Ein Lob der „Zeit“

Vor Jahren war ich mal auf der Toilette der „Zeit“. Oder besser: auf einer der vielen Toiletten im „Zeit“-Gebäude am Hamburger Speersort. Eigentlich nicht erwähnenswert. Aber dann kam Giovanni di Lorenzo rein. Er ging an mir vorbei zu den Kabinen, und ich wusch mir so lange die Hände, bis er wieder herauskam. Ich sprach ihn an und sagte ihm, wie sehr mir die „Zeit“ gefalle, seit er sie übernommen habe. Da schaute er mich ziemlich ernst an und fragte, ob ich nicht mal über ihn geschrieben hätte, dass er die erste Frau im Amt wäre, wenn er den „Spiegel“ übernehmen würde.

Ich war sprachlos. Der Mann vergaß nie etwas. Oder wenigstens wesentlich weniger als ich selbst. Ich fuhr nach Hause und schaute im Archiv nach. Di Lorenzo hatte recht. Als es um den Nachfolger für Stefan Aust gegangen war, hatte die „taz“ verschiedene Autoren gebeten, potentielle Kandidaten glossenhaft zu präsentieren. Einer hatte geschrieben, dass unter Frank Schirrmacher die Frakturschrift eingeführt würde, und ich hatte tatsächlich diesen garstigen Satz von der Frau im Manne raugehauen.

Aber scheiß drauf: Würde mir di Lorenzo heute wieder auf einer Toilette begegnen, ich spräche ihn sofort wieder an.

Ich lese die „Zeit“ nämlich immer noch oft und gern – mit Betonung auf lesen. In vielen Magazinen blättere ich nämlich nur, weil so viel drinsteht, was ich eh schon bei der täglichen Tageszeitungslektüre erfahren habe. Beim „Spiegel“ zum Beispiel habe ich das Gefühl, dass man dort immer noch glaubt, sich keine originellen Themen einfallen lassen zu müssen, sondern einfach die gängigen macht – aber eben „Spiegel“-like, was immer das sein mag. Ich glaube nicht, dass das auf längere Sicht reicht.

Die Zukunft des Printjournalismus liegt doch darin, den Lesern Geschichten zu bieten, die sie nicht gesucht haben, die sie nicht überall finden, die sie aber plötzlich unbedingt lesen wollen, weil das Thema relevant ist oder die Aufmachung so zwingend, dass man sofort mit dem Lesen beginnt. Es geht also um das Kuratieren der Inhalte, das sorgfältige Aussuchen und die entsprechende Präsentation.

Es war zum Beispiel eine ziemlich brillante Idee, den eher kleinen Redakteur Henning Sußebach und den ziemlich großen Redakteur Felix Dachsel über Vorteile und Nachteile sehr kleiner und sehr großer Menschen reden zu lassen. Selbst die ja erstmal recht albern klingende Idee, die beiden in einen Boxring zu schicken, entpuppte sich als geniales Vehikel, um über Vorurteile zu räsonieren.

Ein paar Woche später fand ich dann im Dossier eine spannende Geschichte über einen schwedischen Hobbykriminologen, der seit vielen Jahren gegen alle Widerstände versucht, den mutmaßlichen Mord am ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammerskjöld aufzuklären, den höchstwahrscheinlich Amis und Engländer von einem belgischen Söldner über dem Kongo abschießen ließen.

In derselben Ausgabe ging es um die vietnamesischen Boatpeople und darum, wie sich ausgerechnet Politiker der CDU 1979 für deren Aufnahme in Deutschland einsetzten. Der Autor zeigte nicht nur die Analogien zur Merkelschen Willkommenskultur auf, sondern erinnerte auch daran, dass der damalige Bundeskanzler und spätere „Zeit“-Herausgeber Helmut Schmidt nachdrücklich darauf hingewiesen hatte, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei und auch keins werden wolle. Wer hätte gedacht, dass es sowas wie Helmut-Schmidt-Kritik überhaupt mal in der „Zeit“ geben könne?

Und dann erinnere ich mich noch gut an eine Recherche über die Verwicklung von Allianz und Deutscher Bank in absurde Bankgeschäfte, mit denen man den deutschen Staat um Millionen von Steuergeldern gebracht hat. Ich könnte noch ziemlich lange so weiter machen.

Es geht mir dabei gar nicht mal um die herausragenden „Zeit“-Reportagen, die regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet werden, sondern um das Gefühl, dass hier eine hellwache Redaktion erfolgreich darüber nachdenkt, wie man den Themen, die jeden Tag auch schon in der Tagespresse ausführlich abgehandelt werden, Tiefe verleihen kann – mit neuen Erzählweisen und überraschenden Perspektiven. Und wie man dazu journalistische Trouvaillen packt, an die man sich der Leser noch wochenlang erinnert. Klar geht das auch manchmal daneben, etwa wenn man beim Spaziergang mit einem Rabbiner durch Neukölln unbedingt ein antisemitisches Klima entdecken will. Auch die zahme Fußballseite ist nicht mein Ding oder das sehr um Originalität bemühte Ressort „Z“ oder alles, was Josef Joffe so schreibt. Aber das alles fällt überhaupt nicht ins Gewicht, weil es so viel Vernünftiges gibt.

Ein ewiger Standardkommentar zur „Zeit“, der mir schon immer auf die Nerven ging, lautet: Ist mir zu dick, wann soll ich das alles lesen? Als ob es darum ginge, alles zu lesen. Als wären die fünf Euro nicht schon gut investiert, wenn man über einige Artikel stolpert, die einen bereichern und zum Nachdenken anregen. (Sonntagsblätter oder die Wochenendausgaben mancher Tageszeitungen, die um Längen weniger Substanz haben, kosten nicht viel weniger.)

Aber schon klar, wenn man erst noch ein paar Staffeln von der neuen Lieblingsserie wegschauen muss, bleibt natürlich wenig Zeit.

8 Kommentare

  1. Diese Geschichte ist, gerade auch mit Blick auf die vielen interessanten Niggemeier-Artikel über die „Zeit“, dann doch etwas sehr banal.

    Helmut Thoma sagte zwar einst, im Seichten könne man nicht ertrinken. Aber ich wäre Oliver Gehrs dennoch dankbar, wenn er seine Kolumne wieder über Seepferdchen-Niveau hinaus anheben würde. Er kann es doch wirklich besser.

  2. @ Nr. 3 (Thomas): Danke für’s In-Erinnerung-Rufen. Stellvertretend möchte ich kurz den Artikel „Wärmestuben-Journalismus der Zeit“ verlinken, der sich damit beschäftigt, daß laut „Zeit“ das größte Problem von gedruckten Zeitungen darin besteht, daß diese viel zu selbstkritisch sind und der so endet:

    Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verklärende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des süßen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.

    (Stefan Niggemeier)

  3. An der These von Oliver Gehrs über die Qualitäten der ZEIT ist irgendetwas dran. Rein empirisch ist es so, dass ich häufig auf die ZEIT verlinke, wenn ich gute Analysen oder Reportagen gefunden habe, die wirklich aus dem Einheitsdenken herausragen und irgendeine Erkenntnis bergen. Wenn es sich um ZEIT-Journalisten handelt, haben sie dann oft Namen, die ich mir ab sofort merken will, z.B. Fabian Klask. Oder die Beiträge sind von unabhängigen Gastautoren, die sich eine Menge Eigensinn und Dissens leisten können.
    Das Problem der ZEIT sind die Kommentare auf den ersten Seiten oder ganz oben bei ZON von den eingeschlafenen Füßen eines Konsenses, der sich aus unbekannten Gründen für eine Avantgarde hält. Die Namen lasse ich jetzt mal weg, die die Avantgarde des Nulldenkens bei der ZEIT bilden.

    @ Raoul #4
    Die Meinung von SN von 2012 steht nicht dazu im Widerspruch, dass die ZEIT ein heterogenes Gebilde ist, in dem es immer wieder positive Überraschungen gibt. Und der Untergang der FT Deutschland war ja auch ein deprimierendes Ereignis.

  4. @ Andreas Müller (Nr. 5): Das stimmt. Auch wenn es wohl so rüberkam, sollte es keine Kritik an dieser Ansicht sein, sondern eher eine Erweiterung mit (mindestens einem) Kontrapunkt.

  5. Oh, schon die zweite herablassende „Die Leute glotzen nur noch Serien und lesen nicht mehr“-Aussage. Spannend.

  6. >>Aber schon klar, wenn man erst noch ein paar Staffeln von der neuen Lieblingsserie wegschauen muss, bleibt natürlich wenig Zeit.<<

    Geht beides, Oliver, geht beides. Man muss die ZEIT ja nicht in toto lesen, man sollte wirklich nur "Lieblings" aka herausragende Serien gucken. Dann bleibt sogar noch Zeit für Fußball. Aber eben auch nicht jedes Gebolze.

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