Von einem fast fertigen Flughafen und deutscher Überheblichkeit

Irgendwie will man es ja gar nicht mehr so genau wissen. Welche Rauchklappe nicht funktioniert, welche Gepäckbänder bereits vor sich hingammeln, welcher Terminal viel zu klein ist, welche Kabelkanäle komplett erneuert werden müssen, wie dummdreist Klaus Wowereit als Aufsichtsratschef agiert hat und überhaupt, wie verpeilt Berlin ist.

Seit 2010 hat es ausweislich des Archivs der „Süddeutschen Zeitung“ rund 4.000 Artikel über den Flughafen BER gegeben. Und in dieser Woche kam noch einer oben drauf. Aber nicht irgendeiner, sondern der längste, der am besten recherchierte, quasi der ultimative. Das zumindest legt die „Spiegel“-Hausmitteilung nah, abgefasst im Duktus größtmöglichen Selbstlobs. Tausende Seiten Akten seien gewälzt worden, Gerichtsurteile gelesen, Untersuchungsberichte und Lärmgutachten studiert. Ja mei, denkt man sich, was denn auch sonst, wenn man fundiert über dieses Gomorra in Brandenburg schreiben will.

„Herausgekommen“, so die Hausmitteilung, sei „eine Reportage, die von deutscher Überheblichkeit handelt.“ Und damit ist nicht diese großsprecherische Ankündigung gemeint.

Bei so viel Getrommel, denkt man sich, muss ja was dran sein. Das will man dann doch über den BER lesen. Dieses eine Mal noch. Vielleicht kapiert man ja endlich mal, wie das alles kommen konnte.

Um es vorweg zu nehmen: Man kapiert es.

Ausriss: „Der Spiegel“

Die Geschichte beginnt in den Neunzigern, als erstmals über einen schönen neuen Flughafen nachgedacht wird und der Entschluss zum Bau fällt. Es herrschte allgemeine Berlin-Euphorie, und nach dem Verständnis der neuen Hauptstadt gehörte ein Mega-Hub dazu.

Dann treten auf: ein sehr von sich überzeugter Architekt, ziemlich kommunikationsgestörte Planer, wechselnde, sehr von sich überzeugte und ziemlich kommunikationsgestörte Flughafen-Chefs wie Hartmut Mehdorn und vor allem: SPD-Politiker wie Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, die den Bau zur Staatsangelegenheit machten, wobei der Staat vor allem aus ihnen bestand.

Was insofern schlecht war, als beide weder Ahnung, noch besonders viel Lust hatten, sich mit Details zu beschäftigen. Vor allem aber waren sie an der Einbindung der heimischen Wirtschaft interessiert, auch wenn es in Berlin und Brandenburg für viele Gewerke gar nicht die richtigen Firmen gab. Generalunternehmen, die ähnliche Projekte schon erfolgreich realisiert hatten, wurden behandelt wie Kriminelle und schließlich so viele Unteraufträge ausgeschrieben und vergeben, dass niemand mehr wusste, was der andere macht und ob’s überhaupt passt. Es passte of nicht. „Man hat einen zu kleinen Flughafen geplant und die Kosten gedeckelt, und trotzdem musste alles andauernd größer werden“, bringt der „Spiegel“ das Dilemma auf den Punkt.

Wer noch Fragen zum BER hat, kann jetzt zur mir kommen. Ich hab’s geblickt. Nach dieser Geschichte muss man nicht mal mehr das „Spiegel“-Buch lesen, das bestimmt auch bald zum Thema herauskommt und garantiert „der Absturz“ oder so ähnlich heißen wird.

Denn auch das liest man raus aus dieser Flughafen-Geschichte, dass sie im Grunde schon die Blaupause zu etwas noch Größerem ist, zu einem Spin-off innerhalb der verlagseigenen Verwertungskette.

Man muss sich die Fabrikation einer solchen Mega-„Spiegel“-Geschichte so vorstellen: Einige investigative Reporter tragen über Monate unheimlich viel Material zusammen und legen es dem Kollegen, der am besten schreiben kann, auf den Tisch. Der montiert es dann zusammen, schafft eine Dramaturgie, entwickelt aus all den Beobachtungen und Statements eine oder mehrere griffige Thesen. Es liegt wohl im Wesen dieser Kompilations-Profis, dass sie noch ordentlich etwas dazuschreiben, weil ihr eigener Anteil mindestens soviel ausmachen soll wie der der Kollegen. Und so kommt es zu einigen Girlanden im Text, zum Eigenlob, zu Pathos und Geschwätzigkeit.

Die aktuelle Geschichte über den BER könnte statt zwanzig auch nur zehn Seiten lang sein, ohne an Substanz zu verlieren. Dann würde zum Beispiel das seltsam volkstümelnde Gejammer fehlen, dass es sich bei dieser Endlosbaustelle um das beginnende Ende deutscher Tugenden handele – wie Fleiß, Gründlichkeit, Rechtschaffenheit oder Anstand und Fleiß. Fehlen würde auch das wiederkehrende Schlechtreden der Kollegen bei den Berliner Zeitungen, denen vorgeworfen wird, sie hätten beim Beschreiben des Projekts in Superlativen geschwelgt. Als würde der „Spiegel“ das nie tun. Und fehlen würde wohl auch diese unangenehme Häme, wenn es um Berlin geht, wobei doch das ganz ähnliche Fiasko um die Elbphilharmonie den „Spiegel“ nicht abgehalten hat, Hamburg auf dem Titel zur eigentlichen Hauptstadt zu küren.

Man würde viele „Spiegel“-Recherchen viel lieber lesen, wenn sie nicht mit diesem ganzen Drumherum garniert würden, das manchmal sehr viele Zeilen einnimmt, bevor es ums Eigentliche geht. Dieses Mal ähnelt die Hybris, die der „Spiegel“ zurecht bei vielen involvierten Flughafen-Managern diagnostiziert, doch sehr der eigenen.

5 Kommentare

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich war am Samstag auch überrascht als ich den „ultimativen“ Artikel gelesen habe. Ich habe zu der Zeit (2005-2012) die „Berliner Zeitung“ im Abo gehabt und es wurde, soweit ich mich erinnern kann, selten in Superlativen berichtet. Ich meine sogar eher, sehr kritisch. Sie bringen es auf den Punkt, 10 Seiten hätten locker gereicht.
    Hier noch eine Kolumne die mir spotan eingefallen ist:
    http://www.berliner-zeitung.de/kultur/leo—gutsch-der-ber-ist-ein-gluecksgriff-fuer-berlin-23976748

  2. Ganz trivial der Hinweis auf einen kleinen Schreibfehler:

    „Man würde viele ‚Spiegel‘-Recherchen viel lieber lesen, wenn Sie nicht mit diesem ganzen Drumherum garniert würden…“

    Das „Sie“ müsste kleingeschrieben werden.

  3. Ich kann mit der Kolumne eh selten was anfangen, aber hier frage ich mich echt, wo ist der Fehler? Man kann den Spiegel für sehr, sehr viel kritisieren, aber der Artikel war auch ob der Länge einer der besten, die ich als Spiegel Abonnent gelesen habe. Ob der spöttische, herablassende Unterton dabei sinnvoll ist oder nicht, okay, das ist sicher streitbar. Inhaltlich bleibt er aber trotzdem von einer Tiefe, die nur wenige Publikationen schaffen. Insofern läuft für mich die wenig substantielle Kritik völlig ins Leere.

  4. Ich fand den Spiegel-Artikel wie diesen Kommentar dazu: eigentlich ganz nett. Nicht unbedingt notwendig, aber nett.

    Die Gedanken zur Heimliche-Hauptstadt-Story mit „Elphi“-Huldigung, sowie, dass das die Vorab-Kurzfassung der nächsten Spiegel-Sachbuch-Veröffentlichung sein könnte, hatte ich nach der Lektüre aber tatsächlich auch. Gespanntes Abwarten…

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