Endlich mal richtig die Beine hochlegen

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Es ist, zumindest meiner – wie wir wissen – unzuverlässigen Erinnerung nach, eine Premiere: Das „Yoga Journal“ ist das erste Magazin, über das ich hier schreibe, das keinen erklärenden Claim auf dem Cover hat*. Allerdings hat es so viele programmatische Headlines auf dem Titel, dass sich das auch erübrigt. Wer die Schlagworte „yogisch“, „therapeutisch“, „Hingabe“, „achtsam“, „gelassen“, „umarmen“, „vedisch“ und „Visionen“ inhaliert hat, der hat eine Ahnung, was er hier bekommt. Yoga ist hier ganz offensichtlich eine Menge mehr als nur der körperliche Teil, es ist eine Weltanschauung. Ein auf vier Seiten gestaltetes Interview in der Januar/Februar-Ausgabe mit einer Frau, Amma, die als Guru überall auf der Welt Menschen umarmt, erwähnt Yoga gar nicht, nennt Amma aber „eine moderne indische Heilige“.

Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie viele der Menschen, die Yoga stark genug interessiert, um darüber auch noch zu lesen, sich tatsächlich auch für diese Art von Spiritualität interessieren. Mich persönlich spricht das nicht an – die wenigen Male, die ich Yoga gemacht habe, waren vor allem in einer Kickbox-Schule als eine Art asiatisches Stretching –, aber ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der im „Yoga Journal“ eine ganze Welt aufgemacht wird. Yoga ist hier der Aufhänger für einen kompletten Lebensstil, für eine Identität, und ich glaube, das ist die große Fähigkeit von Magazinen. Wer nur eine Sammlung von Übungen sucht, der findet die wahrscheinlich sowieso einfacher auf Youtube.

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Ein Kommentar

  1. Hahahaha. „Yoga ist hier der Aufhänger für einen kompletten Lebensstil“. Hahahaha. Ich finde das tatsächlich witzig, diese Unbefangenheit an den Inhalt eines Heftes ranzugehen. Und staune, dass über Yoga außerhalb meiner Blase so wenig bekannt ist. Denn: Yoga ist ein System spiritueller Praxis. Es /ist/ also ein Lebensstil (der natürlich unterschiedliche Ausprägungen haben kann, so wie etwa christliche Mystik auch unterschiedliche Ausprägungen hat). Und ein kleiner Teil der Yogis haben klassisch auch Körperübungen betrieben, aber wahrlich nicht besonders viele. Im 20. Jahrhundert wurden diese Körperübungen dann zunächst in Indien als „Tradition“ „entdeckt“, und anschließend in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Westen exportiert.* Wo sie so gut angekommen sind, dass inzwischen jeder das Wort „Yoga“ kennt, aber die meisten offenbar denken, das sei einfach eine Art Sport. Hahahaha (ehrlich gemeintes Lachen). Danke.

    Es heißt übrigens /die/ Viparita Karani, denn eigentlich heißt es Viparita Karani Mudra, und Mudra ist weiblich. Dabei legt man die Beine nicht hoch, sondern streckt sie in die Luft, aber ich will mal nicht so sein.

    *Ein hervorragendes wissenschaftliches Buch über diesen Prozess: Singleton, Mark, Yoga Body: The Origins of Modern Posture Practice, Oxford University Press 2010.

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