Endlich mal richtig die Beine hochlegen

Es ist, zumindest meiner – wie wir wissen – unzuverlässigen Erinnerung nach, eine Premiere: Das „Yoga Journal“ ist das erste Magazin, über das ich hier schreibe, das keinen erklärenden Claim auf dem Cover hat*. Allerdings hat es so viele programmatische Headlines auf dem Titel, dass sich das auch erübrigt. Wer die Schlagworte „yogisch“, „therapeutisch“, „Hingabe“, „achtsam“, „gelassen“, „umarmen“, „vedisch“ und „Visionen“ inhaliert hat, der hat eine Ahnung, was er hier bekommt. Yoga ist hier ganz offensichtlich eine Menge mehr als nur der körperliche Teil, es ist eine Weltanschauung. Ein auf vier Seiten gestaltetes Interview in der Januar/Februar-Ausgabe mit einer Frau, Amma, die als Guru überall auf der Welt Menschen umarmt, erwähnt Yoga gar nicht, nennt Amma aber „eine moderne indische Heilige“.

Ich kann überhaupt nicht einschätzen, wie viele der Menschen, die Yoga stark genug interessiert, um darüber auch noch zu lesen, sich tatsächlich auch für diese Art von Spiritualität interessieren. Mich persönlich spricht das nicht an – die wenigen Male, die ich Yoga gemacht habe, waren vor allem in einer Kickbox-Schule als eine Art asiatisches Stretching –, aber ich mag die Selbstverständlichkeit, mit der im „Yoga Journal“ eine ganze Welt aufgemacht wird. Yoga ist hier der Aufhänger für einen kompletten Lebensstil, für eine Identität, und ich glaube, das ist die große Fähigkeit von Magazinen. Wer nur eine Sammlung von Übungen sucht, der findet die wahrscheinlich sowieso einfacher auf Youtube.

Das „Yoga Journal“ ist, wie man es erwarten würde, ein ruhiges, sanftes, in aquarelligen Farben gehaltenes Magazin, gedruckt auf angenehm rauem, nicht besonders weißem, „offenen“ Papier, bei dem ich wetten würde, dass es alle möglichen Umwelt-Zertifikate hat**. Es ist ein ziemlich liebevoll gestaltete Zeitschrift, was daran liegen kann, dass es eine deutsche Lizenzausgabe eines amerikanischen Vorbilds ist, aber wenn es daran liegt, dann ist es ein Musterbeispiel dafür, wie man das machen muss. Es wirkt nicht wirklich amerikanisch, sondern in jedem Fall deutsch genug; so weit ich das erkennen konnte, sind vor allem die Strecken mit Bild-für-Bild-Sequenzen von Yoga-Übungen von den Amis übernommen, und wahrscheinlich einige Illustrationen, aber die Geschichten sind fast durchweg eigene. Etwa die Hälfte der im Impressum auftauchenden Autoren hat amerikanisch klingende Namen, aber das scheinen, wenn überhaupt, Autoren von kleinen, gut übersetzten Standards zu sein. Eine große Geschichte über gute Vorsätze fürs neue Jahr schreibt eine Elizabeth Marglin, die ausführlich über ihre Freundin Cynthia referiert und amerikanische Studien zitiert, aber an entscheidender Stelle kommen dann auch deutsche Beispiele (selbstverständlich eine Forsa-Umfrage, war klar).

Ich finde, das „Yoga Journal“ ist ein gutes Beispiel, wie man ausländische Lizenzen eindeutschen kann, ohne dass sie dadurch als Magazin leiden. Ich nehme an, der Aufwand, den die überschaubare Redaktion in dem mir bisher unbekannten Verlag Well Media betreiben kann, ist begrenzt, insofern nehme ich das als positives Beispiel dafür, wie modernes Magazinmachen funktionieren kann – und das Heft hat tatsächlich einige Anzeigen. Ich habe so etwa zwölf Seiten gezählt, zusammengesetzt aus den verschiedensten Formaten, plus anderthalb Seiten Kleinanzeigen, vor allem natürlich von Yogaveranstaltungen, -klamotten und -matten, aber ich habe auch zum ersten Mal Abbildungen gesehen von etwas, das sich „Menstruationskappe“ nennt. Ist das, was ich denke was es ist?***

So, ich mache jetzt eine oder einen (?) Viparita Karani mit hochgelegten Beinen, bin dabei achtsam und überlege mir, ob diese Kolumne eigentlich einen Claim braucht. Oder ob „Medien besser kritisieren“ auch für mich gilt. Oder gelten sollte. Und was ich dann anders machen müsste.

Vielleicht sowas wie „In der Medienkritik höchstens eine Fußnote. Oder zwei“?

Yoga Journal
Well Media GmbH
5,50 Euro

*) “Neon“ hat auch keinen, aber weil ich den ursprünglichen Claim „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ so intensiv in meiner halbfairen Kritik zitiert habe, betrachte ich ihn noch als Teil des Heftes. Ich kann ja hier machen, was ich will, oder? (Die Fußnoten deuten zumindest darauf hin, haha!)

**) Was ich, wenn es so wäre, im Impressum aufführen würde. Und jetzt als Service für die „Yoga Journal“-Redaktion: Impressum ist das, was ihr in eurem Inhaltsverzeichnis auf Seite 6 als „Mitarbeiter dieser Ausgabe“ ankündigt. Was ihr auf Seite 112 als „Impressum“ ankündigt ist wahrscheinlich die auf Seite 113 auftauchende, „Directory“ genannte Telefonnummer der Kleinanzeigenannahme. Ich würde jetzt mal raten, da ist in den Standards das Inhaltsverzeichnis einer vorherigen Ausgabe nicht angepasst worden, was mir Gelegenheit gibt, die wichtigste Regel des Magazinmachens erläutern zu können: Grafiker, die echten Text als Blindtext benutzen, sind verkommene Subjekte mit fragwürdigen Absichten und gehören öffentlich mit Sektkorken und Rosenkohl beworfen. Bitteschön!

***) Nochmal Service: Es ist jedenfalls eine „unbeschwerte, sichere und hygienische Alternative zu Binden und Tampons, die jedes Asana**** mitmacht“. Ich denke jetzt nicht darüber nach, was Binden und Tampons so beschwert. Nein, mach ich einfach nicht. Ist mir egal.

****) Wikipedia: Als Asanas werden überwiegend ruhende Körperstellungen im Yoga bezeichnet (hier Bild von sexy Yogi im Lotussitz vor Wasserfall vorstellen). Dies ist die Fußnote einer Fußnote, neuer Rekord!

Ein Kommentar

  1. Hahahaha. „Yoga ist hier der Aufhänger für einen kompletten Lebensstil“. Hahahaha. Ich finde das tatsächlich witzig, diese Unbefangenheit an den Inhalt eines Heftes ranzugehen. Und staune, dass über Yoga außerhalb meiner Blase so wenig bekannt ist. Denn: Yoga ist ein System spiritueller Praxis. Es /ist/ also ein Lebensstil (der natürlich unterschiedliche Ausprägungen haben kann, so wie etwa christliche Mystik auch unterschiedliche Ausprägungen hat). Und ein kleiner Teil der Yogis haben klassisch auch Körperübungen betrieben, aber wahrlich nicht besonders viele. Im 20. Jahrhundert wurden diese Körperübungen dann zunächst in Indien als „Tradition“ „entdeckt“, und anschließend in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Westen exportiert.* Wo sie so gut angekommen sind, dass inzwischen jeder das Wort „Yoga“ kennt, aber die meisten offenbar denken, das sei einfach eine Art Sport. Hahahaha (ehrlich gemeintes Lachen). Danke.

    Es heißt übrigens /die/ Viparita Karani, denn eigentlich heißt es Viparita Karani Mudra, und Mudra ist weiblich. Dabei legt man die Beine nicht hoch, sondern streckt sie in die Luft, aber ich will mal nicht so sein.

    *Ein hervorragendes wissenschaftliches Buch über diesen Prozess: Singleton, Mark, Yoga Body: The Origins of Modern Posture Practice, Oxford University Press 2010.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.