Die Nachrichtengranate

Das musste ja so kommen! Ende Januar flog eine Handgranate neben ein Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg. Die Nachricht machte schnell die Runde. Zum Glück explodierte die Granate nicht, obwohl sie, wie berichtet wurde, scharf gewesen sei. Die Polizei hat sie dann unschädlich gemacht. Aber, und das war der Tenor der Kommentare: Auch wenn nichts passiert sei – eine Handgranate auf ein Flüchtlingsheim, das sei eine neue Qualität! Brände, okay. Aber eine Granate? Krass.

In der „Tagesschau“ wurde daraus eine längere Nachricht im Film:

Meldung um 20 Uhr: der Handgranaten-Anschlag

Screenshot: Tagesschau 29.1.2016

Und viele äußerten sich: Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sprach von einem „feigen Angriff“. Heiko Maas, der Bundesjustizminister (SPD), sagte, das Ausmaß der Gewalt sei „erschreckend“ und man könne dankbar sein, dass niemand verletzt worden sei. Und die „Zeit“ schrieb:

Am Anfang waren es Pflastersteine und Böller, inzwischen aber fliegen sogar Handgranaten. Die Angriffe auf Flüchtlinge werden immer gewalttätiger.

Auch ich habe die Meldung – einigermaßen ENTSETZT – weiterverbreitet. Und noch etwas weiter gesponnen als die „Zeit“, etwas überdreht.

Eine Handgranate auf ein Flüchtlingsheim, eine Kriegswaffe, Sprengstoff. Ich hielt es für sicher, dass es ein Anschlag war, von Rechten. Von jenen, die um jeden Preis verhindern wollen, dass Menschen, die Not leiden, hier Schutz finden. Denn: Seit Monaten brennen in Deutschland alle paar Tage wieder Asylbewerberheime. Bisher ist dabei, gottseidank, niemand ums Leben gekommen. Aber es ist schlimmer geworden. Und wieso sollte es nicht eskalieren? Eingeworfene Scheiben erst; dann ein Dachboden, der brennt; ein ganzes Haus; eine Handgranate, eine Bombe, ein Panzer. Und Tote.

Und nun?

Nun wurden vier Verdächtige festgenommen, die mutmaßlich die Granate geworfen haben. Die Polizei sagt, die Tat habe offenbar gar keinen fremdenfeindlichen Hintergrund. Vielmehr soll es sich um einen Streit handeln unter Sicherheitsunternehmen, die in der Region Wache in den Heimen schieben. Um zu unterstreichen, dass es keine besorgten Bürger oder Neonazis waren, die mit einer Handgranate Flüchtlinge angegriffen haben, sie vielleicht sogar töten wollten, hieß es von der Polizei, wie die „FAZ“ berichtet:

Vier Tatverdächtige im Alter von 23, 27 und 37 Jahren nahm die Polizei fest, fast alle sollen einen „osteuropäischen Migrationshintergrund“ haben.

Das heißt noch nichts. Aber es gibt weitere Indizien, dass es sich im eine Fehde unter Wachleuten handelt. Die Granate soll auf einen Container geworfen worden sein, in dem sich – nein, nicht Flüchtlinge, sondern Wachleute befanden. Und das Kuriose ist: Die Polizei hatte das früh vermutet und gesagt, dass es sich möglicherweise um einen Anschlag auf Wachleute gehandelt haben könnte. Das wurde auch berichtet. Trotzdem galt es schnell als gesichert, dass es ein Anschlag auf Flüchtlinge gewesen sei. Und das hat dann diese Reaktionen hervorgerufen, auch meine.

Die Geschichte ähnelt der über das Berliner Lageso, worüber wir hier kürzlich berichtet haben. Das Traurige – und Gefährliche – daran ist: Wir sind längst in einer Zeit angekommen, in der brennende Flüchtlingsheime nur noch „schon wieder“-Kurzmeldungen im Meldungsblock der Hauptnachrichten sind. Heute braucht es schon eine Handgranate, um 30, 40 Nachrichtensekunden zu bekommen. Ein Panzer gäbe sicher 1:30. Ein Feuer keine zehn mehr.

Heute ist es nur noch eine Kulisse hunderter brennender Flüchtlingsheime, die uns medial entgegen flammt. Kurz vermeldet. Der Effekt ist: Man schaltet (gedanklich) weg, wenn wieder ein Heim brennt. Langweilig. War doch gestern schon. Spannend wird es erst, so zynisch das ist, wenn eine neue Stufe erreicht ist. Eine Granate. Eine Bombe. Ein Toter. Besser: zwei.

Dann regen wir uns auf. Dann twittern und fordern wir.

Aber wenn hier das zigste Flüchtlingsheim brennt oder in Israel der x-te Bombenanschlag passiert – ja, passiert halt. Menschen, gerade im Wohlstand, stumpfen über solchen Dingen ab, und Journalisten noch schneller, zum Selbstschutz. Und wenn etwas immer wieder geschieht, hat es für Medien kaum noch Nachrichtenwert. Es wird normal, und über das Normale berichtet man nicht, weil es, Sie ahnen es: normal ist.

Die Frage, die man sich nur zwischendurch stellen sollte: Wo führt das hin? Irgendwann interessiert dann nicht mal mehr eine Handgranate? Wenn auch sie normal geworden ist? An welchem Punkt sind wir dann?

Die Dosis Information ist so hoch derzeit, das Tempo so unfassbar, und es wird nicht ausgeruhter, bedachter, im Gegenteil. Dabei wäre gerade das wichtig: Ruhe zu bewahren. Zu berichten, wenn wir gesichert wissen, was geschehen ist – und nicht schreien, wenn vermeintlich eine neue Eskalationsstufe erreicht ist, die Fakten aber noch unklar sind.

Unbenommen: Es ist wichtig, immer wieder über jedes einzelne brennende Flüchtlingsheim zu berichten, und über jeden anderen Anschlag, und nicht im achselzuckenden Duktus der Normalität. Nicht nur abhaken, schnell weiter gehen. Genau so, wie berichtet werden muss, wenn Flüchtlinge hier gegen Gesetze verstoßen. Und weshalb das so ist. Und woher das kommt.

Die falsche Annahme aber, bei der Handgranate habe es sich um einen Anschlag auf Flüchtlinge gehandelt, führt in diesem Fall noch zu einem anderen Effekt: In rechten Foren, auf den Hetzseiten, wird der Fall nun rumgereicht, höhnend, rechthaberisch. Weil es doch erneut ein Beweis sei, dass die Lügenpresse Stimmung mache, eben mit solchen Lügen. Und die Leute da oben, die dieses Land führen, die Politiker, hätten mitgemacht.

Auch deshalb, um diese Hetze nicht zu ermöglichen, müssten wir abwarten, einen Schritt zurücktreten – und erst dann lostippen oder -kommentieren.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

Wir wollen
Medien besser kritisieren.

Unterstützen Sie unsere Arbeit:

Über Übermedien Abonnieren

18 Kommentare

  1. Ich frage mich jetzt gerade vor allem, ob eine Handgranate wirklich eine andere Stufe ist/wäre als Brandstiftung. So grundsätzlich.
    Gebe aber zu, dass das objektiv betrachtet wahrscheinlich ziemlich egal ist.

  2. Ach und weil jetzt die Cops erklären es waren Osteuropäer, die ja, weil selbst Ausländer nach Vorschullogik keine Rassisten sein können *facepalm* und das der Anschlag „nur“ dem Wachdienst galt, ist alles okay und die Wahrheit ist verkündet. So wie Schily Stunden nach dewm Anschlag auf die Keupstrasse die Wahrheit wußte und jahrelang Döner mordend durch das Land zogen. Gerichte zur Feststellung von Sachverhalten werden auch total überbewertet,

  3. „In rechten Foren, auf den Hetzseiten, wird der Fall nun rumgereicht, höhnend, rechthaberisch.“
    Logisch, was denn sonst? Würden linke Foren auf journalistische Rohrkrepierer von rechts anders reagieren?
    Pirinci, der Tote am Lageso und jetzt die Handgranate waren in kurzer Zeit 3 Fehlleistungen, bei denen jede journalistische Sorgfalt flöten gegangen ist, weil die Nachrichten wie angegossen in den „Kampf gegen Rechts“ zu passen schienen. Davor gab es noch den angeblichen PEGIDA-Mord an Wir-sind-Khaled in Dresden, der dann doch nur ein namenloser weiterer Mord unter Flüchtlingen war.
    Man muss sich schon sehr ernsthaft die Frage stellen, was denn an moralischer Substanz hinter einer Empörung steckt, die so billige Effekte sucht und dabei so oft spektakulär auf der Nase landet. Die Fehlleistungen sind so unterirdisch, dass ich mir als ehrlicher Antifaschist auch einmal die Frage stellen würde, ob meine Mitstreiter einfach nur korrupt sind oder ob vielleicht sogar feindliche U-Boote am Versenken der eigenen Überzeugungen mitarbeiten. Das wäre für einen intelligenten Menschen doch eine naheliegende Frage, oder?

  4. Mir ist der Sinn dieses Artikels nicht klar. Erster Absatz: alle haben falsch reagiert (auch der Verfasser des Artikels + ein Quantum Selbstkritik)
    Dann folgt ein längerer Absatz mit mimimi – Grundtenor die Leser/Nachrichtenkonsumenten sind selbst schuld, dass sie genervt von den ganzen Falschbetroffenheitskrakelereien sind und deswegen die Falschbetroffenheitskrakelereien provozieren.
    Der letzte Satz noch eine Belehrung.

    Das ist genau die Art Selbstreflexion die in die falschen Hände spielt.

  5. Täglich fliegen Steine, Brandsätze und Molotow-Cocktails in Flüchtlingsunterkünfte. Aber bei der einen Handgranate letztens, da hätte die Presse doch bitteschön gleich stutzig werden und erst mal gründlich recherchieren müssen, ob der Anschlag nicht vielleicht doch, man weiß ja nie, dem Pizzalieferanten oder dem Heizungsmonteuer gegolten hat?

    Also, wenn eine solche Geschichte ernsthaft als Beispiel für den Niedergang des sogenannten Qualitätsjournalismus herhalten muss, dann kann es um selbigen ja gar nicht so schlecht bestellt sein.

  6. @Andreas Müller:

    Pirinci, der Tote am Lageso und jetzt die Handgranate waren in kurzer Zeit 3 Fehlleistungen, bei denen jede journalistische Sorgfalt flöten gegangen ist, weil die Nachrichten wie angegossen in den „Kampf gegen Rechts“ zu passen schienen.

    Also, bei vermeintlichen Toten am Lageso gab es viele Medien in Berlin, die nicht jede journalistische Sorgfalt flöten gehen ließen, sondern das sehr zurückhaltend berichtet und sofort kritisch recherchiert haben.

    Meinen Sie angesichts all der tatsächlichen Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsheime, dass ein „Kampf gegen Rechts“ abwegig ist?

  7. „Meinen Sie angesichts all der tatsächlichen Übergriffe auf Flüchtlinge und Flüchtlingsheime…“
    Da meine ich vor allem, dass angesichts der vielen Berichte über Übergriffe erstaunlich wenige Täter identifiziert und vor Gericht gestellt werden. Es soll mir keiner erzählen, dass das die normale Aufklärungsquote bei Brandstiftung und Körperverletzung ist.
    Ich würde gerne sehen, was für Leute für die Mehrheit der Fälle verantwortlich sind. Solange das nicht der Fall ist und gerade die am stärksten medial hochgejubelten Fälle „rechter“ Gewalt sich immer wieder als etwas anderes herausstellen, bleibt da ein deutliches Geschmäckle.
    Man könnte in diesem Zusammenhang auch noch den Reker-Attentäter erwähnen, über den man seit dem initialen Fanfarenstoß, dass er ein Rechter sei, erstaunlich wenig Substanzielles erfährt, während sein Opfer von echtem Schaden offensichtlich mehr als eine Armlänge Abstand gehalten hat: auch eine Inszenierung in der guten alten Tradition des Neusel-Attentats oder des Celler Lochs?

  8. Der Autor stellt in dem Artikel zu recht fest, dass Medien manchmal zu vorschnell Sachen als Fakten darstellen und eventuell mehr Zeit & Recherche in diesem Fall angebracht gewesen wäre. Aber bei dieser Analyse folgt der Autor leider der gleichen fatalen Logik: Was wissen wir denn jetzt tatsächlich mehr als zuvor? Ja, die Polizei hat jetzt Tatverdächtige festgenommen und eine Pressekonferenz gegeben. Und?

    Wir leben in einem Rechtsstaat und was die Polizei sagt und denkt ist da erst Mal in Fragen von Schuld relativ bedeutungslos. Am Ende wird dies ein gericht entscheiden. Die Geschichte der Polizei könnte sich doch jetzt noch genauso als haltlos herausstellen. Man denke nur mal an die NSU-Mordserie, wo schließlich nicht nur jahrelang gegen Opferfamilien ermittelt wurde, sondern auch jahrelang ein „Gespenst“ gejagt wurde wegen unsauberen Proben.

    Wie Anita auch schon richtig feststellt, ist doch allein schon die Aussage der Polizei kritisch zu hinterfragen, warum osteuropäische Täter nicht rassistisch handeln können sollen? Rassismus ist kein rein deutsches Phänomen.

  9. @ Andreas Müller: Ihre Argumentation hinkt etwas. Das, was sich hier anders darstellt, sind nicht die Täter, sondern die Tat. Es war nicht das Flüchtlingsheim, sondern der Wachschutz Ziel, womit das Motiv nicht rassistisch war.

    Bei Flüchtlingsheimen, insbesondere bei Schmierereien, aber auch bei den vielen Einrichtungen, die noch unbelegt waren und Opfer von Brandanschlägen wurden, ist die Tat aber klar. Ziel war nicht das leerstehende Gebäude, sondern das geplante Flüchtlingsheim. Insofern ist es unwichtig, wer die Tat begangen hat, ob es Ausländer oder Deutsche, Männer oder Frauen, Kinder oder Erwachsene waren. Es ist ein Anschlag mit dem Motiv der Feindlichkeit Flüchtlingen gegenüber, die in diesem Fall allesamt Ausländer sind. Also ist es Rassismus.

    Das ist aber unabhängig vom Täter der Fall.

    Insofern unbenommen der unbedingt zu korrigierenden Fehlleistungen der Medien zu den angesprochenen Themen ist Gewalt gegen Flüchtlinge Rassismus. Rassismus ist schlicht per Definition ‚rechts‘, weil zugeordnet wurde, dass das rechte politische Spektrum sich dadurch auszeichnet, dass es Ungleichheit bevorzugt, bis hin zum Rassenwahn und die Linken nach radikaler Gleichheit streben bis hin zum Kommunismus. Insofern sind die Täter, welche Rassisten sind (siehe Argumentation oben) schlicht per Definition ‚rechts‘ und rechtfertigen damit den ‚Kampf gegen rechts‘ auch unbenommen der Fehlleistungen von Übereifrigen.

  10. „Insofern ist es unwichtig, wer die Tat begangen hat“.
    Meinen Sie das ernst? War es beim Celler Loch unwichtig, wer die Tat begangen hat? War es also in jedem Fall staatsfeindlicher Terrorismus,
    ob es eine linke Splittergruppe war oder der Staat selbst?
    Dieselbe Frage muss man sich auch bei all diesen Anschlägen auf meist noch unbewohnte Flüchtlingsheime stellen, die fast nie aufgeklärt werden. Und manche stellen diese Frage auch:
    http://www.swr.de/-/id=16329016/property=download/nid=8986864/182ectg/swr2-tandem-20151125-1005.pdf

  11. Wenn also nicht Nazis, sondern Osteuropäer rivalisierender Wachschutzdienste die eigentlichen Urheber der Handgranate waren, stellt sich für mich die Frage, wo insofern für die Flüchtlinge der Unterschied besteht.
    Wenn die Handgranate Jemanden getötet hätte, wäre ihre wahre Herkunft u. Zweckbestimmung für die Heiminsassen nämlich keineswegs beruhigender, denn sie können nicht mal ihrem eigenen Wachschutzdienst vertrauen.
    Es stellt sich also die Frage, wie vertrauenswürdig die ausgewählten Securityfirmen sind und ob ihre Auswahl bisher zu unkritisch erfolgt ist.

  12. Also, ohne jetzt verharmlosen zu wollen, aber relativieren:
    Brandanschläge auf unbewohnte Flüchtlingsheime sind harmloser als auf bewohnte. Handgranatenanschläge bei bewohnten Flüchtlingsunterkünften sind insofern schlimmer als Brandanschläge, weil die Beschaffung einer Handgranate mehr kriminelle Energie erfordert. Dass das Ziel hier mal nicht die Flüchtlinge selbst waren, ist nur ein schwacher Trost:
    – Wachpersonal hat auch ein Recht auf Leben
    – Handgranaten sind nicht gerade chirurgische Experimente, sie treffen neben der Zielperson auch andere Menschen
    – wenn bei Wachunternehmen solche Menschen beschäftigt sind, fragt man sich doch, ob man nicht vllt. den Bock zum Gärtner macht

  13. Eine Handgranate auf dem Gelände einer Flüchtlingsunterkunft. Hui, das ist wahrlich eine neue Stufe der Eskalation. Da sollte man den Ball flach halten, nicht über Twitter und/oder in den Kommentarbereichen reflexhaft Vorverurteilungen abgeben. Stattdessen: Medien & Politik – mal wieder Arm in Arm. Als die Polizei dann relativ schnell zur Besonnenheit mahnte; wieder keine Zurückhaltung. Als dann die Bauart der Granate bekannt wurde (M52, Ex-Jugoslawien), hätte man binnen Sekunden ergoogeln können, dass genau dieses Modell a) über die Balkanroute eingeschmuggelt wird und b) gerade z. B. in Malmö bei Clankriegen von Migranten eingesetzt wird. Diese Informationen gab es vergleichsweise zügig nach der Tat. Trotzdem widersprach die zuständige Staatsanwaltschaft quasi der Ermittlern, in dem sie verkündete, dass sie von einem rechtsextremistischen Anschlag ausgehen würde. Diese sehr unklare Sachlage hat unsere Qualitätsmedien (z. B. die Zeit) nicht davon abgehalten, die Handgranate als neue Stufe zum rechten Terror auszuloben. Gibt es einen deutlicheren Beweis, dass unsere selbst ernannten Journalisten geschlossen nur in eine Richtung denken? Ja, denn nachdem die Bombe platzte (!), versteckte sich die aktualisierte Berichterstattung in winzig kleinen Artikelleinchen … danach war das Thema tot. Dass da immerhin eine Kriegswaffe, die angeblich scharf gewesen ist, von irgendwem geworfen wurde – das hatte anscheinend keinen Nachrichtenwert mehr. Stattdessen: Statistiken über den Anstieg rechter Gewalt auf allen Kanälen. Auf Basis von Zahlen, die man nicht überprüfen kann, weil allein die verwendeten Begrifflichkeiten (Übergriffe, Straftaten) nicht sauber getrennt werden – und es (variierend nach Darstellung) bei knapp 75% der zugeordneten Fälle nicht mal einen Tatverdächtigen gibt. Und diese komplett undurchschaubare Auflistung von „Ereignissen“ nimmt ein Medienwächter (!) jetzt als Entschuldigung dafür, dass er spontan dachte, dass eine Handgranate stets auch nur mit rechts geworfen werden könnte? *kopfschüttel* Ergebnisorientiertes Arbeiten – das hat mit Journalismus aber auch gar nichts zu tun. Mit Polizeiarbeit übrigens auch nicht. Nur, dass die Polizisten da anscheinend noch den Unterschied erkennen – und danach handeln.

  14. Verehrter Autor, das ist alles fromm und nicht von der Hand zu weisen. Aber das Beispiel ist annähernd beliebig, weil – ob nun der Phantomtote am Lageso, der Fahrdienstleiter in Bad Aibling oder die Handgranate vor der Flüchtlingsunterkunft – im Online-Nachrichtenjournalismus alle Dämme der Quellenkritik in Echtzeit untergegangen sind. Solange Traffic um jeden Preis hier die einzige Erlösperspektive ist, werden normative Appelle daran nichts ändern. Man müsste eher bei denen ansetzen, die den Traffic vergüten. Wenn die erkennen, dass ihnen Traffic mit Trash keinen wirtschaftlichen Nutzen bringt, dann lässt sich vielleicht etwas ändern. Und wenn die O-Ton-Geber aus der Politik realisieren, dass die Falsche Ferndiagnose um der Präsenz Willen sie genau das Maß an Vertrauen kostet, das den Negationsbewegungen (so möchte ich sie fortan nennen) Auftrieb verleiht.

  15. Entschleunigen in der Berichterstattung ist gut.
    Trotzdem muss bedacht werden: Es wurde eine Granate auf das Gelände eines Flüchtlingsheims geworfen. Es wurde Angst, Verunsicherung und Orientierungslosigkeit erzeugt und eventuelle psychische Konsequenzen bei Flüchtlingen in Kauf genommen.
    Den Kampf zwischen rivalisierenden Sicherheitsgruppen könnte man auch anders führen – aber das Flüchtlingsheim wurde direkt mit einbezogen, ein Anschlag wurde suggeriert, vielleicht. Warum, darüber kann man spekulieren. Für mich hat das immer noch einen fremdenfeindlichen Hauch. Und die Häme rechtsgerichteter Kreise kann ich gut vertragen. Dass da sofort viele aufstanden und Position bezogen, war besser als das Schweigen in vielen anderen Fällen. Der Fehler muss analysiert werden, Entschleunigung muss her – aber manchmal überschneiden sich eben Ereignisse. Ich will nichts relativieren, aber den einen Aspekt hinzufügen.

  16. Also ohne irgendwem (etwa dem Verfasser) zu nahe treten zu wollen, aber als ich die Nachricht von der Handgranate das erste Mal las, stand im letzten Absatz sinngemäß, dass die Handgranate in Richtung eines Containers o.ä. geworfen worden sei, in dem Sicherheitsleute gesessen hätten, und dass daher ein fremdenfeindlicher Hintergrund nicht zwingend vorhanden sein müsse. Es war klar, dass man – wie eigentlich immer – abwarten musste, was die Ermittlungen ergeben würden, und ich habe mich gewundert (vielleicht geärgert), dass andere Medien später so berichtet haben, als stünde schon irgendetwas fest. Das ist aber leider eine Vorgehensweise von Journalisten, die mich als Juristen immer wieder ärgert: dieses vorschnelle Sich-Festlegen bzw. Urteilen. Das ist auch etwas, was mich zB im Umgang mit der AfD stört, ob in Zeitungsartikeln, Talkshows oder anderswo: dass man etwa auf den Vertreter der AfD bzw. auf die Partei einschlägt, indem man sinngemäß fragt, ob denn ernsthaft die idiotische Idee vertreten werde, die Grenzen zu schließen, anstatt dass man einfach nüchtern das Pro und Contra einer Grenzschließung diskutiert, nüchtern auch die Argumente der AfD hört, und dabei immer akzeptiert, dass das Ergebnis dieser Abwägung auch sein könnte, dass es im Ergebnis richtiger sein könnte, die Grenzen zu schließen.

  17. Was einem Fälle wie dieser jedenfalls schmerzlich bewusst machen sollte: Wie die Reaktionen bei allen „Seiten“ gleich ablaufen.

    Solange der beschriebene Vorfall – gleich ob Handgranate hier oder angeblich verschleppte 13-Jährige da – halbwegs plausibel erscheint und ins eigene Empörungsprofil passt, wird sich empört. Da sind die „Gutmenschen“ nicht schlimmer oder besonnener als die „Besorgten Bürger“ – nicht einmal der hier schreibende, der ja selber ENTSETZT war.

    Die Frage ist natürlich, welche Konsequenz man daraus ziehen will. Auf Meldungen einfach _gar nicht_ mehr anspringen, bis die polizeilichen Ermittlungen (oder besser noch das Gerichtsverfahren, so es eines dazu gibt) abgeschlossen sind? Damit wäre man gefeit vor Schnellschüssen, die sich hinterher als falsch entpuppen – aber man gibt auch jede Tagesaktualität auf und überlässt das Kommentarfeld denen, die mit Schnellschüssen kein Problem haben. :-[

  18. Die Handgranatenermittlung läuft weiter und produziert Ergebnisse: Inzwischen hat das Regierungspräsidium Freiburg die Verträge mit der Sicherheitsfirma gekündigt, die in Villingen-Schwenningen ANGEGRIFFEN worden ist:
    http://www.schwaebische.de/region_artikel,-Aus-fuer-Tuttlinger-Firma-nach-Anschlag-_arid,10395795_toid,1092.html
    Alles deutet auf kriminelle Bandenkriege zwischen Unsicherheitsfirmen, bei denen die Guten und Bösen keineswegs sauber zu trennen sind. Dazu passt dann doch bestens die Meldung dieser Woche, dass die Mitarbeiter dieser Firmen auch Frauen unter den Insassen dieser Lager sexuell ausbeuten.
    Hinter den Reflexen der deutschen Politik (und Medien), solche Möglichkeiten zunächst auszuschließen und die Täter immer nur im rechtsradikalen Milieu zu suchen, können Naivität stecken, Machterhaltsstreben, aber eben auch bewusste Deckung für kriminelle Geschäftspartner. Es lohnt sich deshalb weiterhin, an diesem Fall dran zu bleiben.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *