Weinkampf

Nichts ist glaubwürdiger als schlechte Laune. Es ist ein Kreuz, dass zwei der Säulen, die sich für journalistische Medien eingebürgert haben, zu den in der menschlichen Erfahrung am häufigsten vorgetäuschten gehören, nämlich Objektivität und die stabil gute Laune derer, die als Moderatoren und Kommentatoren der öffentlichen Meinung in den Massenmedien ihr Gesicht hinhalten.

Schlechte Laune ist, zu allem anderen, immer subjektiv. Gute Laune ist potenziell immer nur das aufgemalte Gesicht des traurigen Clowns.

Die Macher von „Merum – Zeitschrift für Wein und Olivenöl aus Italien“ nehmen sich das Recht heraus, schlecht gelaunt zu sein. Genauer, sie nehmen sich das Recht heraus, auch mal schlecht gelaunt zu sein, denn im Kern ist das Magazin eines, das aus der Freude an zwei der großartigsten landwirtschaftlichen Produkte in der Geschichte der Menschheit geboren wurde.

Leider gehören Olivenöl und Wein gleichzeitig zu den meistgepanschten und zerlaberten Lebensmitteln*. Auch in den Medien: Als normaler Leser und Zuschauer von Wein- und Olivenöltests kann man problemlos zu dem Schluss kommen, es gäbe ordentliche Ware zum kleinen Preis im Discounter. Das ist falsch. Punkt. Dass es trotzdem behauptet werden kann, liegt zu einem großen Teil daran, dass wir Konsumenten keine Ahnung haben.

Meine persönliche Erfahrung ist, dass das, was ein großer Teil der Menschen für den Geschmack von Olivenöl hält, in Wahrheit der Geschmack von Ranz im Olivenöl ist. Und als Testfrage: Was sind die drei positiven Charakteristika von Olivenöl? Wer sie aufzählen kann, gehört schon zu der absoluten Geschmackselite**.

All das kann schonmal für schlechte Laune sorgen, wenn man zum hundertsten und tausendsten Mal erlebt, wie ein seelenloser Discounter-Wein hochgelobt wird und ein 08/15-Ölgemisch im Warentest den ersten Platz belegt, weil es weniger schlecht ist als anderer Mist. Vor allem, wenn man Andreas März ist.

März ist gebürtiger Schweizer, lebt seit mehr als 40 Jahren in Italien, produziert in der Toskana eines der aufregendsten Olivenöle der Welt*** und kämpft mit Hingabe für ehrlich produzierte Lebensmittel und gegen die Degeneration des Geschmacks. Er gibt „Merum“ heraus, und diese Zeitschrift ist explizit ein Werkzeug dieses Kampfes. Gemessen an der Hochglanzwelt der Genuss- und Foodmagazine ist es ein karg gestaltetes Heft ohne großartige Texte oder tolle Fotografie, im Gegenteil, im Zweifel verliert man sich in angesichts der Themen überraschend nerdigen Zahlenkolonnen, Textwüsten und detailliertesten Aufzählungen in winziger Schriftgröße.

Gleichzeitig ist „Merum“ unschlagbar in seiner Ernsthaftigkeit. Im Redaktionsstatut heißt es:

Merum setzt sich ein für:

  • die Enttabuisierung der Weinwelt im Interesse des Weingenusses,
  • das Bekanntmachen von Weinen, deren Qualität im Weinberg und nicht im Keller entsteht,
  • die Authentizität, die Typizität und die Vielfalt der (italienischen) Weine,
  • die Wiederentdeckung vom Untergang bedrohter Weinoriginale,
  • den Schutz gefährdeter Kulturlandschaften,
  • das Bekanntmachen unbekannter Weingebiete,
  • einen umweltkompatiblen Weinbau und eine Landwirtschaft, die nicht nur nachhaltig ist, sondern auch den Erhalt einer lebensfähigen, ruralen Bevölkerung ermöglicht,
  • die Aufdeckung von Ungesetzlichkeiten und Ungerechtigkeiten zum Schaden von Konsumenten und Produzenten.

Mit Objektivität hat das nichts zu tun, und anders als es der aus meiner Sicht unglückliche Satz von Hajo Friedrichs verlangt, machen sich die Redakteure von „Merum“ mit einer guten Sache gemein, es ist sogar der Grund für die Existenz des Heftes. „Merum“ suche nicht „den breiten Konsens“, heißt es an anderer Stelle, „sondern arbeitet sich auf einem Kurs vorwärts, mit dem sich die Leser zwar nicht unbedingt identifizieren müssen, auf dessen Transparenz, Beharrlichkeit und Unabhängigkeit sie sich jedoch verlassen können.“ Es ist absurd, wie fremd dieser Satz klingt, obwohl er eigentlich Leitspruch jedes journalistischen Mediums sein können sollte.

Es sind Geschichten über das Reisen, Essen und Trinken in Italien im Heft, Nachrichten aus der Landwirtschaft und die sie umgebenden Bereiche, launige Kolumnen – und das meine ich durchaus negativ, ich halte „launig“ im Zusammenhang mit Texten für eines der vernichtendsten Adjektive überhaupt**** – und Geschichten über bestimmte Weinsorten und Regionen. Aber ein Herzstück ist immer wieder der große Verkostungsteil, der gleichzeitig irrwitzig penibel geführt wird und andererseits als meiner Kenntnis nach einziges deutsches Weinheft zusätzlich auflistet, welche Flaschen die Tester nach der Verkostung tatsächlich freiwillig leergesoffen haben, weil Wein schließlich zum Trinken und nicht zum Verkosten gemacht werde.

Es ist das letzte Detail, das „Merum“ rund macht: Dass die Ernsthaftigkeit eben nicht spaßbefreit daherkommt, sondern verbunden ist mit der Hingabe und Lebensfreude, die es erst möglich macht, wirklich zu genießen. Sie erheben die Zahlen und Tabellen von der verbohrten Detailverliebtheit von Besserwissern auf die Ebene der tiefen, überzeugten Expertise. Statt Fotos von gebräunten Schenkeln perfekter Paare im Sonnenuntergang in einem Olivenhain, mit Weingläsern in der Hand und einem Korb vor sich, aus dem ein Baguette ragt, und anstelle des Marketingdeutschs von Toskana-Tourismusbroschüren findet sich hier die Geschichte der Familie, die den Wein macht und den Olivenhain beackert, ohne jede Romantik, dafür mit der Rechnung, warum es den Wein nicht für 2,40 Euro bei Lidl geben kann und warum das Olivenöl in diesem Jahr anders schmeckt als im letzten Jahr.

In Wahrheit schmeckt, wenn wir sonnengebräunt mit einer Vespa durch die Toskana fahren und im Sonnenuntergang mit einer Schenkel gewordenen Sexfantasie in einem Olivenhain rasten, selbst der Lambrusco aus der Korbflasche im untersten Supermarktregal wie direkt vom Himmel gesandtes Manna – aber wie so oft ist es die Verbindung, die wir zu dem haben, was wir Essen und Trinken, die es besonders macht, und wenn wir gleichzeitig dafür sorgen, dass diese Kulturlandschaften und die Gemeinschaften der Menschen, die sie bewohnen und beackern erhalten bleiben, werden wir zu einem Teil des Lebens dieser Gegend. Es ist dieser Wunsch und diese Liebe, die Menschen zu Experten werden lässt, und dieses Wissen ist tatsächlich Macht – nämlich die Macht, die Welt so zu gestalten, wie wir sie haben wollen.

Leider gelingt auch das immer nur in der Tendenz, und so bleibt genug, über das Andreas März und seine Mitstreiter sich aufregen können. Sein Editorial beschäftigt sich mit Donald Trump und der normativen Kraft des Postfaktischen, inklusive altväterlichem Grummeln über die Oberflächlichkeit des Internets. Gleichzeitig ist es bebildert mit einem Foto, auf dem er in kurzen Hosen, in buntem Hemd und dem für ihn typischen Halstüchlein und verwegenem Schnurrbart auf einem Motorroller herumbraust. Grinsend, und die gute Laune glaubt man ihm auch. Ein Happy Warrior auf einer Mission. Man lächelt, wenn man es sieht. So wie man ein wohliges Gefühl dabei hat, die Wucht eines Magazin zu spüren, das von Menschen gemacht wird, die fest daran glauben, dass Magazine die Welt ein bisschen besser machen können.

Offenlegung: Ich habe anderthalb Jahre lang für eine Firma gearbeitet, die mit Produzenten in Spanien, Italien und Griechenland Olivenöl produziert und vermarktet. Wir haben auch das Olivenöl von Andreas bzw. Adriano März verkauft. Ich teile persönlich die Vorstellung der „Merum“-Redaktion darüber, was vernünftige Landwirtschaft ist genauso wie ihre Qualitätskriterien, und ich bin seit Jahren Abonnent des Heftes.

Merum
Merumpress AG
13,50 Euro

*) Tatsächlich ist Olivenöl das Lebensmittel, mit dem am meisten betrogen wurde und wird, und das seit mehr als 4000 Jahren.

**) Es sind die Fruchtigkeit/Aromen, die Bitterstoffe und die Schärfe.

***) Inzwischen hat sein Sohn Adriano den Hauptteil der Olivenölproduktion übernommen.

****) In der aktuellen Ausgabe arbeitet sich ein Kolumnistenduo betont ironisch an einer Foodbloggerin ab, die sich von Aldi sponsern lässt. Ein Kampf gegen einen einfachen Gegner, der gewonnen wird, während der Text den Kampf gegen den schwierigen Gegner – die Ironie – eher verliert.

 
Medien besser kritisieren.

5 Kommentare

  1. Olivenöl sollte so sein, dass du es aus einem Schnapsglas trinkst und ein zweites willst.
    Meistens ist es aber so, dass du Rapsöl zum Braten nimmst, weil du nicht willst, dass dein Fleisch schmeckt wie 4 Jahre alter Lachs, den du im Motorraum eines VW-Busses gefunden hast.

  2. Bei allem Verständnis für die Intention der Macher. Mir persönlich fehlt die Phantasie dafür, solch ein (scheinbar) monothematisches Heft über einen längeren Zeitraum zu lesen, geschweige denn zu abonnieren.

  3. ..ich gestehe, dass ich in der Hinsicht auf gutes Öl absoluter Banause bin und das Discounterolivenöl tatsächlich für gut/angenehm halte; dank des Autors habe ich mir und der Sippe jetzt aber mal 2 Testpakete bei Artefakt bestellt und bin neugierig, ob sich der Unterschied auch einer ungeschulten Banausenzunge so deutlich erschließt.

  4. Ich lese diese Kolumne eigentlich meist sehr gerne, aber diese Woche finde ich sie leider eher schwach. Einige Argumente werden angerissen, aber dann nicht näher ausgeführt. Z. B.: Ist Objektivität also per se ein schlechtes Ziel für ein journalistisches Medium? Und warum ist „launig“ in Ihren Augen etwas Negatives?

    Außerdem wurde diesmal enttäuschenderweise gar kein arkanes Magazin-Wissen/-Vokabular vermittelt.

  5. Mir wurde mal von einem Lebensmittelchemiker gesagt, die eine Hälfte seiner italienischen Kollegen panscht Olivenöl, und die andere ist damit befasst, der ersten Hälfte draufzukommen.

    Insofern sehe ich schon einen Bedarf, darüber zu berichten.
    Vom Standpunkt des Laien wäre aber vllt. schon mal interessant, was über spanische Weine oder griechisches Olivenöl zu lesen. Oder gibt’s da schon eigene Zeitschriften zu?

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.