Witz von Friede Springer feiert 16-jähriges Bühnenjubiläum

Friede Springer, die Haupteigentümerin des Axel-Springer-Konzerns, hat gestern im Kreis erlauchter Gäste ihren 75. Geburtstag gefeiert und aus diesem Anlass den Medienredaktionen im Land ein Geschenk gemacht. Der Publizist Michael Jürgs hatte sie dafür gepriesen, dass sie es geschafft habe, nicht mehr „Verlegerwitwe“, sondern „Verlegerin“ genannt zu werden. Sie aber sagte:

„Ich verlege gar nichts. Höchstens mal meine Brille.“

Damit sorgte sie für gute Stimmung im Raum und für Füllstoff für Zeitungsseiten. Der „Tagesspiegel“ nahm es als Beweis für die „viel gerühmte Bescheidenheit“ der VerleUnternehmerin. Die Nachrichtenagentur dpa verbreitete das lustige Zitat als Notiz in ihrer „Leute kompakt“-Rubrik. Von dort aus schaffte es es in ungefähr alle Tageszeitungen der Republik, unter anderem in „Frankfurter Rundschau“, „Mitteldeutsche Zeitung“, „Kölnische Rundschau“, „Aachener Nachrichten“, „Neue Westfälische“ – und als ein „Wort des Tages“ ins „Handelsblatt“, wo es wiederum der Branchendienst „Turi2“ aufschnappte.

Der Witz ist, wie fast alle guten Witze, ein Evergreen. Vermutlich zum ersten Mal gab Friede Springer ihn im Januar 2001 zum Besten, damals im Gespräch mit dem Wochenendjournal des „Hamburger Abendblatts“:

Ausriss: „Hamburger Abendblatt“

Das blieb nicht unbemerkt – die Nachrichtenillustrierte „Focus“ kürte die Sätze in ihrer übernächsten Ausgabe zu ihrem „Spruch der Woche“.

Als Springer im folgenden Jahr 60 wurde, erinnerte dpa im Geburtstagsständchen an dieses Zitat:

Verleger-Witwe: Eine seltsame Berufsbezeichnung für eine Frau, die Macht und Geld und Einfluss hat, der mehr als 50 Prozent von Europas größtem Zeitungshaus gehören. „Verlegerin? Nein,ich verlege nichts, außer meiner Brille, manchmal“, sagt sie einmal in einem Interview. Deshalb trägt sie die Brille gern mit einem Band um den Hals.

2004 führte die „Süddeutsche Zeitung“ ein langes Gespräch mit dem Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner, und sprach mit ihm über die sich wandelnde Unternehmenskultur.

SZ: Wo bleibt dabei der Verleger?

Döpfner: Der Verleger heißt Axel Springer.

SZ: Friede Springer, die Mehrheitsaktionärin Ihres Hauses, sagt, sie verlege höchstens ihre Brille.

Döpfner: Sehen Sie!

Die „Weltwoche“ zitierte den Verleger-Witz 2005, als es so aussah, als würde Springer ProSiebenSat.1 kaufen; der „Spiegel“ 2007, als die „Bild“-Zeitung von Hamburg nach Berlin umzog. Er fehlte auch nicht, als Frau Springer ihren 65. Geburtstag feierte, in den Berichten von „Bild“, „Abendblatt“ und dpa („Ich verlege höchstens meine Brille“, wird sie […] immer wieder zitiert.“).

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2016 gab Mathias Döpfner dem Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ ein längeres Interview. Diesmal kam er selbst auf das Zitat zu sprechen:

Da Frau Springer nie bei Tagesfragen interveniert und wir eine sehr klare Aufgabenteilung haben, muss auch keinem von uns der Schweiß ausbrechen. Wenn sie mit dem Satz angesprochen wird: „Frau Springer, Sie als Verlegerin könnten doch mal dafür sorgen, dass“ antwortet sie gerne mit der schönen Wendung: „Ich bin keine Verlegerin. Das Einzige, was ich verlege, ist meine Brille.“

Die Leser der Funke-Zeitungen (u.a. „Hamburger Abendblatt“ und „Berliner Morgenpost“) konnten das Zitat gestern, also noch vor der großen Geburtstagsfeier, in ihren Blättern lesen. Deren Geburtstagsporträt begann – selbstverständlich, möchte man sagen – mit den Worten:

Friede Springer hat Humor: Als die Witwe des Verlagsgründers Axel Springer, zu dessen Imperium bis 2014 auch diese Zeitung gehörte, einmal erklären sollte, warum sie den Titel Verlegerin nicht möge, sagte sie: „Ich verlege höchstens mal meine Brille.“

Aber nachdem Friede Springer denselben Satz wenige Stunden später zur Erheiterung der An- und Abwesenden im Journalistenclub erneut zum Besten gab, verbreiteten ihn die Journalisten freudig, als ob sie ihn noch nie gehört hätten – ob aus Höflichkeit oder aus Ahnungslosigkeit, man weiß es nicht.

Schade ist bloß, dass in den vergangenen 16 Jahren eine Erweiterung des Witzes verlorengegangen ist. Bei der Uraufführung hatte Friede Springer nämlich dem Verleger-Wortspiel noch einen Unternehmer-Wortspiel hinzugefügt:

Ausriss: „Hamburger Abendblatt“

Das naheliegende „Vertreterin“-Wortspiel hat sie nicht gemacht. Vielleicht hebt sie sich den Witz auf für den 80. Das gibt sicher ein großes Hallo.

3 Kommentare

  1. @Leo Friedrich: Mag sein, aber wie oberflächlich und bescheuert die Medien pseudoberichten, hat er anschaulich dokumentiert. Ist leider nicht nur bei harmlosen Themen der Fall.

  2. Wieviel Leute sind wohl bei der Veranstaltung aufgestanden und haben Queen Friede spontan „Happy Birthday“ gesungen so wie einst ein Palastjournalist bei Köni…Kanzlerin Merkel I. ?
    Warum sagt eigentlich niemand den Verlagen, warum man ihre Blätter so ungern lesen möchte

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