AfD-Chef Pretzell hält WDR-Journalistin Abschiedspredigt

Der noch amtierende Vorsitzende der AfD in Nordrhein-Westfalen hat dem WDR vorgeworfen, zum Erfolg seiner Partei beigetragen zu haben.

In der reichen Geschichte der Kritik an ARD und ZDF dürfte das eine Premiere sein: Ein Parteichef beklagt sich vor laufender Kamera bei einer Journalistin darüber, dass sie und ihr Sender mit ihrer Art der Berichterstattung dafür verantwortlich seien, dass Menschen seine Partei gewählt hätten, die das womöglich eigentlich gar nicht gewollt hätten.

Dienstag Vormittag. Eine WDR-Mitarbeiterin trifft den Noch-AfD-Vorsitzenden Marcus Pretzell im nordrhein-westfälischen Landtag zum Interview. Pretzell erscheint – offenbar überraschend für die Journalistin – mit Kollegen aus dem Fraktionsvorstand. Es gibt etwas Verwirrung, wer denn nun antworten werde. „Ist jetzt ein bisschen schwer, Sie anzureden“, beschwert sich die Fragestellerin.

Pretzell sagt, er werde Partei und Fraktion verlassen, gehe aus der Fraktion aber mit einem „weinenden Auge“, weil die Zusammenarbeit gut gewesen sei.

Die Journalistin fragt sich daraufhin, ob sie’s an den Ohren hatte, und sagt: „Ich weiß jetzt nicht, ob ich’s an den Ohren hatte, deshalb wiederhole ich es sicherheitshalber noch einmal: Sie verlassen die Fraktion und Sie verlassen die Partei?“ Pretzell wiederholt brav und nachrichtensendungstauglich, was passiert ist.

Die überaus naheliegende Frage, warum Pretzell Partei und Fraktion verlassen will, möchte Pretzell allerdings nicht beantworten.

„Aber Sie werden verstehen, dass diese Frage heute alle interessieren wird.“

„Das verstehe ich.“

(An dieser Stelle fehlen Lacher vom Band.)

Es entwickelt sich trotzdem zunächst ein normaler Wechsel von Frage und Antwort, und die beiden Kollegen Pretzells geben Statements ab. Die Stimmung kippt, als die Journalistin scharf formuliert:

Wollen Sie nicht dazu gehören, zu den grölenden Höckes und den Gaulands, die Frau Merkel jagen wollen, um das deutsche Volk wieder heimzuholen?

Pretzell versucht nun sehr angestrengt, sehr präsidial zu wirken:

Ach, wissen Sie. Das sind so Fragen, die Sie stellen. Die mich überlegen lassen. Ob es nicht, vielleicht, Sie sind, die genau zu einer solchen Radikalisierung der Gesellschaft beitragen. Ganz maßgeblich. Und der WDR ist da leider sehr weit vorne. Weil auch Ihnen leider die Fähigkeit zur Differenzierung völlig abgeht. Was bedauerlich ist.

Die Journalistin hat an der Rainald-Becker-Gesamtschule das Modul „Umgang mit Kritik“ absolviert, und erwidert also:

Ok, ein bisschen Medienschelte muss immer sein, klar.

Pretzell lässt nun den Präsidenten, den er channelt, etwas Weihwasser nippen:

Es geht nicht um Medienschelte. Es geht um die Frage, ob ein Mensch – und Sie sind ein Mensch – ob Sie differenziert solche Dinge analysieren können. Und Sie sind nicht differenziert, sondern Sie bedienen letztlich Klischees. Und das ist in Ordnung, das machen Medien häufig, aber es nützt nichts, weil Sie damit das tun, was Sie der AfD und anderen Parteien vorwerfen. Und Sie sind diejenigen bei den Medien, und zwar gerade beim WDR, die maßgeblich zur Entwicklung der AfD beigetragen haben, die maßgeblich zu diesem Wahlergebnis beigetragen haben, denn jede dieser Fragen, die Sie stellen und die Sie senden, bringt noch mehr Leute auf die Palme und dazu, über ihren Schatten zu springen und am Ende Dinge zu wählen, von denen sie selbst gar nicht überzeugt sind. Sie sind es. Glauben Sie es mir.

Weil die Journalistin offenkundig ungläubig bleibt, legt Pretzell nach:

Sie haben eben von grölenden Höckes und Gaulands und sonstwas geredet. Wissen Sie, versuchen Sie zu differenzieren. Versuchen Sie, das vernünftig zu betrachten. Sie können nicht aus Ihrer Haut. Ich versteh das.

Einwurf der Journalistin:

Die grölen nicht?

Pretzell:

Wissen Sie, das ist wenig sachlich. Da werden sie von mir zu solch undifferenzierten Fragen keine vernünftige Antwort bekommen, auch jetzt nicht.

Sein Noch-Partei-Kollege Helmut Seifen übernimmt nun die On-Air-Journalistenschulung:

Es ist ein gutes Recht, andere zu kritisieren. Nur wenn man die Medien kritisiert, heißt es dann Schelte. Das finde ich nicht in Ordnung. Auch Sie müssen es sich gefallen lassen, kritisiert zu werden, denn Kritik führt dann auch dazu, dass man vielleicht auch mal zur Besinnung kommt und über sich nachdenkt. Das gilt für Politiker, das gilt aber auch für Medien.

Er hat noch eine konkrete Kritik: Als der stellvertretende nordrhein-westfälische Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) die AfD bei einer Aussprache im Landtag als „Partei des Geifers und der Gosse“ bezeichnete, habe der WDR darüber nicht berichtet:

Es gab keine einzige Rede von uns, wo auch nur irgendetwas unsägliches mitgeteilt worden ist. Was hat diesen Minister veranlasst, uns zu beschimpfen als Leute, die aus der Gosse kommen und geifern? Ich fand‘ das unglaublich empörend. Warum haben Sie das nicht aufgegriffen? Das ist für mich unterstes Niveau, aber es wird verschwiegen. Wenn Herr Höcke oder Herr Gauland oder irgendwer auch immer sagt, was uns allen nicht gefällt, was ich auch niveaulos finde, wird das skandalisiert und groß in der Öffentlichkeit verbreitet, als ob das die AfD sei. Es ist aber nicht die AfD.

Seine Beschwerde ist nicht völlig abwegig. Er möchte, dass sich Journalisten nicht nur über niveaulose Sätze von AfD-Leuten empören, sondern auch über niveaulose Sätze von anderen Politikern.

Tatsächlich passiert das natürlich: Andrea Nahles muss sich gerade von Journalisten Stillosigkeit und Verrohung der Jugend vorwerfen lassen, weil sie, nach Agenturberichten laut lachend, sagte, ihre ehemaligen Regierungskollegen kriegten ab morgen „in die Fresse“. Dabei wird das allerdings gerne wieder indirekt gegen die AfD gedreht – nach dem Motto: Das ist deren Stil, den man nicht übernehmen darf, wenn man ihn in Zukunft noch kritisieren will.

Die Empörung über empörende AfD-Äußerungen ist auch immer wieder ein Problem, wenn sich herausstellt, dass Formulierungen wie Gaulands „Wir werden sie jagen“ am Wahlabend früher von anderen Politikern verwendet wurden und ungleich weniger problematisch erschienen.

AfD-Mann Seifen möchte, dass sich Journalisten auch empören, wenn FDP-Leute Empörendes über die AfD sagen, aber dafür müssten sie es natürlich erst empörend finden. Die Empörung an sich, man merkt es, ist keine journalistische Tugend.

Man könnte Seifens Klage natürlich ernster nehmen, wenn sie nicht in der Formulierung gipfelte: „Es ist nicht die AfD.“ Man soll die Aussage des Spitzenkandidaten der Partei am Wahlabend nicht mit der Partei verwechseln? Vielleicht ist das richtige Wort dafür doch nicht „Differenzierung“, sondern praktische Ignoranz.

Aber zurück zu den letzten Ausläufern des WDR-Gesprächs, in dem Pretzell nun versucht, der Interviewerin zum Abschied etwas mit auf den Lebensweg zu geben:

Und Ihnen wünsche ich wirklich auch mehr journalistischen Anspruch. Das nehm’Se vielleicht noch als letzte Bemerkung von mir mit zu Protokoll.

Die schafft es nur mühsam, zu Wort zu kommen, und ihre Frage zu erklären:

Ich habe Sie gefragt, ob Sie möglicherweise die Partei verlassen, weil Sie eben nicht mit den Höckes und Gaulands in einen Topf geworfen werden wollen.

Pretzell:

So undifferenziert bekommen Sie von mir dazu keine Antwort.

Er hat ihr eine Lektion erteilt, und es ist natürlich wahnwitzig, wie er ihr vorwirft, nicht differenziert zu haben, wenn ihre Frage darauf abzielte, ob er sich durch das Verlassen der Partei von Kollegen wie Gauland und Höcke differenzieren wollte.

Andererseits hat sie ihm durch die unsachliche Art, wie sie fragte, überhaupt erst die Möglichkeit zu diesem ganzen medienkritischen Exkurs gegeben, der natürlich vor allem ein Ausweichmanöver war. Pretzell wollte nur sagen, dass er geht, aber nicht warum. Die Journalistin gab ihm durch die empörte Art zu fragen die Gelegenheit, es wie die Zurückweisung einer Zumutung wirken zu lassen.

Das Gespräch ist auf so vielen Ebenen verrückt. Es zeigt aber auch, wie man Medienkritik – und sogar als AfD-Mann den Vorwurf, die AfD groß zu machen – geschickt als Waffe nutzt. Und wie dumm es ist, sie ihr ohne Not in die Hand zu drücken.

Phoenix hat das Gespräch am Dienstagnachmittag ausgestrahlt und in seinem Youtube-Kanal veröffentlicht, dann aber wieder gelöscht. Eine Anfrage beim Sender nach den Gründen blieb unbeantwortet.

30 Kommentare

  1. „Das Gespräch ist auf so vielen Ebenen verrückt. Es zeigt aber auch, wie man Medienkritik – und sogar als AfD-Mann den Vorwurf, die AfD groß zu machen – geschickt als Waffe nutzt.“

    Da Pretzell die AfD ja verlässt, sehe ich seine Aussagen nicht so sehr als den taktisch motivierten Versuch, die AfD gegen Kritik zu immunisieren, sondern würde eher vermuten, dass seine Einlassungen weitgehend subjektiv ehrlich und spontan sind.

  2. @ LLL #3
    „würde eher vermuten, dass seine Einlassungen weitgehend subjektiv ehrlich und spontan sind.“
    Das wäre eine Möglichkeit. Oder er übt schon einmal für die Mitarbeit in einer neuen „Partei“. Zeitweise hat man das Gefühl, Martin Sonneborn schlüpft gleich aus seiner Rolle und fängt an zu kichern.
    Der typische „Nazi“ scheint er jedenfalls ebenso wenig zu sein wie Guido Reil oder Steffen Königer.

  3. Herr Pretzell beklagt zu Recht die unsägliche Art, wie die Journalistin ihn befragt. Er gibt zu bedenken, dass diese Art, wie er befragt wird, dazu führt, dass der WDR die AfD – ungewollt versteht sich – stark macht. Darum geht es!
    Interessant ist auch ein anderer Punkt, den Herr Pretzell völlig zu Recht anpricht: Es wird fast nur skandalisiert, wenn es um die AfD geht. Wenn die andere Parteien schlimmste Dinge von sich geben, z.B. „die kommen aus der Gosse“ oder „Rassist“, „Hetzer“, „Nazis“ „die demokratischen Parteien…“ (und damit die AfD als Anti-Demokraten bezeichnen), dann vernehme ich keinerlei Kritik. Dieser Mangel an Neutralität, dieser Gesinnungsjournalismus, ist das Grundproblem der Medien. Solange die Medien diesen Gesinnungjournlismus nicht überwinden, werden sie ihr Glaubwürdigkeitsproblem behalten.

  4. Einleitend: ich wähle links.
    Dann: sehr gut, dass ihr euch diesen Beitrag so differenziert (!) vorknöpft.
    Ich muss aber sagen, dass ich den Grundärger Pretzells tatsächlich über weite Strecken angebracht finde.
    Und ich kenne den Herrn nicht wirklich, aber ich neige dazu, mich dem anderen Kommentar anzuschließen, dass hier wenig Kalkül, sondern tatsächlich Ärger darüber durchklingt, wie die „Medien“ durch Frageformulierungen wie diese unnötig polarisieren und so gerade die (wohl ja angesichts seines Rückzugs offenbar auch für Herrn Pretzells) unangenehmen Wähler zur AFD locken.

  5. Ach, wissen Sie. Das sind so Fragen, die Sie stellen. Die mich überlegen lassen. Ob es nicht, vielleicht, Sie sind, die genau zu einer solchen Radikalisierung der Gesellschaft beitragen. Ganz maßgeblich. Und der WDR ist da leider sehr weit vorne. Weil auch Ihnen leider die Fähigkeit zur Differenzierung völlig abgeht. Was bedauerlich ist.

    Das empfinde ich als gar nicht so dumme Aussage. Ich habe nun auch schon so viele Artikel gelesen oder Sendungen gesehen, in denen es immer wieder nur darum ging, wie man die AfD „entzaubern“ könne, wie man ihr „entgegentreten“ muß und was für eine „Gefahr“ sie darstellt – und im Nachklapp dann, ob nicht die Medien die Afd „hervorgebracht“ hätten, ob man ihr „sträflicherweise“ eine Bühne geboten habe oder ob man sich bei der heute-show nicht für einen Witz „rechtfertigen“ müsse, weil ihn jemand für bare Münze nehmen könnte und daraufhin vielleicht AfD wählt.

    Ich will nicht ausschließen, daß das auch tendenziell an meiner Filterblase liegt – die 6 täglichen Links des BILDblog nehmen einen sicherlich nicht unwesentlichen Teil meiner „Mal eben schnell konsumieren“-Informationsbeschaffung ein. Aber ich frage mich immer wieder: Was soll das bringen? Wer die AfD nicht wählt, bei dem rennt man damit offene Türen ein (oder er denkt irgendwann nur noch „OK. Es reicht. Bitte hört auf. Es gibt noch andere Themen.“). Und AfD-Wähler wird man damit eher nicht bekehren.

    Bei den Piraten hatten es die Medien leicht: Die wurden erst ordentlich gehypt (Journalisten schrieben Sätze wie „Es fällt schwer, nach einer längeren Diskussion mit einem Mitglied der Piratenpartei nicht selbst glühender Anhänger zu werden“) und dann als Chaostruppe auch recht schnell wieder vernichtet. Das hat aber auch nur so wunderbar funktioniert, weil durch das Schwarmintelligenz-System im Zweifel leider immer nur die Idioten Beachtung fanden, bis alle klugen Menschen sich dann freiwilig verabschiedeten. Bei der AfD hingegen waren Medienprofis am Werk – egal welche innerparteilichen Querelen auch gewesen sein mögen, es prallte einfach ab. Jung von Matt hätte da in die Lehre gehen können.

    Ich weiß nicht, ob es die AfD tatsächlich Stimmen gekostet hätte, hätte man sie wie jede andere stinknormale, grundlangweilige Partei nur nach ihrem Programm gefragt ohne in jedem zweiten Satz zu betonen, wie furchtbar sie doch ist. Ich bezweifle jedoch, daß diese Art der meinungsmachenden medialen Aufbereitung, wie wir sie in diesem Wahlkampf erlebt haben, die AfD auch nur eine Stimme gekostet hat.

    (Tschuldigung für den kleinen Exkurs, bin abgedriftet.)

    Phoenix hat das Gespräch am Dienstagnachmittag ausgestrahlt und in seinem Youtube-Kanal veröffentlicht, dann aber wieder gelöscht. Eine Anfrage beim Sender nach den Gründen blieb unbeantwortet.

    Das ist doch schon wieder so eine Scheiße. Warum kann man das nicht einfach online lassen? Und warum kann man auf eine simple Nachfrage nach dem Grund dafür diesen nicht einfach nennen? So langsam sollte doch bekannt sein, wie gerne hinter solchen Aktionen dann wieder etwas vermutet wird, was vielleicht nicht überhaupt nicht mit der Intention des Senders übereinstimmt.

  6. Was hier m. E. wieder fehlt:
    Alle Medien, egal ob privat oder ÖR verdienen an der AfD.
    Berichterstattung über die AfD ist eine Cash-Cow, weil sie Auflage, Interaktionen, Klicks, etc. garantiert.
    Links reibt sich dran ab, rechts geilt sich dran auf.
    Die Medien verdienen Geld und die AfD erhält mehr Stimmen – Win-Win.
    Das ist auch schon alles.
    Mehr „Entzauberung“ braucht es m. E. auch nicht.

  7. Ich bin auch der Meinung, dass Pretzells Kritik im Kern gerechtfertigt wäre – wenn sie denn nicht von Marcus Pretzell käme. Denn als Meister der Differenzierung ist er selbst bisher nicht aufgefallen. Man denke nur an Sprüche wie „Es sind Merkels Tote“ unmittelbar nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz. Oder er war der erste, der über den Einsatz von Schusswaffen gegen Flüchtlinge an der Grenze fantasiert hat.
    Vermutlich hat Stefan Niggemeier recht, wenn er schreibt, dass Pretzells Forderung nach „Differenzierung“ in erster Linie ein Ausweichmanöver ist, weil er auf der Frage, warum er Partei und Fraktion verlässt, nicht antworten will. Und leider liefert ihm die Interviewerin da eine Steilvorlage. Was wieder einmal beweist, dass der AfD mit Schnappatmung und Empörung nicht beizukommen ist, weil man ihren Vertretern dadurch Gelegenheit gibt, plötzlich genau das einzufordern, was sie sonst für überflüssig halten – nämlich Differenzierung, Sachlichkeit und vernünftige Umgangsformen.

  8. @8 so sehe ich das auch.

    Es wäre jetzt evtl. hilfreich wenn die Medien nur noch über die konkrete Parlamentsarbeit der „A“fD berichten würden – anstatt jeden Gehirnfurz der Penisneider und die bestürzten Kommentare anderer Parteien dazu zu Breaking News zu machen.

  9. Wenn die AfD gewählt wird, ist das nicht die „Schuld“ von irgendwelchen Medien.
    Es ist auch nicht Schuld der AfD selbst (außer insoweit, dass die Parteimitglieder sich selber wählen).

    Aber die Verantwortung eines mündigen Menschen, was er in einer freien und geheimen Wahl wählt, liegt niemals bei jemand anderen.

    Das soll Medien nicht von ihrer Verantwortung entbinden, gescheit zu arbeiten, aber Wähler als unmündig oder leicht manipulierbar darzustellen, erfordert Gegenrede.

  10. @11:
    „Aber die Verantwortung eines mündigen Menschen, was er in einer freien und geheimen Wahl wählt, liegt niemals bei jemand anderen.“

    Gundsätzlich stimme ich dem ja zu. Das ist ja auch die prototypische Antwort der Medien: „Wir können doch nichts dafür, dass du so wählst, wie du wählst.“
    Es geht aber doch um die Möglichkeit der Meinungsbildung deren Neutralität durch Monetarisierung gefährdet ist.
    Wenn ich Geld verdienen will durch AfD-Berichterstattung, muss ich meine Neutralität über Bord werfen. Und so kann auch der Bürger keine Mündigkeit erlangen (Denken wir mal an Erstwähler und nicht an uns alte, allwissende Säcke). Wieviele Meta-Ebenen muss das Ganze denn noch bekommen, damit gar keiner mehr durchblickt?

    „Wähler als unmündig oder leicht manipulierbar darzustellen, erfordert Gegenrede.“
    Sich selbst für unmanipulierbar zu halten ist m. E. unrealistisch.
    Ziel von Medien ist die Einflussnahme (Manipulation) auf Meinungen oder anders ausgedrück die Zuverfügungstellung von Informationen zum Zwecke der mündigen Meinungsbildung seitens des Empfängers.
    Wenn aber diese Neutralität in Sachen Informations-Zuverfügungstellung nicht mehr gegeben ist, weil monetäre Interessen den Informationsauftrag beeinflussen …

    Eigentlich will ich auch nur sagen:
    Man muss keine koplexen Verschwörungstheorien entwickeln – Den Fluss des Geldes im Blick haben und daran denken, dass auch Journalisten eine Meinung und Bock auf Karriere haben dürfen – dadurch erklärt sich das Allermeiste.

  11. Ist schon eine krasse Nummer wie der sich durchsetzende rechte Rand der AfD in Co-Produktion mit Amateur-Profi-Journalisten plötzlich Leute wie Petry und Pretzell als moderat und vernünftig dastehen lässt. Zumindest die Journalisten hätten da was vermeiden können.

    Ist auch alles nicht neu, geht ja der Linken seit den Neunzigern genau so. Oder Lafontaine. Es gibt doch kein nennenswertes bundesweites Medium mehr, das in der Lage wäre, sachlich über Lafontaine zu berichten, aber erst seit er mal konsequent zurück getreten ist. Das ist doch auch alles von Linguisten untersucht. Oder nein, das war ja die Berichterstattung über Putin vs. Obama.

    Und es ist eben auffällig, wie in der Woche nach den Wahlen nur Schulz und Seehofer als Wahlverlierer dastehen und Merkel sich wegducken darf. Komische Schwerpunktsetzung.

  12. “ Eine Anfrage beim Sender nach den Gründen blieb unbeantwortet.“

    Was hab ich gelacht… :/

  13. @14: Und, hat’s Lachen was gebracht oder irgendetwas zum Positiven verändert?

    @13:
    „Und es ist eben auffällig, wie in der Woche nach den Wahlen nur Schulz und Seehofer als Wahlverlierer dastehen und Merkel sich wegducken darf.“
    Das übliche Deutungsgezerre der Medien halt. Wieso ist das eigentlich auf einmal so wichtig geworden? Vor 4 Jahren wurde das einfach wegignoriert – „Springer is‘ halt Pro-CDU“ und fertig.
    Das hat die AfD mittlerweile tatscählich geschafft: Empörung hat den Platz von Souveränität und Coolness übernommen. Eine stilistische, nicht inhaltliche Grenzverschiebung.

    @10: Deswegen müssen wir ja nicht beleidigend werden. Miteinander reden, statt übereinander. Yeah, Kindergartenweisheiten …

  14. #11:
    Die Betonung lag auf _leicht_ manipulierbar. ;-)
    Und der Vorwurf richtet sich ja nicht gegen Medien, die die AfD unterstützten, sondern gegen solche, die eine klare Anti-AfD-Haltung verbreiteten, aber damit (angeblich oder tatsächlich) ein Eigentor bauten.

  15. Wenn die Journalisten hierzulande auch mal so scharf bei den sog. „etablierten“ Parteien nachfragen würden, i would be so happy.
    Der letzte Moderator, der sich nicht von so wischiwaschi Antworten hat einlullen lassen war Michel Friedman.

  16. @ Andreas Müller, 4:

    „Zeitweise hat man das Gefühl, Martin Sonneborn schlüpft gleich aus seiner Rolle und fängt an zu kichern.“

    Abgesehen davon, dass der ja selten kichert, könnte man das wirklich meinen.

    @ Hager, 5:

    „Wenn die andere Parteien schlimmste Dinge von sich geben, z.B. ‚die kommen aus der Gosse‘ oder ‚Rassist‘, ‚Hetzer‘, ‚Nazis‘ ‚die demokratischen Parteien…‘ (und damit die AfD als Anti-Demokraten bezeichnen), dann vernehme ich keinerlei Kritik.“

    Dabei fällt mir auch noch ein, dass es ja immer wieder den Vorwurf gab, dass viele Medien (die wichtigsten Nachrichtensendungen der ÖR eingeschlossen) Neonazis in der Ukraine verharmlost und beispielsweise als „extrem national [gesinnt]“ bezeichnet haben – selbst wenn die entsprechenden Gestalten mit eindeutigen Nazi-Symbolen wie z.B. Hakenkreuzen und SS-Runen rumliefen. Ich habe nun keine Lust, das alles herauszusuchen – hier nur ein Beispiel:
    http://www.tagesspiegel.de/medien/ukraine-konflikt-im-zdf-hakenkreuz-und-ss-rune-protest-von-zuschauern/10685462.html .

    Dort, wo die Nazi-Keule also sicher besser gepasst hätte als bei der AfD, wurde sie oftmals im Schrank gelassen.
    Die Erklärung erscheint als offensichtlich: Die maßgeblichen politischen Kräfte in diesem Land (Union und SPD) unterstützen die „prowestlichen Kräfte“ in der Ukraine, während sie die AfD bekämpfen – und die Medien verhalten sich dementsprechend.

    Diese Erklärung würde allerdings bestätigen, was Chomsky und andere meinen: Dass die nationale Presse die Politik eines breiten politischen Mainstream gewöhnlich nicht sonderlich kritisch beleuchtet, sondern sich dieser Politik eher verpflichtet fühlt und sie in der Regel recht einseitig unterstützt. Hierzu würde auch passen, dass die Medien – ganz im Interesse von Union und SPD – sowohl die Grünen wie auch die PDS m.W. ebenfalls sehr kritisch behandelt haben, bevor es diesen Parteien jeweils gelang, sich dauerhaft zu etablieren. Wobei ich die AfD nicht mit den anderen genannten Parteien gleichsetzen möchte, sondern nur darauf hinaus will, dass die Medien (im Regelfall) keine neutrale Kraft, sondern eben selbst Partei sind, ohne dies jedoch offen zuzugeben.

    @ Benjamin Tag, 6:

    „…aber ich neige dazu, mich dem anderen Kommentar anzuschließen, dass hier wenig Kalkül, sondern tatsächlich Ärger darüber durchklingt, wie die ‚Medien‘ durch Frageformulierungen wie diese unnötig polarisieren und so gerade die (wohl ja angesichts seines Rückzugs offenbar auch für Herrn Pretzells) unangenehmen Wähler zur AFD locken.“

    Und vermutlich gerade dadurch haben die Medien den rechten Flügel der AfD auch noch weiter gestärkt, was dann wohl wiederum entscheidend zum Abgang von Pretzell und Petry beigetragen haben dürfte – auch wenn die genauen Gründe ja nicht bekannt sind.

  17. @16: Naja, kommt drauf an, wie man die „Anti-AfD-Haltung“ verkauft. Die Themen der AfD zu nehmen, zu replizieren und dann sagen „Das finde ich doof“ ist m. E. durchaus kontraproduktiv.

    Zum Thema Mündigkeit noch eine Ergänzung wegen der Nahles Geschichte heute: Ich kann nicht mündig sein, wenn mir Informationen vorenthalten werden, z. B. solche des Tonfalls und der tatsächlichen Reaktion der Zuhörer.

  18. In diesem dummen Dreiklang ‚Merkel jagen, Wehrmachtsoldaten, Volk heimholen omg11!‘ der seit Jörges‘ peinlichem Auftritt bei Anne Will am Sonntag ständig zu hören ist, kann man mal wieder die ganze Malaise unserer derzeitigen Medienverfasstheit bestaunen. Wenn es nicht so zum Heulen wäre.

    Um Gaulands ‚wir werden sie jagen‘ wird ein völlig hysterischer Bohei gemacht, während einem noch Nahles‘ „in die Fresse“ oder Gabriels „rückstandsfrei entsorgen“ in den Ohren klingelt. Ja wenn das nicht eine Steilvorlage für die AfD ist, sich als Opfer zu inszenieren, was denn dann?

    Oder Gaulands Anmerkung über den Stolz einfacher Soldaten mit Verweis auf Mitterand. Da sagt Anne Will ernsthaft, jaja Herr Gauland, wir wissen alle jetzt kommen Sie wieder mit Mitterand! Lacht und würgt ihn ab. Was für eine argumentative Brillianz!

    Es ist genau diese Arroganz, die bei jeder Zurschaustellung der AfD mehr Auftrieb für ihr Narrativ der verfolgten Unschuld gibt.

  19. @ Luc #20
    Man kann (und muss) Gauland schon etwas entgegensetzen:
    https://twitter.com/buerger18/status/908961296988688385
    Aber man muss erkennen, dass das, was Gauland da vertreten hat, noch nicht „Nazi“ ist. Das ist diese nationalkonservative Suppe, die in der hessischen CDU einmal daheim war unter Dregger & Co, wo Gauland nicht zu den Hardlinern gehörte. Wenn man es ganz genau nimmt, gehört in diesen Wehrmachtsgeist auch der Widerstand um Stauffenberg hinein. Ich bin mir sicher, dass Gauland Stauffenberg in hohem Ansehen hält, wenn man ihn fragt. Damit steckt er zu einem erheblichen Teil in einem Mainstream, der eben kein Problem damit hat, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer bis 1944, also viel zu lange, einen irrwitzigen Krieg aktiv als Soldaten mitgetragen haben. Stauffenberg war für die Rekrutierung zuständig und hat Millionen junger Deutscher in den Tod getrieben. Das muss man einfach wissen. Deshalb ist es nicht korrekt, Gauland wegen seiner Wehrmachtsäußerungen einen Nazi zu nennen (auch wenn man sie ablehnt) und Stauffenberg am 20.Juli zum Antifaschisten zu erklären. Viele Leute wissen das nicht mehr, so dass sie den Nazi-Vorwurf teilweise ganz ahistorisch verwenden und dadurch entwerten. Das Geschichtsbild ist inzwischen so primitivisiert, dass viele glauben, dass von 1933 bis 1945 in Deutschland alles „Nazi“ war. In diesem Sumpf gedeihen sowohl die wahllosen Nazivorwürfe wie der Hohn von rechts über diese Vorwürfe. Das ist richtig dumm, ungebildet und kontraproduktiv, denn Leute, die noch deutlich rechts von Gauland stehen, werden mitentlastet, wenn Gauland mit einigem Recht und guten Argumenten Nazivorwürfe pariert.
    Dabei ist auch der Hinweis auf Mitterand weniger wert, als er scheint. Mitterand war ein äußerst zwielichtiger Politiker, in jungen Jahren ein Rechtsextremer und Kollaborateur, der sich 1945 quasi in letzter Minute und auf dubiose Weise zum Résistant gemacht hat. Sein politisches Leben war von Anfang bis zum Ende mit solchen haarsträubenden Gaunereien gespickt. Wenn es um Fragen der militärischen und politischen Ehre geht, wäre Charles de Gaulle ein viel besserer Kronzeuge.

  20. Auch wenn ich Pretzell persönlich unsympathisch finde und die AFD ebenso, ist die Kritik die er dort äußert berechtigt.

    Leider ist die Analyse des ansonsten immer sehr gut analysierenden (ein Meister seines Fachs!) Niggemeier hier sehr schwach und meiner Ansicht auf tönernden Füßen.

    Wenn ein AfD Mann sagt, dass die Medien die AfD „hochgeschrieben“ haben, ist das ja erst mal nur eine Feststellung, die natürlich einen provokaten Hintergrund hat, da er weiss, dass die Interviewer genau das nicht wollen.

    Der Vorwurf ist, dass diese permanente, hysterisch anmute Skandalisierung zum einen die AfD als ganzes nicht richtig wahrnimmt und wiedergibt (soweit ich das gelesen habe, soll die AfD in NRW eine Anti-Höcke Linie haben) und zum anderen (nach Ansicht Pretzells) zu mehr Erfolg geführt haben.

    Die Situation würde mich aber auch als Politiker nerven, wenn ich permanent über Dinge reden muss, die ich nicht vertrete und evtl. sogar dagegen bin.

    Aber diese Masche – das Journalisten in allen Berichten über Politik ihre Meinung kundtun müssen – ist heute Standard (ich frage mich oft, ob das in Journlaistenschulen so gelehrt wird). Daher ist die Medienkritik durchaus berechtigt, wird aber wie man an den Reaktionen sieht, zu nichts führen. Die Journalisten fühlen sich alle völlig unschuldig.

    Das diese Masche aber schon länger durchgezogen wird und z.b. auch bei den Linken wirkt, läßt sich beispielhaft daran erkenne, wenn dort jemand sich kritisch über Flüchtlingspolitik außert, wird immer wieder über Jahre wiedeholt die Personen wären National oder Völkisch. (http://www.taz.de/Kommentar-Lafontaines-Populismus/!5450784/)

    Und selbst wenn es um eigentlich wichtigen gesellschaftliche Themen geht, gibt es Grundlinien die nicht überschritten werden dürfen. Wie beispielsweise in der Rentenpolitik. Fragen Sie mal warum wir uns nicht an das Österreichische Rentensystem orientieren?
    Es gibt dort ein „Denkverbot“, dass selbst Journalisten mit Unwahrheiten nur die Vorschläge oder eine Anregungen abbügeln.
    (http://www.seniorenaufstand.de/oesterreichs-renten-die-rente-mit-70-und-das-merkwuerdige-engagement-der-qualitaetsmedien/)

    Ich kann die Kritik verstehen. Sie scheint aber bei Journalisten sehr unbeliebt zu sein. Fehlende Selbstreflektion? Oder Verschwörung?

  21. #21 Andreas Müller:

    Natürlich muss man Gauland etwas entgegen setzen, da widerspreche ich nicht. Ich denke nur, dass wenn man es so macht wie Anne Will und viele andere Journalisten, die meinen man müsse es gegen die AfD mit journalistischen Tugenden nicht so genau nehmen weil die ja sowieso die Bösen sind, dann spielt man der AfD direkt in die Hände. Die müssen ihr Narrativ von den voreingenommenen Systemmedien dann nicht mal mehr an den Haaren herbeiziehen.

  22. @ Luc #22
    Ich stimme Ihnen da voll zu.
    Wir hatten auf diesem Blog schon oft das Thema, dass Medien einerseits unfair über und mit der AfD sprechen und ihr dann andererseits sogar bei der Auswahl und Behandlung von Themen zuarbeiten (z.B. im sogenannten Duell zwischen Merkel und Schulz).
    In dieser Schizophrenie spiegelt sich eine tiefe gesellschaftliche Spaltung, über die erst jetzt nach der Wahl offen gestritten wird, u.a. in der Linkspartei. Gut so! Aber warum nicht früher?

  23. @23: Debatten können auch ohne Ihre Kenntnis stattfinden.

    Die “ Schizophrenie“, die „tiefe gesellschaftliche Spaltung“ und die Tatsache, dass darüber angeblich nicht vor der Wahl drüber gestritten wurde, behaupten Sie ja nur.

    Meinungspluralismus ist essentieller Bestandteil unserer Demokratie und nicht Indikator für ihren Untergang.

  24. Warum sind die öffentlich-rechtlichen Journalisten so dilettantisch unterwegs? Polemisch, unsachlich…
    Warum fällte einem Marco Seiffert von Radio1 nichts besseres ein, als die „Storchin“ kurz vor der Wahl wieder auf ihr „Mausgeklickt“ anzusprechen??? Gibts nicht neues? Habe die Journalisten ihr Pulver schon verschossen, dass sie provozieren müssen, anstatt sachlich die Bloßstellung zur erreichen, die sie anstreben??? Warum werden hier für die AFD unnötige Steilvorlagen gegeben?????

  25. @26:
    Steilvorlagen?
    „Ich musste das Mädchen vergewaltigen, sie war so promiskuitiv gekleidet!“

    Der Pretzell kann auch einfach mal den Mund halten, statt Pressevertreter zu belehren – DISCLAIMER: Das ist kein staatlich angeordneter Versuch, „unangeneheme Meinungen“ zu unterbinden, nur meine Meinung und für Meinungsfreiheit steht die AfD doch angeblich, ja?
    Und von den Pressevertretern würde ich mir einfach mehr Selbstbewusstsein wünschen, statt sich widerspruchsfrei „Undifferenziertheit“ und „schlechten journalistischen Anspruch“ unterstellen zu lassen.
    Alles nur eine superschwellige AfD-Masche, damit man sich nachher schön als missverstandenes Opfer darstellen lassen kann.

    Dass die beiden es geschafft haben, jetzt als „gemäßigt“ gegegenüber der Rest-AfD rüberzukommen, ist der eigentliche Witz.

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