In etwa wie Blumenkohl: nahrhaft, aber eintönig

Ich habe das aktuelle „Greenpeace-Magazin“ gelesen. Das habe ich behalten:

  • Nestlé macht viel Geld mit einfachem Grundwasser und produziert in manchen Gegenden akuten Wassermangel.
  • In einem „Mars“ ist soviel Zucker drin wie in kaum einem anderen Schokoriegel.
  • McDonald’s hat Absatzschwierigkeiten und ein schlechtes Image.
  • Viele Nahrungsmittelkonzerne haben Angst vor dem Klimawandel, weil zum Beispiel Kakao-Ernten ausfallen könnten.
  • Warren Buffett trinkt jeden Tag fünf Cola und erfreut sich mit weit über 80 immer noch bester Gesundheit.
  • Es gibt auch viele gute Menschen. Zum Beispiel Leute, die aus Streuobst leckere Getränke herstellen oder aus Birkensaft gesundes Eis.
Doppelseite aus dem "Greenpeace-Magazin". Zu sehen ist ein Dreieck aus verschiedenen (eher ungesunden) Lebensmitteln wie Cola, Schokolade, Wurst, Überschrift: Zu viel macht unbeweglich"

Grundsätzlich ist das alles recht interessant, die Frage ist aber, ob da jetzt viel dabei war, was man nicht im „Greenpeace-Magazin“ erwarten würde oder sogar schon wusste. Ich würde sagen: eher nicht.

Ich will auch nicht soviel Zucker essen, finde Konzerne wie Nestlé oder Unilever schrecklich und Menschen, die in der Stadt Bienen züchten, vorbildlich. Aber rennt das „Greenpeace-Magazin“ so nicht sehr weit offen stehende Türen bei den Lesern ein? Oder liege ich falsch, wenn ich glaube, dass die Zielgruppe des Hefts eh grün wählt und im Bio-Supermarkt Streuobstlimonade kauft?

Doppelseite aus dem "Greenpeace-Magazin" mit einem Bericht über Streuobstsäfte.

Es ist natürlich nicht ganz leicht, die Kernzielgruppe der Umweltbewegten zu bedienen und gleichzeitig neue Leser zu gewinnen, die vielleicht noch nicht ganz so verantwortungsbewusst leben. Aber genau dafür müsste man neue Erzählweisen finden jenseits des dichotomen Narrativs von den bösen Großkonzernen und den kleinen Bessermachern.

Ich hätte in dieser Ausgabe zum Thema Essen zum Beispiel gern gelesen, warum es in Bio-Supermärkten so viel Obst und Gemüse in Plastikverpackungen zu kaufen gibt. (Gerade fällt mir doch noch eine Geschichte ein, die in die richtige Richtung ging: Ein Reporter hat seinen von Fleischsalat abhängigen Vater eine Woche lang vegetarisch bekocht. Am Ende der Geschichte hatte ich so viel Hunger auf ein schönes Schnitzel wie der arme Vater.)

Jedenfalls wollte ich ein guter Mensch sein und das „Greenpeace-Magazin“ unbedingt mögen, aber ich bin leider gescheitert. Schon beim Cover kamen mir Zweifel: ein Blumenkohl, der so hässlich aussieht wie ein Blumenkohl eben aussieht, und in diesem Fall durch einen Schnitt in der Mitte wie ein menschliches Gehirn wirkt; drumherum lauter Motion-Stripes.

Die Message ist klar: Bitte biologisch denken! Essen neu denken! Gehirn in Bewegung setzen! Habe verstanden.

Doppelseite aus dem "Greenpeace-Magazin": Zu sehen sind eine Frau (links) im Pullover, die Kompostbehälter aus Ton herstellt und ein Mann im Karo-Hemd (rechts), der Demonstranten bekocht.

Drinnen ist dann leider auch alles ein bisschen wie Blumenkohl: nahrhaft, aber ein wenig eintönig. Es gibt unheimlich viel kursive Schrift, Hintergründe in Aktendeckelfarben und Bilder von lieben Menschen im Norwegerpulli oder im Karo-Flanellhemd. Alles nicht schlimm, aber eben auch eine formale Steilvorlage für Leute, die der Öko-Szene gern Lustfeindlichkeit und mangelndes Stilempfinden nachsagen.

Es wäre doch mal schön, wenn ein Öko-Magazin ganz besonders schick wäre, ganz modern, vielleicht sogar ein bisschen glossy, jedenfalls ohne dieses nachhaltige Fluidum, das einen immer so schuldbewusst macht, und wozu in diesem Fall die Melange aus Recyclingpapier und dröger Grafik extrem beiträgt.

Titel des aktuellen "Greenpeace-Magazins": Zu sehen ist in der Mitte geteilter Blumenkohl, der dadurch ein wenig aussieht wie ein Gehirn, Überschrift: "Klüger essen"

Wie wenig man an neue Zielgruppen denkt, wird auch im Editorial klar. „Wir finden sie großartig“, heißt es da an die Leser gerichtet und: „Ohne Sie sind wir – nichts.“ Womit ja definitiv keine neuen Kunden gemeint sein können, sondern die treuen Abonnenten. Vor allem aber ist diese Ansprache auch ein wenig unehrlich. Denn obwohl man die Leser großartig findet, traut man ihnen nicht über den Weg, zumindest nicht, was ihr Denkvermögen anbelangt. Daher müssen andauernd Informationen mit Vergleichen verdaulicher gemacht werden:

  • McDonald’s habe in Deutschland im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Gäste gehabt, heißt es. Das entspreche „der Bevölkerung der Hansestädte Hamburg, Bremen, Lübeck und Rostock zusammen“.
  • Coca Cola wiederum habe 2016 vier Milliarden Dollar in Werbung investiert. „Mit dieser Summe könnte man fünf Elbphilharmonien bauen.“ Zudem verkaufe man 100 Milliarden Wegwerfflaschen pro Jahr. „Mit ihnen könnte man 65 Türme von der Erde zum Mond bauen.“
  • Und: 4.000 Quadratkilometer Plantagen in tropischen Regenwälder würden für Unilevers Bedarf an Palmöl benötigt. Das sei „die viereinhalbfache Fläche Berlins.“

Es scheint in der Redaktion einen Wettbewerb zu geben, wer sich die absurdesten Vergleiche ausdenken kann. Ich würde mich gern mit folgender Überlegung daran beteiligen:

Die komplette Lektüre des aktuellen „Greenpeace-Magazins“ hat zwei Stunden und 15 Minuten gedauert. In derselben Zeit hätte ich 1,5 „Tatort“-Folgen gucken, von Berlin locker zur Elbphilharmonie fahren oder in meiner Küche mit Einwegflaschen einen Turm von zwei Meter Höhe bauen können.

Greenpeace-Magazin
Ausgabe 4.17, 6,70 Euro

 

14 Kommentare

  1. Sorry, aber irgendwie kann ich mit der neuen Kolumne nix anfangen. Bei Pantelouris habe ich gelernt, dass ein Magazin ein gemeinsames Thema mit den Lesern haben und sie in ihrer Meinung bestätigen muss (gemeinsame Sprache und so). Sehen Sie das nicht so?
    Natürlich geht es im Greenpeace Magazin um Bio Zeug — das erwarten die Leser ja. Vollkommen egal ob sie nicht eh schon zum Biomarkt gehen. Und vermutlich würde es die Zielgruppe nicht mehr lesen wenn es „glossy“ und „modern“ wäre. Dann könnten sie ja auch gleich Neon lesen… Und ob man dann genug neue Leser finden würde wage ich zu bezweifeln. Jemand der ein „glossy“ magazin kaufen will holt sich ja sicher nicht das von Greenpeace…

    P. S. : anschauliche vergleiche finde ich sinnvoll — auch wenn ich meinem Denkvermögen eigentlich gut vertraue.

  2. Ergänzung:
    Ich habe nix mit dem Greenpeace magazin zu tun und habe es auch noch nie gelesen (oder kann mich zumindest nicht daran erinnern). Ich fand nur die vorherige offene Herangehensweise an magazine, mit dessen Thema man selbst nix anfangen kann, erfrischend. Ich denke da z. B. an die Besprechung des Yoga Magazins. Oder dieser Bogenschießen Zeitung (wenn ich mich recht erinnere). Da wurde nicht nur kritisiert, sondern auch auf liebevolle Details geachtet — die Grundstimmung war einfach positiver. Mir hat das besser gefallen…

  3. Was Ichbinich sagt. Ich lese technische und stilistische Kritik in Bezug auf bekannte Magazine gerne, aber sie muss auch eine Basis im jeweilig kritisierten Magazin und der Leserschaft haben.

  4. Also ich mag die Kolumne von Herrn Gehrs sehr gerne lesen. Pantelouris ist auch toll und ist im Vergleich wohl der nette Kerl von beiden, wenn es um die Heftkritik geht. Ich mag aber lieber die von Gehrs, denn diese hat für mich mehr Biss, mehr Härte einfach. Ich mag das gerne lesen. Und bei dem Greenpeace Magazin finde ich das passend, was ja quasi nur eine Beweihräucherung seiner selbst ist. Quasi eine grüne Filterblase zum Kaufen aus Papier.

  5. @3:
    Jetzt fehlt noch der obligatorische Vergleich:
    Compact = AfD / NPD
    Greenpeace = Grüne / Linke

    Linksextremismus = Rechtsextremismus

    Daswirdmanjawohlnochsagendürfen.

  6. Greenpeace – Yps (mit der Maschine,mit der man viereckige Eier machen kann)
    Wenn schon vergleichen,dann aber richtig!

  7. Ich fand die Kolumne durchaus lesenswert, aber ich kriege immer spontanen Ausschlag, wenn der obligatorische Hinweis kommt, dass man ein Schnitzel (Warum eigentlich immer ein Schnitzel? Was haben Schnitzel uns getan?) braucht, nachdem man sich mit vegetarischem Essen befasst hat. Jesus. Ich esse Fleisch, wenn auch nicht sehr leidenschaftlich – schmeckt ja nach nix, das Zeug -, aber vegetarisches Essen kann doch nun wirklich so köstlich sein und so wunderbar, man kann das doch auch einfach mal stehen lassen, ohne gleich die öde Schnitzelverehrung nachschieben zu müssen.
    Pardon, Pet Peeve, und der Verfasser kann natürlich auch nichts dafür, dass mir gerade dieser Trope so massiv zum Hals raushängt, aber es hat mir gut getan, das zu schreiben. Danke.

  8. ..die bildlichen Vergleiche helfen in der Tat, eingentlich unvorstellbare Dinge / Summen / whatever besser einzuordnen.
    Wieso ist der nach Fleischsalat süchtige Vater plötlich heißhungrig auf Schnitzel?

  9. An den Verfasser: warum Obst und Gemüse in Plastik verpackt ist, und vor allem, warum dienls auch gut so ist, wird in dem Buch „Think like a Freak“ erklärt. Kurzum: es ist ökonomisch sinnvoll.

  10. Schon vor Jahren habe ich das greenpeace-magazin gekündigt, weil es umweltschädlich ist: Soviel bunt bedrucktes Papier, so wenig Gehalt. Danke für diesen Beitrag, der zeigt, dass es immer noch nicht besser geworden ist.

  11. Da vermischt der Autor offenbar die Kategorien. Aber es ist ja auch einfacher, auf der ästhetischen bzw. stilistischen Ebene zu schmähen, auch wenn das Trennende vielmehr auf der weltanschaulich-ethischen Ebene zu suchen ist. Es ist dasselbe Phänomen wie das Gestöhne über die achso nervigen aufdringlichen Veganer, die es in der Realität kaum gibt, aber man fühlt sich in seiner hedonistischen Wurschtigkeit bedrängt von der bloßen Existenz derjenigen, die das leben, wovon man eigentlich genau weiß, dass man es auch tun müßte. So ist denn für Gehrs halt auch nur ein Schnitzel-begehrender Greenpeacer ein guter Greenpeacer, da entspannt sich gleich das schlechte Gewissen.
    Schnitzelfan Gehrs

  12. Hmmm… Ich verstehe manche Kommentare in ihrer Intention nicht. Soweit ich den Artikel verstehe, wirft Gehrs dem Greenpeace-Magazin nicht seine inhaltliche Ausrichtung vor (insofern auch keine Widerspruch zu Pantelouris), sondern die dröge und uninspirierte Umsetzung. Zu deutsch: Da ist kein Leben in der Bude. Als „linksgrün versiffter Öko“ muss ich leider sagen: Die Kritik ist nicht ganz von der Hand zu weisen.

  13. Vielleicht in der nächsten Folge mal den Playboy unter die Lupe nehmen? Ich wage zu behaupten, das es da nur um nackte Frauen, grosse Autos und ähnliche wichtige Themen geht. Neu ist das nicht nicht, höchst berechenbar dazu.
    Den Rest kann sich jetzt jeder selbst denken.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.