Einen Ziegelstein in ein Brackwasser voller Kaulquappen werfen

Die Twitter-Gemeinde von Donald Trump ist huge. „Millions and millions“ von Followern hat er, demnächst werden es 37 Millionen Menschen sein. Viele haben auf „Folgen“ geklickt, weil sie Trump wirklich verehren, und mindestens genauso viele, weil sie sich lediglich über seinen Schlafrhythmus informieren oder wissen möchten, was zehn Minuten nach Absetzen eines Tweets in den Medien thematisiert wird. Twitter ist für den US-Präsidenten ein immerwährender Wahlkampf gegen seine Feinde – und ihre Zahl ist viel größer als sein Wortschatz. Aber Twitter ist vor allen Dingen eines: genau sein Medium.

Donald Trumps erster Tweet: "Be sure to tune in and watch Donald Trump on Late Night with David Letterman as he presents the Top Ten List tonight!"
Donald Trumps allererster Tweet von 2009

Trump liegt die Zeichenbeschränkung von 140 Buchstaben gut, und der Zwang, eine Aussage in dieser Kürze zuzuspitzen, ist für ihn keine Limitierung, sondern Lebenselixier. Er verhält sich auf diesem Kanal so, wie es Social-Media-Experten ihren Kunden empfehlen: authentisch. Polterig, oft wütend, übertrieben stolz und so emsig mit den orangefarbenen Fingern auf dem Smartphone, dass man sich ängstlich wünscht, er möge andere technische Geräte in seiner Reichweite nicht derart unüberlegt bedienen.

In seinem User-Verhalten ist Trump einmalig und sein Stil, Twitter zu benutzen, hat bei deutschen Politikern im Wahlkampf keine Entsprechung. Inzwischen haben allerdings Politiker aller Parteien Twitter als Medium entdeckt. Sie nutzen es durchaus unterschiedlich und längst nicht mehr so betulich wie in den beiden vorigen Wahlkämpfen. Den archetypischen Politiker-Tweet: „Rede bei der AWO in Simmern, volles Zelt. Gleich Idar-Oberstein.“ gibt es noch, aber er ist seltener geworden. Und wenn er in ähnlicher Form noch auftaucht, dann wird er inzwischen mit Emojis angereichert.

Wie die sozialen Medien funktionieren, haben sich deutsche Parteien von den Führungsfiguren der AfD zeigen lassen. Das war ein Lernprozess, der – wie die Reaktionen auf die Wortmeldungen der AfD belegen – nicht immer erfolgreich verlaufen ist. Die simple Gleichung der AfD folgt dem Trump-Muster:

{Provokanten Tweet raushauen + Zurücklehnen und abwarten, wer über das angebotene Stöckchen springt und die Empörungswelle entfacht = Verzehnfachung der eigenen Reichweite}

Das zieht nicht nur bei politisch interessierten Privatpersonen. Manchmal sind dabei sogar nicht unkomische Dialoge entstanden:

Tweet von Beatrix von Storch: "Wer der Gesegneten-Ramadan-Wünscher hat eigentlich auch Frohe-Pfingsten gewünscht?", darauf Volker Beck (Grüne): "Ich, weil Respekt & Höflichkeit mal Tugenden waren, bevor Sie sie zu Fremdwörtern erklärten", und wieder von Storch: "Finde ich gut. Danke!"

Wenn Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg, die Berliner AfD-Vorsitzende, mal so richtig auf die Sahne haut und am Tag des Terroranschlags von London ihre „Schnauze sowas von voll“ hat „von diesen in-Gedanken-bei-Floskeln“ und Regierungssprecher Seibert und Kanzlerin Merkel, dann ist das, als würde sie einen Ziegelstein in ein Brackwasser voller Kaulquappen werfen. Wer wirklich vorhätte, alle 590 Antworten an von Storch zu lesen, müsste sich einen Tag Urlaub nehmen.

Tweet von Beatrix von Storch (AfD): "Ich habe die Schnauze sowas von voll von diesen in-Gedanken-bei-Floskeln!Merkels Politik fördert den Terror in Europa.Sie ist verantwortlich"

Eine andere Strategie verfolgt CDU-Generalsekretär Peter Tauber. Sein Account ist eine Wundertüte: Er schreibt ins Textfeld, was ihm gerade einfällt, antwortet auf Tweets und ist sogar in Maßen selbstironisch, wenn er den Satireaccount @grumpymerkel retweetet, der ein Bild von Taubers Parteivorsitzender Merkel zwischen den bunten Spielcharakteren der Gamescom postet, Unterzeile „Das neue Kabinett steht schon!“ Okay, ist ja auch ganz niedlich. Und mit Computerspielen kennt sich der Historiker Tauber so gut aus, dass er sogar darüber bloggt – über das „Geschichtsbild in Computerspielen“.

Auf dem Blog mit dem wiederum leicht selbstironischen Titel „Schwarzer Peter“ ist auch zu lesen, dass er sich in seiner Freizeit „gerne mit guten Büchern“ beschäftigt. Auch das werden viele teilen, denn überraschend wenige Menschen geben an, sich gerne mit schlechten Büchern zu beschäftigen.

Zwischen den heiteren Tweets, die zum Beispiel zum Joggen einer kleinen Runde vom #fedidwgugl-Haus einladen (Zur Erinnerung: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ ist der Kampagnenclaim der CDU), gibt es auch mal einen Seitenhieb auf die SPD oder deren Jugendorganisation, die genau wie die der CDU im Wahlkampf traditionell etwas härter zulangt.

Ansonsten ist Peter Tauber als Generalsekretär auch Multiplikator des Wahlkampfteams seiner Partei, das Live-Sendungen mit Merkel-Beteiligung durch visuell aufbereitete Kernthemen flankiert. Wenn Merkel freundlich über die Flüchtlingspolitik der CDU spricht, kommt nahezu zeitgleich ein getwittertes Chart, das konsequente Rückführung, verschärfte Residenzpflicht und Fußfesseln für Gefährder fordert.

Tweet von Generalsekretär Peter Tauber (CDU) über einem Bild, auf dem Angela Merkel als "Dr. Merkel& Mrs. Hyde" dargestellt wird: "Da ist er, der faire Wahlkampf der SPD..."

Seine größte Social-Media-Aufmerksamkeit erzielte Peter Tauber mit einer Antwort auf die Frage eines Twitter-Users: Am 3. Juli verbreitete er nachmittags einen Meinungstext der Tageszeitung „Die Welt“ mit dem Titel „Vollbeschäftigung ist viel besser als Gerechtigkeit“, nach dem – man ahnt es – die im Programm der CDU angestrebte Vollbeschäftigung dem Wunsch der SPD nach Gerechtigkeit vorzuziehen ist.

Stunden später antwortete darauf ein Twitter-User mit der unschuldigen Frage: „Heißt das jetzt 3 Minijobs für mich?“ Um 22 Uhr griff Peter Tauber zum Smartphone und tippte: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“ Eine Steilvorlage für Twitter. Für einen Moment war Peter Tauber ein sehr bekannter Mann. Vielleicht geht es ja längst auch nur noch darum.

Die Linken haben mit Sahra Wagenknecht eine Gelegenheits-Twitterin in ihren Reihen, mit Gregor Gysi einen, der viel über Gregor Gysi twittert und mit Bodo Ramelow einen ausdauernden und sehr überraschenden Twitterer.

Bodo Ramelow liebt Zitate und mag es in erster Linie positiv und versöhnlich. Manchmal gerät ihm dabei sogar das Politische poetisch. Das ist dann vielleicht etwas weit hergeholt, aber immerhin für einen Ministerpräsidenten sehr ungewöhnlich: Wenn der Resetbutton an seinem Handy zum Bild für die Politik wird, erinnert das an Chauncey Gardiner, den Gärtner in Hal Ashbys Film „Being There“, der ohne sein Zutun zur Politikhoffnung wird und dessen schlichte Sätze wie „Im Frühling wird es Wachstum geben“ vom falschen Publikum richtig verstanden werden. Oder umgekehrt.

Tweet von Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke): "Was bedeutet eigentlich Reset auf meinem Handy? Das Handy und die Systeme bleiben gleich, aber synchronisieren sich neu! Danach läufts!"

Die Spitzenkandidaten von Bündnis 90/Die Grünen, Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, arbeiten auf Twitter mit visuellen Statements und kleinen Filmen in Grün, Gelb und Magenta, dem aktuellen Erscheinungsbild, das weit aggressiver ist als die gebastelte Kampagne im NRW-Wahlkampf. Ein kaputtes Smartphone ist da „gar nicht geil“ und nach dem Reparieren „wieder geil“.

Sie zeigen sich im Straßenwahlkampf mit knallgrünen Anoraks, posten ihre Laufschuhe (Göring-Eckardt) oder den Elektroroller, mit dem sie im Wahlkreis unterwegs sind (Özdemir). Und immer wieder arbeiten sie sich an SPD oder FDP ab –  manchmal sogar in langen Gesprächsketten, die mit einer Antwort starten. Richtig souverän wirkt das nicht, weil der Angesprochene naturgemäß in der stärkeren Position ist, und Christian Lindner ist bekanntlich alles mögliche, nur eben nicht auf den Mund gefallen.

Weil diese Kolumne unbedingt einen positiven Touch braucht, muss auch unbedingt über diesen Christian Lindner gesprochen werden. Und zwar nur über einen einzigen Tweet. Da fotografiert er, auf dem Rücksitz eines Taxis sitzend, mit der linken Hand seine rechte schreibende Hand. Auf seinem Anzughosenbein liegt ein Zettel, auf dem er mit einem Füllfederhalter Notizen für den bevorstehenden „Anne Will“-Talk macht. Dass es ihm gelingt, sich in dieser räumlichen Enge und mit dieser verrenkten Körperhaltung nicht von oben bis unten mit Tinte vollzukleckern, ist mindestens 358 Twitter-Favs wert. Und die hat er dafür auch bekommen. Zu Recht.

Tweet von Christian Lindner (FDP) über einem Foto, auf dem man seine Hand sieht, die mit Füller etwas auf einen Zettel kritzelt: "Gleich geht es los bei @AnneWillTalk. Auf Weg schnell noch ein paar Notizen gemacht ;) CL #annewill"

Fast wäre nun jener Politiker vergessen worden, der die momentan meisten Twitter-Follower in Deutschland hat. Er heißt Martin Schulz, ist Kanzlerkandidat der SPD und seine Tweets werden von fast einer halben Million Menschen gelesen. Es sind fast immer reine Text-Statements, die zwischen einer gewissen staatsmännischen Getragenheit und Angriffslust changieren.

„Merkel lehnt Quote für E-Autos ab, hat aber keinen eigenen Vorschlag. Zukunft der Mobilität gestaltet man nicht mit Politikverweigerung!“ ist die aggressive Sorte. Die präsidiale Art klingt zum Beispiel so: „Denke heute viel an Gespräche mit Flüchtlingen & Helfern gestern in Catania. Wir müssen Italien helfen, brauchen europäische Solidarität.“

Martin Schulz bekommt viel Rückenwind, auch Gegenwind, seine Beiträge werden oft geteilt und stark favorisiert. Aber irgendetwas fehlt. Eigentlich besitzt er diese Gabe: Je länger ein Interview mit ihm ist, desto stärker spürt man seine Reaktionsgeschwindigkeit und Spontaneität. Vielleicht sollte er einfach schneller twittern und die Dinger auch mal so rausballern wie Trump. Aber immerhin: Schulz übt schon mal. Auf hilfreiche Tipps von Trump kann er nach dieser Antwort allerdings wohl nicht mehr hoffen.

5 Kommentare

  1. Twitter ist für den US-Präsidenten ein immerwährender Wahlkampf gegen seine Feinde – und ihre Zahl ist viel größer als sein Wortschatz.

    Wenn wir nun berücksichtigen, daß der Wortschatz eines Menschen bei wohlwollendster Hochrechnung ca. 220.000 Wörter beträgt, steht das aber auch zu wünschen.

  2. Ja, der Tauber hat es ja jetzt im Rahmen der Gamescom auch geschafft, sich als junger Hüpfer darstellen zu lassen. Einer, der seinen Finger am Puls der Jugend hat, weil er in jedem Interview „Crysis 2“ fehlerfrei aussprechen kann und inhaltlich dessen Zensierung sogar (zart) kritisiert. Kommt gut bei den Kids: Computerspiele sind Kulturgut. Damit gewinnt die CDU nun Wählerstimmen. Nach 15 Jahren erbittertem Kampf gegen die Liberalisierung des Games-Markts und dem Rückzug von 70% der Videospieleindustrie aus dem deutschen Markt. Wähler leiden leider an krasser Amnesie.
    Ist wie mit der Homoehe (ja, ich weiß, „Ehe für alle“ ist so viel korrekter): 30 jahre erbitterter Widerstand seitens CDU und CSU inkl. Stigmatisierung, Strafverfolgung und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
    Und Merkel wird jetzt als Regenbogen-Kanzlerin abgefeiert.
    Is klar, Siggi.

    Wieso andere Politiker auf die plumpen Anwürfe einer Herzogin von Oldenburg bezüglich christlicher Feste reagieren (ich erinnere an den Säkularismus, aber wen interessiert das schon, bei 1Mio Teilnehmern an Weltjugendtagen .. btw: Alle Metalfestivals in DE pro Jahr sind mehr als 1 mio Menschen. Neue Zielgruppe?) … Das hängt wohl irgendwie mit der Altersstruktur der Politikerschaft und der Unkenntnis von modernen Medien zusammen. Sprich, man verspricht sich davon eine größere Reichweite und vernachlässigt dabei, dass auch der politische Gegner (vielleicht noch mehr) davon profitiert.
    „Eigentor“ würde man das wohl in stupider Sport-Motaphorik nennen.

  3. Na, blöd gesagt: wenn ein Politiker – aus welcher Partei auch immer – bei der Jahrestagung der xy-Branche etwas über die xy-Branche sagt, dann nicht unbedingt, weil er oder sie besonders viel Ahnung von dieser Branche hat. Das kann man lustig finden, bei der Gaming-Branche ist es aber nicht unbedingt lustiger als anderswo. Oder demnächst in Wacken. (Pastorentochter Merkel beim Weltjugendtag wäre aber wirklich lustig…)

    Frau von Storch könnte man ja auch fragen, ob sie auch was gegen Hanukkah-Wünsche hat.

  4. Herr Tauber scheint sein Interesse aber nicht erst kurz vor der BTW 2017 entdeckt zu haben. Schon 2012 hat er hierzu einiges zu „papier“ gebracht: http://blog.petertauber.de/?p=881.

    Crysis 2 wird er vermutlich deshalb fehlerfrei aussprechen können, weil er in der Jury saß die Crysis 2 zum deutschen Computerspiel des Jahres gewählt hat.

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