Bei „BYou“ kann Schulz noch Kanzler werden

Bei „BYou“, der Jugendseite von „Bild“, sind sie noch optimistisch, dass Martin Schulz Kanzler wird. Immerhin haben sie „sechs Gründe“ gefunden, „warum Martin Schulz eine gute Wahl ist“, und diese sechs Gründe stehen bei „BYou“ weit oben auf der Startseite. Ein Grund ist, zum Beispiel, dass „sogar die AfD“ vor Schulz Angst haben muss; ein anderer, dass Schulz „sogar Anne Will“ mit seinem Charme „entwaffnet“ hat. Dürften also locker 40 Prozent werden.

Bunter BYou-Titelkopf, darunter ein Foto vom grinsenden Martin Schulz und die Überschrift: "Sechs Gründe warum Martin Schulz eine gute Wahl ist"
Sechs Gründe, die doch keine waren Screenshot: „BYou“

Oder es kommt alles anders, Martin Schulz gewinnt doch nicht die Wahl, und „BYou“ stellt klammheimlich den Betrieb ein, sodass auch jetzt noch, Monate später, der anfängliche Schulz-Medien-Hype über die Startseite strahlt.

Der letzte Text, der bei „BYou“ erschienen ist, stammt offenbar von Anfang Februar, ein Interview zum Filmstart von „50 Shades Of Grey“, und das letzte „BYou“-Foto auf Instagram erschien schon einen Monat vorher, so um die Jahreswende 2016/2017, dann war Schluss – was aber kaum jemand mitbekommen hat. Denn was als große Jugendoffensive begann, wurde nach nur etwas mehr als einem Jahr leise wieder eingestampft. Dabei sollte „BYou“ ursprünglich der maßgebliche Kanal sein, mit dem die Zielgruppe zwischen „Ü14 und U18“ an die Marke „Bild“ herangeführt wird.

„BYou“, „Ze.tt“ und „Bento“ – der Jugendseiten-Hype

Auch andere Medienhäuser meinten damals, sie müssten Jugendseiten gründen, um ihre Zukunft zu sichern. „BYou“ ging im Spätsommer 2015 online, zuvor war „Ze.tt“ gestartet, die Jugendseite der „Zeit“, später folgte „Bento“ von „Spiegel Online“. „BYou“, der „Millennials-Channel“, sei „ein spannendes und ganz experimentelles Projekt“, sagte damals der heutige „Bild“-Oberchef Julian Reichelt, und dass „Bild“ so „mehr über das Mediennutzungsverhalten der jungen Zielgruppe lernen“ wolle. „Im neuen Ressort werden wir ganz viel ausprobieren, Themen anders aufbereiten und vor allem das journalistische Storytelling und Layout für die mobile Nutzung in den Vordergrund stellen.“ Das junge Team, im Kern Journalistenschüler der Axel Springer Akademie, werde „sehr eigenständig und unabhängig arbeiten“.

Auf unsere Nachfrage, weshalb das Team seit Anfang des Jahres nun offenbar gar nicht mehr arbeitet, schreibt Axel Springer, man habe mit „BYou“ „erfolgreich getestet, wie und mit welchen Themen wir mit der Marke ‚Bild‘ junge Zielgruppen (die sog. Millennials) am besten erreichen können“. Erfahrungen und Inhalte seien in „Bild Snapchat Discover“ und „Noizz Deutschland“ eingeflossen, und aufgrund der „positiven Entwicklung“ hätten sie entschieden, sich „zukünftig vor allem auf ‚Noizz‘ zu konzentrieren“.

Schwarzer Schriftzug "NOIZZ", das "O" ist rot ausgefüllt, der Zwischenraum zwischen den beiden "Z" grün.

Das klingt gut, scheint aber ein wenig anders gelaufen zu sein. Denn als bei „BYou“ die letzten Beiträge erschienen, ging „Noizz“ gerade erst an den Start. Ob es Erfolg haben würde, war noch nicht abzusehen, auch wenn die Marke im europäischen Ausland bereits etabliert war. Eher hat „Bild“ also „BYou“ eingestellt, weil es nicht lief – und um die Schüler der Axel Springer Akademie abzuziehen, die seither auch für „Noizz“ arbeiten, das aber offiziell nicht „BYou“ ablöste, sondern „Celepedia“, eine weiteres „digitales Jugendmagazin und Start-Up von Axel Springer“, das bereits 2014 startete.

Erfolg hatte Celepedia offenbar genau so wenig wie „BYou“. Das Magazin war, laut Springer, „speziell für eine weibliche Zielgruppe zwischen 12 und 24 Jahren“ konzipiert und „für die mobile Nutzung optimiert“. Ende 2016 machte der Verlag auch hier das Licht aus, „da leider keine überzeugende wirtschaftliche Perspektive absehbar“ sei, wie es am Ende hieß. Es gehöre „zum Gründerspirit, den richtigen Moment zu erkennen, eine Idee nicht weiterzuverfolgen“, ließ Springer-Vorstand Andreas Wiele damals wissen.

Immerhin: Celepedia hat indirekt noch zum Erfolg von „Noizz“ auf Facebook beigetragen, auf den Springer nun so stolz ist, dass der Verlag ihn in seiner Antwort auf unsere Anfrage erwähnt: „Insbesondere auf Facebook“ spreche „Noizz“ die Nutzer an und habe „auf allen Kanälen zusammen“ rund 450.000 Abonnenten. Der Großteil davon, rund 387.000 Abonnenten, ist in der Tat auf Facebook zu finden. Was allerdings auch daran liegt, dass „Noizz“ zum Start die Fans von „Celepedia“ kurzerhand übernommen hat. Wie Meedia damals berichtete, waren es „rund 400.000 Facebook-Freunde“.

5 Kommentare

  1. Ze.tt und Bento sind grauenhafte „journalistische“ Seiten.
    Die Themen sind immer die gleichen, extremst einseitig, teilweise sexistisch, fast immer polemisch bis beleidigend.
    Ich würde keine Träne weinen wenn die alle wieder verschwinden und die teilweise guten Journalisten die sich zwischen den Dödeln verstecken bei den „richtigen“ Seiten/Zeitungen angestellt werden.

  2. So läuft das in Deutschland bei den Medienhäusern mit der Innovation. Da fängt einer etwas an und alle anderen hecheln hinterher. Aus Angst etwas zu verpassen. Aus Angst die Konkurrenz könnte Erfolg haben. Manchmal auch nur weil es vom Staat einen Förderungsfond gibt. Da will man dann auch was vom öffentlichen Finanztopf haben. Thema Jugend und so. Man beschäftigt sich aber nicht wirklich mit dem Produkt und der Zielgruppe an sich.

    Es geht eher um die Mitbewerber am Markt. Die will man klein halten. Auch wenn man ihnen nur ein paar Nutzer abluchst. Je mehr Mitbewerber, desto geringer der Ertrag für die einzelne Unternehmen. Das Produkt bleibt auf der Strecke. Das Zielpublikum erst recht. Nach einigen Monaten redet keiner mehr darüber. Auf den Plattformen auch keiner mehr. Gähnende Leere bei der Interaktion. Ist den Medienhäusern auch egal. Irgendwo werden dann wieder Redakteure entlassen und Redaktionen zusammengelegt. Na, weil…ja…na eh….die Mechanismen des Marktes.

  3. Zum Thema, wer hier von wem angeblich abschreibt:
    Meedia – 2017-10-06T15:03:00
    Übermedien – 2017-10-06T16:02:16
    DWDL.de – 06.10.2017 – 16:53

    Es kann natürlich auch ein unglaublicher Zufall sein.

  4. @3/4: Nee, nicht abgeschrieben. Hinweis bekommen, bei „Bild“ nachgefragt, aufgeschrieben. Meedia lag offenbar die wortgleiche Erklärung des Verlags vor. Hab ich dann auch gesehen.

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