Einfach mal das Hirn Hirn sein lassen

Was sagt es über unsere Zeit, dass es ein Magazin gibt, in dem es darum geht, es sich gemütlich zu machen?

Ich bin unsicher, stelle mir aber vor, was der langjährige „Stern“-Chefredakteur Henri Nannen gesagt hätte, wenn ein Redakteur zu ihm gekommen wäre und gesagt hätte: Ich würde gern mal einen Titel über Gemütlichkeit machen. Und auf Nachfrage ein paar Geschichten angerissen hätte:

  • Warum es Spaß macht, viel Kaffee und andere warme Getränke zu trinken.
  • Warum es toll ist, schon um 16 Uhr Feierabend zu machen und sich mit Freunden zum Picknick zu treffen.
  • Wie man Briefumschläge mit dem Kugelschreiber individuell verzieren kann.
  • Was eine Familie erlebt, die immer an den selben Urlaubsort fährt.

Ich glaube, Nannen hätte einen Tobsuchtsanfall bekommen.

Bevor es nun wieder heißt, ich wäre von der Früher-war-alles-besser-Fraktion, will ich noch einmal sagen, dass ich mir nicht sicher bin, ob ein Heft wie „hygge“ den Untergang des Abendlandes oder eine wichtige publizistische Evolutionsstufe darstellt. In einer komplexen Welt braucht man vielleicht gerade etwas extrem Unterkomplexes als Gegenmittel. Um ruhig zu bleiben, zu chillen.

Einerseits. Andererseits hat man angesichts der eh schon großen Zahl von Berufsjugendlichen immer Angst, dass ein Heft voller Fotos von geblümten Kaffeetassen, Seen im Sonnenuntergang und strahlenden Menschen, die einem ihr Selbstgebackenes entgegenstrecken, die Infantilisierung noch weiter vorantreibt. Jedenfalls ist im Vergleich mit „hygge“ selbst „Landlust“ eine fast schon intellektuelle Lektüre.

Kaum ein anderer Verlag hat aus der Ruhigstellung der Leser so ein gutes Geschäft gemacht wie Gruner+Jahr: Auch das Magazin „flow“ predigt das kleine Glück aus Selbstgebasteltem, Yoga und stillen Momenten beim Kofferpacken; eine Zeitschrift für das einfache Leben, wie es im Obertitel heißt. Nun adelt „hygge“, das Magazin für das einfache Glück, den Rückzug in die Ikea-Welt als gesellschaftspolitische Botschaft, indem es den aus dem Dänischen und Norwegischen stammenden Begriff durchdekliniert: Er bedeute wörtlich gemütlich, angenehm, nett und gut, stehe aber drüber hinaus für die Lebenseinstellung vieler Skandinavier. Also kurz gesagt: für öfter mal innehalten, den Moment genießen, den Sozialneid Sozialneid sein lassen, das Hirn das Hirn.

Sich ein Land wie Dänemark zum Vorbild zu nehmen, in dem es mehr soziale Gerechtigkeit gibt, ist ja richtig; „hygge“ aber tut so, als wäre eine solche Gesellschaft allein durch Kaffeetrinken und Zimtschnecken erreichbar und nicht etwa durch ein politisches Umdenken und einen politischen Umbau. Irgendwo im Heft steht zwar auch, das es die hohen Steuern sind, die für mehr Lebenszufriedenheit im Norden sorgen, aber dieser zentrale Gedanke geht in all den naiven Beschwörungen kleiner, magischer Momente völlig unter.

Schon klar, dass man an ein Lifestyle-Heft wie „hygge“ nicht den Anspruch haben sollte, dass es auf konsistente Art eine politische Botschaft verbreitet, aber die Penetranz, mit der dieses Magazin tut, als wäre das Erreichen eines Zustands völliger Zufriedenheit nur eine Frage der Anzahl der getrunkenen Kaffeetassen am Tag, ist angesichts der sozialen Verwerfungen in diesem Land doch zynisch und eben auch: bigott. Es würde mich nicht wundern, wenn viele „hygge“-Leser einen großen Familien-SUV fahren, mit dem sie genau die Naturlandschaften zerstören, die in „hygge“ so romantisch inszeniert werden. Die Flucht vor einer entfremdeten Welt ist in einer Gesellschaft mit vielen Hartz-IV-Empfängern und Menschen, die sich mit drei Jobs durchs Leben schlagen, eben doch ein Luxus-Projekt.

Momentan heißt es oft, in diesen Zeiten der Trumps und Erdogans könne man nicht mehr unpolitisch sein, und tatsächlich rief ein New Yorker Grafikdesignerportal als einen der Magazintrends dieses Jahres das Ende der unpolitischen Feel-good-Magazine aus. Für Independent-Magazine mag das stimmen. Für einen Verlag wir Gruner+Jahr stimmt anscheinend das genaue Gegenteil. Je politischer die Zeiten, desto mehr lässt sich mit eskapistischen Lesern verdienen, denen das alles zu viel wird.

Schön wäre es, wenn beides ginge: Alltagsflucht und gleichzeitig relevante Ideen, um den Alltag für alle Menschen besser zu machen. Ich wünschte mir in „hygge“ in jedem Heft eine Rubrik über Vorschläge zur Erreichung von mehr sozialer Gerechtigkeit. Dann würde ich abonnieren.

Hinweis in eigener Sache

In dieser Kolumne stand vor zwei Wochen, die „Süddeutsche Zeitung“ hätte eine peinliche zwölfseitige Werbebeilage für die Türkei gebracht. Das war falsch. Die Seiten lagen der „Zeit“ und der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bei.

3 Kommentare

  1. Wann hat denn Herr Pantelouris endlich sein Herzensprojekt beendet? Ich würde so gerne mal wieder eine geistreiche Zeitschriftenbesprechung lesen …

  2. Die Menschen, die redaktionell hinter dem Blatt stehen, sind die gleichen, die sonst ein Wohlfühl–Wohnmagazin produzieren (bei G+J ist es bekanntlich Sitte geworden, dass ein Redaktionsteam 2-5 Magazine zu produzieren hat.)
    Und diese Redakteure sind der Meinung, das es für ihren Arbeitsalltag schön ist, mit FLOW und HYGGE Magazine auf den Markt zu bringen, die Tiefgang haben. Die die Seele berühren. Sie finden, dass es ein Luxus ist, über Themen schreiben zu dürfen, die nicht direkt von den Werbekunden gesteuert werden. Themen, die das Herz betreffen.

    Da wird einem kalt, oder?

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