Wie Liebe misslingt

Eine Freundin hat mir aus Amerika ein Fake-Wahlkampfgeschenk von Donald Trump mitgebracht, einen Kugelschreiber mit seinem Kopf oben, und wenn man drauf drückt, hört man Redefetzen von ihm, als erstes immer: „I will be – the greatest president – that god ever created!“ Als ich noch dachte, er könnte nie im Leben gewinnen, fand ich das lustig.

So wie die Headlines auf „Spiegel Wissen“: „Wie Liebe gelingt – Das Geheimnis glücklicher Beziehungen“. Und auf einem kleinen runden Störer steht „Das Magazin für ein BESSERES LEBEN“. Wahrscheinlich könnte man daran, ob jemand einem Magazin das glaubt, seine Verkehrssicherheit beurteilen: Er wäre dann zu blöd oder zu betäubt um noch Auto zu fahren. Jedenfalls auf deutschen Straßen, in den USA geht es offensichtlich.

"Der Spiegel Wissen" Titelseite

Ich spoiler das mal kurz: Liebe, die alte Sau, wird sich meiner Einschätzung nach auch dann nicht entgeheimnisst oder entheimnisst oder wie auch immer man das sagt, wenn wir alle „Spiegel Wissen“ gelesen haben. Das Biest kämpft schon sehr darum, sich nicht verständlich zu machen. Also die Liebe. „Spiegel Wissen“ kämpft sehr darum, das konventionellstmögliche Heft zum Thema Liebe zu sein, das überhaupt vorstellbar ist.

Die Themen sind einfach alle, die einem beim ersten Mal Nachdenken einfallen – und dann keine mehr. Die Konferenz dazu kann höchstens neun Minuten gedauert haben.

Paare erzählen, was sie zusammenhält. Paare erzählen, warum sie sich getrennt haben. Paartherapeuten erzählen, was Paare zusammenhält oder warum sie sich trennen. Eine Philosophin erzählt, was Liebe ist, beziehungsweise (haha!), was Leute denken, was Liebe ist, und dann gibt es noch ein paar der schönsten Liebesbriefe der Welt (dazu komme ich gleich nochmal, yay!), und am egalsten ist eine Geschichte über Liebeskummer, in der erklärt wird, dass Liebeskummer immer in ähnlichen Phasen abläuft: In der ersten will man den Partner zurück, in der zweiten ist man wütend und traurig und in der dritten wird es besser.

Das alles wird erzählt anhand der Geschichte von Christoph T.*, Berliner Redakteur, 32, der nach seiner Trennung am Anfang seine Freundin zurückwollte, dann traurig war, und jetzt ist aber echt alles gut. Warum man das nicht unter seinem vollen Namen erzählen kann, ist mir schleierhaft**. Aber man erfährt, dass Liebeskummer echt eine alte Scheiße ist und auch nicht so schnell weggeht. Dieses Geheimnis zumindest ist jetzt keins mehr.

"Der Spiegel Wissen"

„Spiegel Wissen“ über das Geheimnis der Liebe ist aufgeteilt in drei „Kapitel“, nämlich „Liebe suchen“, „Liebe finden“ und „Liebe leben“ plus das „Dossier Krise“. Die Aufteilung verstehen nicht einmal die Redakteure selber, anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Trennung und Liebeskummer im „Dossier Krise“ auftauchen, ein Gespräch mit einer Psychologin darüber, dass Männer nach einer Trennung manchmal Frauen schlagen oder umbringen allerdings im Kapitel „Liebe leben“ – wobei es unglaublich viel Spaß macht, sich vorzustellen, irgendjemand fände, es gehöre da rein.

Du machst mir Angst, Keule!

So geht es weiter: Warum das Thema „Wie Paare über Geld streiten“ unter „Liebe finden“ steht und nicht unter „Liebe leben“ oder „Krise“, zeigt ein bisschen, wie willkürlich das alles ist, und in Wahrheit liegt die Aufteilung meiner Meinung nach vor allem daran, dass durch diese Kapitel jeweils mit Aufmachern und kleinteiligeren Einstiegsseiten ein bisschen „Neon“-Gefühl entstehen sollte, allerdings wirkt es mehr, als hätte Thomas de Maizière eine Ausgabe von „Nido“ gestaltet. Nach Leidenschaft riecht das alles nicht.

"Der Spiegel Wissen"

Das wird ganz schmerzhaft deutlich an der Geschichte mit den Liebesbriefen, die aus dem wunderbaren Buch „Schreiben Sie mir, oder ich sterbe“ stammen, und der grandiose Buchtitel zeigt den ganzen Unterschied. Ich habe nichts dagegen, dass Liebe auch unter dem Gesichtspunkt abgehandelt wird, den eine Freundin von mir liebevoll „Die-alte-Fotze-Alltag“ nennt***.

Es ist bestimmt Teil des Geheimnisses von glücklichen Beziehungen, mit dem nervigen Kram fertig zu werden. Aber in einem Heft über Liebe wünsche ich mir doch ein bisschen mehr Wahnsinn, mehr Brennen, mehr irrationales, durchgedrehtes Verlangen, mehr Haut auf Haut und Momente, in denen man nachts auf den schlafenden, schnurrenden Körper neben sich starrt und sein Glück nicht fassen kann.

In „Spiegel Wissen“ schaffen sie es, die Frage „Wie romantisch muss ein Heiratsantrag sein“ in der Rubrik „Dr. Allwissend“ beantworten zu lassen mit einer Kulturgeschichte des Heiratsantrags, und – jetzt kommt endlich mal Sexytime! – in der „Checkliste für Paare“ werden wir aufgefordert, uns regelmäßig folgende Frage zu stellen: „Setze ich mich für ein befriedigendes Sexualleben in unserer Partnerschaft ein?“ Das ist wichtig, denn „eine zufriedenstellende Sexualität geht mit einer höheren Partnerschaftszufriedenheit und einer besseren Stabilität der Beziehung einher“. Da wird man doch gleich ein bisschen geil, wenn man das liest, oder nicht?

Nach der Lektüre von „Spiegel Wissen“ scheint mir das größte Geheimnis der Liebe zu sein, warum man sich für so etwas Langweiliges und Anstrengendes überhaupt genug interessieren sollte, um es so derart aufwendig wegzuverwalten, wie es hier offenbar von mir erwartet wird. Ich hoffe natürlich, dass das Heft möglichst Hunderttausenden hilft, Liebe zu finden und zu leben. Aber ganz, ganz doll hoffe ich, dass sie jeden verdammten Tag verknallt sind ineinander, und dass sich auf der Feier ihres 25. Hochzeitstages durch den riesigen Saal hindurch ihre Blicke treffen, sie lächeln und sich dann wegstehlen, um sich in der Garderobe zwischen den Mänteln an die Wand zu werfen und gegenseitig das Gehirn rauszuvögeln.

Gebt Schub, Raketen! Ich glaube an euch.

Der Spiegel Wissen
Spiegel Verlag
7,90 Euro

*Name von der Redaktion geändert, nehme ich an. Steht da aber nicht. Und schon gar nicht, wieso eigentlich.

**Ich setze hier mal voraus, dass T nicht sein voller Name ist, was vielleicht vorschnell ist, wenn man an Mr. T denkt (ich denke ganz gern an Mr. T, fällt mir dabei auf).

***Ich benutze den Begriff nicht, ich zitiere ihn nur. Die virtuoseste Variante dieser Technik hat übrigens eine weitere Freundin von mir eingeführt – ich möchte an dieser Stelle gewürdigt wissen, dass ich ein Mann mit weiblichen Freunden bin. Allein in diesem Text kommen inzwischen drei verschiedene vor! –, als sie meinen ehemaligen Bart „Gesichtsfotze“ genannt hat, und dann anfügte: „Das darf man sagen, das ist von Harald Schmidt“.

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12 Kommentare

  1. **Sie müssen jetzt ganz stark sein: Mr. T ist nicht der volle Name des Herrn. Sein Geburtsname lautet Laurence Tureaud aber er nennt sich
    Mr. T, damit vor allem die Weißbrote ihn Mister nennen müssen.
    Wissen Sie, Schauspieler und Musiker legen sich manchmal prägnannte Künstlernamen zu, weil ihre bürgerlichen Namen nicht so dolle klingen oder sie eine bestimmte Botschaft vermitteln wollen. Ich denke auch soo gerne an ihn, er ist doch ein recht lieber Kerl!

  2. Wie immer ein sehr lesenswertes Review!

    Ich habe allerdings einen Grammatik-Fehler entdeckt:
    > Liebe […] wird sich […] nicht entgeheimnisst oder entheimnisst
    Entweder ohne „sich“ oder mit „-en“ statt „-t“ für die Verben. (Würde ich zumindest vermuten. Da Sie sie aber wohl gerade erfunden haben, könnte man wohl auch argumentieren, Ihnen stünde damit automatisch auch zu zu bestimmen, wie sie konjugiert werden.)

  3. Danke, dass Sie mit Ihren interessanten und teils sehr witzigen Beiträgen zu denjenigen gehören, die mich Woche für Woche durch den Winter bringen.

  4. Ich schreibe diesen Kommentar nur, weil ich finde, dass der wieder sehr schön gewordene Text mehr als drei Kommentare verdient hat.

  5. @Inga

    da lege ich noch einen drauf!

    @Michael Pantelouris

    Diese Kritik ist mindestens 5 (in Worten: fümpf) liebevolle Leserbriefe wert!

    Danke,

    pit

  6. Und ich schreibe diesen Kommentar, weil mich die Bahnhofskioskkolumne garantiert lachen lässt, und das ist bei den sonst doch grausligen Mediennachrichten, die Übermedien aufdeckt,geradezu kathartisch – mein Albtraum: eines Tages ist der Kiosk abgegrast – heul!

  7. @7: Ich kann dich dabei beruhigen, so oft wie irgendein Mensch eine Idee für ein neues Magazin hat… und dann gibt es ja auch noch diese Online-Magazine.

  8. Ich möchte auch mal Lob loswerden :-)

    einfach mal Danke, es gibt Dinge auf die ich nicht verzichten möchte, diese Kolumne gehört ganz klar dazu.

    LG

  9. Die Nummer mit der Garderobe kriegen die meisten Paare ja leider schon bei der Hochzeit nicht mehr hin … Ich wünsche dir, dass du jemanden findest, mit dem du das noch auf der Goldenen Hochzeit machst.

  10. Ich finde ja, es müsste mal jemand (Wäre das dann Sozialwissenschaften, oder ein anderes Gebiet?) erheben, bei wie vielen verbreitet gesuchten Geheimnissen das Geheimnis darin besteht, dass es kein Geheimnis gibt, und dass durch die ganze Geheimnisserei alles nur schwieriger wird. Fällt mir gerade so ein.
    Nach meinem Gefühl müsste der Anteil bedauerlich hoch sein.
    Und falls das so spät noch jemand liest: Ist das „I will be“ usw. schon aus Fetzen zusammengesetzt, oder ist das eine Wortfolge, die Trump genau so ausgesprochen hat?

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