Adjektiv: sozialdemokratisch

Mein Experiment der Woche ist ein bisschen schiefgegangen. Ich bin, wie immer, vollständig selber schuld, weil ich schon wieder zu kompliziert gedacht habe. Der Gedanke war: Die größten deutschen Magazine gibt es gar nicht am Bahnhofskiosk, zum Beispiel die „Apotheken Umschau“ und die „ADAC Motorwelt“. Ich fände es aber falsch, ausgerechnet diese auflagenmäßig größten Magazine des Landes von der Kritik aus formalen Gründen auszuschließen.

Andererseits kennen natürlich alle diese Magazine, weil sie überall herumfliegen, und auf der Suche nach etwas irgendwie damit Verwandtem habe ich das Heft eines kleineren Automobilverbandes gelesen, die Zeitschrift „ACE Lenkrad“ des Auto Club Europa, einer ADAC-Alternative mit gewerkschaftlichem Hintergrund, also quasi die Sozi-Variante, die mir politisch natürlich auch ein bisschen näher steht.

Regel: Um die sozialdemokratische Variante von etwas zu schaffen, entfernt man einfach den Sex-Appeal und ersetzt ihn durch eine große Dosis Vernunft, Pflichtbewusstsein und den Reflex, jedes Problem von Anfang an so lange von allen Seiten zu beleuchten, dass man schon mit dem Kompromissangebot in die Verhandlung geht, also der Variante, mit der am Ende alle einigermaßen unglücklich leben können.

Es ist eine Last: Der Kompromiss ist das Ziel jeder demokratischen Auseinandersetzung, aber er strahlt selbst nicht. Deshalb sehen Sozialdemokraten immer ein bisschen unglücklich aus und kleiden sich unauffällig.

Artikel in der Zeitschrift "ACE Lenkrad" zum Thema Erste Hilfe. Überschrift: "Helfen lernen"

Für ein Magazin sind das keine richtig tollen Voraussetzungen: „ACE Lenkrad“ ist so politisch korrekt, dass es nicht einmal ein Auto auf dem Cover hat, sondern ein elektrisch verstärktes Mountainbike, eine Geschichte über eine Art Klassenfahrt von 85 ACE-Mitgliedern zu einem Abgeordneten (na, welche Partei wohl?) im Bayrischen Landtag beschäftigt sich ausführlich mit neuen Formen der Mobilität, um dann mit der Feststellung zu ändern, Autos werden noch auf Jahrzehnte unverzichtbar sein, und ein Autotest vergleicht den VW Golf mit drei noch langweiligeren Autos.

Es ist ein bisschen wie der Protestant in dem Monty-Python-Sketch, der sich über die Katholiken erhaben fühlt, weil er Sex aus Spaß haben könnte, wenn er wollte – ihn aber nicht hat. Außerdem weist „ACE Lenkrad“ ausführlich darauf hin, dass ich meinen Erste-Hilfe-Kurs wiederholen sollte. Das ist alles richtig und wichtig. So wie eine Zahnzusatzversicherung.

Es ist wahnsinnig langweilig.

Deshalb ist mein Thema in dieser Woche ein bisschen genereller: Warum sind manche Sachen so langweilig geschrieben? Wie geht das besser? Damit wurden natürlich schon Bücher gefüllt, deshalb konzentriere ich mich auf den einen, den besten und wichtigsten Tipp, den man beachten kann und sollte, um kurz- statt langweilig zu schreiben.

Reise-Reportage in der Zeitschrift „ACE Lenkrad“ über die Region Mittelkärnten. Auf dem Foto ist eine Kirche in grüner Landschaft zu sehen. Überschrift: "Historie trifft auf Genuss".

Hier kommt unser Anschauungsobjekt, der Einstieg in eine Reise-Reportage im „ACE Lenkrad“ über die Region Mittelkärnten.

Der Blick aus dem Autofenster ist atemberaubend. Während der Fahrt ins Herzen Österreichs ziehen die Alpen, herrliche Täler und Seen an uns vorbei. Schnell macht sich ein Gefühl von Leichtigkeit und Erholung breit. Unser Weg führt, vorbei an beeindruckenden Naturgewalten, in die Region Mittelkärnten.

Unser Ausgangspunkt ist dort das idyllische Metnitztal. Wer hierher kommt, genießt seinen Urlaub mit allen Sinnen. Denn neben einer intakten Naturlandschaft, die zum Wandern und Mountainbiken einlädt, unternimmt der Gast eine Zeitreise in historische Orte, die sich viel von ihrem mittelalterlichen Charme bewahrt haben. Und natürlich trumpft Mittelkärnten mit kulinarischen Spezialitäten auf, denn es wird sehr großer Wert auf regionale Produkte gelegt.

Egal, wie höflich ich es verpacke, das ist in jeder Hinsicht ein schlechter Text, und man müsste hier an allen Parametern drehen, um ihn spannend zu machen, aber ich konzentriere mich jetzt auf das einfachste: Wenn die Autorin die Adjektive auflösen würde, hätte sie zumindest die Grundvoraussetzung einer Schilderung erfüllt, und eine Reportage ist im Kern eine Schilderung.

Es ist relativ simpel: atemberaubender Blick, herrliche Täler und Seen, beeindruckende Naturgewalten, idyllisches Tal, intakte Naturlandschaft, historische Orte, mittelalterlicher Charme, kulinarische Spezialitäten und regionale Produkte – wenn es ihr gelänge, den Blick, die Täler, die Natur und alles andere so zu beschreiben, wie sie sie erlebt hat, müsste sie ihnen keine Adjektive ankleben – der Leser würde sie mit ihren Augen sehen und erleben und selber denken: „herrlich, idyllisch, beeindruckend“!

Titelseite des Dossiers on der "Zeit" Nr. 28/2016

Als Vergleich kommt hier der Einstieg zu der Reportage „Brüssel, 22. März 2016“, die in der „Zeit“ erschienen ist und gerade als beste des vergangenen Jahres mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet wurde.* Natürlich ist das alles nicht vergleichbar, der Text handelt von Opfern des Terroranschlages am Brüsseler Flughafen, und es braucht sich sowieso praktisch niemand – vor allem nicht ich – Hoffnung machen, er würde jemals so einen Text hinkriegen, aber es geht ja ums Prinzip, und gerade die Unvergleichbarkeit macht es mir einfach, das zu zeigen. Also:

Es ist Freitagnachmittag, die gläubigen Muslime der Stadt sind vom Gebet zurück, die gläubigen Juden treffen die letzten Vorbereitungen für den Sabbat. Auch Walter Benjamin, Jude, aber nicht gläubig, ist vorbereitet. Er hat dabei:

das Antibiotikum,
das Mittel gegen die Phantomschmerzen,
die Tabletten gegen die Angst,
die Thrombosespritzen,
das Pflaster gegen den Grundschmerz,
die Kapseln gegen den Akutschmerz.

Die Medikamente stecken in drei Papiertüten, „Freitag“, „Samstag“, „Sonntag“. Walter Benjamin ist guter Dinge. Noch 26 Treppenstufen bis zum Wochenende.

Am besten, riet die Krankenschwester, nimmst du eine von den Akutkapseln, bevor du raufgehst.

Walter Benjamin, 47 Jahre alt, bis zum 22. März dieses Jahres, 7.58 Uhr, Chef einer Partnervermittlungsagentur, seitdem Attentatsopfer auf der Suche nach einer Zukunft für sich und die Welt, hat Heimaturlaub. Jetzt, an diesem Freitag im Mai, darf er für zwei Tage sein Zimmer im Krankenhaus gegen seine Wohnung im Brüsseler Stadtteil Ixelles tauschen. Ein Jugendstil-Altbau, im ersten Stock: vier Zimmer, zwei Erker, ein Hund. Seit zwei Monaten hat Walter Benjamin nur noch ein Bein, das linke, und das ist, sechsfach gebrochen, in ein Metallgestell eingespannt. Rechts trägt er seit zwei Tagen eine Prothese.

Dieser Text enthält fast ausschließlich klassifizierende Adjektive, die nicht beschreiben, sondern konkretisieren: „gläubige Muslime“ oder „sechsfach gebrochen“. Die Ausnahmen, nämlich dass er vorbereitet ist und guter Dinge, beschreiben in Wahrheit auch nicht, sie setzen den Kontrast zum nächsten Satz. Er ist vorbereitet auf Schmerzen. Er ist guter Dinge, als er am Fuße einer Treppe steht, von der wir wissen, dass sie für ihn eine Tortur werden wird.

Nur ein schlechter Autor würde an dieser Stelle sagen, die Situation ist beklemmend. Natürlich ist sie das, aber die beiden Autorinnen schaffen es, dass der Leser diesen Schluss zieht, nicht sie, und das ist der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Schreiben. Das ist die wichtigste Regel: Im Zweifel alle Adjektive, die nicht klassifizieren, streichen. Einfach alle. Sie töten Texte.

Was die Autorinnen Tanja Stelzer und Amrai Coen hier stattdessen tun, ist bei genauer Betrachtung genaue Betrachtung.

Er hat dabei:

das Antibiotikum,
das Mittel gegen die Phantomschmerzen,
die Tabletten gegen die Angst,
die Thrombosespritzen,
das Pflaster gegen den Grundschmerz,
die Kapseln gegen den Akutschmerz.

Nicht „viele Medikamente“, nicht einmal „Medikamente gegen Schmerzen, Angst und Infektionen“, sondern konkret bis hin zur Verabreichungsform: Tabletten, Pflaster, Spritzen, Kapseln. Je genauer die Details benannt sind, umso lebendiger wird der Film im Kopf des Lesers. Man muss sich das vorstellen, als würde man einen Film aufführen. Wenn man die Kamera auf etwas richtet, dann immer auf etwas Konkretes. Er nimmt eben nicht „Medikamente“, sondern Kapseln.

Der Blick aus dem Autofenster ist atemberaubend. Während der Fahrt ins Herzen Österreichs ziehen die Alpen, herrliche Täler und Seen an uns vorbei. Schnell macht sich ein Gefühl von Leichtigkeit und Erholung breit.

Titel der Zeitschrift "ACE Lenkrad", auf der ein Fahrrad in Nahaufnahme abgebildet ist, offenbar ein geländetaugliches Mountainbike in den Bergen. Schlagzeile: "Vielseitige Pedelecs"

Im Vergleich dazu wird man fast wütend, wenn man wieder diesen Text liest, obwohl das natürlich unfair ist. Aber es ist klar, was ich meine, oder?

Beschreib den Blick! Beschreib die Alpen, Täler und Seen, und beschreib meinetwegen das Gefühl! Aber wahrscheinlich braucht man das dann gar nicht mehr, weil eine genau gerichtete Beschreibung, der Blick durch die Augen der Reporterin, längst einen inneren Film, also: Gefühle ausgelöst hat.

Ich ergebe mich jetzt ein bisschen genervt und ermüdet, aber mit dem Hinweis, dass man aus politischen Gründen absolut darüber nachdenken könnte, ACE-Mitglied zu werden. Wegen der Zeitschrift lohnt es sich nicht.

ACE Lenkrad
Auto Club Europa e.V.
Für Mitglieder in der Clubgebühr enthalten

Offenlegung: Ich bin aus Gründen, über die ich gerade nicht zu fest nachdenken möchte**, sowohl Mitglied im ACE als auch im ADAC, obwohl ich kein Auto besitze. Ich gelobe, irgendwas daran zu ändern. Außerdem bin ich mit einer der beiden Autorinnen der ausgezeichneten Reportage lange und eng befreundet.

*Herzlichen Glückwunsch an Tanja Stelzer und Amrai Coen. Es ist ein so brillanter Text. Ich verbeuge mich bis zum Boden.

**Nennen wir sie historisch.

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6 Kommentare

  1. Ein Text der zur Eindeutigkeit ruft. Und dann eine unpräzise Offenlegung dranhängt.

  2. Für das angebotene Micky-Maus-Honorar schreibt kein Mensch dem ACE brillanten, zumbiszumbodenverbeugenzwingenden* Text.

    *brillantes klassifizierendes Adjektiv

  3. Endlich weiß ich, wofür ACE steht. Das sich in den 30 Jahren, seit ich ein Kartenspiel mit dem Logo als kleiner Junge bekam, aber das Logo kein Stück geändert hat, ist beeindruckend und erschreckend zu gleich.

  4. wieso stolpert niemand über die grammatikalisch inkorrekte formulierung „ins Herzen Österreichs“? selbst wenn österreich mehrere herzen haben sollte, ist das immer noch falsch! (in mails bin ich vertreter der forcierten kleinschreibung)

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