Scheiß Positivität immer!

Jetzt habe ich, bevor Sie das sehen konnten, drei erste Sätze wieder gelöscht, weil ich jedes Mal, wenn ich sie mir angeguckt habe, dachte: Da muss man einen Schritt zurückgehen und ein bisschen weiter ausholen. Jetzt hole ich mal kurz ganz weit aus und warne vorweg, das kann in die Hose gehen.

Achtung: Das Dilemma von Zeitschriften beginnt damit, dass sie in der Regel positiv sein müssen. Ein Buch zum Thema Psychologie darf heißen: „Das Leben ist verdammt schwer“*. Auf dem Titel des Magazins „Psychologie heute“ heißt eine Geschichte zu ziemlich genau diesem Thema dann: „Lebenskunst – Was wir von den alten Philosophen über unseren Alltag lernen können“**.

Ich bin gerade ein bisschen gefangen in den Gedanken, dass die ganze Welt offensichtlich in diesen Zeiten feststellt, das große – wenn nicht größte – Teile der Gesellschaft „abgehängt sind“ und sich „nicht verstanden“ oder „nicht ernstgenommen“ fühlen und deshalb, aus dem Gefühl des Nichtverstandenwerdens, die Medien für Lügner hält. Meine weit ausgeholte These dargestellt an anekdotischer Evidenz: Ich glaube, es geht weniger um ein Nichtverstehen als um das Nichtzustimmen zur These der sich abgehängt fühlenden, dass das Leben scheiße ist oder mindestens verdammt schwer. Leider ist an dem Vorwurf der Verschleierung was dran: Es geht nämlich nicht um ein Nichtzustimmen, sondern um ein Nichtzugeben. Natürlich ist das Leben ganz schön schwer. Jeder stimmt da zu, und ein Psychologie-Magazin schonmal ganz einfach durch seine Existenz. Aber mit dem Positivdrehen von allem, bis in die letzten absurden Fitzel der Sprache hinein***, erfinden wir eine Parallelrealität. Wogegen ich nichts habe, ich glaube an Parallelrealitäten und -gesellschaften, aber meine Frage ist: Warum so ausschließlich?

Es ist total unfair von mir, meine Produktenttäuschung an dieser Stelle rauszulassen, aber im ersten Drittel ist „Psychologie heute“ erstmal ein weiteres jener Achtsamkeits-Magazine, in denen mir gesagt wird, ich wäre glücklicher, wenn ich meditierte, Teezeremonien abhielte, sehr langsam durch Museen ginge und natürlich Sokrates läse, der als Büste in der Hand einer sehr lebenskünstlerisch wirkenden jungen Frau sogar Covermodel ist.

Fast alles davon könnte auch in einem der Philosophie-Magazine stehen, die ja im Moment auch alle Achtsamkeitsmagazine sind, und manches sollte einfach nirgendwo stehen, wie die Ergebnisse einer Studie, bei der amerikanische Wissenschaftler jetzt herausgefunden haben****, dass es für die Karriere gut ist, wenn man witzig ist, aber nicht, wenn man nicht witzig ist, und auch nicht, wenn man unpassende Witze erzählt. Das ist eine halbe Seite in „Psychologie heute“ wert. Doch, ernsthaft. Absurd, außer das ist ein psychologisches Experiment, das gerade an mir durchgeführt wird, falls dem so sein sollte: Ich hab’s gemerkt!

Mich nervt das, was allerdings Tagesform sein kann. Sollte ich das übermorgen anders sehen, würde ich mich melden. Ich wünsche mir die Titelzeile „Das Leben ist manchmal scheiße, komm drüber weg!“ oder, wenn da schon so wahnsinnig lebensfähig und klug aussehende junge Frauen drauf sein müssen, eine Zeile wie „Ich wäre gerade auch nicht gerne du“.

Mich setzt dieses Achtsam-sein-müssen unter Druck. Ich fühle mich da auch abgehängt und unverstanden. Ich weiß nicht, wer von euch schonmal in einer psychologischen Praxis war, aber da ist ab mittags der Mülleimer voller Kleenex. In „Psychologie heute“ kommt davon erstmal ganz lange gar nichts.

Dann allerdings in der fortgeschrittensten Form, mit einem ziemlich großen Special zum Beispiel darüber, wie es ist, nach dem Burnout wieder mit der Arbeit anzufangen. Tatsächlich sehr speziell, aber es ist für mich trotzdem der Punkt, wo dieses Magazin für mich persönlich plötzlich wieder anfängt, einen Sinn zu ergeben.

Da ist auch eine Geschichte darüber, wie schwer es offenbar vielen Therapeuten fällt, mit Flüchtlingen zu arbeiten, weil sie von sich selbst erwarten, deren Kultur perfekt zu verstehen, wenn sie ihnen helfen wollen (was offenbar weder möglich noch nötig ist).

Und es gibt einen Scheidepunkt in einer Geschichte über Fake News, die auf dem Cover angerissen wird mit „Warum wir gutgläubig sind“, an der ich, glaube ich, mein Unwohlsein extrem gut festmachen kann. Ich hatte das Heft ehrlich gesagt genau deshalb gekauft, weil ich vor einer Woche einen extrem guten Text in der „New York Times“ dazu gelesen hatte, und hier, in dem Fachmagazin, hätte ich noch mehr Tiefe dazu erwartet.

Aber es ist anders: In „Psychologie heute“ wird eigentlich nur anhand von Studien ausführlich erklärt, dass wir gutgläubig sind, aber ich verstehe hier immer noch nicht wirklich, warum, und es interessiert mich sehr. Mich interessiert die harte, dreckige Wahrheit über dieses merkwürdige Ding Psyche in mir, das mich Sachen machen lässt, die ich nicht immer verstehe, und ich hätte gedacht, dass ich ein Magazin mit dem wirklich sperrigen Titel „Psychologie heute“ kaufe, würde das deutlich genug zeigen, damit die Redaktion ihren Mut zusammennimmt und sich nicht mit Teezeremonien aufhält.

Diese Erwartung ist für mich höchstens zur Hälfte eingelöst, aber trotzdem gilt meine Kritik heute gar nicht so sehr diesem Magazin, sondern allen: Ich glaube, wir könnten alle eine Ebene direkter, ehrlicher und klarer werden. Wir kennen uns jetzt alle gut genug, dass man auch mal „scheiße“ sagen und rumschreien darf, und vor allem sollten wir ehrlich miteinander sein. Das Leben ist verdammt schwer, und wenn wir ehrlich sind, dann geht es bei vielen von uns die meiste Zeit nicht um Lebenskunst, sondern darum, es durch den verdammten Tag zu schaffen, ohne durchzudrehen. Es nennt sich Leben heute. Und es ist manchmal auch verdammt schön.

Psychologie heute
Julius Beltz GmbH
6,90 Euro

Offenlegung: Ich schreibe eine Kolumne in dem Magazin „Emotion“, einem Frauenmagazin, das in einigen Themen Überschneidungen mit „Psychologie heute“ hat, und das deswegen – was mir beim Kauf ehrlich gesagt nicht bewusst war – möglicherweise eine Art Konkurrent sein könnte.

*) Diesen Titel trägt ein wunderbares Buch von Stephan Lebert und Kerstin Kohlenberg, das offenbar nicht mehr verlegt wird und bei Amazon für einen Cent (!) gebraucht zu haben ist. Ich kann ohne Zögern sagen, dass das ein sehr gut angelegter Cent ist.

**) Ich habe das bestimmt schon neunmal gesagt, aber Magazine funktionieren am besten, wenn bei Lesern etwas nicht funktioniert. Stichworte: Übergewicht, Rückenschmerzen, Einsamkeit, etc.

***) In der Lifestyle-Presse ist man für einen Aston Martin ja nicht zu arm, sondern man hat gerade nicht „das nötige Kleingeld“, und man ist nicht fett sondern muss nur noch diese Kohlsuppe essen bis endlich die „Pfunde purzeln“.

****) Amerikanische Wissenschaftler haben jetzt herausgefunden? Das ist ein Witz, oder?

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

9 Kommentare

  1. Um im Hippie Modus der letzten Woche zu bleiben: Hachja… wieder mal ein schöner Beitrag *schwärm*

    Dieses Positivdrehen ist mein persönlicher Grund, weshalb ich solche Magazine mittlerweile meide.
    „Denk doch einfach mal positiv, dann wird das schon wieder!“ ist einer der letzten Sätze, die ein Mensch mit Depressionen hören will und trotzdem ist mein Empfinden, dass sehr viele dieser Zeitschriften eben mit diesem Kern arbeiten.
    Ich bin aber dankbar über sachdienliche Hinweise zu Magazinen die sich mit Psychologie beschäftigen und kein sachbezogenes Studium voraussetzen.
    Wäre doch mal dufte, wenn jemand zeigt, dass Autogenes Training nicht für jeden etwas ist und es oft viel Probieren und eine Menge Sitzfleisch benötigt, um wieder auf den richtigen Zweig zu kommen.
    Und ich lese viel zu wenig von der radikalen Akzeptanz.(Mensch, habe ich diesen Ausdruck damals in der Klinik gehasst – aber leider, wie so oft, isses wahr. Sollte man radikal akzeptieren.)

    Krampfhaftes positives Denken kann eben auch zum Gegenteil führen.

    Das Leben ist scheiße und das darf es auch sein. Es ist ok, sich nicht ok zu fühlen.

    (Sehr schön hier die digitale Kampagne #awesomemakesmesick , u.a. von Freunde fürs Leben e.V., die leider viel zu wenig Beachtung gefunden hat)

  2. Muss man „gutgläubig“ sein, um Fake-News zu glauben? Die meisten Fake-News sind eher schlecht (Mord, Totschlag, Vergewaltigung eins11), also appellieren sie nicht an unsere Gutgläubigkeit, sondern unsere bösen Vorurteile.
    Das Adjektiv dafür wäre nach meinem Sprachempfinden eher „schlechtgläubig“.

  3. Demnächst kommt ein Kombi-Angebot auf dem Markt:
    Psychologie heute hat sich mit Traditionell Bogenschiessen zusammengetan alles um das Thema Zielstrebigkeit/Ziele ereichen und diebezügliches Troubleshooting aus jeglichen Blickwinkel gezielt zubetrachten…

  4. Ohne positives Denken geht gar nichts. Es sind die guten Energien, die den Menschen voranbringen, nicht die schlechten. Deshalb gehen mir das anhaltende Gejammer des deutschen Michel und diese nölenden Landesempörungsbeauftragten der AfD auch so auf den Sack.

    Wir werden alle sterbm!

  5. „Es sind gutenEnergien,die den Menschen voran bringen,nicht die schlechten.“
    Lass das mal den kleinen Nordkoreaner hören oder nen Fassbombenwerfer in Syrien um es polemisch auszudrücken!
    Ein realistisches Weltbild wird ja als zynisch wahrgenommen,
    wenn man sich nicht für dumm verkaufen lässt…wenn man seinen Sun-tse,Macchiavelli,Zimbardo(Stanford Prison Experiment),Milgram,Vachss und Pinkers Gewalt kennt und anwendet…

  6. Als großer Verfechter von „Man muss Scheiße auch als Scheiße benennen, alles andere hilft nichts“, habe ich mich über diesen Text gefreut, Herr Pantelouris.
    Außerdem empfehle ich das Buch „Miese Stimmung: Eine Streitschrift gegen positives Denken“ von Arnold Retzer.

  7. An dieser Stelle möchte an das Buch „Am Ende lauert der Tod“ von Dale Carnegie erinnern. Klappentext: „Die Kunst, zu einem von Ängsten und Aufregungen erfüllten Leben zu finden. Eine erschreckende Einführung in das negative Denken. “

    Erschienen im Aufbau Verlag, das offizielle Handbuch der AfD.

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