier Doppelseiten und von der Food-Stylistin Frauke Koops bis zur letzten Portwein-Cranberry in Szene gesetzt.“
    „Aber kaum steigt man in einen Text ein, ist es wie mit dem süßen Brei und plötzlich wird aus dem Fest der Bilder ein Manufaktum-Katalog.“ + „Gastmahl-Alchemie“
    Für mich hört sich das so an, als ob Text, O-Ton und Fotografie exakt zueinander passen.

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