Ende der Werbeveranstaltung

Keine 36 Stunden bis zur ersten Hochrechnung und die Möglichkeit, dass die immer schneller getakteten Umfragen insbesondere für eine Partei vom tatsächlichen Ergebnis nach oben abweichen, war noch nie so groß wie 2017. Vor der freundlichen Anruferin eines Meinungsforschungsinstituts fällt das Bekenntnis zu einer extremen Partei eben möglicherweise schwerer als ein Kugelschreiberkreuz in einer uneinsehbaren Wahlkabine.

Ohne über ihre Inhalte zu reden: Die AfD hat es geschafft, dass Gauland, Weidel, Höcke, Petry, Storch und Meuthen bekannter sind als das Personal der etablierten Parteien. Es ist keine Schande, an der Denksportaufgabe „Nenne sechs aktive Politiker der FDP“ zu scheitern. Und auch bei den im Bundestag vertretenen Grünen wird es vermutlich für die meisten schwer.

Inzwischen war bis zum Pupillenstillstand darüber zu lesen, wie die AfD die Medien, die sie eigentlich verachten, so wirkungsvoll instrumentalisieren konnte. Dabei ging es fast immer um den Trick, durch provozierte Aufreger für die Thermik zu sorgen, auf der es sich dann gemütlich segeln lässt.

Die Obsession der AfD galt dabei klar der Migration. Der Frage, wie der Journalismus selbst mit dem Thema umging, untersuchte die Studie „Die ‚Flüchtlingskrise‘ in den Medien“ der gewerkschaftseigenen „Otto Brenner Stiftung“, erschienen im Sommer 2017. 13 Monate lang – von Februar 2015 bis März 2016 – wertete eine Forschungsgruppe viele tausend tagesaktuelle Beiträge in Online- und Printmedien aus. Allein bei „Süddeutscher Zeitung“, FAZ und „Welt“ zählten sie 1.687 Beiträge. Signifikantes Ergebnis: Ein Viertel der Texte ordneten sie in die Rubrik „Meinungsbeiträge“ ein, zu denen Kommentare, Analysen und Leitartikel gehören.

Große Aufgabe

Für Jochen Bittner, der die Studie in der „Zeit“ vorstellte, ergab sich aus den Ergebnissen ein drastisches Bild: „…die wichtigsten Tageszeitungen Deutschlands verwandeln sich in Volkserziehungsbroschüren. Die Journalisten kontrollieren nicht mehr das Handeln der Politik, sie kontrollieren das Denken der Bürger.“

Die Studie selbst bleibt im Ergebnis moderater: Das „Bezugssystem“ der Journalisten sei „in erster Linie die Politik, ihr Interesse gilt den Handlungsoptionen der politischen Akteure.“ Sie sieht ein „Agenda-Setting“ der Leitmedien zugunsten der Partner der großen Koalition und die, die sich „in den Behörden und Einrichtungen um die Bewältigung der ungeheuren Aufgaben und Probleme des Vollzugsalltags kümmerten, erscheinen aus der medial vermittelten Sicht der politischen Elite als nicht relevant.“

Tatsächlich – aber das ist jetzt ein gewollter und hiermit auch gekennzeichneter Meinungsbeitrag – hat sich Deutschland mit der Aufnahme der zahlreichen Geflüchteten seit 2015 einer großen Aufgabe gestellt, an der das Land nicht zerbrochen ist. Möglicherweise sind in der Berichterstattung tatsächlich die zu kurz gekommen, die unterhalb der „politischen Elite“ die operative Arbeit geleistet haben. Allerdings nicht nur Kommunalpolitikerinnen, Verwaltungsangestellte, Grenzschutzbeamtinnen und Polizistinnen, sondern auch all die anderen Bürger, die die Studie eher nicht meint: Deren oft auch ehrenamtlich erbrachte Arbeit positiv zu würdigen, fiele aber vermutlich auch in die Kategorie „Agenda-Setting“.

Leitmotiv Angst

Das bisher Erreichte spielte weder in den Medien noch im Wahlkampf selbst eine Rolle. Stattdessen war das Leitmotiv die Angst, besonders natürlich die Angst vor Geflüchteten. Bezeichnenderweise übrigens nie die Angst der Geflüchteten, die sogar eine real durchlebte ist. Aber die hatten eben weder die Wahl, noch haben sie hier ein Wahlrecht.

Die komplette erste Hälfte des „TV-Duells“, viele Talkshows und unzählige Texte – zwei Jahre nach 2015 lebten wir während des Wahlkampfs wieder mitten in der „Flüchtlingskrise“. Selbst der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung nennt die „Obergrenze für Asylsuchende“ schon auf Position 3, während ein „Verbot für Rüstungsexporte“, das man mit etwas gutem Willen als indirekte Fluchtursachenbekämpfung werten könnte, erst auf Position 31 folgt.

Welche diplomatische Strategie die Parteien zur Beendigung des Bürgerkriegs in Syrien einnehmen, stand ohnehin nie auf der Tagesordnung und das liegt nicht daran, dass das Thema zu kompliziert ist. Dieser Teil der Politik wirkt zwangsläufig abstrakt, verlangt nach längeren Antwortzeiten und könnte in einer Talkshow zum Wegzappen animieren – also lieber der kurze konsensfreie Schlagabtausch.

Dass das Thema „Angst“ so gut zog, war eben nicht nur der AfD klar, sondern auch denen, die ihnen aus Interesse am Konflikt immer wieder und ohne Not eine Bühne boten. Evolutionspsychologisch schaffen negative Botschaften einfach bessere Anker im Gehirn als positive Nachrichten: Wir sind Kommunikationsprimaten, die auf das Überleben gepolt sind. Auch wenn die Gefahren längst nicht mehr hinter dem nächsten Baum lauern, sondern als Realitätssurrogat auf einem Flachbildschirm präsentiert werden.

Zwangsläufiger Überdruss

Morgen ist der Wahlkampf endlich vorbei und wenn sich der Rauch verzogen hat, ist eventuell sogar Zeit für eine kritische Neubewertung der Rolle des Journalismus in der Begleitung von Wahlkämpfen: Sind Journalisten wirklich „Volkserzieher“? Oder sind nicht vielmehr Auflagendruck, Quotenfixierung und Klickzahlengier die gefährlicheren Qualitätsbremsen?

Der Wahlkampf selbst ist in seinem Wesen eine Werbeveranstaltung und die Berichterstattung darüber oft eine Meta-Kommunikation. Samt einem zwangsläufigen Überdruss, der durch die pausenlose Weitererzählung, Bewertung und Diskussion dieses reinen Sprechtheaters auf vielen Kanälen multipliziert wird.

Egal, wie sich der neue Bundestag zusammensetzt: Es wird höchste Zeit für Schlagzeilen und Titelseiten über die Themen, die das Leben in diesem Land prägen. Wohnungsbau, Gleichbezahlung, Bildung, Gesundheitswesen und eine Familienpolitik, die geänderten Lebensmodellen Rechnung trägt. Das ist auf den ersten Blick spröder als die Showstunts einer rechtsextremen Partei, aber uns wird schon nicht langweilig.

2 Kommentare

  1. Danke Peter Breuer für die guten Gedanken in Ihren Kolumnen zur Bundestagswahl. Bitte schreiben Sie auch zukünftig für Übermedien. (Mein Lob klingt wie von einem Positiv-Troll, ist aber mein Ernst!)

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