Reifeprüfung: Milf lässt „Bravo“ alt aussehen

Ich war 16 und sie 31
Und über Liebe wusste ich nicht viel
Sie wusste alles und sie ließ mich spüren
Ich war kein Kind mehr

Peter Maffay – „Und es war Sommer“ (1976)

 

Früher konnte man sich ja, als junger Mensch mit Vorstellungen, noch nicht jede sexuelle Phantasie aus dem Internet runterholen; also besorgte es einem, notgedrungen, die „Bravo“. Viele, die in den Neunzigern erwachsen geworden sind, oder auch vorher, bezeichnen das Jugendmagazin noch heute als jenes Organ, das sie aufklärte. Im „Yps“-Heft waren immer Gimmicks drin, was zum Basteln oder Experimentieren. In der „Bravo“ gab’s Geschlechtsteile.

Eine der bekannteren Rubriken, damals wie heute, ist die Foto-Love-Story, dieser Bilder-Roman, in dem immer alle grotesk überzeichnete Grimassen machen, damit auch ja beim Leser rüberkommt, wie dramatisch alles ist.

Im „Bravo“-Archiv findet sich auch diese hier, sie erschien 1997 und könnte von Peter Maffay sein. Kleiner Unterschied: Sie, die hier alles weiß, ist nicht 31, sondern erst 28, aber auch Sabrina lässt den 16-jährigen Fabio gut spüren. Das erste Mal begegnet er ihr im Supermarkt. Er: Nebenjob. Sie: Kundin. Er fällt hin, sie beugt sich vor, und dem langhaarigen Schmachtpratz mit zerrissener 90er-Jeans wird ganz düsig, als er sie plötzlich erblickt: ihre „Dinger“.

Auszug aus der "Bravo"-Foto-Love-Story "Die Reifeprüdung" von 1997
Augenscheinlich bieder: „Die Reifeprüfung“ Ausriss: „Bravo“ 09/1997

Die Geschichte ist dann voll mit absurden Wendungen, was vor allem daran liegt, dass die mit den „Dingern“, von denen Fabio einem Klassenkameraden glücksäugig berichtet, kurze Zeit später abermals auftaucht: als neue Lehrerin in Fabios Klasse. Sie erkennen einander. Sie ziert sich. Er nicht so. Sie denkt dann, unter der Dusche nach dem Sportunterricht, dass der Fabio ja doch „ein ganz schönes Früchten“ ist, was einige Episoden und Eskapaden später dazu führt, dass Frau Lehrerin sehr nackt auf ihrem Schüler sitzt. Was man halt so macht auf der Skifreizeit. Danach ist Fabio kein Kind mehr.

Huch, könnten Sie nun einwenden, die Lehrerin verführt ihren Schüler? Ja, darf die das denn? Antwort: Ja, sie darf. Weil das die „Bravo“-Foto-Love-Story mit dem Titel „Die Reifeprüfung“ ist. Außerdem belehrt die Lehrerin ihren Schüler ja auch ordnungsgemäß, dass sie ihren Job verlieren könnte, wenn sie jetzt etwas miteinander haben, und nachdem die Sache auffliegt, leistet sie dann artig Abbitte unter einem Gipfelkreuz: „Bitte lieber Gott“, weint sie in den Schnee, „ich habe gesündigt… aber ich tat es aus Liebe.“ Amen.

Nach weiteren Wendungen „kündigt“ Lehrerin Sabrina an der Schule. Alles ist aus. Fabio glubscht traurig in ihr Auto, sie säuselt: „Unsere Liebe war wie eine Reifeprüfung – und wir beide haben sie nicht bestanden… Ciao, Fabio!“

Kürzlich nun hat die „Bravo“ das Genre nochmal aufgegriffen, allerdings nur scheinbar. Die Geschichte heißt „Der Milf-Hunter“, was schonmal lustig ist, denn „Milf“ ist die Abkürzung für „Mom I’d Like to Fuck“, was die Wikipedia wörtlich mit „Mama, die ich gerne ficken würde“ übersetzt. Angeblich, steht dort auch, ist der Begriff durch den Kinofilm „American Pie“ (1999) bekannt geworden, vor allem aber ist es eine gebräuchliche Abkürzung aus Pornos, in denen reifere Frauen auftreten. Und den „Milf-Hunter“, also den Jäger reifer Frauen, gibt es auch als Porno-Figur – und im Jugendmagazin „Bravo“.

In der Story geht es wieder um einen 16-Jährigen und auch um eine ältere Frau. Aber die Sabrina von heute heißt „Frau Müller“ und ist nicht 31, sondern 43 Jahre alt, und als ihre 16-jährige Tochter Maria das Wohnzimmer betritt, steht Mutter Müller da gerade, halb gebückt und in Unterwäsche, mit dem Hintern an Jack, Marias Freund, der auch 16 ist und ebenfalls fast nackt.

Aber: Es ist nicht, was Sie und Maria denken! Da war nichts! Echt nicht!

Auszug aus der "Bravo"-Foto-Love-Story 26/2016
Augenscheinlich pornös: „Der Milf-Hunter“ Ausriss: „Bravo“ 26/2016

Es ist so: Jack will Maria überraschen. Er schleicht sich also nachmittags mit dem Zweitschlüssel in deren Elternhaus, als Maria noch in der Schule ist und die Eltern offenbar arbeiten. Jack wartet auf Maria, und irgendwann denkt er sich: Och, geh ich doch mal noch rasch duschen. Schon halb nackt hört er ein Geräusch und stapft ins Wohnzimmer, wo auch Mutter Müller rumtapert, die soeben, ganz normal: in BH, Slip und halterlosen Strümpfen erwacht ist.

Naja, und dann kriegt sie voll den Jack-Schreck, die beiden rangeln ein bisschen und, hach, ausgerechnet als Maria ins Zimmer kommt, stehen die beiden da und sehen aus, als würden sie sich gleich vollständig vergessen. Alles total logisch. Und damit auch rüberkommt, wie krass alles ist, machen die Darsteller nun nicht mehr nur Grimassen, da steht auch, was sie denn bedeuten: weit aufgerissener Mund gleich „Nooooooo…“ oder „Schock!“

Aber, jaja, die Message ist klar: Nichts ist, wie es scheint! Sei skeptisch! Liegt deine Mutter nackt mit dem Briefträger auf dem Küchentisch? Urteile nicht gleich – vielleicht unterzeichnet sie nur das Einschreiben!

Man kann ja viel einwenden zu der alten, ebenfalls schon kruden Foto-Love-Story von 1997, aber immerhin ist sie so etwas wie spannend, eben weil sie gefühlt 80 Wendungen hat und über mehrere Ausgaben verteilt erzählt wird. Die neue Geschichte hingegen ist so dünn wie das Papier, auf dem sie gedruckt wurde und obendrein so etwas wie analoges Clickbait: Erst mit dem Titel „Der Milf-Hunter“ anlocken, sich pornös geben, dann aber jagt da gar niemand eine reife Frau, und Sex gibt’s auch nicht, nicht mal Petting.

 
Medien besser kritisieren.

16 Kommentare

  1. A propos Clickbait: Ich hab hier auch schon lohnendere Posts gelesen. Aber andererseits kann man gar nicht genug drüber reden, wie wunderbar diese Fotostories sind.
    Ich kenn die ja erst durch Twitter, aber mein Leben war vorher so viel ärmer.

  2. Wenn man schon mit Zitaten von Songs angeben will, sollte man vielleicht vorher ein bisschen üben, wie der Schlagertitel von Peter Maffay denn tatsächlich lautet.

  3. @2 Petra Meir: Ich wollte nicht angeben, aber ansonsten haben Sie recht: Da fehlte ein „Und“ – ich habe es korrigiert. Danke für den Hinweis!

  4. Wenn es andersrum (erwachsener Mann/Parteimitglied und Teenager-Mädchen/Junge) auch mal so locker genommen werden könnte.
    :-)

    Der Text ist super geschrieben und belustigend

  5. @Muriel: Das ist die Gefahr beim Medien kritisieren, man wird schnell selber Regenbogenpresse. Aber falls Du noch etwas sinnvolleres lesen willst: In China sind gerade zwei Säcke Reis umgefallen. Zwei weiße Säcke. Mit so roten Punkten drauf.

  6. Wieso ist im Artikel zu Anfang davon die Rede, dass die erste Foto Love-Story 1996 erschien, gegen Ende des Artikels wird dann aber auf das Jahr 1997 referenziert? Da weiß ich doch nicht mehr, was ich glauben soll… ;) Im Übrigen ein unterhaltsamer Artikel, danke dafür.

  7. @9 Gregor: Aber echt, Sie haben recht! Danke für den Hinweis. Ist korrigiert. 1997 stimmt.

  8. Ich muss gleich noch einen hinterherschießen… die Bildunterschrift des zweiten Bildes spiegelt nicht den korrekten Titel der Love-Story wider. Jetzt lese ich den Artikel auch nicht mehr, fest versprochen!

  9. @11 Gregor: Ach herrje, noch so ein doofer Fehler. Vielen Dank! Und: Lesen Sie bitte weiter! Gut möglich, dass jetzt eine Stelle in unserem Lektorat frei wird, hehe. Also, falls Sie einen Job suchen… :)

  10. Mit der Ironie ist es ja immer so eine Sache, wenn sie geschrieben und nicht gesprochen wird… meint Inga das jetzt etwa ernst? Oder mache ich mich hier gerade zum Horst, weil ich darauf anspringe? Gerade eine Seite mit der Intention der kritischen Medien“kontrolle“ sollte sich doch in der Lage befinden dürfen, das Geld für ein Lektorat aufzuwenden; ihr wisst ja, wer im Glashaus sitzt… aber wie gesagt, vielleicht meint es Inga ja auch gar nicht so und ist sich durchaus der Sinnhaftigkeit ihrer finanziellen Zuwendungen bewusst.
    Im Übrigen schmeichelt mir das (in meinen Augen nicht ganz ernstgemeinte) Angebot natürlich, aber mein derzeitiger Job genügt mir vollauf. Danke dennoch!

  11. Bloß gut, dass die nicht Buddy Ogüns „Margarethe“ zum Vorbild genommen haben…
    „Sie war 44, und ich war 13 einhalb
    sie hieß Margarethe und war so zart wie ein Kalb
    Comme ci, comme ca, wir singen Scha-lala-lala
    Comme ci, comme ca, Scha-lalala, HSV…“

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