Auf der Spaßbremse

Zugegeben, einen Moment lang war es lustig, vorigen Sonntag zu lesen, der Partei „Die Partei“ und dem Berliner Satiriker Shahak Shapira sei es gelungen, 31 Facebook-Gruppen von AfD-Anhängern zu kapern und mit neuen Gruppennamen zu versehen. Eine raffinierte Idee, wie gemacht, um sie weiterzuverbreiten. Und so funktionierte es dann ja auch.

Shahak Shapira, der in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Aktionen auf sich aufmerksam machte, wurde den Gruppenmitgliedern und den Medien als „Propagandaminister“ der Partei vorgestellt. Weil das die Sprache ist, die die Rechten verstehen. Außerdem sind Goebbels-Witze fast noch besser als Hitler-Witze, und Shahak Shapira ist Jude. Wer darüber nicht lachen kann, muss ein Nazi sein.

Über die reflexhafte Freude, der AfD, die das Internet bisher nutzte, um die trumpartig wiederholte Behauptung, von den etablierten Medien belogen zu werden, mit den eigenen Mitteln zu schlagen, könnte man aber auch eine Minute länger nachdenken. Weil in der schenkelklopfenden Stumpfheit der begeisterten Kommentare – „Ey, ich feiere Euch so hart“ – und den Reaktionen der Presse genau das lag, was die AfD ihren Sympathisanten seit Jahren einbläut: Die „Gleichschaltung“ eines überlegenen Systems, das noch engeres Zusammenrücken erfordert. Weil das Prozedere der Aktion, um es Nicht-Facebook-Experten erklären zu können, minutiös nacherzählt werden musste, lasen sich die Berichte in allen Medien fast identisch. Systempresse eben.

Satiriker Shapira neben Kançler Somuncu Screenshot: Die Partei

Einen Witz, zumal einen gelungenen, überhaupt zu hinterfragen, bringt einen zwangsläufig in die Rolle der Spaßbremse – und natürlich: „…was darf die Satire? Alles.“ Das Zitat ist übrigens der Schluss eines Textes, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg erschien. Unter anderem spricht Kurt Tucholsky darin über die Schärfe der französischen Kriegskarikaturen, deren zielgerichtete Wut und Wucht ihn beeindruckten – im Gegensatz zur Wahllosigkeit der deutschen Satire, die „heute den angreift und morgen den“.

Erwartungsgemäß traf die Aktion in den Augen der Masse die Richtigen. Leider sind gruppendynamische Erlebnisse, bei denen es die Richtigen trifft, auch Momente, in denen ein sich auf der richtigen Seite der Wahrheit fühlendes Publikum sein Selbstbild überprüfen sollte: Auch eine Todesstrafendiskussion, die in der Woche einer grausamen Kindstötung startet, würde viele Befürworter finden, weil es den Richtigen treffen würde.

Andererseits hatte „Die Partei“ im NRW-Wahlkampf bereits Wahlplakate mit der Zeile „Hier könnte ein Nazi hängen“. Was natürlich ein Witz war oder mit sehr viel gutem Willen sogar ein Metawitz, der die Vorliebe von Nazis für jegliche Form der Hinrichtung aufgreift. Aber natürlich ist das alles Quatsch und allein die Beschäftigung mit der Wirkung der „Die Partei“-Aktion ist wahlweise links, rechts, humorlos oder – Killerargument – der pure Neid auf die erzielte Aufmerksamkeit. „Die Partei“ beherrscht das Spiel mit der coolen Sorte Humor, die andere maximal blöd aussehen lässt.

Wer zum Beispiel mit dem Abgeordneten des Europaparlaments Martin Sonneborn per Abgeordnetenwatch.de diskutiert, darf zum Stichwortgeber launiger Statements werden. Auf die Frage: „Wie steht Ihre Partei zu den geplanten Handelsabkommen? Werden Sie CETA, TTIP, TISA zustimmen?“ kommt die Antwort: „Nach der Machtübernahme werden sämtliche Personen, die sich für TTIP eingesetzt haben, an die Wand gestellt. Beantwortet das Ihre Frage?“

Wobei die Frage nach seinem Stimmverhalten ohnehin müßig ist, Sonneborn hat den „Spiegel“ schon 2014 wissen lassen, dass er vorhabe, „bei Abstimmungen getreu unserem Wahlprogramm abwechselnd mit Ja und Nein zu stimmen“. Und das zieht er auch gnadenlos durch. Bei der Abstimmung über das „Vorgehen gegen Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, einschließlich Völkermord“ stimmt er am 4. Juli 2017 gegen den Entschließungsantrag, der mit 78 % der Stimmen des Europaparlaments angenommen wird. Zusammen mit Beatrix von Storch gehörte er zu den 32 Gegenstimmen. Entweder ironisch oder weil in seinem persönlichen System gerade „Nein“ dran war.

Mit ihren Positionen im Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) gelang es der Partei, die laut bpp „satirische Elemente in ihren Programmen“ verwendet, mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit im Netz auf sich zu ziehen. Die Beantwortung der einzelnen Positionen verortete „Die Partei“ einigermaßen nah bei Linken und Grünen. Weil sie damit bei einer großen Zahl von Wahl-O-Mat-Nutzern weit oben im Ranking auftauchte, waren Screenshots der eigenen Ergebnisse auf Twitter und Facebook sehr beliebt. Eine Spaßpartei, die die Etablierten schlägt – stärker kann doch die Politikverdrossenheit nicht sein.

Während aber zum Beispiel SPD, Grüne und Linke eine jährliche Obergrenze für die Aufnahme neuer Asylsuchender ablehnen und ihre Position begründen, schreibt „Die Partei“: „Die Obergrenze wird jährlich neu definiert: Deutschland darf nicht mehr Flüchtlinge aufnehmen als das Mittelmeer.“ Man legt unwillkürlich scheinbestürzt eine Hand vor den Mund murmelt „wie böse“. Aber dann lacht man auch schon wieder und sagt: „Wählt die Partei, denn sie ist sehr gut.“ Das ist der Claim von „Die Partei“ und er ist perfekt gewählt, das merken sich sogar die Trottel, die sich bisher nur „Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard“ merken konnten.

12 Kommentare

  1. Ich verstehe den Text nicht so ganz. Spaß ja, aber nur in den Grenzen von Peter Breuer? Spaß ist eine ernste Sache, Politik aber auch?

  2. Ich finde die hier aufgeworfenen Fragen gut und wichtig. Ich hätte mir nur noch mehr Auseinandersetzung mit der konkreten Aktion gewünscht.

    Ich fand die Übernahme der Gruppen auch eine witzige Idee. Aber ich finde sie wirft eine Reihe sehr interessante Fragen auf.

    Vielleicht ergibt sich ja nochmal die Möglichkeit, sich des Themas näher zu widmen.

  3. Die Aktion „Wir bauen die Mauer wieder auf – damit das Merkel weggesperrt werden kann“ mit akkustischer Untermalung von „Die Partei, die Partei, die hat immer Recht“ Hatte schon etwas.

    Etwas eigenartige ältere Herren in schäbigen Anzügen verwickelten daraufhin die Aktivisten von „die Partei“ in Diskussionen, in denen sie aber nur gandenlos aufgelaufen sind und sich am Ende wutenbrannt mit „früher hätte man sowas wie euch vergast“ verabschiedeten. Offensichtlich völlig humorbefreite Spassbremsen mit Stock im Hintern.

    Hat es immer gegeben, wird es immer geben.

  4. Vorweg: Ich habe den Artikel sehr gerne gelesen. Aber eine andere Meinung.

    Wenn wir mal davon ausgehen, daß „bei Abstimmungen getreu unserem Wahlprogramm abwechselnd mit Ja und Nein zu stimmen“ nur ein Sonneborn’scher Witz war (was sich natürlich nicht hinreichend belegen lässt), sieht es anders aus:

    „Nach der Machtübernahme werden sämtliche Personen, die sich für TTIP eingesetzt haben, an die Wand gestellt. Beantwortet das Ihre Frage?“

    Das beinhaltet, neben anderem, eine exakte Aussage. Ebenso wie das Ziel, eine Obergrenze für Flüchtlingsaufnahme unter der Begründung, nicht mehr Flüchtlinge als das Mittelmeer aufnehmen zu wollen, einführen zu wollen.

    Ich betrachte es als Stilmittel der Partei, echte Meinungen satirisch zu begründen. Man kann hier auch einfach lesen:

    TTIP lehnen wir vollständig ab.
    Obergrenze halten wir für notwendig, sie ist allerdings sehr weit oben anzusiedeln.

    Abgesehen davon sind die Positionen, die die PARTEI im Wahl-O-Mat bezogen hat, nahezu identisch mit denen, die sie vor 5 Jahren schon hatte – als einzige Ausnahme ist mir die Stellungnahme zu der Tempolimit-Frage aufgefallen. Da sagt die PARTEI heute
    Tempolimit auf Autobahnen: Ja, „Außer natürlich bei illegalen Autorennen!”
    vor 5 Jahren war es:
    Tempolimit auf Autobahnen: Nein, „Der Führer würde im Grab rotieren!”

    Im Artikel oben heißt es weiter:

    Die Beantwortung der einzelnen Positionen verortete „Die Partei“ einigermaßen nah bei Linken und Grünen.

    Ja. Einigermaßen. Je nach Frage-und-Antwort-Muster ist sie allerdings auch direkt bei der AfD. Bei mir lagen in der Tat PARTEI, Linke und AfD mit je um 70% Zustimmung prozentual gesehen nahezu gleichauf – auf den letzten Platz kam mit etwa 30 % die CDU.

    Die Frage ist nun, ob die PARTEI nicht einfach nur versucht, einen möglichst großen Antwortschnitt zu erreichen, um bei jedem weit oben gelistet zu werden. Das zumindest gab man vor 5 Jahren als Ziel vor. Da tauchten dann auch so Begründungen auf wie (auf die Frage, ob es eine Mietpreisbremse geben solle): Neutral, „Wir werten derzeit noch aus, ob die PARTEI-Wähler mehrheitlich Mieter oder Vermieter sind“. Die Frage gibt es so dieses Mal leider nicht mehr.

    Unabhängig davon verweise ich gerne noch auf Reykjavik

    Bei der Wahl am 27. Mai 2010 erzielte die als Spaßpartei geltende Besti flokkurinn (die beste Partei) auf Anhieb 34,7 % der Stimmen und zog als stärkste Kraft in den Rat ein.
    (Wikipedia)

    Die restliche Geschichte in Kürze: Die „Spaßpartei“ machte sich zunächst einen Namen als offer und kompetenter Zuhörer, sanierte dann den Haushalt und wäre anschließend mit großer Sicherheit wiedergewählt worden. Allein: Sie kandidierte nicht erneut, sagte (sinngemäß) „Wir haben den Karren aus dem Dreck gezogen, aber Politik ist nicht unser Ding.“

    «Meine Frage war immer: Wie ficken wir das System?», kommentierte Einar Örn. «Und die Antwort war: Wir zeigen, dass Nicht-Politiker den Job auch machen können. Aber aufzuhören, mit dem sicheren Wahlsieg vor Augen: Das ist wirklich das System gefickt!»

    (Aus einem schönen, wirklich sehr guten Artikel im Schweizer Tagesanzeiger)

    Martin Sonneborn, bereits jetzt MdEP, liefert immerhin regelmäßig einen „Bericht aus Brüssel“. Das ist 102 % mehr als jedes andere Mitglied des Europäischen Parlaments es tut.

    Und so könnte auch die PARTEI echte Politik machen. Man kann es natürlich nicht wissen – aber das kann man bei letztenendes bei wirklich keiner Partei.

    Zum Abschluß nochmal zu Reykjavik: Aus der alten Spaßpartei blieben ein paar Leute aber erfolgreich mit ihrer Anschluß-Partei, die übersetzt „Leuchtende Zukunft“ heißt, in der Politik.

    Die konservative Partei, die Jahrzehnte die Stadt regierte, ist chancenlos.

    Und so, finde ich, kann von der „leuchtenden Zukunft“ immerhin ein „Fünkchen Hoffnung“ auf uns strahlen.

  5. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wenn man sich mal die Originale anschaut, John Oliver, Stephen Colbert usw, und das mit dem in Deutschland Gebotenem vergleicht, macht das nur noch betroffen. Der Humor in Deutschland ist genauso armselig wie die Politik.

  6. „Die PARTEI“ würde Kritik an ihren satirischen Aktionen sicher nicht für prinzipiell unzulässig halten oder sowas als „Spaßbremse“ abtun, schließlich hat ihr Zentralorgan eine eigene Rubrik namens „Humorkritik“. Nur erscheint mir die Kritik hier inhaltlich ziemlich schwach. Na klar wird die AfD auch diese Aktion wieder für ihr „Alle sind böse zu uns“-Mimimi nutzen, aber das macht sie mit jeglicher Kritik und jeglicher Aktion gegen sie, ja selbst wenn man sie einfach ignoriert. Soll jetzt die Konsequenz sein, nichts mehr gegen die AfD zu sagen und zu tun? Das würde sie auch bloß als Zustimmung umdeuten („schweigende Mehrheit“).

    Die Übernahme der Facebookgruppen ist ja sowohl mit der Offenlegung der dort vorher nichtöffentlich betriebenen Hetze als auch mit der Kritik am Einsatz von Bots verbunden. Das ist doch schon mehr als Klamauk.

  7. „Weil in der schenkelklopfenden Stumpfheit der begeisterten Kommentare – „Ey, ich feiere Euch so hart“ – und den Reaktionen der Presse genau das lag, was die AfD ihren Sympathisanten seit Jahren einbläut: Die „Gleichschaltung“ eines überlegenen Systems, das noch engeres Zusammenrücken erfordert.“ Soweit korrekt. Aber opportunistischer Applaus ist kein Monopol unter Spaßvögeln, auch nicht unter denen, die den Humor selbst nur konsumieren. Was dem Kommentar hier fehlt, ist etwas, das über das Eigenbedauern, für eine Spaßbremse zu gelten, hinaus ginge. Natürlich ist es Ihnen, Herr Breuer, hoch anzurechnen, dass Sie bei all zu unkritischer Begeisterung für Albernheiten zu Vorsicht mahnen, aber mit welcher Schlussfolgerung? Einen Witz nicht zu machen, weil die Gefahr besteht, jemand könnte ihn nicht oder falsch verstehen, kann die Lösung nicht sein. Zudem: Die Gesellschaftlichen Realitäten wie der bevorstehende Einzug der AfD in den Bundestag, dessen größte Fraktion vermutlich erneut von der CDU gestellt werden wird lässt nicht vermuten, dass sich die Witzbolde durchgesetzt hätten. Die PARTEI ist ein Popkulturphänomen unter progressiven Großstädtern in akademischen Peergroups, gilt auch nur als Witzpartei, weswegen sie auch nicht mit mehr als 2% gewählt werden wird. Einen Hintergrund vor dem Ihre selbstgewählte Rolle als Spaßbremse die kritische Betrachtung der PARTEI tatsächlich hätte befruchten können zitiere ich mal aus der Wikipedia: „Eine Studie (Kern und Hainmueller, 2009) kam durch Auswertung von Unterlagen der DDR-Staatssicherheit zu dem Ergebnis, dass die Bevölkerung in den Gebieten ohne Empfang des West-Fernsehens und -Rundfunks weniger zufrieden mit dem politischen System war als in Gebieten mit diesen Medien. Die Autoren führen dies darauf zurück, dass die westlichen Medien vor allem als Unterhaltungsquelle genutzt wurden (medialer Eskapismus), nicht aber, um das DDR-Regime zu hinterfragen. Die virtuelle Emigration senkte offenbar den Leidensdruck und stabilisierte dadurch das SED-Regime.“(https://de.wikipedia.org/wiki/Tal_der_Ahnungslosen)

  8. Jaja, die PARTEI findet man nur in intellektuellen Großstädterkreisen toll und die blöden Landeier wählen AfD, weil Fernsehen für sie nur Eskapismus und keine Informationsquelle ist.
    Bei den Vorurteilen und der Hochnäsigkeit kann ich die Resignation bei vielen AfD-Wählern verstehen.

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