Claus Strunz will es der Demokratie besorgen

Claus Strunz, „akte“-Moderator Foto: Sat.1 / Thorsten Eichhorst

In einer der ersten Ausgaben der Sat.1-Sendung „akte 20.17“, die Claus Strunz ab heute Abend moderiert, könnte er vielleicht gleich mal über die Gefahren und Nebenwirkungen von Viagra berichten, da kennt er sich ja aus.

Vor ein paar Wochen war Strunz, 50, Gast in der Sendung „Maischberger“ im Ersten. Er war ganz nervös, fuchtelte rum, wenn er sprach. Zwischendurch, ganz in Rage geredet, fasste er auch mal rüber, zur taz-Journalistin Bettina Gaus, die sich das aber verbat. Und dann, plötzlich, holte Strunz seinen Satz raus: „Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie.“

In so einer, sagte Claus Strunz, würden wir uns ja gerade befinden. Diese „Kuschelei“, die in den vergangenen Jahren ganz Deutschland erfasst habe, müsse wieder enden. Deshalb  sei er „eher ein Freund des Populismus“ und finde es klasse, dass sich „die politische Diskussion wieder mit klarer Kante zeigt; dass Leute wieder sagen, was Sache ist; dass wir uns endlich wieder richtig streiten.“ Claus Strunz will es der Demokratie so richtig besorgen.

Claus Strunz – im Element bei „Maischberger“ (ARD) Screenshot: ARD

Das Leben als Klarekantezeiger hat Claus Strunz im Axel-Springer-Konzern gelernt, unter anderem als Chefredakteur der „Bild am Sonntag“. Seit mehr als zwei Jahren ist er Geschäftsführer der Springer-Tochter Maz & More, die das Sat.1-Frühstücksfernsehen produziert, weshalb Strunz dort Experte für alles ist, für Griechenland, die AfD, Merkel, Flüchtlinge und besonders gerne: für Terror und dessen Abwehr. Wann immer etwas passiert, ein Anschlag zum Beispiel, steht Strunz früh vor der Kamera und weiß Bescheid. Die Redaktion betitelt die Kommentare gerne mit dem Satz: „Claus Strunz spricht Klartext.“

Voriges Jahr war er auch mal Bundeskanzlerin, für ein paar Minuten. Im Frühstücksfernsehen von Sat.1, zwischen Brötchen und Busen, hielt er eine Rede mit dem Titel: „Was Angela Merkel jetzt sagen müsste“ – und sagte, was Merkel sagen würde, wenn sie denn er wäre. Sie würde dann mehr Sicherheit versprechen, Polizei und Nachrichtendiensten mehr Geld; sie würde für mehr Kontrolle und schnellere Abschiebung plädieren; sie würde also in etwa das sagen, was die CSU so sagt. Oder die AfD. Oder eben Claus Strunz.

„Wir leben in israelischen Verhältnissen, Angst und dauernde Bedrohung inklusive“, hat Strunz schon im März 2016 gemeint, nach den Anschlägen in Brüssel; seither bastelt er immer wieder an neuen Horror-Szenarien. Und weil es hier so schlimm sei wie in Israel, müsse es mehr Personenkontrollen geben, weiträumigere Sicherheitsschleusen, auch vor Kinos, und Anti-Terror-Kurse, in denen (auch Kinder) lernten, woran man „Gefährder“ erkenne und sich im Falle einer „Attacke“ verhalte. „Ich will auch keinen Polizeistaat…“, sagt Strunz schon mal – danach sagt er meistens: aber.

Das wäre alles ein bisschen begähnenswert, würde Strunz in seinen Kommentaren nicht als „Klartext“ verkleidete Angst verbreiten und Menschen pauschal diffamieren. Neulich kommentierte er beispielsweise den Tod einer Studentin, die im Oktober in Freiburg vergewaltigt und ermordet wurde, mutmaßlich von einem Flüchtling. Der Mann, der die Tat begangen haben soll und nun in U-Haft sitzt, heißt Hussein mit Vornamen, und Strunz behauptet in seinem Kommentar, es gebe die „nicht mehr bestreitbare Gewissheit, dass noch viele Husseins nach Deutschland gekommen sind“.

Würde man auf Modeworte stehen, könnte man sagen: Das ist postfaktisches Geschwurbel. Strunz behauptet, es gebe eine „Gewissheit“, er nennt sie sogar „nicht mehr bestreitbar“, schließt eine Debatte darüber also gleich mal aus: Wer etwas anderes meint, liegt falsch. Woher er wiederum die Gewissheit nimmt, sagt er nicht, weil er es nicht kann. Strunz verkauft sein Gefühl als Wahrheit und stellt so, anhand eines einzelnen Mordfalls, eine Gruppe von Menschen unter Generalverdacht. Wie Populisten halt so arbeiten.

Claus Strunz braucht gar nicht so einen problematischen Begriff wie „Nafris“, über den kürzlich gestritten wurde – Strunz hat seinen eigenen: „Husseins“. Im plauderigen Gespräch mit dem Moderator des Frühstücksfernsehens hat er ihn und seine „Gewissheit“ sicherheitshalber noch einmal wiederholt:

Machen wir uns nichts vor: Es sind ganz viele Husseins in Deutschland.

Was nichts anderes meint als: Da sind noch ganz viele böse Ausländer, liebe Deutsche, die eure Töchter und Frauen vergewaltigen und ermorden werden, wenn wir jetzt nichts tun, also nicht das, was Claus Strunz, mit der Hybris, Brille und Frisur eines Klassenbesten, für richtig erachtet. „Hunderttausende junger Männer“ seien eingereist, sagt Strunz, aus einem „mittelalterlichen Kulturkreis“, ohne das „hier nötige Bildungsniveau“.

Wie viele von Ihnen werden gefährlich, wenn sich ihre Träume nicht erfüllen? Wenn sie keine blonde deutsche Freundin finden, die sich ihrem kruden Frauenbild unterwirft. Wenn sie keinen Job kriegen, weil sie höchstens Grundschulniveau haben.

Ja, so sind sie halt, die „Husseins“! Und so einfach gestrickt ist der studierte Germanist Claus Strunz.

Er wägt Worte nicht ab, im Gegenteil: Strunz hat längst eine Überdosis Viagra intus und kann kaum an sich halten, alles rauszulassen. Seine Gedanken mit Fakten abzugleichen, Besonnenheit statt Panik zu verbreiten, dafür ist leider keine Zeit, außerdem würde das die viagraharten Sätze rasch erweichen lassen. Vor ein paar Tagen behauptete Strunz: „Frauen trauen sich aus Angst vor Sexualstraftätern nicht mehr auf die Straße.“ Er sagt es nicht, aber er meint natürlich, kurz nach der Silvester-Köln-Debatte: die „Husseins“ und „Nafris“, derentwegen deutsche Frauen angeblich nicht mehr rausgehen.

Wie sicher ist Claus Strunz? Screenshot: Sat.1

Die Zutaten für seine Reden hat Strunz hie und da ausgeliehen, und er begibt sich damit in illustre Gesellschaft, etwa wenn er vom „mittelalterlichen Kulturkreis“ spricht, aus dem die Flüchtlinge zu uns kämen. Schon der Begriff „Kulturkreis“ hat eine rassistische Tradition; Strunz garniert ihn noch mit einem „mittelalterlich“, weil es besser knallt.

Strunz sagt, es müsse gelten: „Wer lügt, fliegt raus!“ Das ist, abgewandelt, ein viel kritisierter Slogan der CSU: „Wer betrügt, der fliegt.“ Die CSU wetterte damit im Jahr 2013 gegen Arbeitsmigranten aus Bulgarien und Rumänien, Strunz wettert im Jahr 2016 gegen „Husseins“ aus dem „Mittelalter“. (Und findet, nebenbei, Horst Seehofer wäre der bessere Kanzler.)

Strunz sagt, es gebe ein „totales Staatsversagen“. Das hat er entweder von der NPD oder von AfD-Mann André Poggenburg, der dazu auffordert, gegen das „totale Staatsversagen“ zu demonstrieren: „Was gesagt werden sollte, muss endlich auch gesagt werden“, sagt Poggenburg. Ein Satz wie von Strunz. Der neue „akte“-Slogan, von ihm entworfen, lautet: „Sagen, was Sache ist.“

Im Frühstücksfernsehen soll Strunz Chef und Experte bleiben, neben seiner Moderation der „akte 20.17“, jenem alten Boulevard-Möbelstück, das ihm Ex-Moderator Ulrich Meyer überlassen hat. Bei Sat.1 dürften sie sich schon die Hände reiben, denn dort lechzen sie natürlich nach Top-Reichweiten, wie sie Strunz mit seinen aufwiegelnden Kommentaren bereits erzielt.

Sein jüngster Kommentar über „Sicherheits-GAU, Sex-Mob und Rassismus-Keule“ wurde mehr als 100.000 Mal geteilt, eifrig von Rechts beklatscht. Inzwischen zählt das Video weit mehr als sechs Millionen Aufrufe.

Strunz genießt das. Nach seinem „Hussein“-Kommentar, der inzwischen 3,5 Millionen Mal abgerufen wurde und etliche, auch hetzerische Kommentare anzog, schrieb er: „Riesen-Diskussion: Für die einen ist mein Kommentar zum Fall Maria ‚Hetze‘, für die anderen ‚endlich mal das, was die meisten denken‘.“ Letzteres freut Strunz, Ersteres bringt ihn auf die Palme. Auch darin ähnelt er all den anderen Rechtspopulisten, in der Klage, manches nicht mehr sagen zu dürfen: Wer ausspreche, dass „viel zu viele Flüchtlinge ins Land gekommen sind“, werde „sofort als Rassist diffamiert und verbal niedergekeult“.

Aber es gibt halt einen feinen Unterschied zwischen einer sachlichen Debatte, zum Beispiel über die Zahl von Flüchtlingen, die geführt werden muss, darf, kann – und populistischen Einwürfen, die simplifizieren und diffamieren, wofür es dann eben auch Kritik gibt.

Eines der Themen heute Abend klingt jedenfalls gleich vielversprechend beängstigend: „Sie grapschen, klauen, stecken Autos in Brand. Mitten in Deutschland. Warum die Polizei machtlos ist“, heißt es im Trailer. Aber keine Bange: Strunz weiß sicher, was wir nun tun müssen.

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

13 Kommentare

  1. Claus Strunz nimmt doch keiner ernst, schon gar nicht als Journalist, oder hab ich was verpasst?

  2. @Ste Naja, ein Video 100.000 mal geteilt, nicht angesehen; das ist schon recht viel oder nicht?

    Interessant finde ich die Suggestion, „klare Kante zeigen“ und „sagen was Sache ist“ seien dasselbe.
    Sagen, was (tatsächlich) los ist, ist eine große Herausforderung. Sagen, was eine Kante hat, ist relativ leicht.

  3. „Sie grapschen, klauen, stecken Autos in Brand. Mitten in Deutschland. Warum die Polizei machtlos ist“

    Ja, dieses Gefühl von Machtlosigkeit führt ja angeblich oft dazu, dass man zum Klauen und Grapschen übergeht, aber jetzt macht das sogar schon unsere Polizei? Wo sind denn da die Schlagzeilen?!

  4. @3 Herr Müller: Ja, die Überschrift ist mir auch negativ aufgefallen. Allerdings glaube ich, dass es niemand verdient hat, „niveaulos“ kritisiert zu werden. (Ist das das gleiche wie wild beschimpfen?)

    Ich habe grundsätzlich den Eindruck, diese Webseite ist an einem Punkt angelangt, an dem sie sich entscheiden muss, ob sie ernsthafte Medienkritik liefern will oder sich auf Polemiken mit volkserzieherischem Anspruch spezialisiert.

  5. Es mangelt in Deutschland nicht an „politisch korrekten“ Journalisten, die ihre Leser / Hörer fast pädagigisch wissen lassen was richtig und was anstössig und falsch ist.
    Ein eloquenter Querdenker wie Strunz ist da schon eine Wohltat!

  6. @ Richard Ott #6
    „Ist das das gleiche wie wild beschimpfen?“
    Das haben Sie gesagt! Aber ich widerspreche nicht.
    @ Knut #7
    „Ein eloquenter Querdenker“
    Uff. Wie quer ist es denn zu behaupten, dass der RAF-Terror konsequent bekämpft worden sei? Dass das das (bessere) Vorbild für die „Bekämpfung“ des islamistischen Terrors sein müsse?
    Dabei sind es doch bereits jetzt die Parallelen, die ins Auge fallen. Diese ewige Litanei von „Pannen“, die den Terror so treu begleiten wie das Amen den Gottesdienst: Außer im Falle des Mordes an Jürgen Ponto ist bei keinem RAF-Mord die Täterschaft wirklich sauber aufgeklärt. Diese eine Ausnahme ist dadurch entstanden, dass die Ehefrau des Opfers Augenzeugin des Mordes war. Einem Querdenker würde das ebenso schwer zu denken geben wie die äußerst dubiosen Polizeipannen vor, während und nach der Schleyer-Entführung, bei der Fahndung nach Christian Klar und und und.
    Nein, nein, Strunz ist weder Quer- noch Denker, sondern jemand, der die konventionell-konservativen Scheuklappen gekonnt trägt. Das wird nicht dadurch besser, dass seine Kritiker die „progressiven“ Scheuklappen mit Inbrunst tragen.

  7. Die Artikeleinleitung ist furchtbar, erinnert mich ganz stark an den focus, das Hetzblatt Spiegel meide ich, da könnte ich mir sowas aber auch vorstellen. Vielleicht lohnt sich das Reinschalten, die Regierungslobhudeleirunden bei ARD und ZDF sind völlig überflüssig, schlechter gehts nicht, von daher gibt es viel Raum zur Verbesserung, deshalb danke für die info.

  8. Dass wir ein Ende der „Kuschelei“ brauchen und Populismus unsere Demokratie stärkt, ist eine journalistische Positionierung, wie sie die Wirklichkeit unserer Zeit kaum stärker verzerren könnte.

    OSZE-Chef Sebastian Kurz : „10.000 sind aufgebrochen, um zu vergewaltigen und zu morden“ titelte gestern WELT online, um darunter Kommentare wie diesen zu veröffentlichen:
    „Mit seiner Vermutung untertreibt Herr Kurz geradezu. Aber es ist Tatsache dass Europa den maghrebinischen und schwarzafrikanischen Gewalt-Horden hilf- und schutzlos ausgeliefert ist und die Politik diese Entwicklung mit allen denkbaren Anreizen fördert und unterstützt.“
    Inhaltlich hat das im WELT-Text im dritten Absatz platzierte Kurz-Zitat („Wir wissen, dass rund 10.000 Menschen aus dem OSZE-Raum aufgebrochen sind, um in Syrien und im Irak zu vergewaltigen und zu morden“) in der Rezeption der Kommentatoren keine Rolle gespielt.

    Willkommen im Januar 2017, in dem unsere Demokratie mehr Populismus und weniger „Kuschelei“ benötigt.

  9. Mal als Hinweis: Dass ein Inhalt „etliche, auch hetzerische“ Kommentare anzieht, ist kein guter Indikator. Das tun Beiträge auf Übermedien gelegentlich ja auch.

  10. „Hunderttausende junger Männer“ seien eingereist, sagt Strunz, aus einem „mittelalterlichen Kulturkreis“, ohne das „hier nötige Bildungsniveau“:
    Das erinnert mich daran, dass man die Mauer nicht hätte einreißen dürfen. Solche Verallgemeinerungen von Strunz lassen ja alles und nichts an Schlüssen zu, auch ungewohnte.

  11. Grad den Strunz beim FF von sat1 gesehen….
    Er hat den zwanghaften Gestus von jemand,der von Grossen ernst genommen werden will-Aber die Grossen werden ihn nur als kleinen wahrnehmen-er wird nie die Chance haben am Erwachsenen-Tisch zuspeisen!
    Einer der der Lehrerin nen Apfel auf Pult legt….
    Aber trotzdem nicht wirklich wahrgenommen wird,nicht wirklich ernst genommen wird
    Aber das wird ihn in seiner „Verblendung“ nicht daran hindern den Leuten ne Bulette ans Ohr zulabern…
    Seinem Ton mangelt es an Souveränität-seine jungenhafte Erregung liegt immer genau daneben.

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