Qualität ist auch keine Handcreme

Was ich über Zeitschriften nicht weiß, würde ein Buch füllen*, und diese Stelle hier ist offensichtlich der Ort, an dem ich das in aller Öffentlichkeit immer wieder feststellen muss.

Das ist leicht beschämend, aber, was soll ich machen, diese Woche zeigt es schon wieder: Ich habe „Grazia – das Fashion-Weekly“ gelesen, und vorher nicht gewusst, dass es das Genre Fashion-Weekly überhaupt gibt. Ich hätte „Grazia“ immer für ein Klatschblatt gehalten und Mode für ein Nebenthema. Ich hätte nicht einmal geglaubt, dass man mit Mode überhaupt jede Woche ein Magazin mit 100 Seiten voll bekommt. Aber, das vorweg, es geht offensichtlich: Es ist Klatsch in „Grazia“, es ist eine recht erstaunliche Themenbreite in „Grazia“, aber insgesamt fühlt es sich an wie ein schnelles, eher junges und gut gelauntes Modeheft. Man merkt mir wahrscheinlich gerade an, dass mich das ein bisschen überrascht. Ich halte das für eine Leistung, und ich werde ein ganz kleines bisschen grundsätzlich, um zu erklären, warum.

Sehr oft, wenn wir das Gefühl haben, mit einem Magazin stimme etwas nicht, verwechseln wir Qualität und Niveau. Man kann Qualität auf jedem Niveau erreichen und verfehlen, aber man muss meiner Meinung nach sehr bewusst analysieren, was davon was ist. Kein Chefredakteur tritt an und sagt, er will das Niveau eines Heftes senken, dabei kann das absolut vernünftig oder sogar notwendig sein**. Ganz schlimm wird es aber, wenn jemand den Unterschied nicht erkennt.

Jetzt aber konkret: Es ist eine Aufgabe, die sich „Grazia“ da gestellt hat, weil ein Weekly auf dem Niveau der „Vogue“ eine Zumutung wäre, nämlich irrsinnig viel Arbeit zu lesen***. Gleichzeitig braucht das Thema Mode ein gewisses Niveau, sonst wird es komplett sinnlos – es kann sie ohne Geschmack nicht geben. Den richtigen Niveaugrad zu finden, auf dem sich beides trifft – die wöchentliche „Konsumierbarkeit“ und eine ausreichende (jetzt folgt ein Lieblingswort, von Werbern gelernt) „Schickizität“ – ist eine Gratwanderung, und für mein Empfinden schafft „Grazia“ die erstaunlich gut, und das aus einem erstaunlichen Grund: Sie unterfordert ihre Leserinnen nicht.

Die Wege, die „Grazia“ dafür wählt, sind zum einen die Breite der Themen: In der aktuellen Ausgabe gibt es neben Klatsch und Mode auch Geschichten über Magermodels, Genitalverstümmelung, Onlinesucht, Rechtsradikale und ein feministisches Datingportal, in dem nur Frauen die Männer anschreiben können. Zum anderen traut sich „Grazia“ Humor, und das oft wirklich witzig. So heißt die Heftauftaktstrecke mit dem Star-Klatsch der Woche liebevoll „Ihr schon wieder“ und enthält Rubriken wie „Was demnächst geschah“, einen schön albernen Blick darauf, wie sich eine Nachricht der Woche weiterentwickeln könnte (in dieser Woche das angebliche Alkoholproblem von Camilla Parker-Bowles, das ihren Gatten, Prince Charles, verzweifelte Spaziergänge unternehmen lässt mit der Pappkrone auf dem Kopf, die er „manchmal ,zur Gewöhnung’ im Garten trägt“). Ich habe erstaunlich viel Spaß mit sowas.

Ich hätte jetzt beinahe geschrieben, dass der Spaß daran liegt, dass ich absolut in der Lage bin, mich unter Niveau zu amüsieren, aber dann fiel mir auf, dass ich das mit etwa 834 Fotos allein auf meinem Facebook-Account belegen könnte, mein eingebildetes Ausgangsniveau hingegen nicht****. Ich weigere mich allerdings postfaktisch, das gegen mein Niveau sprechen zu lassen und mache das, was ein Chefredakteur tun würde: Ich behaupte jetzt, ich reagiere einfach auf gute Qualität. Das ist insofern falsch, als Qualität und Niveau nicht zusammenhängen, aber „Grazia“ erreicht nach meinem Empfinden tatsächlich eine gute Qualität. Und wer würde gute Qualität nicht mögen? Es kann doch niemand was gegen Qualität haben, und wenn ich auf Qualität stehe, dann ist das ein Qualitätsmerkmal und unterstreicht, bitte sehr, mein Niveau*****.

Und noch etwas finde ich ganz gut gelöst, angesichts der immanenten Unlösbarkeit der Aufgabe: „Grazia“ begegnet der Tatsache, dass Mode als Thema für jüngere Frauen längst vornehmlich im Netz von so genannten „Influencern“ bearbeitet wird (also Bloggerinnen, Youtuberinnen und Instagrammerinnen und wahrscheinlich noch ein paar -innen, die ich nicht kenne), indem sie Influencerinnen als Stars behandeln und sie einen großen Teil des Personals im Modeteil stellen. Ich bin da nicht als Experte berufen, ob (und falls ja) das auch diejenigen jungen Frauen und Mädchen abholt, die tatsächlich diesen Influencerinnen folgen, aber es gibt der Zeitschrift etwas sehr heutiges, dass sie dasjenige Personal anerkennt, das heute tatsächlich die Trends setzt.

Womit ich die Frage in den Raum gestellt haben möchte: Warum bin ich eigentlich kein Influencer? Ich weiß, klar, mit dem, was ich über Zeitschriften nicht weiß, könnte man ein Buch füllen. Aber in der Realität fülle ich ja damit das Internet.

Grazia
G+J/Klambt-Style-Verlag
2,70 Euro

*) Man müsste nur meine gesammelten Texte hier hintereinander hängen.

**) Ein Code dafür ist, ein Heft müsse „relevanter werden“.

***) Das ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum die deutsche Ausgabe der „Vanity Fair“ vor einigen Jahren relativ schnell gescheitert ist. Sie war ein wöchentliches Monatsmagazin.

****) Ich werde zum Ausgleich nachher ein Gedicht von Dorothy Parker posten.

*****) Nein. Aber ganz gut gemacht, oder?

4 Kommentare

  1. Wie soll ich einen sinnvollen Kommentar verfassen, wenn ich den Artikel noch nicht vollständig lesen konnte?

  2. Dies ist die allgemeine Kommentarfunktion. Die sinnvolle Kommentarfunktion ist in der ersten Woche nach erscheinen Abonnenten vorbehalten.

  3. Gibt es einen speziellen Grund, warum dieser Artikel nicht wie die anderen der Reihe freigeschaltet wird?

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